Wann ist ein Schnäppchen ein Schnäppchen? Gibt's dafür einen objektiven Maßstab, oder kommt es bloß auf die eigene, subjektive Zufriedenheit mit dem Kaufpreis an?
Ich bin kürzlich auf diese Frage gestoßen, weil mich mein Auto verlassen hat, und ich Ersatz brauchte. Im Gegensatz zum letzten Mal, wo ich einen Neuwagen gekauft hatte, dachte ich diesmal über ein gebrauchtes Auto nach, was preismäßig attraktiver zu sein schien. Bloß, was ist ein attraktiver Preis? Weil ich kein vernünftiges Angebot für das Auto fand, das ich am liebsten gehabt hätte, habe ich mein Spektrum erweitert und bei anderen Marken rumgeguckt und ausprobiert. Und bin bei einer Marke gelandet, die ich zuvor überhaupt nicht auf dem Radar hatte. Es spielt hier keine Rolle, welche, und welches Auto, es reicht daß es mir gefiel.
Ich war bei einem Händler der einen entsprechenden Gebrauchtwagen im Angebot hatte, aber für einen mir hoch erscheinenden Preis. Handeln geht immer, dachte ich, und bot einen Preis, der bei gut 80% des aufgerufenen Preises lag. Der Händler wollte sich nicht darauf einlassen und wir trennten uns.
Ein paar Stunden später rief er mich an, und bot einen Preis, der nur 300 Euro über meinem Angebot lag. Ich wollte nicht sofort entscheiden, zumal ich gerade mit etwas anderem beschäftigt war, und versprach, mich in Kürze zu melden. Ich war tatsächlich geneigt, den Wagen zu diesem Preis zu kaufen. Es war immer noch nicht billig, aber ich hatte das Gefühl daß der Preis jetzt im Rahmen war.
Trotzdem recherchierte ich im Internet noch nach anderen Angeboten bei dem gleichen Modell. Und siehe da, ich fand fast sofort ein Angebot eines (mit Ausnahme der Farbe) sehr vergleichbaren Wagens (gleicher Typ, fast gleiche Kilometerleistung, annähernd gleiche Ausstattung), der von Zustand her sogar noch etwas besser dazustehen schien, und der von privat für einen Preis angeboten wurde, der weniger als die Hälfte des vom Händler ursprünglich verlangten Preises betrug. Und das beste: Der Verkäufer wohnte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Weniger als 5 Minuten Fußweg. Logisch, daß ich den Wagen noch am gleichen Abend probegefahren bin. Am nächsten Tag war er auf mich angemeldet.
Zugegeben, der Wagen hat ein, zwei weniger bedeutende technische Fehler, die mich wohl noch ein paar Kröten für die Werkstatt kosten werden, aber wenn es nicht besonders dumm läuft, dann macht das weit weniger aus als die gegenüber dem Händlerangebot gesparte Summe. Das bedeutet, gegenüber dem reduzierten Händlerangebot, das ich bereits als ok aufgefaßt habe, habe ich mehrere Tausender gespart.
Ihr könnt Euch vorstellen, daß ich im Moment recht zufrieden bin. Wenn kein dickes Ende folgt, dann war das wohl ein Schnäppchen. Aber was wenn ich das andere Angebot nicht gefunden hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich beim Händler zugeschlagen. Es wäre mir zwar nicht als ausgesprochenes Schnäppchen erschienen, aber zufrieden mit dem Preis wäre ich ebenfalls gewesen.
Diese private Anekdote soll ein allgemeineres Prinzip bzw. Problem illustrieren: Was ist ein guter Preis? Und was macht ein Verkäufer, um zu erreichen daß der Kunde einen möglicht hohen Preis noch immer als gut oder wenigstens als ok einschätzt, so daß er in den Kauf einwilligt?
Es liegt auf der Hand, daß diese Frage ziemlich wichtig für die ganze Wirtschaft ist. Wer als Verkäufer seinen Kunden erfolgreich in der Richtung manipulieren kann, daß dieser einen höheren Preis akzeptiert, der erzielt bessere Gewinnspannen.
Es liegt ebenfalls auf der Hand, daß ein Käufer, der sich diesen Manipulationsversuchen erfolgreich entziehen kann, günstiger einkauft. Eine gewisse Kenntnis der Verkaufspsychologie ist daher auch für die Käufer sinnvoll.
Ein wichtiger Faktor bei der Urteilsbildung eines Kunden ist der sogenannte Ankerpreis. Das ist der Preis, der sich im Kopf des Kunden als Vergleichsbasis für ein bestimmtes Produkt festgesetzt hat. Wenn das Produkt mehr kostet, dann empfindet das der Kunde als teuer, wenn es weniger kostst als günstig. Der Ankerpreis ist die Meßlatte für das Preisempfinden des Kunden, und drückt letztlich aus was aus Sicht des Kunden ein Produkt dieser Art "wert" ist.
Als Verkäufer hat man daher das Interesse, daß der sich Kunde einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Viele der Marketingtricks, mit denen Firmen arbeiten, haben genau das zum Ziel: Sie versuchen den Prozeß zu beeinflussen, mit dem der Kunde sein Preisempfinden bildet. Dieser Prozeß ist ziemlich gut manipulierbar, daher bieten sich dafür viele Ansatzpunkte, und es wird darüber auch schon seit Langem geforscht.
Doch bevor ich zu diesen Manipulationsmethoden komme, noch ein Exkurs:
Was ist ein Produkt eigentlich wert? Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Welche Rolle spielen dafür z.B. die Herstellungskosten? Als Kunde wird man die meist nicht kennen, und der Hersteller hat auch kein Interesse daran daß der Kunde sie erfährt. Die Gefahr für den Hersteller ist, daß der Kunde sich aus den Herstellungskosten einen zu niedrigen Ankerpreis bildet. Die Kalkulationsdaten des Herstellers sollen dem Kunden möglichst verborgen bleiben.
Für einen Hersteller ist das aber wichtiger Input für die Preiskalkulation. Bei elektronischen Geräten, die in Serie hergestellt werden, besagt z.B. eine weitverbreitete Faustregel für die interne Kalkulation eines Herstellers, daß die Listenpreise eines Gerätes etwa das 4 bis 5-fache der Bauteilkosten ausmachen sollten. Kosten die Bauteile für ein Gerät 20 Euro, dann muß man das fertige Gerät für mindestens 80-100 Euro verkaufen, wenn man noch was daran verdienen will. Das Gerät muß schließlich auch entwickelt, gefertigt, getestet, ggf. zugelassen und schließlich beworben, vertrieben und verkauft werden. Zusätzlich fällt noch eine gewisse Menge an Serviceaufwand an.
Mehr als eine grobe Orientierung kommt dabei aber nicht heraus, und im Grunde fängt man dabei von der falschen Seite an. Die interessantere Frage ist nämlich, welchen Preis man auf dem Markt durchsetzen und durchhalten kann.
Ist der Wert des Produktes also die Summe aus den Bauteil- und Herstellungskosten, plus dem drumherum? Oder ist es der Preis, den der Markt zu zahlen bereit ist? Oder irgendetwas anderes?
Was ist z.B. ein Liter Milch wert? Ich wähle bewußt mal das Milchbeispiel, weil es ein Produkt ist, das weit verbreitet ist, so daß ein großer Teil der Bevölkerung zu den Kunden gehört und den Preis kennt. Zusätzlich ist es ein Produkt, dessen Preis oft Gegenstand von Marketinganstrengungen ist, und daher stark sichtbar ist, bis hin zu Meldungen in Medien wenn er sich deutlich ändert. Es ist auch ein Produkt, dessen Produktion weitgehend offen zutage liegt, so daß sich die meisten Leute eine grobe Vorstellung gebildet haben was damit verbunden ist.
Z.B. ging vor ein paar Monaten die Meldung durch die Medien, daß Aldi den Milchpreis von 51 auf 60 Cent pro Liter erhöht habe. Solche Preismeldungen sind nur bei relativ wenigen Produkten üblich, und ich gebe zu daß ich nicht so recht begreife warum gerade die Milch diesen Stellenwert hat, und nicht etwa andere Grundnahrungsmittel, die vielleicht sogar noch wichtiger sind, wie z.B. das Mehl. Vielleicht weil es nur zwei oder drei allgemein verbreitete Sorten gibt (wie beim Sprit), und die Vergleichbarkeit entsprechend gut ist?
