Donnerstag, 10. Juli 2014

Augenhöhe

Ich wollte eigentlich meine Kommentare zu Nicht-Audio-Themen stark eingeschränkt halten, aber die neuere Entwicklung in der NSA-Spähaffäre juckt mir dann doch in den Fingern. Das wäre dann schon der dritte Beitrag zu diesem Thema, nach diesem und diesem.

Nach dem Abhören des Kanzlerinnen-Handies ist nun mit der Entdeckung zweier "Doppelagenten" im BND und beim Militär zum zweiten Mal der Punkt erreicht, an dem unsere eigene Regierung den Eindruck ernsthafter Verstimmtheit zu erwecken versucht. Es geht sogar so weit, daß Minister Schäuble den USA Dummheit vorgeworfen hat. Und man hat dem obersten Geheimdienstler der USA in Deutschland die Heimreise nahegelegt.

Dabei war ich geradezu erleichtert zu erfahren, daß die USA offensichtlich noch nicht auf die Anwendung konventioneller, ja geradezu traditioneller Spionagemethoden verzichten können. Man hört die gesamte Kommunikation der Welt ab, aber braucht offenbar doch noch immer menschliche Zuträger, die einem für Geld Dokumente liefern. Wer hätte das gedacht!

Und wie billig das im Vergleich ist! Für mehrere Hundert Dokumente sollen gerade mal 25000 Euro nötig gewesen sein! Man stelle sich vor, ein großer Teil der enormen Budgets der amerikanischen Geheimdienste würde für Agentenlohn und Bestechungsgeld ausgegeben statt für Massenabhörtechnik, welche Berge von Dokumenten man dafür kriegen könnte! Die Perspektiven, die sich dadurch für die Terrorbekämpfung ergeben, sollte man sich klar machen: Man gibt ein paar gut platzierten Leuten einen Fuffi, und sie sagen einem was sie wissen. Die ganze teure Massenüberwachung wäre unnötig.

Warum nimmt unsere eigene Regierung gerade das so ernst?

Als Erklärung pflegt man darauf hinzuweisen, daß sich das unter Freunden nicht gehört, und daß die Bundesrepublik die USA natürlich nicht in dieser Form bespitzelt. Man redet von Vertrauensbruch und Belastung der transatlantischen Freundschaft. Und in neuester Zeit eben von Dummheit auf Seiten der USA.

Ich bin anderer Meinung. Ich sehe das als Zeichen von Dummheit auf Seiten der Bundesrepublik. Und wo es nicht Dummheit ist, da ist es Heuchelei, und der Versuch, vom eigentlichen Problem abzulenken.

Es ist ja schon einmal deutlich, daß sich die Bundesregierung nur dann öffentlichkeitswirksam aufregt, wenn sie selbst ausgespäht wird, nicht aber wenn das deutsche Volk oder die deutsche Wirtschaft ausgespäht wird. Daran hat sich im letzten Jahr nichts geändert. Die massenhafte Ausspähung der ganzen Gesellschaft ist für die deutsche Regierung kein Anlaß zu "ernsthaften" Reaktionen, und die Aufklärung dieser Ausspähung wird behindert so gut es geht. Die konventionellen Spionageaktionen gegen die Bundesregierung werden auch deswegen so ernst genommen, weil dadurch der Blick der Öffentlichkeit abgelenkt werden kann.

Man muß sich auch klar machen daß die beiden jüngsten Spionagefälle nicht an die Öffentlichkeit gedrungen wären, wenn die Bundesregierung das nicht gewollt hätte. Jede Überraschung ist da gespielt, denn kein Staatsanwalt hätte es gewagt, einen politisch so brisanten Ermittlungsfall ohne Abstimmung mit den zuständigen Ministerien an die Öffentlichkeit zu geben. Staatsanwälte sind hierzulande ja Untergebene des Justizministers. Noch vor einem Jahr wäre so etwas hinter den Kulissen geräuschlos geregelt worden. Und die USA konnten auch erwarten, daß das - wie immer - geräuschlos geregelt würde. Warum also hätten sie sich zurückhalten sollen? Zumal ja auch völlig unglaubwürdig ist, daß die Bundesregierung erst jetzt gemerkt haben will, daß die Amis in Deutschland spionieren. Den meisten Leuten dürfte klar sein, daß die Dienste der USA schon seit vielen Jahren in Deutschland spionieren, mit Wissen und unter Duldung und Deckung der Bundesregierung.

Was also will die Bundesregierung erreichen, wenn sie von der langjährigen Praxis abweicht, und jetzt versucht, in der Öffentlichkeit Kapital daraus zu schlagen?

In den USA glaubt man, daß das damit zu tun hat, daß Deutschland sich gegenüber der "Five Eyes" zurückgesetzt fühlt. Diese Gruppe von 5 englischsprachigen Ländern (USA, die Briten, Kanada, Australien und Neuseeland) arbeitet geheimdienstlich besonders eng zusammen, und die deutsche Regierung möchte gerne dazu gehören. Das Streben nach einem "No-Spy-Abkommen" fußt auf dem gleichen Gefühl der Zurückweisung, und in den USA scheint man die jüngsten Ereignisse als einen Versuch der Bundesregierung zu sehen, Druck auf die USA in Richtung Aufnahme in den erlesenen Club auszuüben, oder wenigstens als ein Zeichen der Frustration der Bundesregierung, daß man da nicht weiter kommt.

Es geht, mit anderen Worten, nicht etwa darum daß die Bundesregierung die ganze Spioniererei schlecht finden würde. Im Gegenteil, sie möchte in den Club aufgenommen werden, der am allerintensivsten spioniert. Was die alles können! Was die alles dürfen! Was die sich alles erlauben, ob sie's dürfen oder nicht! Da möchte man dabei sein! Da muß man dabei sein! Es muß weh tun, immer wieder abzublitzen, kein Wunder daß man irgendwann aus Frust den Amis an's Schienbein tritt.

Dabei haben im letzten Jahr die USA und auch die Briten keinerlei Gelegenheit ausgelassen, uns Deutschen klar zu machen, daß da nichts draus werden wird, daß wir nicht den Vertrauensstatus genießen, der dazu nötig wäre. Die ganzen Beschwörungen der transatlantischen Freundschaft, die Vertrauensrhetorik, stammt von unseren deutschen Politikern, nicht aus den USA. Daß wir befreundete Staaten seien, deren gegenseitiges Vertrauen Spionage unnötig und unangebracht macht, ist reines Wunschdenken der deutschen Seite, keine gemeinsam getragene Ansicht zwischen Berlin und Washington. Die USA versucht seit Monaten, uns das klar zu machen, sowohl auf der politischen Ebene als auch auf der Ebene der Medien.

Für die USA sind wir keine befreundete Nation in irgendeinem konkreten, handfesten Sinn. Man mag das in Sonntagsreden beschwören, in der politischen Praxis sieht man uns eher als unsicheren Kantonisten, auf den im Ernstfall kein Verlaß ist. Wir haben diese Haltung schließlich auch mehrfach genährt, indem wir uns aus mehreren militärischen Aktionen herausgehalten haben, bei denen uns Washington gerne dabei gehabt hätte. Zudem haben wir versucht, spezielle Kontakte zu Russland zu unterhalten, bis hin zum Fall des Ex-Bundeskanzlers Schröder, der für ein deutsch-russisches Unternehmen den Aufsichtsrat leitet. Kurz gesagt sind wir dem USA für eine echte Freundschaft nicht loyal genug.

Nun gehöre ich bestimmt nicht zu denen, die angesichts dieses Umstandes dafür wären, den Amis noch tiefer in den Hintern zu kriechen. Eher schon sollte man das überholte Wunschdenken ablegen, nach dem wir die wichtigsten und wertvollsten Freunde der USA wären. Wir sehen für die USA zunehmend wie ein alternder Zögling aus, der sich weigert erwachsen zu werden. Wie ein 50-jähriger Sohn, der immer noch bei der Mutter wohnt und sich von ihr die Unterhosen waschen läßt, aber nicht möchte daß die Mutter guckt mit welchen Frauenbekanntschaften er sich trifft. Mir scheint, die Amis versuchen uns zunehmend deutlich zu machen, daß wir verdammt nochmal endlich die Arschbacken zusammenkneifen, und auf eigenen Füßen stehen sollen.

Es täte uns Deutschen, und gerade auch der Bundesregierung, gut wenn wir so schnell wie möglich die Kränkung hinunterschlucken, daß wir nicht mehr Mama's Liebling sind. Und dazu empfehle ich, in der öffentlichen Diskussion die Verwendung der politischen Hohlworte "Vertrauen" und "Freundschaft" peinlichst zu vermeiden. Was hier zählt sind Interessen, und ein möglichst nüchterner Blick darauf, wo diese Interessen übereinstimmen und wo nicht.

Dann merkt man auch schnell, daß die deutschen Interessen nicht mit denen der "Five Eyes" übereinstimmen, und daß wir deshalb da auch ganz berechtigterweise nicht dazu gehören. Daß es unsere Dummheit ist, dazugehören zu wollen, und nicht die Dummheit der USA, uns nicht reinzulassen.

Im Hintern ist man nicht auf Augenhöhe. Wer also den Anspruch hat, den USA auf Augenhöhe entgegen zu treten, muß zuerst aus ihrem Hintern heraus kommen. Berlin scheint das noch nicht kapiert zu haben. Wenn wir das konsequent täten, dann hätten wir auch eine Chance daß uns die USA als Partner (nicht Freund) akzeptieren und respektieren, gerade auch dann wenn sich unsere Interessen unterscheiden.

Samstag, 21. Juni 2014

Aftermarket-Musen

Angenommen, Du bist Marketingmensch bei einem Chiphersteller. Operationsverstärker und andere Audiochips. Bisher war Deine Firma für gute Qualität bei ziemlich niedrigem Preis bekannt, weshalb die Chips praktisch überall im Massenmarkt eingebaut werden, von den übelsten Ghettoblastern bis hin zur Nobelklasse und dem Profisegment. Das Problem: Niedrige Preise, das heißt auch niedrige Marge, und das bedeutet man verdient Geld nur über die hohe Stückzahl.

Und dann siehst Du zu, wie eine Firma wie Texas Instruments, genauer ihre vor Jahren eingemeindete Marke "Burr-Brown", ihre teuersten OpAmps in den Audiophilen-Markt verkauft, und gutes Geld damit verdient. OPA627, da kriegt so mancher leuchtende Augen. Eine Suche nach "OPA627" bei ebay reicht, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Da verkaufen Leute sogar Adapterplatinchen, damit man mit zwei Einfach-Operationsverstärkern wie dem OPA627 einen Doppel-Operationsverstärker ersetzen kann, wie er in den meisten Geräten verwendet wird.

Du wärst kein Marketingmensch, wenn Du da nicht überlegen würdest, wie man seine Pfoten in diese Torte kriegt.

Also mal überlegen, wie stellt man das an? Wie sieht der angepeilte Kunde aus, welche Eigenschaften muß das Produkt haben, wieviel muß es kosten, und wie muß das Marketing dafür aussehen?

Der angepeilte Kunde
  • hat keine Ahnung von elektronischer Schaltungstechnik
  • will in seinen Geräten OpAmps tauschen, um sie "klanglich aufzuwerten"
  • ist Subjektivist und läßt sich daher mit subjektiven Klangargumenten beeindrucken
  • ist Materialfetischist
  • hat kein Problem damit, signifikant Geld in Nippes zu stecken
  • hält sich für gehörmäßig begnadet
Das Produkt muß daher
  • bastelsicher sein, also möglichst ohne Komplikationen anstelle normaler OpAmps einsetzbar sein
  • muß ein Doppel-Opamp im Standard-DIL8-Gehäuse mit Standard-Pinout sein.
  • muß exotische Materialien beinhalten, die eine Preisrechtfertigung liefern können
  • trotzdem günstig herstellbar sein
Der Preis muß
  • höher sein als zwei OPA627
  • noch innerhalb des Rahmens bleiben, der für Basteleien akzeptiert wird
Das Marketing muß
  • die subjektive Ebene ansprechen
  • das übliche audiophile Vokabular bedienen, mit dem sich die Zielgruppe identifiziert
  • betonen, daß technische Spezifikationen den Klang nicht ausdrücken können
  • die exotischen Materialien herausheben und für sie eine Pseudobegründung erfinden
  • Nachahmer bekämpfen
Guter Plan, oder? Die Erfahrung über die letzten Jahre hat zweifelsfrei gezeigt, daß die Anzahl an OpAmp-Tauschern groß genug ist, daß sich ein ganzer Markt darum gebildet hat, bis hin zu ziemlich komplexen Modulen, wo die OpAmp-Funktion mit diskreten Bauelementen nachgebildet wird. Kann nichts schief gehen.

Also, tata! Vorhang auf! MUSES!