Ist die Milch 60 Cent pro Liter wert? Wenn man den Marktpreis als Maßstab nimmt, müßte man das bejahen. Die Milchbauern würden das aber vehement bestreiten. Die Milchproduktion ist erheblich aufwändiger als die Produktion von Cola oder gar Mineralwasser, und das Produkt ist trotzdem nicht teurer. Die Milchwirtschaft versucht dagegen anzu"werben", aber mit nur bescheidenem Erfolg.
Wer also bei seiner "Ankerpreisbildung" lediglich am Aldi-Regal vorbei schlendert, und nicht weiter drüber nachdenkt, der käme wohl dazu, einen Preis von 1 Euro für den Liter Milch teuer zu finden, hätte aber zwei Regale weiter kein Problem, für den gleichen Betrag eine Literflasche Cola in den Einkaufswagen zu legen. Wer bei seiner Ankerpreisbildung über die Produktionsbedingungen und die Hintergründe nachdenkt, und Quervergleiche macht, der käme wohl zu ganz anderen Preisempfindungen. Er würde finden, daß im Vergleich die Milch "unter Wert" verkauft wird, und die Cola dem Hersteller einen weitaus besseren "Reibach" beschert.
Es hängt also von der Betrachtungsweise, vom Blickwinkel ab, zu welcher Einschätzung man hier kommt, und als Verkäufer ist man bestrebt, den Blickwinkel des Kunden in eine bestimmte Richtung zu lenken, damit er sich einen möglichst hohen Ankerpreis bildet. Das funktioniert am besten unbewußt, womit wir bei den Manipulationsmethoden angekommen sind.
Einige der auffälligsten Manipulationen drehen sich dabei um den "Lifestyle"-Bereich. Der Grundtenor ist dabei, höhere Preise mit einer gehobenen Lebensart in Verbindung zu bringen, und damit sozusagen die Eitelkeit des Kunden für eine Hebung des Ankerpreises zu nutzen. Was man damit erreichen kann, kann man exemplarisch an Mineralwasser sehen, wo "Lifestyle"-Wässer für ein vielfaches des üblichen Preises verkauft werden, obwohl ihre Herstellung sich in nichts von anderen Wässern unterscheidet. Es darf auch bezweifelt werden, daß man Qualitätsmaßstäbe finden kann, die solche Preise rechtfertigen könnten. Die Produkte werden letztlich verkauft, und ihre Preise gezahlt, weil das Produktmarketing es geschafft hat, ein entsprechendes Image aufzubauen, das wiederum die Erwartungshaltung des Kunden beeinflußt, und damit seine Ankerpreisbildung.
Natürlich ist es im Hifi-Markt genau das Gleiche, besonders im "Lifestyle"-durchsetzten High-End-Sektor. Die Preise dort haben überhaupt nichts mit den Herstellungskosten zu tun, oder mit der gebotenen faktischen Leistung. Die ist nicht selten schlechter als bei Standardware, wenn man versucht, sie an objektiven Kriterien festzumachen.
Damit meine ich übrigens nicht die ganz besonders teuren Exoten, die sich sowieso nur eine verschwindend kleine Anzahl von Leuten leisten können. Diese Exoten sind selbst nur ein Trick, sie gehören zu einer Manipulationsmethode, die auf die Ankerpreisbildung zielt, und dafür sorgt daß man in den viel umsatzstärkeren Preissegmenten darunter mehr Gewinn erzielen kann. Wer wirklich Geld verdienen will, der muß dafür sorgen daß die Kunden im Massenmarkt höhere Preise akzeptieren. Die Hochpreis-Exoten helfen dabei.
Ganz besonders erfolgreich war diese Strategie bei den Zubehörteilen, besonders den Kabeln. Man lästert gerne über Kabel, die tausende von Euros für einen Meter kosten. So gut wie alle Leute, sogar die meisten "Audiophilen", sind sich weitgehend einig darüber, daß solche Kabel zu teuer sind. Kaum jemand ist bereit dafür derart tief in die Tasche zu greifen. Der Sinn dieser Produkte liegt aber darin, ein Kabel für ein paar Hundert Euros normal aussehen zu lassen, so daß der Kunde nicht zusammenzuckt wenn so ein Preis aufgerufen wird. Ein Kabel für 300 Euro ist für Audiozwecke immer noch irrwitzig teuer, wenn man es an der von ihm erfüllten Funktion in der Anlage festmacht, oder an seinen Herstellungskosten. Aber es ist ein Preis, der gegenüber dem Kabel von 20000 Euro geradezu vernünftig aussieht.
Es muß daher schon aus Marketinggründen Kabel geben, die 20000 Euro kosten, selbst wenn es dafür keinen einzigen Kunden geben würde. Wenn die Existenz dieses Kabels, und die Tatsache daß es durch alle Zeitschriften und Foren gezogen wird, und die Leute sich abwechselnd darüber den Mund zerreißen und danach lechzen, die Preisakzeptanz für die stückzahlmäßig interessanten Kabelmodelle verbessert, dann hat sich das gelohnt, selbst wenn niemand das "Spitzenmodell" kauft.
Wenn dann doch ein paar Spinner zum Spitzenmodell greifen, umso besser. Aber einen großen Beitrag zum Gewinn leistet das nicht.
In den Foren kann man sehen wie gut das funktioniert. Da sind Leute an der Tagesordnung, die Preise von 50 bis mehrere Hundert Euro für ein Kabel ganz offensichtlich für normal halten. Und das sind oft noch nicht einmal die Hardcore-Audiophilen, sondern eher die "Speerspitze des Mainstream". Das ist die Zielgruppe. Dort ist der Markt und der Gewinn. Der Ankerpreis für Audiokabel wird nie bei 20000 Euro liegen, aber man hat ihn bei einem großen Teil der Kundschaft erfolgreich von 5 Euro auf 50 Euro und mehr angehoben, und das Kabel für 20000 Euro hat dabei geholfen.
Mit der Technik und der Funktion der Kabel hat das nichts zu tun. Das sind in diesem Zusammenhang Trivialitäten. Man müht sich nach Kräften, den Eindruck zu erwecken als hätte das etwas mit Technik und Innovation zu tun, und man nutzt die technische Unkenntnis des Käufers auf diesem Gebiet, um ihm technische Komplexität zu suggerieren wo keine ist. Deswegen können ja unterschiedliche Anbieter auch zu völlig gegensätzlichen Erklärungen und angeblichen "Lösungen" kommen. Wenn etwas keine Rolle spielt, dann spielt das Gegenteil ebenfalls keine. Wenn es egal ist, dann ist es z.B. kein Widerspruch, daß der Eine ein dickes Kabel als das Nonplusultra anbietet, und der Andere ein dünnes.
Dazu kommt, daß man hier leicht Versprechungen machen kann, deren Einhaltung niemand kontrollieren wird oder kann. Wer wäre z.B. in der Lage, den Reinheitsgrad des Kupfers zu bestimmen, das in einem Kabel verwendet wird? Da kann man leicht Phantasiewerte in die Datenblätter schreiben, die mit der Realität nichts zu tun haben. Ist ein Kunde darauf reingefallen, wird er an seinem Glauben festhalten. Die meisten Kunden wären noch nicht einmal in der Lage, herauszufinden ob es überhaupt Kupfer ist, vom Reinheitsgrad ganz zu schweigen. Zudem würden sie wohl kaum ein Kabel zur Prüfung zerstören, wenn sie dafür so eine stolze Summe gezahlt haben.
Im Ergebnis hat man als Anbieter damit alle Möglichkeiten zum Betrug, und eine geringe Gefahr, daß er auffliegt. Noch nicht einmal der Kunde hat daran ein Interesse, weil ihn das selbst schlecht dastehen lassen würde. Die Erwartungshaltung ist da ja, daß das klangliche Konsequenzen hat, und bei einem solchen Betrug müßte man sich eingestehen, daß es mit den eigenen Fähigkeiten zur Erhörung dieser Kabeleigenschaften dann doch nicht so weit her ist.
Will man erreichen, daß der Ankerpreis beim Kunden höher ausfällt, dann braucht man also Extrembeispiele, die als unerreichbares Wunschziel aufgebaut werden können, und muß für deren Publicity sorgen, um den Speichelfluß anzuregen. Dafür hilft es auch, wenn diese Extrembeispiele von Meinungsführern tatsächlich benutzt werden. Als Meinungsführer taugen im Prinzip alle in der Zielgruppe bekannten Personen, besonders z.B. Besitzer und Mitarbeiter in Tonstudios. Man wird daher als Hersteller anstreben, daß die eigenen High-End-Produkte in solchen Studios verbaut werden und in der entsprechenden Propaganda auftauchen. Dafür könnte man ihnen das Produkt auch schenken, aber es wäre schlecht wenn das herauskäme, weswegen man die Sache besser ein einen günstigen "Deal" verpackt, bei dem es so aussieht als hätte sich der Studiobetreiber aus eigenem Antrieb zum Kauf entschieden. Ein bißchen unterstützendes Geschwurbel kann man dabei gleich mit heraushandeln. "Endorsement" nennt man diese übliche Praxis im Marketing.
Die Fachpresse spielt dabei natürlich mit, denn zum Einen haben Luxusartikel für exorbitante Preise immer einen Anlock-Effekt (manche Zeitschriften berichten über nichts anderes), selbst wenn der Leser kopfschüttelnd davor sitzt, zum Anderen bietet sich so immer wieder eine Gelegenheit zu Artikeln über diese Anwender, egal ob das nun besonders reiche oder spinnerte Audiophile sind, oder um Vertreter aus der professionellen Szene. Das lockt Leser an, nicht aber die eher technisch orientierte Aufklärung, für die man sein Gehirn anstrengen muß. Letztlich sind damit die Interessen fast aller Beteiligten gleich gerichtet, einschließlich dem Käufer, der aber dafür letztlich die Zeche zahlt.
Die "Gleichschaltung" hat ebenfalls einen wichtigen Effekt auf die Ankerpreisbildung. Wenn fast unisono die ganze Szene aus Anbietern, Presse und Anwendern dieselbe Botschaft aussenden, dann wird das als der Normalfall betrachtet, und gar nicht groß drüber nachgedacht. Wenn auf breiter Front Kabel für zig bis hunderten von Euro angeboten, getestet, gekauft und beschwurbelt werden, wenn man das auch noch als "Mittel- bis Oberklasse" betitelt, dann wird das schon richtig so sein, und der Kunde fügt sich ein. Wie sollte er auch auf andere Ideen kommen? Woher sollte er wissen, was ein Kabel wirklich "braucht", und was das kostet? Eine Anlage kauft man im Normalfall nicht so oft, daß es sich lohnen würde, sich in die Technik tiefer einzuarbeiten. Man konsultiert ein paar Zeitschriften, bildet sich so unbewußt seine Ankerpreise aus den Bestenlisten, und sucht sich dann meist das aus, was man als noch "normal" empfindet.
Hätte man zu diesem Zeitpunkt schon Kontakt zu gänzlich anderen Meinungen, zu Kritikern, dann würde die Ankerpreisbildung vermutlich anders verlaufen. Die Bestrebung der Verkäufer muß daher dahin gehen, gerade in dieser sensiblen Zeit am Anfang den Kontakt mit Kritikern zu verhindern. Wenn sich die Maßstäbe dann mal gebildet haben, wird sie der betreffende Kunde schon selber verteidigen, wenn er dann auf Kritiker stößt.
Was meint Ihr, rede ich Unsinn? Wo meint Ihr, liegt Euer Ankerpreis, und wie hat er sich gebildet? Ihr seid dran.
Sonntag, 27. Januar 2013
Donnerstag, 1. November 2012
Stereoplay-Verstärkermessungen, fünfter Versuch
Ich war dieses Jahr nicht auf der High-End in München, aber vielleicht hätte ich hingehen sollen, denn wie ich inzwischen mitgekriegt habe (jaja ich weiß: ziemlich spät), sind die dubiosen Verstärkermessungen der Stereoplay wieder aus der Versenkung aufgetaucht, nämlich in der Form eines neuerlichen Vortrags von Peter Schüller, dem Laborleiter der Testfactory, dem von der Stereoplay beauftragten Meßlabor in Stuttgart. Kurioserweise findet man die schriftlichen Unterlagen auf der Webseite der Firma Burosch, ich war aber erfolglos auf der Seite der Stereoplay und der Testfactory auf der Suche.
Wenn man sich die ganzen Kontroversen in Erinnerung ruft, die es um diese Messungen vor einigen Jahren gab (siehe dazu hier, hier, hier, hier und hier), dann wird natürlich interessant, zu sehen was sich an der Darstellung inhaltlich getan hat. Speziell, ob man die damals geäußerte massive Kritik in irgendeiner Form berücksichtigt findet. Nicht, daß ich angesichts der bisherigen Verhaltensweisen der Stereoplay-Vertreter da irgendeine Hoffnung hätte, die Fortsetzung der Totalverweigerung ist da sicher die wahrscheinlichste Annahme. Aber sehen wir uns das ruhig mal im Einzelnen an.
Schüller möchte den Bezug zur sog. "Stereoplay-Klirrtheorie" herstellen, die in den 80er Jahren von Stereoplay-Redakteur Johannes Maier formuliert wurde. Sie besagt daß gut klingende Verstärker ein Klirrspektrum haben, bei dem die höheren Harmonischen eine abfallende Stärke haben. Insofern der Klirr so stark ist daß er hörbar wird, ist das auch leicht nachzuvollziehen. Daß höhere Harmonische unangenehmer klingen als niedrige Harmonische, und deswegen auch schneller stören, war auch schon 1985 jahrzehntelang bekannt.Entsprechende Aussagen habe ich schon in der Literatur der 50er Jahre gefunden, als es noch keine Transistorverstärker in der HiFi-Technik gab. Die Theorie ist also wohl kaum auf dem Stereoplay-Mist gewachsen, und es war dazu anscheinend auch kein moderner Spektrumanalysator nötig (daß er hilfreich ist steht außer Zweifel). Unklar bleibt, warum das auch noch dann gelten soll, wenn der Klirr insgesamt sehr gering ist, und ich konnte bisher keine Erklärung, weder von der Stereoplay noch von sonstwem, finden, warum das unabhängig von der Stärke des Klirrs gelten soll. Es sollte intuitiv klar sein, daß unterhalb eines bestimmten Klirrniveaus die Klirrverteilung egal ist. Es kann dann nur noch darum gehen, wo dieses "Unbedenklichkeits-Niveau" in der Praxis liegt. Schüller läßt das völlig undiskutiert.
Der nächste angeblich klangbestimmende Faktor ist laut Schüller der Frequenzgang, also lineare Verzerrungen. Schüller will offenbar die Gegenkopplung für Probleme mit dem Frequenzgang verantwortlich machen, speziell bei wechselnder Lastimpedanz, aber es ist nicht erkennbar wie seine Behauptung von den von ihm gezeigten Meßkurven gestützt wird. Mir scheint eher die Überlegenheit der Gegenkopplung daraus deutlich zu werden. Obwohl der gezeigte Verstärker mit einer Last von 2 Ohm deutliche Schwierigkeiten hat, was auf viele Verstärker zutreffen dürfte, die für solche Lasten nicht konstruiert sind, ist der Einfluß mit Gegenkopplung geringer als ohne.
Zudem versucht Schüller in der schriftlichen Präsentation den Eindruck zu erwecken, als wäre die Gegenkopplung "erfunden" worden, um die nachteiligen Transistorkennlinien zu linearisieren. Das ist natürlich falsch. Die Gegenkopplung stammt aus der Röhrenzeit, und wurde auch bei Röhrenverstärkern erfolgreich zur Klirr-Reduktion benutzt, denn auch die Röhrenkennlinien sind nicht linear. Als die Transistorverstärker aufkamen war die Gegenkopplung schon längst allgemein akzeptierte Technik bei Röhrenverstärkern. Prominentes Beispiel: Der Williamson-Verstärker aus den 40ern. Der erreichte Klirrwerte von an die 0,1% nur wegen seines Einsatzes von Gegenkopplung, und wurde wegen seiner Klangqualität als Meilenstein angesehen.