Kleine Komplikation: Es gibt zwei Alternativen, den MUSES01 und den MUSES02. Einer mit JFET-Eingang, der andere bipolar. Der typische OpAmp-Tauscher ist völlig überfordert damit, zu entscheiden welcher in einer bestimmten Anwendung besser passt. Er wird sich also beide anschaffen müssen, um sie gegeneinander zu testen, und das verdoppelt gleich mal die Investition, mit der Aussicht, die Hälfte davon danach nicht zu nutzen. Das ist psychologisch schlecht. Da haben sich dummerweise vermutlich die Techniker durchgesetzt, mit Argumenten, die zwar Hand und Fuß haben, die der Kunde aber nicht versteht.

Noch eine Komplikation: Es nutzt wenig, vor Nachahmern zu warnen, wenn der übliche OpAmp-Tauscher die Chips bloß über ebay beschaffen kann. Ein DIL8-Gehäuse täuschend echt zu bestempeln kriegt in Fernost jede Frickelbude hin. Wie kriegt der übliche Bastler heraus ob das Kupfer in den OpAmp-Anschlüssen nun wirklich sauerstoffrei ist, oder ob man ihn geleimt hat?

Das ist halt die Krux bei einer solchen Marketing-getriebenen Hoch-Margen-Strategie: Es ist sehr leicht für Trittbrettfahrer, die Marketinganstrengungen, die ein Anderer macht, zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Der "Mehrwert" steckt ja ausschließlich im aufgebauten Image, und nicht im Produkt selbst. Wer sich das Image zunutze machen kann, ohne die dafür nötigen Ausgaben selbst leisten zu müssen, der kann da prima Parasit spielen.

Witzigerweise schafft NJRC selbst dafür die allerbesten Voraussetzungen, denn es gibt "Mass Market" Versionen der zwei OpAmp-Typen für wesentlich weniger Geld (relativ zu "normalen" OpAmps aber immer noch sehr viel), bei denen es so aussieht als wären die gleichen Chips drin, bloß nicht auf einem Leadframe aus sauerstoffreien Kupfer. Worin der Unterschied genau besteht ist nicht so klar, aber es scheint mir eben als ob es auf's Leadframe hinaus läuft. Im Grunde ist damit schon NJRC selbst der erste Nachahmer seiner eigenen Produkte.

Überhaupt liegen die technischen Daten der Chips nicht signifikant anders als schon bei einigen der bisher bekannten und weit verbreiteten NJRC-Produkte, die für Cent-Beträge in großen Stückzahlen verkauft werden, z.B. dem NJM4580. Aber klar: Die großen klanglichen Vorteile kann man natürlich nicht in technischen Daten ausdrücken.

Grins.

Sonntag, 1. Juni 2014

Modell und Wirklichkeit

"Kaum zu fassen! Wie kann das sein? ... Den Effekt möchte ich als sehr groß zum Positiven beschreiben. In ALLEN Teildisziplinen, auf die ich achte, ist der Klang nun deutlich wahrnehmbar besser geworden. Schlicht unglaublich, ich war total baff! Besser sind Druck, Dynamik, Hintergrundschwärze, Detailreichtum, Bass, Staffelung, Plastizität, Klangfarben in den Mitten."
Was hier so enthusiastisch beschrieben wird ist das Ergebnis einer "Tuning"-maßnahme. Nämlich eines Sicherungstausches bei einem Pärchen Aktivlautsprecher.

Nun will ich nicht nochmal über den hier zum x-ten Mal aufgewärmten Sicherungsblödsinn referieren. Das habe ich hoffentlich hier ausreichend getan, ergänzt vielleicht noch durch den Verriß eines einschlägigen "Testberichtes" in der "Fachpresse".

Mir geht es auch nicht um die Pikanterie, daß hier unausgesprochen der Hersteller der Aktivlautsprecher für unfähig erklärt wird, was die geneigten Forendiskutanten noch gar nicht bemerkt zu haben scheinen. Schließlich müßte man bei derart frappierenden Klangverbesserungen ja automatisch auf den Gedanken kommen, daß das auch dem Hersteller selbst hätte auffallen können. Und der Hersteller ist in diesem Fall einer der Mitforisten (Gert Volk aka "fortepianus"). Wenn man durch bloßen Sicherungstausch ein Produkt dermaßen verbessern kann, das für einen Preis verkauft wird, bei dem die Kosten einer Sicherung sicherlich keine Rolle spielen, dann hat der Hersteller doch versagt, oder etwa nicht?

Aber das soll er bei Gelegenheit selber erklären, ich freue mich schon darauf wie er sich herauswindet. Mir geht's einstweilen eher um das was der Themenersteller so ausdrückte:
"Wie kann das nun sein, habe ich mich gefragt."
Und es folgt eine Litanei von technischen Spekulationen, die die faktische Wahrheit und Wirklichkeit der gehörten Verbesserung nicht mal im Ansatz in Frage stellt, die jegliche Möglichkeit von Wahrnehmungsirrtümer völlig ignoriert, die stattdessen aber auch die unwahrscheinlichste technische Pseudoerklärung eines technisch halbgebildeten für bare Münze nimmt, selbst wenn die den eigentlich (in diesem Forum) auf Händen getragenen Hersteller des Lautsprechers dumm aussehen läßt.

Ich frage mich stattdessen, wie kann es sein, daß dem Typen nicht auffällt, daß da irgend etwas ganz grundsätzlich faul sein muß bei seiner Herangehensweise? Wirklich ehrlich und ergebnisoffen kann er sich wohl kaum gefragt haben!

Interessanterweise kommt da ein Beitrag sehr gelegen, den der Deutschlandfunk letzten Donnerstag ausgestrahlt hat. Das Manuskript dafür findet man online, und nachhören kann man den Beitrag ebenfalls (siehe den Link am Ende des Manuskripts). Es geht da um Forschungsergebnisse, speziell aus der Berliner Charité, zum Thema des Verhältnisses zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Für den Audiophilen ist der Fall klar: Meine Wahrnehmung ist die Wirklichkeit. Zweifel daran verbieten sich von selbst, denn das würde ja bedeuten ich hätte mir was eingebildet, und wenn's um Klänge geht, dann bildet sich ein wahrer Audiophiler nichts ein, basta. Erst recht nicht wenn's so deutlich, so frappierend war!

Daß diese Sichtweise der Dinge in diesem speziellen Forum privilegiert behandelt wird, dafür sorgen schon die "Funktionäre", insofern kommen wir unbeteiligten Beobachter in den Genuß solch unverblümter Demonstrationen audiophiler "Philosophie", die sie sich anderswo vielleicht wenigstens ansatzweise verkniffen hätten.

Wir Anderen ahnen zumindest, daß sich die Beziehung zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht ganz so einfach darstellt, und daß da der eine oder andere "Wahrnehmungsunfall" passieren kann. Darauf wirft der Radiobeitrag ein Licht, und weil ich das in unserem audiophilen Kontext interessant finde, will ich mich hier ein wenig darüber ausbreiten. Ersetzen wir also mal spaßeshalber den als Beispiel verwendeten Tintenfisch im Radiobeitrag durch eine audiophile Sicherung, und sehen was sich dann argumentativ draus ergibt.

Hat "Salvador" die Sicherung gehört, so wie im Beitrag der Taucher den Tintenfisch gesehen hat?
Gehört hat Salvador nur ein verzerrtes Schattenbild der Sicherung. Die wahre Sicherung, das Sicherungsideal existiert im Reich der reinen Ideen, sagt Platon.
Aber halt! Stimmt ja gar nicht! Der Tintenfisch wurde gesehen, aber die Sicherung wurde nicht gehört! Gehört wurde Musik, die über eine Anlage wiedergegeben wurde, in der sich die Sicherung befand. Wenn für die Musik der Tintenfisch steht, was steht dann für die Anlage, und was für die Sicherung? Ist die Anlage das Wasser, in dem der Tintenfisch schwamm? Dann wäre die Sicherung vielleicht der Filter der Kläranlage, durch die das Wasser zuletzt floß. In den Farben des Tintenfisches würde man den Filter der Kläranlage sehen. "Verzerrtes Schattenbild", in der Tat!

Aber das war ja erst Platon, es folgt Hume:
Nein, nein, entgegnet David Hume. Er hat Schallwellen wahrgenommen, in einem räumlichen und zeitlichen Muster. Die Schallwellen waren assortiert, erst sein Geist hat daraus den Sicherungsklang gemacht.
Stimmt natürlich. Man hört noch nicht einmal Musik, man hört Schallwellen. Musik entsteht dann im Gehirn. Bevor daraus eine Sicherung wird, ist der Weg noch viel weiter.
Falsch, verspricht Gottfried Wilhelm Leibnitz. Der Klang der Sicherung in seinem Geist hat zwar keine direkte Beziehung zu der Sicherung im Gerät. Aber Gott hat Geist und Welt in Harmonie geschaffen. Deshalb kann er seinen Ohren trauen.
Mit Verlaub, ist das nicht etwas zu viel Gottvertrauen?
Die Sicherung an sich, sie kann er nicht erkennen, widerspricht Immanuel Kant energisch. Der Geist formt die Sinneseindrücke nach seinen eigenen Gesetzen, ordnet sie in Raum und Zeit, schließt auf Ursache und Wirkung. Wie die Welt, wie die Sicherung wirklich ist, darüber könne man nur spekulieren und solle besser schweigen.
Solche Spekulationen machen dem Audiophilen zu viel Freude als daß er darüber schweigen könnte, also wird diese Empfehlung von Kant wohl ins Leere laufen. Was er nicht begreift ist dies:
Georg Northoff: "Weil in jeder Erfahrung der Welt immer schon der eigene Beitrag des Gehirns, ich sage mal, mitkommt oder mitmischt, ist es für uns wirklich schwierig, zu trennen, was ist unser eigenes Gehirn und was ist wirklich die Welt selber, unabhängig vom Gehirn."
Um das nochmal einzureiben: Die Schwierigkeit liegt darin, zweierlei voneinander zu trennen:
  1. Die Wirklichkeit
  2. Den Beitrag des Gehirns
Ich könnte die Audiophilen ansatzweise ernst nehmen, wenn ich erkennen könnte daß sie sich um diese Trennung ernsthaft bemühen. Stattdessen finde ich immer wieder Audiophile, die mir weis zu machen versuchen, diese Trennung sei gar nicht nötig oder sinnvoll. Es gehe schließlich beim Musikhören um die Wahrnehmung, und eben nicht um die Wirklichkeit.

Wenn das so ist, dann geht es auch nicht um Sicherungen. Dann sind die Audiophilen selbst höchst inkonsequent. Man kann nicht auf der einen Seite die Wahrnehmung (einschließlich des Beitrags, der vom Gehirn geleistet wird) über die Wirklichkeit stellen, und zugleich auf der anderen Seite für alle wahrgenommenen Effekte irgendwelche (äußeren, wirklichen) Dinge verantwortlich machen. Das Gehirn kann nicht zugleich wichtig und unbeteiligt sein.

Wenn mir gegenüber also ein Audiophiler den Vorrang der (seiner!) Wahrnehmung postuliert, dann führt er sich im nächsten Moment ad absurdum, in dem er sich wieder irgendwelcher "Teile" widmet.

Für den, der die oben erwähnte Trennung ernst nimmt, zeigt sich wie stark dominant der Beitrag des Gehirns in dieser Sache ist. Es ist mittlerweile klar, daß die Wahrnehmung eine "Konstruktion" einer Wirklichkeits-Simulation darstellt, und damit eine aktive Leistung des Gehirns ist. Das geht weit hinaus über eine bloße "Abbildung", so unvollständig sie auch sein mag. Manche haben mir deswegen weis zu machen versucht, es gebe gar keine Wirklichkeit, es gebe nur die Wahrnehmung davon. Das ist in meinen Augen bloß wieder der Versuch, die Wahrnehmung für das eigentlich Wichtige zu erklären.

Natürlich gibt es die Wirklichkeit. Das ist (fast) eine Tautologie. Auch wenn es prinzipiell unmöglich sein sollte, sie vollständig zu erkennen. Also ist es sinnvoll, möglichst viel über sie herauszufinden, und das bedeutet eben, den Beitrag des Gehirns an der Wahrnehmung auszuklammern.
Sterzer: "Die grundsätzliche Idee, wie Wahrnehmung funktioniert, ist eigentlich die, dass Wahrnehmung letztlich ein Produkt aus unseren Erwartungen, unseren Vorannahmen und den sensorischen Eingangssignalen ist. Unsere Erwartungen prägen in ganz bedeutsamer Weise unsere Wahrnehmung."

Das kann man noch steigern: In vielen Fällen kommt es auch zu Wahrnehmung, ohne daß es dazu sensorische Eingangssignale bräuchte. Unsere Erwartungen und Vorannahmen allein reichen auch schon, um Wahrnehmungen zu erzeugen. Kurz gesagt: Wir bilden uns so manche Wahrnehmung ein. Besonders wenn die Erwartungen und Vorannahmen entsprechend ausfallen.
Wir erleben nicht die Welt, sondern eine virtuelle Realität, ein Modell. Das Verblüffende: sich selbst kann das Gehirn nicht beobachten. Der eigene Beitrag zur Wahrnehmung ist sozusagen sein blinder Fleck.
Man könnte wohl auch sagen: Wer es schafft, jemandem ein Modell der Wirklichkeit vorzugeben, der formt auch sein Erleben. Und dieses Erleben wirkt völlig real.