Schüller's nächster Punkt ist die "Rückflußdämpfung", und da kommt er an dem Punkt an, den auch die erwähnte "Meßtechnik-Sensation" von 2009 aufgehängt war. Nach mehreren Fehlzündungen kam die Stereoplay damals schließlich auf die Verwendung eines MLS-Signals, das "rückwärts" in den Verstärkerausgang eingespeist wird, entweder über einen Ohmschen Widerstand oder über eine Lautsprecher-Nachbildung. Am Verstärkerausgang mißt man dann, was davon übrig ist, was also der (stumme) Verstärker nicht mit seiner niedrigen Ausgangsimpedanz "kurzgeschlossen" hat. Nimmt man den Ohmschen Widerstand, dann kann man so den Dämpfungsfaktor über die Frequenz bestimmen (dazu wäre aber kein MLS-Signal nötig, das ginge ganz genauso und leichter mit einfachen Sinussignalen). Nimmt man die Lautsprecher-Nachbildung, dann überlagert sich dieser Dämpfungsfaktor-Kurve noch die Impedanzkurve der Lautsprecher-Nachbildung. Was man sieht ist der kombinierte Effekt von Beidem.
Schüller behauptet, man sehe daran den Einfluß des Lautsprechers auf den Verstärker. Das ist falsch. Man sieht daran lediglich, wie zwei frequenzabhängige Widerstände (die Lautsprechernachbildung und die Ausgangsimpedanz des Verstärkers) sich zu einem frequenzabhängigen Spannungsteiler kombinieren. Dieses Ergebnis hätte man auch rechnerisch ermitteln können, es ist keinesfalls überraschend oder neu, und hat auch nichts mit einer Rückwirkung zu tun. Hier sind die Kritikpunkte aus den früheren Diskussionen offensichtlich ignoriert worden, und es werden weiterhin falsche oder irreführende Aussagen gemacht.
Das setzt sich fort in der Diskussion des rückwärts eingespeisten Rechtecksignals. Hier begegnet uns der Brinkmann-Verstärker wieder, an dessen Test sich vor mehr als 3 Jahren die Debatte entzündet hatte. Schüller versucht, den Eindruck zu erwecken als habe das dargestellte Rechtecksignal mit weniger Überschwingern einen Bezug zum angeblich besseren Klang des Brinkmann. Abgesehen davon daß diese Aussage nach wie vor nicht belegt wird, weil keinerlei Hörtests zur Erhärtung vorgestellt wurden, ist das auch eine sehr unglaubwürdige Schlußfolgerung. Die gezeigten Rechteckdarstellungen des rückwärts eingespeisten Signals zeigen im Grunde das Gleiche wie die vorher gezeigten Kurven der "Rückfluß-Dämpfung" (Folie 15), bloß einmal im Frequenzbereich und einmal im Zeitbereich. Aus Folie 15 kann man schon abschätzen wie hoch die Überschwinger an den Rechteckflanken sein würden, und wie hoch die waagrechten Linien, auf denen sich das Rechteck einschwingt. Es ergibt sich allerdings daß der Maßstab nicht übereinstimmen kann, oder daß die beiden Rechteckkurven nicht mit vergleichbaren Meßbedingungen ermittelt wurden, denn sonst hätte das Rechteck rechts in Folie 23 mindestens die doppelte Amplitude haben müssen.
Generell schlägt sich in dieser Rechteckmessung der Dämpfungsfaktor bei niedrigen Frequenzen auf die Höhe des Rechtecks als solchem nieder, und der Dämpfungsfaktor bei hohen Frequenzen auf die Höhe der Überschwinger. Ist der Dämpfungsfaktor bei allen Frequenzen gleich, dann verschwinden die Überschwinger. Das ist wieder nichts Anderes als die Kombination zweier frequenzabhängiger Widerstände (Impedanzen) in einem Spannungsteiler. Dazu ist es nicht die Btrachtung des am Lautsprecher ankommenden Signals, sondern der am Verstärker ankommenden Rückwirkung, von der zudem keine Beeinflussung des eigentlichen Verstärkers zu erkennen ist. Auch hier ist nicht zu erkennen, daß man bei der Stereoplay aus der früheren Kritik irgend etwas gelernt hätte.
Schüller kommt dann wieder auf die Thematik des Klirrs zurück, und es fällt auf daß für ihn die absolute Höhe der Klirrwerte gar keine Rolle zu spielen scheint. Nur auf die relativen Stärken der einzelnen Harmonischen soll es offenbar ankommen, so daß er mühelos einen heftig klirrenden kleinen Röhrenverstärker loben kann, der den Meßwerten zufolge aber wohl eher deswegen gefällt, weil er schönfärberische, als "warm" empfundene Harmonische zweiter Ordnung produziert, und zwar umso mehr, je niederohmiger die Last ist. Das ist alles überhaupt keine Überraschung, und so oder so ähnlich schon vor vielen Jahrzehnten diskutiert worden.
Die Stereoplay erfindet solche Theorien natürlich nicht einfach so. Wie schon beim Brinkmann-Verstärker anno 2009 gab auch diesmal wieder ein Verstärker aus einem aktuellen Test den Anstoß, sich eine dazu passende Theorie zusammenzudichten. Der in der diesjährigen Aprilausgabe getestete Unison-Röhrenverstärker ist genau dieses Klirrmonster, das schönerklärt werden mußte, und wie man das macht sieht man an dem für Unison erstellten Sonderdruck.
Es ist das bekannte Bild: Man testet ein Gerät, das aus irgendeinem Grund gefällt, und für das man nicht einfach schlechte Meßwerte stehen lassen kann. Also erfindet man eine Theorie, mit denen man die Meßwerte uminterpretieren kann, und die das Gerät allen konventionellen Ansichten zum Trotz gut aussehen läßt. Das war beim Brinkmann so, und das ist dann wieder beim Unison so gewesen. Ich bin schon gespannt, wnn man das nächste Mal bei Stereoplay einen Verstärker testet, für den man die passende Theorie dazu erfinden muß. Hemmungen scheinen da ja keine mehr zu existieren.
Wie üblich: Kommentare hier.
Wenn man sich die ganzen Kontroversen in Erinnerung ruft, die es um diese Messungen vor einigen Jahren gab (siehe dazu hier, hier, hier, hier und hier), dann wird natürlich interessant, zu sehen was sich an der Darstellung inhaltlich getan hat. Speziell, ob man die damals geäußerte massive Kritik in irgendeiner Form berücksichtigt findet. Nicht, daß ich angesichts der bisherigen Verhaltensweisen der Stereoplay-Vertreter da irgendeine Hoffnung hätte, die Fortsetzung der Totalverweigerung ist da sicher die wahrscheinlichste Annahme. Aber sehen wir uns das ruhig mal im Einzelnen an.
Schüller möchte den Bezug zur sog. "Stereoplay-Klirrtheorie" herstellen, die in den 80er Jahren von Stereoplay-Redakteur Johannes Maier formuliert wurde. Sie besagt daß gut klingende Verstärker ein Klirrspektrum haben, bei dem die höheren Harmonischen eine abfallende Stärke haben. Insofern der Klirr so stark ist daß er hörbar wird, ist das auch leicht nachzuvollziehen. Daß höhere Harmonische unangenehmer klingen als niedrige Harmonische, und deswegen auch schneller stören, war auch schon 1985 jahrzehntelang bekannt.Entsprechende Aussagen habe ich schon in der Literatur der 50er Jahre gefunden, als es noch keine Transistorverstärker in der HiFi-Technik gab. Die Theorie ist also wohl kaum auf dem Stereoplay-Mist gewachsen, und es war dazu anscheinend auch kein moderner Spektrumanalysator nötig (daß er hilfreich ist steht außer Zweifel). Unklar bleibt, warum das auch noch dann gelten soll, wenn der Klirr insgesamt sehr gering ist, und ich konnte bisher keine Erklärung, weder von der Stereoplay noch von sonstwem, finden, warum das unabhängig von der Stärke des Klirrs gelten soll. Es sollte intuitiv klar sein, daß unterhalb eines bestimmten Klirrniveaus die Klirrverteilung egal ist. Es kann dann nur noch darum gehen, wo dieses "Unbedenklichkeits-Niveau" in der Praxis liegt. Schüller läßt das völlig undiskutiert.
Der nächste angeblich klangbestimmende Faktor ist laut Schüller der Frequenzgang, also lineare Verzerrungen. Schüller will offenbar die Gegenkopplung für Probleme mit dem Frequenzgang verantwortlich machen, speziell bei wechselnder Lastimpedanz, aber es ist nicht erkennbar wie seine Behauptung von den von ihm gezeigten Meßkurven gestützt wird. Mir scheint eher die Überlegenheit der Gegenkopplung daraus deutlich zu werden. Obwohl der gezeigte Verstärker mit einer Last von 2 Ohm deutliche Schwierigkeiten hat, was auf viele Verstärker zutreffen dürfte, die für solche Lasten nicht konstruiert sind, ist der Einfluß mit Gegenkopplung geringer als ohne.
Zudem versucht Schüller in der schriftlichen Präsentation den Eindruck zu erwecken, als wäre die Gegenkopplung "erfunden" worden, um die nachteiligen Transistorkennlinien zu linearisieren. Das ist natürlich falsch. Die Gegenkopplung stammt aus der Röhrenzeit, und wurde auch bei Röhrenverstärkern erfolgreich zur Klirr-Reduktion benutzt, denn auch die Röhrenkennlinien sind nicht linear. Als die Transistorverstärker aufkamen war die Gegenkopplung schon längst allgemein akzeptierte Technik bei Röhrenverstärkern. Prominentes Beispiel: Der Williamson-Verstärker aus den 40ern. Der erreichte Klirrwerte von an die 0,1% nur wegen seines Einsatzes von Gegenkopplung, und wurde wegen seiner Klangqualität als Meilenstein angesehen.
Schüller's nächster Punkt ist die "Rückflußdämpfung", und da kommt er an dem Punkt an, den auch die erwähnte "Meßtechnik-Sensation" von 2009 aufgehängt war. Nach mehreren Fehlzündungen kam die Stereoplay damals schließlich auf die Verwendung eines MLS-Signals, das "rückwärts" in den Verstärkerausgang eingespeist wird, entweder über einen Ohmschen Widerstand oder über eine Lautsprecher-Nachbildung. Am Verstärkerausgang mißt man dann, was davon übrig ist, was also der (stumme) Verstärker nicht mit seiner niedrigen Ausgangsimpedanz "kurzgeschlossen" hat. Nimmt man den Ohmschen Widerstand, dann kann man so den Dämpfungsfaktor über die Frequenz bestimmen (dazu wäre aber kein MLS-Signal nötig, das ginge ganz genauso und leichter mit einfachen Sinussignalen). Nimmt man die Lautsprecher-Nachbildung, dann überlagert sich dieser Dämpfungsfaktor-Kurve noch die Impedanzkurve der Lautsprecher-Nachbildung. Was man sieht ist der kombinierte Effekt von Beidem.
Schüller behauptet, man sehe daran den Einfluß des Lautsprechers auf den Verstärker. Das ist falsch. Man sieht daran lediglich, wie zwei frequenzabhängige Widerstände (die Lautsprechernachbildung und die Ausgangsimpedanz des Verstärkers) sich zu einem frequenzabhängigen Spannungsteiler kombinieren. Dieses Ergebnis hätte man auch rechnerisch ermitteln können, es ist keinesfalls überraschend oder neu, und hat auch nichts mit einer Rückwirkung zu tun. Hier sind die Kritikpunkte aus den früheren Diskussionen offensichtlich ignoriert worden, und es werden weiterhin falsche oder irreführende Aussagen gemacht.
Das setzt sich fort in der Diskussion des rückwärts eingespeisten Rechtecksignals. Hier begegnet uns der Brinkmann-Verstärker wieder, an dessen Test sich vor mehr als 3 Jahren die Debatte entzündet hatte. Schüller versucht, den Eindruck zu erwecken als habe das dargestellte Rechtecksignal mit weniger Überschwingern einen Bezug zum angeblich besseren Klang des Brinkmann. Abgesehen davon daß diese Aussage nach wie vor nicht belegt wird, weil keinerlei Hörtests zur Erhärtung vorgestellt wurden, ist das auch eine sehr unglaubwürdige Schlußfolgerung. Die gezeigten Rechteckdarstellungen des rückwärts eingespeisten Signals zeigen im Grunde das Gleiche wie die vorher gezeigten Kurven der "Rückfluß-Dämpfung" (Folie 15), bloß einmal im Frequenzbereich und einmal im Zeitbereich. Aus Folie 15 kann man schon abschätzen wie hoch die Überschwinger an den Rechteckflanken sein würden, und wie hoch die waagrechten Linien, auf denen sich das Rechteck einschwingt. Es ergibt sich allerdings daß der Maßstab nicht übereinstimmen kann, oder daß die beiden Rechteckkurven nicht mit vergleichbaren Meßbedingungen ermittelt wurden, denn sonst hätte das Rechteck rechts in Folie 23 mindestens die doppelte Amplitude haben müssen.
Generell schlägt sich in dieser Rechteckmessung der Dämpfungsfaktor bei niedrigen Frequenzen auf die Höhe des Rechtecks als solchem nieder, und der Dämpfungsfaktor bei hohen Frequenzen auf die Höhe der Überschwinger. Ist der Dämpfungsfaktor bei allen Frequenzen gleich, dann verschwinden die Überschwinger. Das ist wieder nichts Anderes als die Kombination zweier frequenzabhängiger Widerstände (Impedanzen) in einem Spannungsteiler. Dazu ist es nicht die Btrachtung des am Lautsprecher ankommenden Signals, sondern der am Verstärker ankommenden Rückwirkung, von der zudem keine Beeinflussung des eigentlichen Verstärkers zu erkennen ist. Auch hier ist nicht zu erkennen, daß man bei der Stereoplay aus der früheren Kritik irgend etwas gelernt hätte.
Schüller kommt dann wieder auf die Thematik des Klirrs zurück, und es fällt auf daß für ihn die absolute Höhe der Klirrwerte gar keine Rolle zu spielen scheint. Nur auf die relativen Stärken der einzelnen Harmonischen soll es offenbar ankommen, so daß er mühelos einen heftig klirrenden kleinen Röhrenverstärker loben kann, der den Meßwerten zufolge aber wohl eher deswegen gefällt, weil er schönfärberische, als "warm" empfundene Harmonische zweiter Ordnung produziert, und zwar umso mehr, je niederohmiger die Last ist. Das ist alles überhaupt keine Überraschung, und so oder so ähnlich schon vor vielen Jahrzehnten diskutiert worden.
Die Stereoplay erfindet solche Theorien natürlich nicht einfach so. Wie schon beim Brinkmann-Verstärker anno 2009 gab auch diesmal wieder ein Verstärker aus einem aktuellen Test den Anstoß, sich eine dazu passende Theorie zusammenzudichten. Der in der diesjährigen Aprilausgabe getestete Unison-Röhrenverstärker ist genau dieses Klirrmonster, das schönerklärt werden mußte, und wie man das macht sieht man an dem für Unison erstellten Sonderdruck.
Es ist das bekannte Bild: Man testet ein Gerät, das aus irgendeinem Grund gefällt, und für das man nicht einfach schlechte Meßwerte stehen lassen kann. Also erfindet man eine Theorie, mit denen man die Meßwerte uminterpretieren kann, und die das Gerät allen konventionellen Ansichten zum Trotz gut aussehen läßt. Das war beim Brinkmann so, und das ist dann wieder beim Unison so gewesen. Ich bin schon gespannt, wnn man das nächste Mal bei Stereoplay einen Verstärker testet, für den man die passende Theorie dazu erfinden muß. Hemmungen scheinen da ja keine mehr zu existieren.
Wie üblich: Kommentare hier.
Sonntag, 15. Juli 2012
Einbildungsberatung
Mit der Zeit denkt man, man hätte alles gesehen, und es wiederholt sich nur immer auf's Neue. Manchmal begegnet einem aber dann doch eine neue Variante, die man noch nicht kannte.
So geht's mir mit dem Auftritt von Janus525 im Hifi-Forum, ein Teilnehmer mit dem ich mich hier im Blog schon einmal vorletztes Jahr beschäftigt habe. Es handelt sich um einen ehemaligen Verkaufspsychologen, der seiner eigenen Angabe nach genug Geld verdient hat, und sich nun ohne wirkliches finanzielles Interesse mit HiFi amüsiert, und eine Art "Beratungsgeschäft" betreibt, mit dem er Leuten auf die Sprünge helfen will, die sich durch untaugliche Optimierungsversuche an ihrer eigenen Anlage frustriert haben, und nun nach neuen Ansätzen suchen.