Was ich besonders interessant fand, weil es mir neu war (wenn ich auch schon den entsprechenden Verdacht hatte), ist dies:
Mit geschickten Manipulationen konnte Philipp Sterzer belegen, wie vorgefasste Meinungen auch den Sehsinn in die Irre leiten. Seine Probanden erlebte eine eigentlich zweideutige optische Illusion danach als stabiles Bild. Besonders interessant: Wer zu leicht wahnhaften Gedanken neigte, war anfälliger für diesen optischen Placeboeffekt.
"Also Menschen, die eher geneigt sind an zum Beispiel Übernatürliches zu glauben, an Verschwörung zu glauben, Zusammenhänge zu sehen zwischen Dingen die sie beobachten, die sind auch eher bereit, Dinge entsprechend ihren Erwartungen und ihren Überzeugungen wahrzunehmen. Was dann, so ist die Theorie, letztlich wiederum auch das wahnhafte Denken verstärken kann. Wenn ich die Welt so sehe, wie ich denke, dann denke ich auch wiederum so, wie ich sehe."
Es ist nicht schwer, das auf die Audiophilen zu übertragen, und auf das Hören. Wenn bei einem Hörvergleich kein Unterschied vorhanden ist, dann ist das eine "zweideutige akustische Illusion". Eine vorgefasste Meinung kann daraus leicht einen "stabilen Klang" ergeben. Wissen wir, daher braucht man Blindtests. Daß die Neigung allerdings mit der Anfälligkeit für Übernatürliches korelliert ist, habe ich bisher nur vermutet. Jetzt scheint das wissenschaftlich erwiesen zu sein.

Im AH-Forum scheinen solche Leute gehäuft aufzutreten.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Netzwerkisolatoren

Erinnert Ihr Euch noch an meinen Artikel aus dem Jahr 2011 über Netzwerkkabel? Mir scheint da ist inzwischen eine neue Voodoo-Industrie draus erwachsen. Es werden inzwischen Netzwerk-Isolatoren als audiophiles Zubehör verkauft, die genau das machen was man auch mit einem ungeschirmten Netzwerkkabel haben könnte.

Beispiel GISO, eine "Entwicklung" von Acousence-Chef-Bullshitter Ralf Koschnicke. Ich habe keine Innenaufnahmen gefunden, aber jede Wette daß da nichts drin ist außer ein handelsüblicher Ethernet-Übertrager für zwei Euro, wie man ihn in allen Ethernet-Geräten sowieso findet, weil das nämlich Pflicht ist? Nur daß das in der audiophilen Form eines extra Kästchens natürlich auch einen audiophilen Preis kosten muß - hier um die 250 Euro.

Aber selbst der Übertrager wäre überflüssig, denn er trennt nur zum dritten mal galvanisch, was in  beiden angeschlossenen Geräten ohnehin schon jeweils einmal getrennt wurde. Wie in meinem oben erwähnten alten Artikel schon geschrieben, ist der springende Punkt die Auftrennung der Masseverbindung, also derjenigen Verbindung, die durch die Schirmung geht, und nicht durch die Signalleiter. Diese Masseverbindung ist bei geschirmten Patchkabeln gegeben, und bei ungeschirmten eben nicht. Es würde also für die angestrebte Wirkung reichen, wenn man ein ungeschirmtes Netzwerkkabel zwischen Switch und Endgerät nimmt, also genau das was ich damals schon empfohlen habe.

Aber es ist ja offensichtlich, daß eine derart einfache Lösung nicht audiophil sein kann, denn audiophil erfordert bekanntlich, daß man viel Geld in sinnloses Zubehör investiert, sich dann online darüber was zusammenschwurbelt, und schließlich den audiophilen Orgasmus über verständnisbefreite technische Diskussionen mit dem "Erfinder" herbeiführt: "Danke, Ralf, das ist wieder so ein kleines nettes Mosaiksteinchen, das in unserem Hobby Spaß macht."

Übrigens: Daß es für die Medizintechnik (und manche Anwendungen in der Industrie) Netzwerkisolatoren zu kaufen gibt, ist weder ein Gegenargument gegen meine Ansichten, noch Voodoo in der Medizin. In der Medizin gelten schlicht schärfere Vorschriften für die galvanische Trennung, insbesondere höhere Prüfspannungen, die nicht von den normalen Ethernet-Übertragern erfüllt werden. In der HiFi-Technik sollten aber die 500V, die jeder normale Ethernet-Übertrager schafft, mehr als genug sein.

Audionet hat sich desselben "Problems" gewidmet, und bietet ("optional", wie man hier lesen kann) eine galvanisch getrennte Version ihres Ethernet-Kabels an. Man kann vermuten, daß man da unter dem "runden Zylinder" einfach die Schirmung aufgetrennt hat. Ich weiß nicht welchen Preis sie dafür aufrufen.

Falls nun jemand einwendet, die ungeschirmten Kabel würden zu viel Störung abstrahlen:
  1. Die Störungen sind bloß in unmittelbarer Nähe des Kabels deutlich größer. Schon bei 10 cm Distanz zum Kabel mittelt sich das aber wegen der symmetrischen Datenübertragung, und dem bei Ethernet benutzten Daten-Scrambling, so weit aus daß kaum mehr was zu messen ist. Schirmung ist bloß wichtig, wenn in einem Kabelkanal ganze Bündel von Kabeln beieinander liegen, über größere Entfernungen hinweg. Die einzelne freiliegende Patchleitung vom Switch zum Endgerät ist harmlos und kann ohne Probleme ungeschirmt sein.
  2. Wer aus Gewissensgründen unbedingt Schirmung haben will, der kann die Auftrennung der Schirmverbindung auch über eine handelsübliche, billige, ungeschirmte Doppelkupplung machen, oder noch billiger indem man die Blechschirmung an einem Stecker des Patchkabels mit Tesafilm abklebt.
Vielleicht sollte ich ja eine "Pelmazo-Kasse" einrichten, in die jeder "Nicht-Audiophile", der sich durch meine Hinweise eine unsinnige Investition erspart hat, nur 10% der Summe einzahlt, die er sonst verplempert hätte...

Mittwoch, 7. Mai 2014

Trollkrieg

Wer seit vielen Wochen die Kommentarbereiche der Online-Zeitungen liest, und zwar was da zum Thema Ukraine so kommentiert wird, der kann sich kaum des Eindruck erwehren, daß da eine ganze Armee von Trollen prorussischen Dünnpfiff posten, anscheinend mit dem Ziel, jeden Ansatz vernünftiger Diskussion unter einer Flut von stereotyper Propaganda zu begraben. Man fragt sich, ob es wirklich so viele Leute gibt, die das freiwillig und aus bloßem Mitteilungsbedürfnis tun, oder ob da ein dunkler Plan dahinter steckt.

Jetzt hat sich der britische Guardian in einem Artikel dazu geäußert, und ist sich einigermaßen sicher, daß das eine bezahlte und vom Kreml orchestrierte Kampagne ist. Es liegt in der Natur der Sache, daß so etwas schwer zu beweisen ist, aber die Indizien wiegen schwer, und die Sache ist offenbar auch nicht erst im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise aufgekommen. Es ist auch nicht überraschend, daß so etwas passiert. Regierungen haben ja schon lange versucht, Einfluß und Kontrolle über die Medien auszuüben, und je totalitärer die Machthaber sind, desto enger werden die Spielräume für die Medien und für die freie Meinungsäußerung. Bloß hat das bis vor relativ wenigen Jahren hauptsächlich die Zeitungen und die Radio- und Fernsehsender betroffen. Das passiert auch nach wie vor, wie man z.B. eben in der Ukraine und in Russland sehen kann. Wer in der Ostukraine gerade am Hebel sitzt, sorgt auch sofort dafür, daß die lokalen Medien nur noch in seinem Sinn senden. Die Propaganda in den Medien ist zentraler Bestandteil des Konflikts, ohne massive Zensur und planmäßige Desinformation ist der ganze Konflikt nicht zu verstehen.

Aber das Internet hat seit ein paar Jahren bewiesen, welche zentrale Rolle es inzwischen bei der Willensbildung und bei der Organisation von Opposition spielt, und die meisten Machthaber dieser Welt haben es begriffen. Was wir eben sehen, ist der Versuch, diesen Teil der Macht zurückzuholen, und zurückzuschlagen, und die Möglichkeiten des Internets für die eigenen Machtinteressen zu nutzen. Weil das Internet global organisiert ist, globalisiert sich damit auch der Informationskrieg, der Machtkämpfe unweigerlich begleitet. Welche Zeitungen in Odessa gelesen werden, und welche Fernsehsender dort gesehen werden, dringt kaum bis zu uns nach Westeuropa durch. Das sind regionale Phänomene. Aber im Internet ist die Welt kleiner, und es ist relativ einfach für eine bezahlte Gruppe von Trollen in St. Petersburg, die Kommentare unter einem Guardian-Artikel zu dominieren.

Ich komme allerdings auch nicht um die Erkenntnis herum, daß diese organisierten Troll-Aktionen ziemlich dümmlich daher kommen. Ich kann nicht wirklich erkennen, daß sie die öffentliche Meinung signifikant beeinflussen. Was mich aber schon nachdenklich macht ist, daß wir hier wohl noch am Anfang einer Entwicklung stehen, in deren Verlauf sich diese "Trolle" stark professionalisieren werden, und damit zugleich wirkungsvoller und weniger auffällig werden.

Wenn man mal gedanklich einen Schritt zurück geht, und den Blick nicht auf die Ukraine-Krise allein richtet, sondern auf den herrschaftlichen Umgang mit dem Internet allgemein in der Welt, dann kann man durchaus Unterschiede feststellen. Die plumpen Eingriffe in die Freiheit des Internets sind immer noch die in der Öffentlichkeit besser bekannten. Wenn z.B. in der Türkei der Premier Erdogan ein soziales Netzwerk sperren läßt, weil dort seine Gegner kommunizieren, und Stunden später haben die meisten Netzbenutzer herausgefunden, wie man die Sperre umgeht, dann kann man darüber mit Recht schmunzeln ob seiner Unbeholfenheit. Von solchen Leuten droht dem Internet nicht wirklich eine Gefahr. Im Gegenteil, Erdogan erreicht damit das Gegenteil dessen was er will.

Andere Länder sind da weiter und auch konsequenter. Es wäre auch naïv, zu glauben es ginge hier lediglich um demokratiefeindliche Regierungen "im Osten". Im Februar ging angesichts der dramatischen Entwicklung in der Ukraine eine andere Nachricht fast unter, die zum Themenkomplex "NSA-Affäre" gehört. Es lohnt sich aber, das im Zusammenhang bzw. im Vergleich zu sehen.

Glen Greenwald berichtet da über ein Dokument aus dem Snowden-Fundus, das vorstellt, mit welchen Mitteln der britische Geheimdienst GCHQ arbeitet, um Gegner zu bekämpfen. Es wird deutlich, daß es dabei nicht so sehr um Terroristen geht, wie man in der Öffentlichkeit gern glauben macht, sondern um Gruppierungen, die sich online finden und koordinieren, und um die Meinungsbildung und Diskussionskultur im Internet generell. Man muß da eher an Protestbewegungen denken, wie z.B. Anonymous, die Occupy-Bewegung, Greenpeace, etc., also durchaus auch völlig legale und demokratisch motivierte Gruppierungen.

Es geht da ganz konkret darum, daß der GCHQ Hunderte von Leuten in Techniken trainiert, mit deren Hilfe sie Online-Diskussionen manipulieren, steuern und torpedieren können, um damit auf die Meinungsbildung Einfluß auszuüben. Das Täuschen, Verwirren, Verbergen und Verzerren gehört da als Mittel ausdrücklich dazu. Methoden, die früher einmal zum Repertoire der Geheimdienste gegen das gegnerische Militär und gegnerische Politiker und Dienste gehörten, werden nun gegen das allgemeine Volk eingesetzt.

Die Tatsache, daß hier ein professionelles Training erfolgt, läßt erwarten, daß sich diese Leute wesentlich intelligenter und effektiver, und zugleich unauffälliger, verhalten werden, als es die Troll-Horde aus Russland im Moment tut, von der man den Eindruck hat, daß da kaum Training betrieben wurde. Das wird nicht so bleiben. Die Russen werden schnell dazu lernen.

Wenn allein schon die Briten inzwischen über 1000 Leute dieser Sorte beschäftigen dürften, dann kann man sich ausrechnen, daß andere Geheimdienste ähnliche Maßnahmen am Laufen haben, so daß man leicht auf Zigtausende oder vielleicht sogar über Hunderttausend professionelle Polit-Trolle im Internet kommen kann, deren Aufgabe es ist, Diskussionen im Internet zu beeinflussen, und dafür zu sorgen daß man sich dort nicht mehr halbwegs neutral eine Meinung bilden kann. Das Training dieser Leute basiert offenbar auf der Prämisse, daß alles erlaubt ist, was dem angestrebten Ziel dient, Rufmord und das Ruinieren von Firmen ausdrücklich eingeschlossen. Das wird noch dadurch erleichtert, daß man als Geheimdienstmitarbeiter keinerlei Strafverfolgung befürchten muß, ganz egal was man tut. Das GCHQ-Dokument, auf das sich Greenwald bezieht, spricht diesbezüglich eine klare Sprache, und zeigt daß man bereit ist, alle technischen und psychologischen Erkenntnisse, deren man habhaft werden kann, für die eigenen Zwecke einzusetzen, ohne daß anscheinend auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht würde, ob das "verhältnismäßig" ist, oder ethisch vertretbar.