Das wirkt auf den ersten Blick fast unwirklich selbstlos, weshalb es von Anfang an nicht gefehlt hat an Leuten, die ihm seine Haltung nicht abkaufen, mich natürlich eingeschlossen. Angesichts seiner intensiven Bemühungen, mit der richtigen Pose aufzutreten, ist der Zweifel nicht schwer zu verstehen.
Er macht es aber sehr geschickt, das muß man anerkennen, und der Verkaufspsychologe in ihm hat spürbar Spuren hinterlassen. Keine Sorge, für mich besteht keine Gefahr: Ich traue ihm nicht weiter als ich ihm werfen kann. Aber ich komme doch nicht umhin ein paar bemerkenswerte Eigenheiten herauszustellen.
Eines seiner Hauptthemen ist der Kabelklang, also ein originär audiophiles Voodoo-Thema. Er hört natürlich wie andere audiophile Kollegen auch Klangunterschiede zwischen Kabeln. Wird er darauf angesprochen, kommt unweigerlich ein Lobgesang auf ein paar exotische Kabeltypen, die er bevorzugt, und über die er die ganze Schwurbel-Litanei herunterbetet wie jemand der das Ganze für bare Münze nimmt. Das in diesem Zusammenhang immer kommende ungefragte "Name-Dropping" ist typisch audiophil, man definiert sich da ja oft darüber, welche angesagten oder exotischen Markennamen man fehlerfrei aufsagen kann.
Tut er aber nicht, jedenfalls nicht so wie der übliche Audiophile. Er glaubt nicht an Kabelklang, jedenfalls nicht an technischen Kabelklang. Also Kabelklang aufgrund von irgendwelchen behaupteten oder tatsächlichen technischen Kabelparametern, seien es nun die normalen Parameter wie Widerstand, Kapazität etc., oder das Voodoo-Zeugs wie Skineffekt, Kristallstrukturen, Mikrofonie und dergleichen. Er macht seinem Pseudonym alle Ehre, denn an den "Techniker" (aka "Holzohr") gewandt sagt er: "Du hast recht, es gibt keinen Kabelklang, die technische Betrachtung der Kabel gibt das nicht her. Kabelklang entsteht nicht im Kabel, sondern im Kopf des Hörers." Zugleich sagt er dem kabelklanghörenden "Goldohr" das scheinbare Gegenteil: "Du hast recht, es gibt Kabelklang, viele Leute hören ihn, er entsteht in Deinem Gehirn, und Du kannst Ihn Dir zunutze machen. Ich kann Dir zeigen wie, auch wenn es da noch viel zu forschen gibt."
Die sich inzwischen sehr in die Länge ziehende Diskussion im HiFi-Forum zeigt, welche Schwierigkeiten viele Teilnehmer mit dieser auf den ersten Blick widersprüchlich wirkenden Position haben. Janus525 verströmt zu 100% den audiophilen Stallgeruch in Gehabe und Argumentation, aber wenn man darauf herein fällt und ihn wie einen solchen behandelt, dann kann er immer wieder darauf verweisen daß er die audiophilen Positionen überhaupt nicht vertrete. Wieder und wieder entgegnet er: "Du täuschst Dich in mir! Sieh her, ich vertrete ja Deine Position: Es gibt keinen Kabelklang! Wir haben gemeinsame Ansichten und auch Ziele, denn wir wollen beide vor den Quacksalbern mit ihren falschen Behauptungen warnen."
Interessanterweise führt dieser Winkelzug mitnichten zu Problemen mit der audiphilen Klientel, die ja eigentlich aufbegehren müßte wenn man die Realität des Kabelklangs abstreitet. Nicht einmal diejenigen, die ganz ausdrücklich mit den diversen technischen Erklärungen der Kabelhersteller sympathisieren, und entsprechende Begründungen vorbringen (Skineffekt, Magnetfelder, Mikrofonie und der ganze Scheiß), wehren sich gegen Janus525. Er kann in diesem Fall das Gleiche schreiben wie die Holzohren, aber er eckt damit bei keinem Audiophilen an. Bemerkenswert, nicht?
Es ist aufschlußreich, sich zu überlegen woran das wohl liegt. Ich habe Erklärungsmöglichkeiten anzubieten, erfahre aber gern auch Eure, wenn Ihr noch weitere findet, wie auch Eurer Meinung zu den meinen.
1. Die Finte.
Der Audiophile glaubt, daß Janus das ohnehin nicht ernst meint, sondern daß es eine Art von Gambit ist, also ein Opfer einer unbedeutenden Figur zugunsten eines Stellungsgewinns in der ganzen Auseinandersetzung. Das "Holzohr" greift eine wertlose Position an, und kann damit zum Narren gehalten werden, während die eigentlich entscheidende Position umso besser verteidigt werden kann.
Mit anderen Worten: Janus525 kann leicht sagen, technischen Kabelklang gebe es nicht, denn diese technische Argumentation ist ihm ohnehin völlig egal. Er hat verstanden daß auch dem Audiophilen diese technische Argumentation im Grunde egal ist, und macht ihm vor wie man das zu einem taktischen Vorteil in der Diskussion machen kann. Die meisten Audiophilen haben zwar Sehnsucht nach einem technisch-wissenschaftlichen Erklärungsmodell für ihre Wahrnehmungen, damit sie aus dieser unbequemen Einbildungsecke heraus kommen, aber man sieht ja täglich wie wenig sie in der Lage sind, bei solchen Erklärungsmodellen zwischen blankem Unfug und stichhaltiger Argumentation zu unterscheiden. Janus macht ihnen vor, daß sie im Grunde gar nichts verlieren, wenn sie solche Argumentationsversuche fahren lassen.
Die entscheidende Position, die letztlich verteidigt wird, ist daß es Kabelklang eben schon gibt, aber nicht da wo er laut "Holzohr" nicht sein kann, nämlich im Kabel, sondern im Kopf des Hörers, wo man meßtechnisch (angeblich) nicht an ihn heran kommt. Dem "Holzohr" sagt man damit: "Kabelklang gibt's, aber Du hast mit Deinen Methoden und Fähigkeiten keinen Zugriff darauf, und suchst dauernd an der falschen Stelle." Das ist eine originär audiophile Position, und der elitäre Appeal dieser Haltung wiegt den Verzicht auf technische Erklärungen für den Audiophilen bei weitem auf. Das ist letztlich die Kalkulation, die Janus' Finte zugrunde liegt.
2. Die Umdeutung des Existenzbegriffs
Das Spannungsfeld, in dem der Audiophile gefangen ist, befindet sich zwischen dem was tatsächlich existiert, und dem was bloß eingebildet ist. Für das Ego des Audiophilen ist entscheidend, daß das was er wahrnimmt nicht eingebildet ist, sondern real. Wenn jemand unterstellt, der Audiophile könne sich Klangwahrnehmungen "nur" eingebildet haben, dann ist er unweigerlich beleidigt. Daß es Einbildung gibt, bzw. geben kann, wird er zwar nicht bestreiten, daß es aber in seinem eigenen Fall Einbildung gewesen sein könnte wird er entschieden zurückweisen. Was sich so echt anfühlt kann nicht eingebildet sein.
Wenn man also nicht nachweisen kann, daß eine Klangwahrnehmung keine Einbildung war, sondern eine tatsächlich existierende Ursache hatte, dann kann man das Problem mit dem drohenden Einbildungsvorwurf immer noch umgehen, wenn man a) darauf hinweisen kann, daß es so einen Nachweis wegen praktischer Hindernisse gar (bzw. noch) nicht geben kann, und b) den Begriff der "Existenz" so weit ausweitet, daß darunter auch solche rein wahrgenommenen Erscheinungen fallen (die also auf keine externe Ursache zurückgehen).
Es sollte unmittelbar einleuchten, welche Attraktion ein Existenzbegriff auf den Audiophilen ausübt, der Dinge umfaßt die man aus Prinzip nicht nachweisen kann. Hat man einmal erreicht daß eine entsprechende Begriffsdefinition in der Diskussion akzeptiert wird, dann steht der Weg offen um alles für existent hinzustellen, was einem vorschwebt. Jegliche unabhängige Nachprüfung hat man ja gleichzeitig für unmöglich erklärt. Daher rührt die große Hartnäckigkeit und Kreativität, die manche Audiophile an den Tag legen, um so einen passend gedehnten Existenzbegriff in die Diskussion zu pressen.
Man könnte darüber fast aus dem Blickfeld verlieren, daß auf diese Weise die Grenzlinie zwischen Realität und Einbildung immer mehr verschwimmt. Worin genau unterscheiden sich Einbildungen von "echten" Wahrnehmungen, wenn es für Letztere keine externen Ursachen braucht? Wie kann man dann noch sagen worum es sich handelt? Gibt es dann überhaupt noch Einbildungen, oder wird das dann alles zu einem Teil dessen was man Realität nennt?
Janus525 macht mit seiner Verlagerung des Kabelklangs in das Gehirn dem Audiophilen genau dieses Angebot: Ein erweiterter Existenzbegriff ohne Gefahr der Nachprüfbarkeit. Es ist eine Art von innerem Reservat, in dem Einbildungen für real existent gelten können, ohne daß das einen Widerspruch produzieren würde.
3. Faszinosum Gehirn
Angesichts von galoppierenden Fortschritten in der Hirnforschung sieht es so aus als könne man sich nicht sicher sein daß diese Nachprüfbarkeit nicht bald kommen wird. Eigentlich müßten sich die Audiophilen daher vor der Hirnforschung fürchten. Sie erwecken aber gerne den gegenteiligen Eindruck. Das ist ebenfalls ein bemerkenswerter Aspekt.
Das Gehirn hat in audiophilen Kreisen schon seit einiger Zeit beträchtlich Konjunktur. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, daß einige Audiophile ihr Gehirn für eine Besonderheit halten, etwas was man eigentlich genauer untersuchen müßte, wobei dann bestimmt heraus kommen würde daß dort ganz spezielle Fähigkeiten zu finden sind. Überlegene Fähigkeiten.
Dabei kommt einem zugute, daß Gehirnforschung ein schwieriges Thema ist, und man alle möglichen eigenen Wunschvorstellungen hinein projizieren kann. Man braucht da nicht befürchten, daß einem das widerlegt wird. Zugleich kann man bei den einfachsten Plattitüden verharren und so tun als wären sie eine Bestätigung der eigenen Sichtweise.
So kann man sich aus einer Kombination von ein paar ziemlich inhaltsleeren Sprüchen ein praktisch unangreifbares audiophiles Weltbild zimmern:
Wobei der wichtigste Aspekt dabei zu sein scheint, daß es die Audio-Meßtechnik ist, die man damit umgehen will. Das reicht, weil die Art von Meßtechnik, mit der man dem Gehirn auf die Pelle rücken könnte, sowieso jenseits jeder praktischen Reichweite der Diskussionsteilnehmer ist.
Mit den tatsächlichen Erkenntnissen der Hirnforschung hat die ganze Diskussion dennoch nichts zu tun. Von den ernst zu nehmenden Wissenschaftlern in diesem Bereich käme vermutlich keiner auf die Idee, seine Erkenntnisse oder potenziellen Erkenntnisse würden für die Existenz mysteriöser Klangeffekte in Kabeln sprechen, die sich der klassischen Meßtechnik entziehen.
4. Gehirn und Psychologie
Es dürfte klar sein, daß Einbildung ebenso eine Gehirnleistung ist wie die Wahrnehmung tatsächlich vorhandener äußerer Reize. Wenn man den entscheidenden Punkt der Betrachtung ins Gehirn selbst verlegt, und damit den äußeren Reiz aus dem Blickfeld nimmt, dann ist klar daß der Unterschied zwischen einer Einbildung und einer Wahrnehmung äußerer Reize verschwimmt. Der Unterschied besteht ja gerade darin, ob es eine äußere Ursache gibt oder nicht.
Das heißt umgekehrt, daß jemand, der herausfinden will, ob etwas eingebildet ist oder nicht, außerhalb des Gehirns suchen muß und nicht im Gehirn. Die Fokussierung der Diskussion auf die Gehirnleistungen und die bei der Wahrnehmung entstehenden Empfindungen verhindert es geradezu, daß man bei der Frage weiterkommt ob etwas eingebildet ist oder nicht.
Es kann natürlich sein daß man wirklich an der Wahrnehmungspsychologie interessiert ist, und dabei z.B. womöglich auch an gegenseitigen Einflüssen verschiedener Sinne aufeinander. Das kann ein spannendes Wissensgebiet sein, bloß hat das mit der ursprünglichen Frage nichts mehr zu tun, z.B. der nach der Existenz von Kabelklang.
Verlockend ist dabei, daß man von den Wahrnehmungen, Eindrücken und generell den Leistungen des Gehirns in einer pseudo-objektiven, vom eigenen Ego scheinbar entkoppelten Sprache reden kann, und sich damit vormachen, das hätte den gleichen faktischen Gehalt wie äußere, meßbare Erscheinungen. Eine reine Einbildung, die vielleicht in Wirklichkeit weit mehr von eigenen Vorlieben, Wunschvorstellungen, Ängsten und Projektionen bestimmt ist als von äußeren Reizen, kann man dann immer noch als eine Gehirnleistung darstellen, die eine vom eigenen Selbst quasi unabhängige objektive Realität hat.
Natürlich sind psychologische Prozess auch Leistungen des Gehirns, und als solche mit entsprechendem Aufwand technisch untersuchbar, aber dadurch wird nicht die Verbindung zur Psychologie des Menschen aufgehoben. Eine Einbildung ist immer noch eine Einbildung, selbst dann wenn man die mit ihr verbundenen Hirnaktivitäten "objektiv" messen kann. Die objektive Messbarkeit der Hirnaktivität einer Wahrnehmung macht noch lange nicht das Wahrgenommene zur objektiven Realität. Im Gegenteil: Man kann mit solchen technischen Mitteln auch Wahrnehmungen aus dem Nichts erzeugen. Der Unterschied zur Wahrnehmungsbeeinflussung durch Drogen ist da nicht gar so groß.
5. Glück und Lebensfreude
Es ist kein Zufall, daß ich auf das Thema Glück und Lebensfreude gerade dann komme wenn ich das Wort "Drogen" erwähnt habe, was aber nicht auf die ganz direkte Art verstanden werden sollte. Es ist auch kein Zufall, daß diese Begriffe beim Thema Kabelklang bemüht werden, obwohl es auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat.
Daß sich ein Audiophiler für glücklicher oder zumindest glücksfähiger hält als der gern als verbissen und engstirnig hingestellte Techniker ist ja nichts Neues, und kann mit dem altbekannten audiophilen Narzissmus begründet werden. Wenn jedoch ein Janus525 ins gleiche Horn bläst steckt ein bißchen mehr dahinter. Er vertritt die Position, man könne sich den gar nicht wirklich vorhandenen Kabelklang, also die Einbildung von Kabelklang, oder nochmal anders ausgedrückt den "Gehirnklang" (das böse Wort "Einbildung" muß ja unbedingt vermieden werden), auch planmäßig zu Nutze machen. Im Grunde ist das wie ein Tuning, aber nicht ein Tuning der Anlage, sondern ein Tuning der Wahrnehmung der Anlage. Man tunt sich gewissermaßen selbst.
An der Stelle wird auch die Verbindung zur Droge klarer. Drogen werden gelegentlich als Mittel zur "Bewußtseinserweiterung" verwendet, was ja ebenfalls eine Art von "Selbst-Tuning" ist. Egal wie man nun den "Trip" erzeugt, das darunter liegende Motiv ist im Grunde immer das Gleiche. Wenn man mit der Realität ein Problem hat, und der Versuch, die Realität zu ändern, aussichtslos oder zu anstrengend wäre, dann ändert man einfacher seine Wahrnehmung, und erreicht Glück und Zufriedenheit eben auf diesem Weg.
Ich bin da noch nicht einmal prinzipiell dagegen. Ich bin kein puritanischer Genußverweigerer und Moralapostel, der am liebsten jede Droge und jeden Selbstbetrug von der Erdoberfläche verbannen will. Es würde auch gar nicht funktionieren wenn ich es wollte, und ich würde mir dabei selbst Gewalt antun. Ich halte es aber gerade deshalb für wichtig, sich über den Mechanismus klar zu werden, der hier abläuft, und das Risiko das man dabei eingeht. Von so gut wie jeder wahrnehmungsverändernden Droge (und "audiophile" Kabel zähle ich im Moment mal dazu, nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur mal um damit Janus' Argumentation zu folgen) haben Andere mehr Nutzen als der Konsument. Über kurz oder lang hat der Konsument üblicherweise sogar das Gegenteil, nämlich den Schaden. Insofern wird das Selbst-Tuning schnell mal zum Selbst-Betrug, der Übergang ist jedenfalls fließend.