Die Ukraine-Krise zeigt, wie manipulierbar Leute sind, wenn sie einem Informationsmonopol ausgesetzt sind. Die westukrainischen und generell "westlichen" Medien mögen auch nicht über aller Kritik stehen, aber was man über die Desinformation in den pro-russischen Medien in der Ost-Ukraine, und in den russischen Medien in Russland, so erfährt, ist derart krass, daß man sich hierzulande schwer tut, zu verstehen, wie jemand so etwas ernst nehmen kann. Und doch scheinen sehr viele Leute daran zu glauben. Wenn ein gut geschmierter Propagandaapparat über Wochen und Monate hinweg behauptet, die ukrainische Interims-Regierung seien Nazis und Faschisten, dann wird das für viele Leute offensichtlich zur Wahrheit.

Wir müssen wohl oder übel lernen, aus der Propaganda-Kakophonie aller Seiten in solchen Konflikten das herauszudestillieren, was der Wahrheit wenigstens nahe kommt. Wenn uns das nicht gelingt, dann funktioniert man uns zu Helfershelfern in dieser Propagandaschlacht um.

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich an die Kakophonie erinnern, die vor einigen Jahren hier in den Kommentaren ablief, wo ebenfalls mit allen Mitteln eine vernünftige Diskussion torpediert werden sollte. Das war lediglich persönlichen Befindlichkeiten geschuldet, ich gehe nicht davon aus daß da Geheimdienste im Spiel waren. Zudem waren wohl die meisten Diskussionsteilnehmer psychologische Laien. Höchst nervig und stressig war's trotzdem. Was uns da im politischen Bereich droht ist aber noch wesentlich übler. Da werden wir's zunehmend mit Profis zu tun kriegen. Nicht nur wenn's um Krieg geht, sondern immer dann wenn staatliche Interessen betroffen sind. Auch bei uns im Westen, wie das Beispiel GCHQ zeigt. Was zugleich heißt, daß uns der Staat nicht schützen wird. Wir werden unsere Freiheit schon selbst verteidigen müssen.

Donnerstag, 27. März 2014

Rechtschaffen gelogen

"Pono" ist angeblich das hawaiianische Wort für "rechtschaffen". Wenn's nach Neil Young und ein paar Mitstreitern geht, dann kann man diese Art der Rechtschaffenheit bald kaufen. Das Produkt mit diesem Namen ist ein etwas zu groß und teuer geratener iPod für die Audiophilen und MP3-Hasser dieser Welt, zusammen mit einem Online-Dienst zum Verkauf der dazu passenden hochauflösenden Musikdateien.

Nun bin ich ein ziemlicher Fan von Neil Young, genauer gesagt von seiner Musik, und von daher weiß ich auch daß er mit der Rechtschaffenheit ein bißchen einen Spleen hat, der schon in der Vergangenheit manchmal in die falsche Richtung losgegangen ist. Aber ok, das ist die künsterische Freiheit. Wenn gute Musik dabei rauskommt, darf sich der Künster auch mal ins Gemüse setzen. Young's schrägste Musik kam raus als er auf dem religiösen Trip war, und ich war froh als er damit fertig war.

Aber das was er jetzt so treibt fliegt mir direkt ins Auge, und ich komme nicht darum herum, ihm in aller Freundschaft die Messe zu lesen. Was er da mit deinem Pono-Projekt treibt hat nur insofern etwas mit Rechtschaffenheit zu tun, als es das Gegenteil ist. Es ist eine Marketinglüge, die mit schubkarrenweise Heuchelei und Geschichtsklitterung verkauft wird.

Kürzlich hat Neil auf der SWSX einen etwa halbstündigen Vortrag zur Einführung des Pono gehalten, und dabei tief in die Klischeekiste gegriffen, allen voran das audiophile Klischee des Künstlers, der die bestmögliche (analoge) Qualität seiner Songs anstrebt, und die Industrie, die daraus (digitalen) Klangschrott macht. Die Guten und die Bösen, in schöner rechtschaffen-amerikanischer Tradition. Parallel dazu verbreitet die Marketingmaschine Unsinn über die technische Seite. Aus einem sechtel der Daten eines Audioformates werden nolens volens ein sechtel der "musikalischen Information". Musikalische Information wird einfach mit den Bits gleichgesetzt.

Ich weiß gar nicht wo ich da mit dem Aufräumen anfangen soll.

Vielleicht mit der Geschichte. Als es mit der digitalen Aufnahmetechnich so um 1980 richtig los ging, waren sehr viele Musikschaffende, also gerade auch Musiker und Dirigenten, aber auch Produzenten und Toningenieure, von den klanglichen Qualitäten der neuen Technik begeistert. Und das obwohl die damals verfügbaren A/D und D/A-Wandler aus heutiger Sicht ziemlich bescheiden waren. Man konnte froh sein wenn die 14 ehrliche Bits boten. Trotzdem war das gegenüber dem was an analogen Speichertechniken zur Verfügung stand überlegen. Karajan war einer der aktivsten Protagonisten - war der taub? Was war mit Ry Cooder, der die erste digital aufgenommene Pop-Platte rausbrachte? Stevie Wonder? Donald Fagen? Peter Gabriel? Alle taub? Das war noch bevor die CD offiziell gestartet war, wohlgemerkt!

Aber jetzt, im Nachhinein, will Young schon immer einen mit der Digitaltechnik einher gehenden Schwund an Qualität bemerkt haben, schon mit den ersten großen digitalen Mehrspurmaschinen, die er benutzte. Mir scheint, da paßt sich seine Erinnerung an seine momentane Ideologie an. Mit der Realität hat das nicht allzu viel zu tun.

Nun bin ich sicher der Letzte der leugnen würde, daß die Tonqualität seit längerem auf dem Weg bergab gewesen ist. Es ist der sattsam bekannte "Loudness War", über den schon viel geschrieben wurde (auch von mir), und von dem man den Eindruck haben kann daß die Talsohle inzwischen durchschritten ist. Bloß hat der Loudness-War nicht mit der Digitaltechnik zu tun, es sei denn daß man der Technik zur Last legt daß sie immer mehr Flexibilität bietet, die eben auch klangverschlechternd benutzt werden kann, wenn man das so will, oder wenn man keine Ahnung hat, oder keine Hemmungen. Der Loudness-War kam aber nicht mit der Digitaltechnik in Gang, sondern erst etliche Jahre danach, als die CD das Mainstream-Medium geworden war, und damit nicht an den audiophilen Marktgerichtet war, sondern an den Massenmarkt. Das war gegen Ende der 1980er der Fall, und nochmal ein Jahrzehnt danach war es dann so weit daß tragbare MP3-Player in den Massenmarkt drängten.

Der klangliche Abstieg seit dieser Zeit ist kein Zeichen für ein Problem der Digitaltechnik, wie Young und seine Mitstreiter suggerieren, sondern eine Folge des Loudness-Wars, der einerseits durch die Digitaltechnik mit ihren erweiterten Möglichkeiten erleichtert wurde. Andererseits ist gerade digitale Tontechnik gegenüber den Übersteuerungen, die dadurch resultieren, in klanglicher Hinsicht besonders empfindlich.

Wer den Luxus hat, frühe CD-Pressungen zu haben, die aus den 1980ern stammen (kein Remaster!), der weiß wovon ich rede. Wenn die Digitaltechnik ein prinzipielles Problem hätte, müßte man es dort mindestens genauso, wenn nicht sogar mehr bemerken, als mit neuen Produktionen. Es ist aber oft genau umgekehrt: Die damaligen Produktionen klingen besser, der schlechteren Wandlertechnik zum Trotz! Folglich könnte man mit späterer Technik ein eher noch besseres Ergebnis erzeugen, unter Beibehaltung des CD-Formats, wenn man nur wollte oder will. Und das haben die ganze Zeit hindurch auch immer wieder gute Produktionen gezeigt.

Das könnte auch Neil Young wissen wenn er ehrlich wäre. Er könnte einen seiner hochauflösenden Titel mit 192k/24-bit auf 44,1k/16-bit konvertieren und feststellen, daß er keinen Unterschied merkt. Ich gehe davon aus daß er es gar nicht erst probiert hat, wenigstens nicht verblindet.

Und es wäre auch ehrlicher von ihm, wenn er zugeben würde daß es nicht zuletzt oftmals die Musiker selbst sind, die es immer lauter wollten. Daß die klangzerstörerische Konspiration der "Industrie" gegen die Interessen der Musiker wohl eher ein Mythos ist, dessen Verbreitung nicht etwa rechtschaffen ist, sondern heuchlerisch.

Das MP3-Bashing wirkt auf mich in diesem Zusammenhang mehr und mehr komisch bis absurd. Wir haben die Zeiten hinter uns gelassen, als Speicherkapazität und Netzbandbreite so teuer waren, daß für MP3 gute Gründe gesprochen hätten. Alle aktuellen Player, Smartphones und Tablets spielen problemlos auch unkomprimierte Dateien ab, und auch das Streaming über's Netz kann mit unkomprimierten Dateien umgehen. Worin liegt der Sinn, auf einem toten Pferd rumzuprügeln, noch dazu mit faulen Argumenten? MP3 und Verwandte bleiben uns hauptsächlich im Bereich Radio und Fernsehen erhalten, und dort mit gutem Grund: Funkbandbreite ist eine limitierte Ressource und es bleibt teuer, wenn man ein terrestrisches Sendernetz betreiben muß.

Es ist überdies recht bizarr, wenn man alten Männern dabei zusieht, wenn sie sich über die Unterschiede in der Klangqualität verschiedener Audioformate auslassen, die sich in Frequenzbereichen abspielen die sie wahrscheinlich schon seit 30 Jahren nicht mehr gehört haben. Gerade Neil Young, der ziemlich auf die 70 zugeht, kann mir nicht erzählen, speziell bei seiner Vergangenheit nicht, daß er auch nur annähernd das Frequenzspektrum der CD ausschöpft. Das käme einem anatomischen Wunder gleich. Wahrscheinlicher ist, daß Musiker dieses Alters und Genres erhebliche Hörschäden haben. Und ausgerechnet die sind jetzt die Kronzeugen für hochauflösende Formate? Soll ich lachen oder verzweifeln?

Aber vielleicht ist gerade das ja eine Erklärung für die MP3-Abneigung. Es gibt ja schon seit Langem Hinweise darauf, daß Hörschäden dazu führen können, daß die psychoakustischen Modelle, auf denen MP3 beruht, nicht mehr hinhauen. Das könnte dann zum scheinbaren Paradox führen, daß die systemimmanenten Verzerrungen von MP3, die bei normalen Hörern verdeckt würden und nicht wahrgenommen werden, bei Hörgeschädigten eben nicht mehr verdeckt werden, und folglich auffallen. Man müßte dann nicht halb taub sein, um MP3 gut zu finden, wie man aus audiophilen Kreisen arroganterweise immer wieder hört, sondern man müßte halb taub sein um MP3 schlecht zu finden.

Und dann das Pono-Gerät selbst: Wer will denn bitte so ein klobiges Ding haben, das noch dazu fast nichts kann? Es kann nicht mal Wireless! Man vergleiche das Ding mal mit Apple's Produktlinie, um sich das (Miß-)Verhältnis in Design, Größe, Akkulaufzeit, Leistungsfähigkeit etc. klar zu machen! Was könnte Apple für einen Verkaufspreis von $399 anbieten? Und Apple war nie ein Billiganbieter!

Stattdessen läßt man sich das Innere von Ayre ausrüsten, dem Inbegriff sinnloser Opulenz und hemmungsloser Anti-Gegenkopplungs-Propaganda!

Tut mir leid, aber ich finde an dem Ganzen kein gutes Haar. Viel Geld und viel Getöse um Nichts, jedenfalls nichts Neues, und mir ist noch nicht einmal klar wie das Kopierschutzmodell aussehen soll, denn ich bezweifle daß darauf ganz verzichtet werden soll. Bisher war noch jeder Versuch, die CD zu ersetzen, mit dem Versuch verbunden, das freie Kopieren einzuschränken, auch wenn es nicht für unmoralische Zwecke sein sollte. Wenn das Ganze dann noch mit Lügen und Fehlinformation verkauft wird, dann ist meine rote Linie überschritten.

Sorry Neil, mach lieber Musik. Das habe ich an Dir bisher geschätzt. Deine Pono-Kampagne ist weder ehrlich noch rechtschaffen, es ist ein Etikettenschwindel.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Zu ehrlich

Auch wenn man seitens der Bundesregierung noch Hoffnung vorgaukelt, so scheint klar daß es ein "No-Spy-Abkommen" wegen der Weigerung der USA nicht geben wird. Super, das ist besser als ich befürchtet hätte. Die amerikanische Regierung ist ganz offensichtlich zu ehrlich als daß sie sich auf diese versuchte Bürgerverarschung eingelassen hätte. Hätte ich ihr nicht zugetraut.

Das schiere Ausmaß an Heuchelei und Unehrlichkeit der Bundesregierung war und ist in dieser Sache ohnehin schwer erträglich. Laßt mich mal versuchen, nur die wichtigsten Punkte aufzuzählen, die mir in dieser Sache gegen den Strich gehen:

Wie man sich erinnert, ist die Idee des "No-Spy-Abkommens" aus der Abhörung der Kanzlerin-Handies durch amerikanische Geheimdienste motiviert, die im Zusammenhang mit den Snowden-Enthüllungen bekannt wurde. Merkel's rote Linie wurde anscheinend erst dann überschritten, als sie selbst betroffen war. Massenhafte Ausforschung von ganzen Bevölkerungen, auch unter klarer Rechtsverletzung, hatte sie zuvor nicht wirklich tangiert. Und ein großer Teil der Medienlandschaft und Bevölkerung scheint erst ab dem Punkt hinreichend empört gewesen zu sein.

Dabei ist gerade das unsäglich hirnlos und naïv. Daß Regierungschefs ausgespäht werden war schon lange vor Snowden und vor der Existenz von Handies Usus, und daß auch unter "Partnern" ausgespäht wird, vor allem dann wenn man denkt es sich ohne große Nachteile leisten zu können, das ist vermutlich jedem Azubi bei Polizei und Diensten sonnenklar. Das eigentlich Neue ist das flächendeckende Ausforschen der gesamten Datenkommunikation und damit von ganzen Bevölkerungen. Wenn Merkel geglaubt hat, gefahrlos unverschlüsselt telefonieren zu können, weil die Amerikaner ja Freunde sind, was hat sie gedacht was die Chinesen, Russen oder manche andere Staaten so treiben, die ihre Botschaften in Sichtweite der amerikanischen Botschaft und des Kanzleramts haben? Hat sie geglaubt, die seien zum Abhören von unverschlüsselten Handies per se unfähig?

Ich glaube das nicht. Sie ist nicht so dämlich. Wäre das wirklich ihr Anliegen gewesen, dann hätte sie sich nicht in der Öffentlichkeit darüber mokiert und sich selbst der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern hinter den Kulissen den Pofalla zur Brust genommen und ihn damit beauftragt, für sichere Kommunikation zu sorgen. Die öffentliche Empörungs-Show war (und ist) ein reines Ablenkungsmanöver. Ein Entlastungsangriff. Wenn daran etwas verstörend ist, dann wie viele Leute darauf anscheinend reingefallen sind.

Wenn es die Regierungschefin eines so hochentwickelten Staates wie dem unsrigen nicht fertig bringt, sich von ihrem Machtapparat mit angemessen sicheren Kommunikationsmitteln ausrüsten zu lassen, dann ist das ausschließlich ihr eigenes Problem, und die angemessene Reaktion der Öffentlichkeit und insbesondere der Presse wäre es, sie das spüren zu lassen.

Das für die Öffentlichkeit interessante Thema des Schutzes der Bürger vor den Übergriffen von fremden (und ggf. auch den eigenen) Geheimdiensten ist dagegen sehr wohl Regierungsaufgabe und Wert, öffentlich diskutiert zu werden.

Das angestrebte "No-Spy-Abkommen" soll aber offenbar das gegenseitige Abhören der Regierungen einschränken und nicht das der restlichen Bevölkerung. Ein idiotisches Vorhaben, denn wenn ein solches Abkommen auch nur die Druckerschwärze wert sein soll, dann müßte die Einhaltung überprüfbar und sanktionierbar sein. Man versuche mal sich vorzustellen, wie das in der Praxis aussehen soll. Angenommen, der deutsche Verfassungsschutz nähme seine Aufgabe ernst und fände tatsächlich heraus, daß die Amerikaner eine deutsche Regierungsstelle ausgespäht haben, was sie nach dem hypothetischen No-Spy-Abkommen nicht gedurft hätten. Was dann? Dienst meldet Verstoß an Kanzleramt, Kanzleramt verurteilt Amerikaner zur Zahlung von 100 Millionen Vertragsstrafe? Die dann nicht gezahlt werden? In der Praxis ist doch völlig klar daß überhaupt nichts passieren wird, es könnte höchstens sein daß irgendwann ein frustrierter Mitarbeiter etwas an die Presse durchsticht, aber dafür ist kein Abkommen nötig.

Also im Klartext: So ein Abkommen bringt rein gar nichts. Kann es gar nicht. Das ganze Vorhaben ist damit reine Augenwischerei, was Merkel+Co. natürlich wissen und so von vorn herein beabsichtigt haben. Und offenbar dachten sie sich, daß die Amerikaner (und ggf. auch die Briten) dabei mitmachen, weil sie an der Augenwischerei das gleiche Interesse haben müßten. Natürlich hätten sie hinter den Kulissen genauso weiter gemacht wie bisher, was von der Bundesregierung auch einkalkuliert war. Das Ziel war, mit so einem Papiertiger den öffentlichen Blick vom eigentlichen Problem abzulenken.

Das scheint eine Fehleinschätzung zu sein. Der Großteil der amerikanischen Bevölkerung hat anscheinend keinerlei Problem damit wenn ihre Regierung die Bevölkerungen anderer Länder in großem Stil ausspioniert, auch nicht wenn es sich um "befreundete" Staaten handelt. Augenwischerei ist da gar nicht nötig, die Regierung kann klar sagen daß man nicht daran denkt, die Praktiken zu ändern, und das Wahlvolk ist einverstanden. Das Ausland genießt keinerlei Rechte aus der amerikanischen Verfassung - wir Nichtamerikaner sind allesamt Freiwild. Der Durchschnittsamerikaner findet das ganz in Ordnung so. Und mal ehrlich, können wir ihnen das verübeln? War da nicht gerade eine öffentliche Debatte bei uns, die sich um die Rechte von Zuwanderern auf Zuwendungen aus dem Sozialetat drehte? Welche Rechte aus unserer Verfassung haben denn Ausländer?

Wenn die Amis es nicht nötig haben, bei der Augenwischerei mitzumachen, dann kommen wir in den Genuß von ein bißchen unerwarteter (und unverdienter) Ehrlichkeit. Wir sollten das begrüßen, schließlich macht das den Blick auf den Politikbetrieb in unserem eigenen Land etwas klarer. Es hilft ein paar (unbequeme?) Wahrheiten sichtbar zu machen:
  •  Unsere eigene Regierung hat keinerlei Interesse, die eigene Bevölkerung vor Ausspähung zu schützen, auch nicht vor Ausspähung durch Fremdstaaten oder ausländische Konzerne. Sie tun alles, um nicht in dieser Richtung in die Pflicht genommen zu werden. Sie kooperieren im Gegenteil mit Geheimdiensten anderer Staaten, um die eigene Bevölkerung besser ausforschen zu können, und dabei unsere eigenen Gesetze zu umgehen. Jüngste Bestätigung dieser ohnehin evidenten Tatsache ist Ex-Innenminister Friedrich's Aussage, er habe wichtigere Probleme gehabt als die NSA-Affäre. Eine wirksame Bekämpfung der Ausspähung ist das Allerletzte was diese Regierung wollte oder will.
  • Wenn es um geheimdienstliche Aktivitäten geht, dann gibt es keine "Freundschaft" oder "Partnerschaft", zumindest nicht in dem Sinne daß sich dadurch irgendwelche Maßnahmen verbieten würden. Es gibt Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit, und es gibt in gewissem Ausmaß auch Abhängigkeiten, aber das war's dann auch schon. Wer nicht den Kürzeren ziehen will, der muß für eine Machtbalance sorgen, so weit das innerhalb seiner Möglichkeiten ist.
  • Die amerikanische Regierung versucht der eigenen Bevölkerung zu gefallen und nicht der deutschen oder europäischen. Die amerikanische Bevölkerung hat keinerlei Sympathie mit den Individualrechten von Ausländern. Die kommen einfach nicht vor, und wem das nicht paßt, der hat eben Pech gehabt. Wenn es nach der amerikanischen Bevölkerung geht, und damit auch der amerikanischen Regierung, dann können die Geheimdienste mit den Ausländern umspringen wie sie wollen, Hauptsache die Amerikaner haben dabei den Eindruck daß es ihrer Sicherheit oder allgemeiner ihrem Interesse nützt. Im Grunde versuchen sie uns und unserer Regierung diese Tatsache seit Monaten beizubringen, wir wollen's aber anscheinend immer noch nicht wahrhaben.
  • Die Amerikaner versuchen auch seit Monaten, uns in unterschiedlich diplomatischen Formulierungen klar zu machen, daß sie sich am längeren Hebel sehen. Daß sie der Meinung sind, daß von einer Abkühlung der transatlantischen Beziehungen wir Deutschen die größeren Nachteile hätten, und es daher keinen Grund für ein amerikanisches Entgegenkommen gibt. Kurz: "Wenn Ihr damit durchkommen wollt müßt Ihr ganz schön die Arschbacken zusammenkneifen". Ich sehe keine Bereitschaft bei uns, weder in der Regierung noch in der Bevölkerung, das zu tun. Wie ich schon mal hier angedeutet habe, haben wir es uns im amerikanischen Arsch bequem gemacht, und fürchten die Kälte wenn wir da raus müßten.
Statt sich über diesen "No-Spy"-Unsinn zu unterhalten, sollten wir uns viel eher darüber unterhalten, was die Amerianer wollen, was unsere Regierung will, und was wir als die Bevölkerung wollen. Und welche Chancen und Druckmittel wir dabei haben. Wir sollten uns die Hohlwörter sparen, wie z.B. "befreundeter Staat" oder "Wertegemeinschaft", und uns an die Tatsachen halten, wozu auch die gar nicht so schwer zu verstehenden Aussagen und Signale der "Anderen"zählen. Wenn wir so ehrlich diskutieren würden wie die Amerikaner, dann wären wir schon einen Schritt weiter.

Freitag, 6. Dezember 2013

Der Jitter und die Richtung

Weiter geht's mit Jitter. Anscheinend gibt's eine unendliche Vielfalt, wie man das Thema verdrehen kann um Unsinniges an gutgläubige Audiophile zu verkaufen. In mehreren Foren geht im Moment eine Entwicklung von Ulrich Brüggemann von AudioVero um, die dem leidigen Jitter-Thema einen neuen "Spin" verpaßt. Jedenfalls habe ich diese Kombination aus Jitter und M/S-Stereophonie bisher noch nirgends gesehen.

Es ist aber leider nur eine neue Variante des hinreichend bekannten Jitter-Bullshit. Natürlich ist auch die Reaktion der audiophilen Gemeinde so wie bei jeder solchen Sau, die durch's Dorf getrieben wird, das heißt es werden selbstverständlich Unterschiede gehört, und die unsinnigsten Erklärungen dazu werden für plausibel gehalten. In dieser Hinsicht also nichts Neues.

Ich kann mich natürlich nicht mit irgendwelchen Hörberichten auseinandersetzen, die mit großer Wahrscheinlichkeit unter "audiophilen Bedingungen" zustande gekommen sind, also völlig nichtblind und für jede Einbildung höchst anfällig. Alles Andere wäre überraschend. Sie werden also schon irgendwas gehört haben.

Was ich aber schon kann, ist mich mit den technischen Erklärungen auseinander zu setzen, die allen voran vom "Erfinder" selbst stammen. Dafür brauche ich zum Glück auch keine Hörversuche am konkreten Objekt zu machen, das genügen ein paar Denkversuche vollkommen. Das hat den Vorteil daß Ihr als Leser unmittelbar was davon habt, ohne Euch vom Bildschirm zu entfernen. Und Denken macht eben auch Spaß, nicht bloß Unterschiedhören. ;-)

Ich versuche mal zusammenzufassen, was hinter der Brüggemann'schen Entwicklung steckt, insofern ich es aus seinen Erklärungen entnehmen kann:

Hinter der ganzen Entwicklung steckt die Grundannahme, daß in einem Stereosignal Jitter, der unabhängig (also unkorreliert) auf den linken und rechten Kanal wirkt, eine Auswirkung auf das Richtungshören hat, weil sich durch den Zeitfehler des Jitters die relative Phase beider Signale verschiebt. Also wenn das linke Signal unabhängig vom rechten Signal jittert, dann jittern eben nicht beide zusammen, folglich passiert es im Extremfall daß der linke Kanal vorwärts jittert, während zugleich der rechte zurück jittert. Resultat: Eine relative Phasenverschiebung zwischen links und rechts, und damit eine Änderung der Richtungswahrnehmung.

Ausgehend von dieser Annahme (die weder in Frage gestellt wird, noch quantifiziert wird), präsentiert Brüggemann eine "Lösung", die das Audiosignal auf der Digitalseite in ein M/S-Signal umrechnet, und das nach dem D/A-Wandler auf der Analogseite wieder rückgängig macht. Ein M/S-Signal ist eine andere Repräsentation des Stereosignals, wo es ein Signal für die Mitte und eines für die Richtung gibt. Eine alte Technik, die z.B. bei UKW dazu benutzt wird, um einen Stereo-Sender monokompatibel zu machen. Das Mittensignal ist nämlich das Monosignal, und wenn man das S-Signal einfach wegläßt, dann verliert man den Stereoeffekt, und behält das Monosignal.

Laut Brüggemann soll das für das postulierte Jitterproblem nun dadurch vorteilhaft sein, daß Jitter im M/S-Signal keine Änderung der Richtung mehr verursachen soll, was für das M-Signal auch unmittelbar einleuchtet, für das S-Signal aber nicht.

In dieser Argumentation ist aber eine derartige Anzahl an Denk- und Argumentationsfehlern drin, daß eigentlich jeder ernstzunehmende Entwickler vor Scham im Boden versinken müßte.
  1. Eigentlich überflüssig zu erwähnen: Brüggemann macht sich keine Mühe, zu zeigen daß die Grundannahme, die dem Ganzen zugrunde liegt, überhaupt zutrifft. Das Prinzip scheint zu sein: Ich halte es für denkbar, also muß es real sein. Das paßt gut zu einem anderen Motto, das ich von einem seiner Anhänger in besagten Foren lese: Wahrnehmung ist Realität. Wer das ernst meint, dem ist nicht mehr zu helfen.
  2. Wieviel Phasenverschiebung (oder Zeitverschiebung) zwischen linkem und rechtem Kanal man haben muß, um einen Effekt zu hören, wäre eine ganz interessante Debatte in diesem Zusammenhang, zumal das gerade von audiophiler Seite schon öfter (und fälschlicherweise) als Argument in der Debatte um die richtige Abtastfrequenz gebraucht wurde. Da wurde immer wieder ins Feld geführt, daß das Gehör eine zeitliche Auflösung von um die 5 µs habe. Wenn das so sein sollte, würde das nicht heißen daß der Jitter eine Amplitude von 5 µs erreichen muß, damit die dadurch bewirkte Phasenverschiebung in den hörbaren Bereich kommt? Das wären 5000 ns! Kaum plausibel, daß Brüggemann es mit derart schlimmem Jitter zu tun hatte, zumal er von dateninduziertem Jitter redet, und der spielt sich prinzipbedingt in einem Bereich ab, der weniger als eine halbe Bitlänge im SPDIF-Signal ausmachen muß, andernfalls würde die Datenverbindung nicht mehr funktionieren. Das wären also weniger als 200 ns. In der Praxis weit weniger. Wie kann man dann aber auf die Idee kommen, das reiche für hörbare Auswirkungen auf die Richtungswahrnehmung? Das erfordert doch, daß man einen zuvor im audiophilen Bereich kursierenden Wert kurz mal um zwei oder drei Zehnerpotenzen "korrigiert", und wie selbstverständlich so tut als sei das immer noch hörbar.
  3. Die Annahme, daß der Jitter in einem D/A-Wandler auf beide Kanäle unabhängig voneinander wirkt, ist ebenfalls falsch. In den meisten Fällen spielt sich das innerhalb ein- und desselben Chips ab, der die Wandlung für beide Kanäle auf der Basis desselben Taktes erledigt. Es ist nur ein Takt, die Daten kommen auf der gleichen Leitung daher, und die Abtastung findet im Allgemeinen auch gleichzeitig statt. Da ist der Jittereffekt zwischen den Kanälen eben nicht unabhängig, sondern müßte eigentlich zum gleichen Phaseneffekt auf beiden Seiten führen. Selbst wenn es (wie in machen High-End-Wandlern) zwei getrennte Chips sein sollten, dann werden es zwei gleiche Chips sein, und auch die kriegen wieder den gleichen Takt. Wie es unter solchen Umständen zu unabhängigen und unkorrelierten Jittereffekten zwischen den Kanälen kommen soll, bleibt unverständlich. Wenn aber der Phaseneffekt auf beide Kanäle der Gleiche ist, dann ist auch der Richtungseffekt weg, und die Voraussetzung für Brüggemann's "Lösung" verschwunden. Es scheint also, als biege sich Brüggemann seine eigene Wahrheit zurecht.
  4. Die Annahme, daß mit einem M/S-Verfahren die Sache besser aussieht ist ebenfalls falsch. Zwar kann prinzipbedingt Jitter im M-Signal keinen Richtungseffekt haben, aber für das S-Signal gilt das Gegenteil. In dem ist ja gerade die Seiteninformation drin, also die Richtung, folglich müßte jeder Jitter im S-Signal direkt in die Richtungswahrnehmung eingehen, und zwar diesmal sogar besonders auch dann, wenn die Jittereffekte in beiden Kanälen korreliert sind. Das bedeutet: Wenn Jitter für die Richtungswahrnehmung ein Problem wäre (und ich habe schon oft genug argumentiert wie weit wir davon im Normalfall entfernt sind), dann müßte es in einem M/S-System eher größere Auswirkungen haben als in einem L/R-System. Brüggemann würde es mit seiner Lösung nicht etwa besser, sondern schlechter machen.
Das Ganze ist eine geistige Fehlzündung ersten Ranges. Auf so etwas fällt man als Entwickler natürlich vor allem dann herein, wenn man sich die Mühe nicht macht, die erwarteten Resultate seiner Überlegungen auch einigermaßen handfest in der Realität nachzuweisen. Wir wissen aber zur Genüge, wie solche Nachweise im audiophilen Sektor aussehen. Sie wären da auch kontraproduktiv, denn man würde sich die Gelegenheit zunichte machen, eine Sau durch's audiophile Dorf zu treiben, die nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden wird, nicht ohne zwischenzeitlich ein paar Fans um ihre Kröten erleichtert zu haben.

Es ist auch ein schönes Beispiel wie Leute eine Argumentation für plausibel halten, die sie nicht verstehen. Das audiophile Geschäft lebt von solchen "pseudoplausiblen" Erklärungen, sonst würden sie nicht dauernd vorgebracht. Jede Menge Leute beteiligen sich an den technischen Diskussionen, die sich an solchen "Theorien" entzünden, indem sie betonen, daß sie das nicht verstehen, und es ihnen reicht daß sie es hören. Warum sie dann an solchen Diskussionen überhaupt teilnehmen, sagen sie nicht, und warum sie diese angeblich so unnötigen technischen Erklärungen überhaupt zur Kenntnis nehmen auch nicht.

Es ist offensichtlich: Sie wollen glauben, daß die ihnen angebotenen Geräte auch auf der technischen Seite einwandfrei sind, und eine unverständliche aber plausibel klingende Erklärung hilft ihnen dabei. Allerdings bloß wenn sie nicht ernsthaft in Frage gestellt wird. Drum werden die Kritiker angepisst, und den schärfer werdenden Tonfall, für den man selbst sorgt, legt man ihnen dann gleich auch noch zur Last. Den "Erfinder" der unsinnigen "Lösung" für seinen Bullshit zur Rechenschaft zu ziehen kommt dagegen gar nicht in Frage. Selbst wenn er am Ende widerlegt ist, findet man es immer noch lobenswert daß er es probiert hat.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Jitter hören lernen -- Gehörtraining oder Desinformation?

Seit einigen Monaten gibt's auf der Cranesong-Webseite ein paar Audiodateien anzuhören, die Dave Hill erstellt hat mit dem erklärten Ziel, Leuten das Hörtraining von Jitter zu erleichtern. Die Message ist ziemlich eindeutig: Hier habt Ihr ein paar Dateien, die in unterschiedlichem Ausmaß "verjittert" sind, schaut mal ob Ihr es hören könnt und wie es klingt.

Ein nützliches Angebot, so sollte man meinen. Besonders da auf einer zweiten Seite zum Einen die Differenzdateien angeboten werden, was es ermöglicht, sich nur den Unterschied anzuhören, und zum Anderen angegeben wird, um was für einen Typ und Pegel von Jitter es sich jeweils gehandelt hat. Zudem werden technische Erklärungen geliefert, wie der "Versuchsaufbau" ausgesehen hat, mit dem die Dateien erzeugt wurden. Macht auf den ersten Blick einen vernünftigen Eindruck, oder?

Mal ehrlich, wer von Euch würde das was da geboten wird tendenziell für seriös halten?

Und wer von Euch würde daraus den Schluß ziehen, daß Jitter offenbar auch schon weit unterhalb von 1 ns hörbar ist?

Das wäre ein Resultat, das in ziemlich krassem Widerspruch zu dem steht, was ich früher auch schon hier im Blog schrieb, und ebenso im Widerspruch zu mehreren Studien, die in der Vergangenheit dazu schon gemacht wurden, siehe dazu hier.

Mich hat natürlich interessiert woher diese Diskrepanz kommt, und hatte nach dem Lesen der technischen Dokumente, die Hill anbietet, auch schnell einen Verdacht: Es liegt an seiner Meßmethode für Jitter, die er zwar nicht in ausreichendem Detail beschreibt, die aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gerade für den Typ von Jitter so gut wie blind ist, den er hier anwendet. Mit anderen Worten: Seine Beispieldateien sind sehr viel mehr verjittert als er angibt. Wahrscheinlich um mehrere Zehnerpotenzen.

Das ist ein ziemlich interessantes Beispiel dafür, wie beim Thema Jitter die Schwierigkeiten des Themas selbst, das audiophile Wunschdenken, und die technische Unbedarftheit des Publikums eine ziemlich unselige Verbindung eingehen, so daß völliger Unsinn heraus kommt, der nichtsdestotrotz nur mit ziemlich viel Detailwissen durchschaut werden kann. Ein ideales Feld für Leute, die einem ein X für ein U vorzumachen versuchen.

Aber eins nach dem anderen: Wie hat Dave Hill die Dateien erzeugt?

Nun, er hat mit einer Audio-Workstation eine Audiodatei abgespielt, und mit einem handelsüblichen D/A-Wandler ins Analoge gewandelt. Dieses Analogsignal hat er dann wieder mit einem A/D-Wandler ins Digitale zurückgewandelt, und mit derselben Workstation wieder aufgenommen. Der Takt des A/D-Wandlers wurde dabei kontrolliert verjittert, der des D/A-Wandlers nicht.

Das ist im Grunde eine recht clevere Anordnung, aus gleich mehreren Gründen:
  • Würde man beide Wandler gleichermaßen verjittern, dann könnte sich der Effekt aufheben.
  • Da die Workstation das verjitterte Signal nur aufzeichnet und nicht direkt wieder wandelt, hat der Jitter im A/D-Wandler keine weiteren Auswirkungen als nur die (gewünschten) bei der Wandlung selbst. (Dave Hill scheint das allerdings selbst nicht recht zu glauben).
  • Pegel und Zeitverzögerung in der Schleife kann man für die Differenzbildung auf der Workstation recht gut auskalibrieren (wenngleich das nicht ganz trivial ist, siehe später).
Der kontrollierte Jitter für den A/D-Wandler wurde mit einem HF-Signalgenerator erzeugt, der frequenzmodulierbar ist. Diesen Generator stellt man so ein, daß seine "Trägerfrequenz" den korrekten Mastertakt für den Wandler liefert. Wenn man diesen dann frequenzmoduliert, dann ergibt sich ein kontrolliert verjitterter Takt. Dave Hill erzeugte das Modulationssignal mit dem Generator in einem Audio-Meßplatz (einem dScope III), das bedeutet er hatte die Kontrolle über die Art des Jitters.

Nun könnte man im Prinzip die Stärke des Jitters, den so eine Anordnung erzeugt, auch rechnerisch bestimmen, wenn man die Einstellung der beteiligten Geräte kennt. Schließlich sind die kalibriert (oder wenigstens kalibrierbar). Das heißt, wenn man weiß wie das Modulationssignal in Frequenz und Pegel beschaffen ist, und wenn man die Modulationseinstellungen des Generators kennt, dann kann man damit berechnen, wieviel Jitter daraus resultieren müßte. So hat es Dave Hill aber offenbar nicht gemacht. Er hat den resultierenden Jitter stattdessen mit einem Oszilloskop gemessen. Ein ziemlich hochwertiges Oszilloskop sogar, das mit einer speziellen Software-Option zur Jittermessung ausgerüstet ist. Er beschreibt das zwar nicht im Detail, aber es wird wohl so gewesen sein, daß er das Modulationssignal am dScope so eingestellt hat, daß sich der gewünschte Jitterwert auf der Oszilloskop-Anzeige ergeben hat. Es gibt keinen Hinweis darauf, daß er nachgerechnet hätte.

Und da geht das Problem los. Es gibt eine ziemliche Menge unterschiedlicher Meßmethoden und -varianten, die man im Oszilloskop wählen kann, um die Jittermessung an seine Bedürfnisse anzupassen. Dave Hill läßt aber nichts darüber verlauten, wie er das eingestellt hat. Da das Ergebnis sich je nach gewählter Meßmethode zum Teil sehr drastisch unterscheiden kann, weiß man im Ergebnis nicht mal mehr ungefähr, wie stark der Jitter bei ihm wirklich war. Das gilt ganz besonders für den niederfrequenten Jitter, den er in seinen Versuchen benutzt hat.

Woran liegt das? Dafür muß ich leider etwas ausholen.

Jittermessungen mit dem Oszilloskop werden vor allem in der Datenkommunikation angewendet, und dafür sind auch die entsprechenden Funktionen eines (Luxus-)Oszilloskops ausgelegt. Für die Charakterisierung von Wandlertakten ist das nicht optimal, da wäre eine Phasenrauschmessung besser, die ganz andere Ausrüstung erfordert. Die Anforderungen sind deswegen unterschiedlich, weil bei der Datenkommunikation vor allem der Jitter mit höheren Frequenzen kritisch ist. Man verwendet daher Meßmethoden, die für niederfrequenten Jitter ziemlich blind sind. Der Hintergrund dafür ist der, daß man in der Datenkommunikation wissen will, ob ein Signal korrekt empfangen werden kann (also mit möglichst wenig Bitfehlern), und das hängt davon ab wie gut die Taktrekonstruktion im Empfänger dem eingehenden Signal folgen kann. Dem niederfrequenten Jitter kann man recht leicht folgen, daher spielt der wenig Rolle. Der hochfrequente Jitter ist das eigentliche Problem. Würde man eine Meßmethode verwenden, die für jede Jitterfrequenz gleich empfindlich ist, dann würde man oft ein Problem sehen, wo eigentlich gar keines ist.

Will man mit diesem Aufbau den Jitter so messen, daß auch die ganz niedrigen Jitterfrequenzen in etwa gleich empfindlich gemessen werden wie die hohen, dann muß man sich genau überlegen was man da tut. Vergreift man sich in der Einstellung, dann kann das Resultat möglicherweise um den Faktor 10000 oder mehr zu gering ausfallen.

Ein prominentes Beispiel dafür ist in einem Artikel von Bruno Putzeys und Renaud de Saint Moulin beschrieben, über den sie vor knapp 10 Jahren auf einer AES-Convention vorgetragen haben. Dort ist in einem Diagramm zu sehen (Abschnitt 4.2), wie die Empfindlichkeit zweier dieser Meßmethoden zu niedrigen Frequenzen hin immer weiter abnimmt. Ein weiteres AES-Papier von Chris Travis und Paul Lesso ein halbes Jahr danach vertieft das noch, und man kann dort lesen: "We can only guess how many times it has happened that people hear the effects of baseband jitter, measure the period jitter, and reach erroneous conclusions." Ich gehe davon aus, daß Dave Hill genau dieser Fehler passiert ist.

Warum glaube ich das?

Es gibt dafür eine Reihe von Indizien. Es fängt damit an, daß die Differenzsignale, die Dave Hill in eigenen Dateien bereitgestellt hat, erheblich stärkere Signale beinhalten, als es aufgrund der behaupteten Jitterwerte plausibel wäre. Das könnte natürlich auch eine Folge einer unzureichenden Phasen- und Pegelkompensation bei der Differenzbildung sein, und da Dave Hill nichts darüber schreibt, wie er das bewerkstelligt hat, kann man diese Erklärung schlecht ausschließen. Wenn man aber zu seinen Gunsten annimmt, daß die Differenz wirklich großteils auf Jitter zurückgeht, dann ist kaum vorstellbar wie das mit den angegebenen Werten zustande kommen soll.

Das wäre leichter kontrollierbar gewesen, wenn zusätzlich zu den vorhandenen Audiodateien auch noch ein Satz Dateien mit Sinussignalen vorhanden wäre, die mit den gleichen Jitterwerten aufgenommen wurden, aber auch das hat Dave Hill nicht bereitgestellt.

Nebenbei: Wer sich überlegt, wie man wohl am besten zwischen zwei Audiodateien eine Differenz bildet, so daß wirklich bloß die jitterbedingten Unterschiede übrig bleiben, obwohl das Signal unterwegs durch einen D/A-Wandler und einen A/D-Wandler ging, der kommt bald darauf daß das gar nicht so einfach ist. Zum Beispiel muß man den Pegel exakt anpassen. Wer weiß schon genau wie sich auf der D/A-A/D-Strecke der Pegel verändert? Wenn man Differenzen von z.B. -80dB gegenüber dem Nutzsignal auflösen will, dann muß man den Pegel auf besser als 0,01% genau abstimmen. Sind die Wandler überhaupt so genau?

Und was ist die exakte Laufzeit zwischen Wiedergabe und Aufnahme? Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die eine ganzzahlige Anzahl Samples beträgt. Man muß also die Zeitverzögerung in Bruchteilen von Samples kompensieren können. Und was ist mit eventuellen frequenzabhängigen Phasenverschiebungen? Die können dazu führen, daß man die Differenz gar nicht "nullen" kann, völlig unabhängig von Jitterproblemen.

Man muß daher ausloten, wie gut die Differenzbildung eigentlich ist, also in welchen Grenzen man noch halbwegs sicher sagen kann daß eine eventuelle Differenz noch auf Jitter zurückgeht, und nicht auf etwas Anderes. Auch dafür hätte man sich Kontrollsignale gewünscht.

Ein weiteres Indiz ist, daß es gar nicht so einfach ist, mit einem so niederfrequenten Jittersignal wie im vorliegenden Fall, und mit Frequenzmodulation (FM), solche kleinen Jitteramplituden hinzukriegen. Das liegt daran, daß die Jitteramplituden bei FM immer größer werden, je kleiner die Modulationsfrequenz wird. Um kleine Jitteramplituden bei niedriger Frequenz hinzukriegen, muß man mit recht kleinen Signalpegeln modulieren. Das liegt technisch gesprochen daran, daß die Phasenabweichungen (also die Jitteramplitude) bei FM proportional zum Integral des Modulationssignals sind. Und das Integral wird immer größer, je kleiner die Jitterfrequenz wird. Einfacher hätte man es mit der Phasenmodulation (PM), einem engen Verwandten der FM, wo die Jitteramplitude von der Frequenz des Modulationssignals unabhängig ist. Dazu bräuchte man einen Signalgenerator, der nicht nur die FM, sondern auch die PM anbietet, was aber nicht auf das Gerät zutrifft, das Dave Hill verwendet hat.

Ich habe das mal mit meinen Mitteln nachgestellt, und dabei gefunden, daß bei einer Modulationsfrequenz von 300 Hz (also der höchste von Dave Hill benutzte Wert) der Jitter bereits an die 5 ns (peak-to-peak) beträgt, wenn man die kleinstmögliche Modulationsamplitude im Generator wählt (100 Hz peak frequency deviation). Mit kleineren Modulationsfrequenzen wird's noch extremer. Ich habe dabei als Taktfrequenz mal 24,576 MHz gewählt, weiß aber nicht ob das die gleiche ist wie bei Dave Hill, weil er sich darüber ebenfalls ausschweigt.

Noch ein Indiz ist, daß das Oszilloskop gar nicht genug Speicher hat, um selbst bei der günstigsten Wahl der Meßmethode solche niedrigen Jitterfrequenzen wie bei Dave's Versuchen ohne Abschwächung zu messen. Dave Hill hat wohl mit ziemlicher Sicherheit die höchste mögliche Samplingfrequenz des Oszilloskops gewählt, damit er die bestmögliche Auflösung bekommt. Das wären 20 Gs/s, also eine Abtastung alle 50 ps. Selbst wenn er unter diesen Umständen die TIE-Messung mit interner Taktrekonstruktion gewählt hat, was noch die günstigste Variante wäre, dann reicht das schon bei 300 Hz kaum für eine komplette Periode des Jittersignals, und das setzt noch den maximalen Speicherausbau des Oszilloskops voraus, was nur als (teure) Option zu kriegen ist. Bei 10 Hz ist das noch umso extremer. Da Dave Hill allerdings keine Angaben über seine Wahl der Meßmethode macht, kann es auch sein daß es noch wesentlich schlimmer ist. Wenn schon der denkbar günstigste Fall eine Abschwächung des gemessenen Jitters zur Folge hat, dann befürchte ich Ungünstiges.

Wenn man den Jitter ohne Abschwächungseffekt bis hin zu niedrigen Frequenzen mit dem Oszilloskop korrekt messen will, dann braucht es einen etwas anderen Ansatz, der dann auch nicht so viel Speicher im Oszilloskop braucht. Dafür braucht man allerdings eine passende Triggerquelle für das Oszilloskop, welche vom verjitterten Signal unabhängig ist. Ideal wäre es, wenn man aus dem Signalgenerator auch das unmodulierte Signal kriegen könnte, um damit das Oszilloskop zu triggern. Also sozusagen eine Anzapfung zwischen dem Generator und dem Modulator. Das unmodulierte Signal hätte dann die Rolle einer Referenz, relativ zu welcher man dann die Zeitabweichungen des verjitterten Signals messen könnte. Diese Referenz müßte dann nicht im Oszilloskop aus dem verjitterten Signal selbst abgeleitet werden, was - wie wir gesehen haben - in unserem Fall nur mit sehr viel Speicher möglich wäre.

Der verwendete Generator bietet aber auch diese Möglichkeit nicht. Man hat keinen Zugriff auf das unmodulierte Signal während die Modulation aktiv ist. Deswegen kommt diese Variante bei Dave's Versuchsaufbau nicht in Betracht.

Die einfachste Möglichkeit, die Dave Hill in dieser Situation gehabt hätte, würde in etwa so aussehen: Da der Generator auf seiner Rückseite das Signal seines eigenen 10 MHz Referenzoszillators ausgibt, könnte mit Hilfe eines externen Frequenzteilers ein Triggersignal für das Oszilloskop erzeugt werden, dessen Frequenz ohne Rest aus der eingestellten "Trägerfrequenz" teilbar ist. Beispielsweise könnte man bei der von mir angenommenen Taktfrequenz von 24,576 MHz einen Teilerfaktor von 625 verwenden. 10 MHz geteilt durch 625 ergibt 16 kHz, und 24,576 MHz geteilt durch 1536 ist auch 16 kHz. Damit kriegt man dann wieder ein stabiles Bild auf dem Oszilloskop, mit dem man den Jitter messen kann. Man nimmt damit gewissermaßen den Referenzoszillator des Generators als ideal an, und mißt den Jitter relativ dazu. Ideal ist er zwar nicht wirklich, aber in diesem Kontext ist sehr wahrscheinlich keine bessere Referenz verfügbar. So eine Messung ist dann unabhängig von der Jitterfrequenz und liefert damit den "tatsächlichen" Jitter.

Aber das hat wohl kaum stattgefunden, sonst hätte es darauf einen Hinweis in Dave Hill's Beschreibung gegeben. Wir müssen also davon ausgehen, daß er den Jitter auf eine Art und Weise gemessen hat, welche für niedrige Jitterfrequenzen relativ unempfindlich war. Um welchen Faktor sie unempfindlich war, gemessen an der Empfindlichkeit für hohe Jitterfrequenzen, bleibt unklar. Es können leicht etliche Zehnerpotenzen gewesen sein.

Wenn er den Jitter durch seine Meßmethode abgeschwächt hat, dann war der tatsächliche Jitter auf seinen Hörbeispielen stärker als was er angibt. Tendenziell ist die Diskrepanz umso größer, je niedriger die Jitterfrequenzen sind. Am extremsten wird sie bei seiner Datei E sein.

Übrigens merkt man bei solchen Jittermessungen, die auch sehr niedrige Jitterfrequenzen gleichberechtigt erfassen, die Effekte sehr niederfrequenter Instabilitäten von Oszillatoren, die sich als überraschend dominant herausstellen. Das führt dazu, daß man in der Praxis eine untere Grenzfrequenz in seine Meßanordnung einbauen muß, sonst wird eine sinnvolle Jittermessung unmöglich. Das ist zum Teil eine Folge der oben angesprochenen integrierenden Eigenschaft der Frequenzmodulation, die bewirkt, daß die Zeitabweichung ohne Grenze ansteigt wenn man Modulation bis herunter zur Frequenz 0 (DC) zuläßt. Das ist ein weiteres Indiz, denn Dave Hill gibt für Datei E an, daß das Modulationssignal durch einen Tiefpaß bei 10 Hz begrenzt wurde, was impliziert daß es bis zu 0 Hz herabreicht. Das kann nur funktioniert haben wenn eine untere Bandbegrenzung stillschweigend auf andere Weise zustande kam, was wiederum auf eine Abschwächung des Jittereffektes bei niedrigen Frequenzen hindeutet.

Das war jetzt eine ziemliche Packung an technischem Detailkram, schauen wir uns also mal an, was das unterm Strich bedeutet:

Dave Hill's Informationen über die Art und Weise, wie die Dateien zustande kamen, reichen bei Weitem nicht um die Jitterwerte einordnen zu können. Man kann sich aber mit genug Sachverstand einen Reim darauf machen, wie plausibel seine Angaben sind. Dabei kommt heraus, daß sie eigentlich nicht stimmen können, wahrscheinlich weil er eine Meßmethode benutzt hat, die genau den Jitter, den er verwendet hat, deutlich abgeschwächt hat. Was er für einen Jitter unterhalb von einer Nanosekunde hält, kann damit in Wirklichkeit Jitter im Mikrosekundenbereich sein.

Ich habe vier Wochen lang versucht, von Dave Hill weitergehende Informationen über seinen Meßaufbau zu bekommen. Ich habe mich sogar mit ihm auf der jüngsten AES-Convention in New York getroffen, um mit ihm persönlich zu reden. Das waren allesamt höfliche und rücksichtsvolle Konversationen, die aber keinerlei konkretes Ergebnis erbracht haben. Ich hätte erwartet, daß etliche der mich interessierenden Informationen, z.B. bzgl. der verwendeten konkreten Jitter-Meßmethode im Oszilloskop, aus dem Gedächtnis zu beantworten gewesen wären. Aber es kam nur allgemeines Blabla und Ausweichen, egal wie konkret ich fragte. Es bleibt mir nichts anderes, als zu glauben daß Dave keinerlei weiterführende Informationen geben wollte. Stattdessen hat er mich mit diversen Links auf Webseiten und Dokumente zu beschäftigen versucht, die keinerlei Nutzen für mein Anliegen gebracht haben. Die einzige Information, die im Zusammenhang mit meinem Anliegen weiter geholfen hat als das was ich bereits aus den Dokumenten auf der Webseite wußte, war die Angabe, daß sein Oszilloskop nur 2 MSamples Speicher hat, also die Grundausstattung und nicht etwa den Maximalausbau von 64 MSamples, was meinen Verdacht umso wahrscheinlicher macht. Ich vermute inzwischen, daß er mir das nicht mitgeteilt hätte, wenn er geahnt hätte daß ich damit etwas anfangen kann. Auf die konkrete Frage welche Meßmethode er beim Oszilloskop gewählt hatte, antwortete er mir zum Beispiel zweimal, es sei "Peak-to-Peak" gewesen (was schon auf der Webseite steht und nicht meine Frage war), obwohl ich eigentlich schon erklärt hatte was ich genau wissen wollte. Beim dritten Mal hat er mich dann vertröstet.

Ich glaube man macht keinen Fehler wenn man annimmt daß Dave Hill will, daß man an die Hörbarkeit von Jitter im Subnanosekunden-Bereich glaubt. Ob das tatsächlich stimmt scheint ihn nicht zu interessieren, und es ist ihm offensichtlich unrecht wenn dem jemand auf den Grund zu gehen versucht, weshalb er es auch hartnäckig vermieden hat, irgend etwas dazu beizutragen das mir das einfacher hätte machen können. Er war an meinem Verdacht, daß da etwas nicht stimmt, sichtlich uninteressiert, und hat abzuwiegeln versucht, indem er darauf hinwies, daß es ihm ja nicht auf's Messen ankomme, sondern auf das Hörtraining. Eine Antwort darauf, was ein Hörtraining wert ist, wenn die zugrunde liegenden Angaben grundfalsch sind, hat er nicht gegeben. Und er hat auch keinerlei Informationen oder Material zur Verfügung gestellt, die irgend eine Art von Plausibilitätscheck erleichtert hätte.

Ich sage daher: Er betreibt Desinformation, und er weiß das auch. Sein Verhalten ergibt keinen anderen Sinn. Ich muß das eingestehen, obwohl ich vorher einiges von seinen Entwicklerfähigkeiten gehalten habe, und ihm gegenüber sicher nicht feindlich eingestellt war. Er hätte alle Möglichkeiten gehabt, sich als integer zu präsentieren. Stattdessen hat er versucht, mich am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, und seine Message auf der Webseite zu retten, von der er wissen mußte daß sie nicht stimmt.

Vielleicht meint jetzt jemand, daß das zu weit geht und ich gar nicht wissen kann welches Motiv Dave Hill hat. Vielleicht ist das ja gar keine Absicht, sondern im besten Wissen und Gewissen passiert.

Abgesehen davon daß das nicht zu seinem gezeigten Verhalten passen würde, würde ich dazu auch noch folgendes Antworten: Wenn das wirklich ernst und ehrlich gemeint gewesen sein sollte, was soll man dann von jemandem denken, der Andere über die Hörbarkeit von Jitter weiterbilden will, aber anscheinend die unterschiedlichen Jittermeßmethoden nicht auseinander halten kann? Nicht weiß welchen Unterschied das insbesondere bei niedrigen Jitterfrequenzen macht? Der auch anscheinend die anderen Untersuchungen zur Jitterhörbarkeit nicht kennt, oder sich nichts dabei denkt daß die zu ganz anderen Ergebnissen kommen? Der keinen Anlaß sieht, in seinen Aufbau die eine oder andere Plausibilitätskontrolle einzubauen, die ihm hätte sagen können wie plausibel sein Ergebnis ist.

Vielleicht macht das klar genug, warum mir so etwas gegen den Strich geht. Seriös ist anders.

Sonntag, 8. September 2013

Humpty Dumpty und die "Belief Perseverance"

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ 
„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“
„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“ 
(Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln)
In der aktuellen Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung fand ich heute einen Artikel auf der Wissen-Seite mit dem Titel "Starrköpfe". Überflüssig zu sagen, daß ich mich sofort angesprochen fühlte. ;-)

Der Artikel bespricht einen Forschungsbeitrag eines Innsbrucker Forschers, der jüngst im Psychonomic Bulletin & Review erschien. Tobias Greitemeyer zeigt darin, daß viele Menschen auch dann noch an widerlegte Informationen glauben, wenn ihnen klar ist, daß sie falsch sind. Ja, das klingt nicht nur paradox, das ist es auch, weshalb die Süddeutsche extra betont: "Es ist wert das zu wiederholen: Selbst wenn jemand weiß und verstanden hat, dass eine Geschichte falsch und nichts als eine Lüge ist, neigt er dazu, trotzdem daran zu glauben."

Das ist für Aufklärer eine frustrierende Nachricht. Es reicht nicht, einen falschen Glauben zu widerlegen. Es reicht auch nicht, wenn der Betreffende kapiert hat, daß sein Glaube widerlegt ist. Er hört trotzdem nicht auf zu glauben. "Wenn der Mensch einmal an etwas glaubt, dann will er seine Haltung nur äußerst ungern aufgeben." Das Ganze heißt im englischen Fachbegriff "Belief Perseverance", also etwa "Glaubensbeharrlichkeit".

Offenbar hängt die Sache damit zusammen, wieviele Gründe man sich für die letztlich falsche Meinung zurecht gelegt hat. Diese Gründe brauchen gar nicht schlüssig zu sein, sie können sogar recht trübe sein, Hauptsache man hat sie für sich angenommen. Dann nutzt nicht mal der Nachweis, daß ein Ergebnis falsch ist, sondern es hilft laut Greitemeyer nur noch eines: "Man muss Argumente generieren, warum das (...) Ergebnis keinesfalls richtig sein kann."

Das heißt im Umkehrschluß, daß sich eine falsche Ansicht so lange hält, bis der Betreffende nicht nur kapiert hat, daß seine Meinung falsch ist, sondern auch daß sie unter keinen Umständen stimmen kann. Es reicht also nicht wenn man alle Beweise und Indizien für den Glauben zunichte macht, man muß darüberhinaus eine wasserdichte Beweiskette dagegen aufstellen, und zudem erreichen daß der Betreffende sie zur Kenntnis nimmt und auch kapiert.

Wer dagegen erreichen will, daß der Betreffende seinen Glauben behält, der braucht eigentlich nur für eines zu sorgen: Zweifel an der Wasserdichtigkeit des Gegenbeweises aufrecht zu erhalten. Den Rest erledigt die Glaubensbeharrlichkeit. Jede Verschwörungstheorie speist sich daraus.

Wer in den Hifi-Diskussionen schon so lange mitmischt wie ich, der wird keine Mühe haben, Beispiele für diese Sachlage zu finden. Mein in dieser Hinsicht frappierendstes Erlebnis (und es gibt einige starke Konkurrenten!) hatte ich Anfang 2011, als in meinem Blog-Thread im Hifi-Forum ein Streit wieder aufgeflammt ist, der sich um ein Blindtestangebot zum Thema Netzkabel drehte, welches "Franz" im Kommentarteil dieses Blogs machte (am 9. April 2010), nur um es dann wieder platzen zu lassen als er merkte, daß ich ihn beim Wort nehmen wollte, und der dann versuchte, mir die Sache in die Schuhe zu schieben. Dabei war nicht etwa Franz selbst derjenige, der mich am meisten frappiert hat, sondern "hifiaktiv" David Messinger, der mit dieser Diskussion zeigen wollte, wie unter anderem von mir "Andersdenkende diffamiert" werden. Stattdessen hat er er gezeigt, wie weit er zu gehen bereit ist um sich diese Meinung zu bewahren, und das habe ich in der krassen Form wirklich noch nicht erlebt gehabt.

David war bei der Kommentar-Diskussion im Blog mit dabei, und er hätte wissen müssen, daß ich die nachher so heiß umstrittene Vorbedingung einer Generalprobe von Anfang an gestellt hatte und keineswegs nachträglich auf's Tapet geracht hatte, wie er danach kategorisch behauptete. Das konnte man auch alles im Blog nachlesen, zudem gab's etliche Zeugen, und es wurde mehrfach in der Diskussion klargestellt. Trotzdem ließen sich weder Franz noch Charly noch David davon abbringen, zu behaupten ich hätte diese Bedingung nachträglich hervorgeholt. Charly ging so weit daß er nahelegte, ich hätte die Blogkommentare selbst nachträglich editiert, seine eigene Erinnerung sei anders. Und David weigerte sich sogar dann, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, als man ihm die Textpassagen ins Forum kopierte, damit er sie maximal bequem lesen konnte.

Das heißt es reichte nicht einmal die Aufstellung eines wasserdichten Beweiskette in Form von schriftlichen Originalzitaten, um den falschen Glauben zu überwinden, David weigerte sich einfach, das zur Kenntnis zu nehmen. Das ist die ultimative Verteidigung einer ansonsten unhaltbaren Position: Man verweigert die Kenntnisnahme der Fakten. Die eigene "Erinnerung" und die so liebgewonnene Überzeugung ist ohnehin überzeugender als alle Fakten es je sein können. Tobias Greitemeyer hätte damit bestimmt auch seine Freude gehabt.

David hat nach einigem hin-und-her dann tatsächlich seinen "Irrtum" anerkannt (in Beitrag #1653 als Reaktion auf meine #1651, beide lesenswert), aber man kann sich nicht sicher sein ob nicht seine "Erinnerung" irgendwann wieder die Oberhand bekommt. Das ist eben auch die Gefahr: Der liebgewonnene Glaube kann auch wieder zurückkommen. Zumal es durchaus passieren kann, daß sich das negative Erlebnis, derart "vorgeführt" zu werden, zu einer Rechtfertigung des ursprünglichen Glaubens wandelt. Ich habe also vielleicht die Testbedingungen nicht faktisch nachträglich verschärft, aber angesichts meiner generell empfundenen Niedertracht ist er davon überzeugt, daß ich dazu bereit und fähig gewesen wäre. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, daß man die Tatsache, daß ich es so hingekriegt habe, daß ich faktisch nicht niederträchtig war, als noch größere Niedertracht ansehen kann, weil es mir ja dadurch gelungen ist, meine Widersacher bloßzustellen. "Weil Du recht hast, stehe ich jetzt dumm da! Du Arschloch!", könnte er denken.

Wie geht man damit um?

Beim angegebenen Fall war die Sache wenigstens so, daß die Diskussion offen genug ablief, daß die Positionen klar sichtbar waren, und daß demzufolge Ausweichen nicht wirklich möglich war. Man kann zwar bezweifeln, daß der Betreffende daraus etwas gelernt hat, aber er kam nicht darum herum, seinen "Irrtum" öffentlich einzugestehen. In seinem eigenen Forum hätte es dafür keine Chance gegeben. Dort ist er Humpty Dumpty, er bestimmt was die Worte "freundlich", "sachlich", "Forenregel" usw. bedeuten. Dafür hat er die Macht. Was das in der Praxis bedeutet kann man im Hififorum.at sehen.

Für mich ergeben sich daraus mehrere Lehren:
  1. Wenn der Glaube stark genug ist, dann hilft gar nichts.
  2. Wer Glaubensbeharrlichkeit überwinden will, muß dem Gegenüber die Beschäftigung mit der Realität aufnötigen.
  3. Man kommt am besten gegen eine "Glaubensbeharrlichkeit" an, wenn man ausgeglichene Machtverhältnisse hat. Wer die Macht hat, braucht keine Fehler zuzugeben, muß nicht argumentieren, muß noch nicht einmal zuhören. Man kann ihn daher nicht dazu bringen, sich mit den Fakten zu beschäftigen.
  4. Öffentlichkeit neutralisiert Macht.


(Ich habe nach meiner Abmeldung im Hifi-Forum übrigens die Kommentare hier im Blog wieder erlaubt, allerdings diesmal nur für Leute mit Google-Konto.)