Dabei kann man in dieser Sache sogar stark bezweifeln, ob diese "Droge", also ein Kabel, überhaupt in der versprochenen Weise wirkt. Ich behaupte, die Wirkung ist ziemlich flüchtig und unzuverlässig, wenn überhaupt vorhanden. Janus wird zwar nicht müde so zu tun als wäre eine planmäßige, zielgerichtete Erzeugung wunschgemäßer Klangillusion bei richtiger Vorgehensweise möglich, und zwar ganz ausdrücklich auch mit Hilfe von Kabeln, aber es gibt keinerlei Nachweis daß da etwas dran ist. Man muß es ihm einfach glauben, und ich glaube es ganz bestimmt nicht.
Klarer wird die Sache schon wenn man sich überlegt, wer denn wohl von der Droge profitiert, wenn es schon nicht der Konsument ist, und wie er davon profitiert. Das muß nicht der offensichtlichste Weg sein. Janus braucht nicht selbst als Kabelhändler aufzutreten, um zu den Profiteuren zu gehören. Auch das scheint wieder einige seiner Kritiker vor Schwierigkeiten in der Diskussion zu stellen. Man kauft ihm nicht ohne Weiteres ab daß er nicht am Verkauf von Kabeln interessiert ist, und er kann die daraus immer wieder entstehenden "Mißverständnisse" zu seinem Vorteil nutzen.
Es gibt aber eine ganze Reihe etwas indirekterer Methoden, um aus dem Selbst-Betrug zu profitieren. Ein Beispiel sind schon lange die HiFi-Zeitschriften. Sie verkaufen keine Kabel, machen sich aber zum Marketing-Instrument derjenigen, die welche verkaufen. Wenn nun auch in Internet-Foren Hersteller unterwegs sind, um dort auf versteckte oder offene Art für ihre Produkte zu werben, warum sollte es nicht auch dort "Lobbyisten" geben, die das stellvertretend betreiben? Nicht bei jeder Marketingaktivität geht es unmittelbar um den Verkauf eines Produktes. Immer mehr geht es schon im Vorfeld darum, den Markt für eine Produktkategorie vorzubereiten, ihn aufnahmefähig zu machen. Ein Klima zu schaffen in dem das Produkt auch ein gutes Image hat, mit den richtigen Assoziationen verknüpft wird, und das entsprechende Bedürfnis erweckt.
Janus525 ist ein Verkaufspsychologe, ihm ist mit Sicherheit diese indirektere Linie des Marketing nicht fremd. Im Grunde verkörpert er in der Diskussion diese Prinzipien selbst, denn man erkennt leicht wie sehr ihm bei allen Beiträgen das Image, und die Pose, wichtig ist. Wichtiger als das konkrete Argument auf alle Fälle, denn man stellt mit der Zeit fest, wie sich seine Argumente mit der Situation wesentlich leichter zu ändern scheinen als seine Selbstdarstellung. Die eigentliche "Message" ist dabei eine soziale, viel mehr als eine inhaltliche. Es geht darum sich als Rollenmodell ins Spiel zu bringen. Dort liegt der eigentliche Kern seiner Selbstdarstellung, und der verändert sich auch nicht wesentlich über die Zeit. Er sagt damit: "Schau her, ich bin der entspanntere, geistig flexiblere, wahrnehmungsfähigere, genußfähigere, erfolgreichere und glücklichere Mensch, weil ich mich dem 'Erlebnis Kabel' nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du mir folgst".
Der Unterschied zur Zigarettenwerbung ist da nicht mehr groß, wo die Message sein könnte: "Schau her, ich bin der geselligere, individuellere, kreativere, genußfähigere, coolere, erfolgreichere und zufriedenere Mensch, weil ich mich dem Rauchen nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du es so machst wie ich." Zigarettenwerbung ist zu einem großen Teil nicht Produkt- oder Markenwerbung. Es ist Werbung für das Rauchen als solches, oder genauer gesagt der Versuch, die Impulskontrolle psychologisch zu unterlaufen.
Janus525 präsentiert sich als eine Art von Kundenberater, der Endkunden dabei hilft, aus ihrer Anlageninstallation das (subjektive) Optimum herauszuholen, und zwar ohne Bezug zu konkreten Komponentenherstellern. Das mag stimmen, wirkt aber auf mich nicht besonders überzeugend. Wer so eindeutig auf die indirekte Marketing-Schiene setzt, empfiehlt sich eher als eine Art von Lobbyist, ein "Spin-Doctor", der im Auftrag und auf Rechnung für Hersteller arbeitet, die von solcher "Marktpflege" abhängen, sie aber selbst nicht so erfolgreich betreiben könnten. Andere Branchen kennen das schon länger, vielleicht ist es an der Zeit, denkt wohl Janus525, daß diese Methode auch im HiFi-Bereich Fuß faßt.
Wie gut seine Denkweise dazu paßt, kann man an einem kürzlichen Beitrag sehen. Ich denke es wird klar, daß die scheinbaren Widersprüche, die zwei Gesichter des Janus, eigentlich keine sind. Es paßt schon alles zusammen, ob man das nun gut findet oder nicht.
Was meint Ihr dazu?
So geht's mir mit dem Auftritt von Janus525 im Hifi-Forum, ein Teilnehmer mit dem ich mich hier im Blog schon einmal vorletztes Jahr beschäftigt habe. Es handelt sich um einen ehemaligen Verkaufspsychologen, der seiner eigenen Angabe nach genug Geld verdient hat, und sich nun ohne wirkliches finanzielles Interesse mit HiFi amüsiert, und eine Art "Beratungsgeschäft" betreibt, mit dem er Leuten auf die Sprünge helfen will, die sich durch untaugliche Optimierungsversuche an ihrer eigenen Anlage frustriert haben, und nun nach neuen Ansätzen suchen.
Das wirkt auf den ersten Blick fast unwirklich selbstlos, weshalb es von Anfang an nicht gefehlt hat an Leuten, die ihm seine Haltung nicht abkaufen, mich natürlich eingeschlossen. Angesichts seiner intensiven Bemühungen, mit der richtigen Pose aufzutreten, ist der Zweifel nicht schwer zu verstehen.
Er macht es aber sehr geschickt, das muß man anerkennen, und der Verkaufspsychologe in ihm hat spürbar Spuren hinterlassen. Keine Sorge, für mich besteht keine Gefahr: Ich traue ihm nicht weiter als ich ihm werfen kann. Aber ich komme doch nicht umhin ein paar bemerkenswerte Eigenheiten herauszustellen.
Eines seiner Hauptthemen ist der Kabelklang, also ein originär audiophiles Voodoo-Thema. Er hört natürlich wie andere audiophile Kollegen auch Klangunterschiede zwischen Kabeln. Wird er darauf angesprochen, kommt unweigerlich ein Lobgesang auf ein paar exotische Kabeltypen, die er bevorzugt, und über die er die ganze Schwurbel-Litanei herunterbetet wie jemand der das Ganze für bare Münze nimmt. Das in diesem Zusammenhang immer kommende ungefragte "Name-Dropping" ist typisch audiophil, man definiert sich da ja oft darüber, welche angesagten oder exotischen Markennamen man fehlerfrei aufsagen kann.
Tut er aber nicht, jedenfalls nicht so wie der übliche Audiophile. Er glaubt nicht an Kabelklang, jedenfalls nicht an technischen Kabelklang. Also Kabelklang aufgrund von irgendwelchen behaupteten oder tatsächlichen technischen Kabelparametern, seien es nun die normalen Parameter wie Widerstand, Kapazität etc., oder das Voodoo-Zeugs wie Skineffekt, Kristallstrukturen, Mikrofonie und dergleichen. Er macht seinem Pseudonym alle Ehre, denn an den "Techniker" (aka "Holzohr") gewandt sagt er: "Du hast recht, es gibt keinen Kabelklang, die technische Betrachtung der Kabel gibt das nicht her. Kabelklang entsteht nicht im Kabel, sondern im Kopf des Hörers." Zugleich sagt er dem kabelklanghörenden "Goldohr" das scheinbare Gegenteil: "Du hast recht, es gibt Kabelklang, viele Leute hören ihn, er entsteht in Deinem Gehirn, und Du kannst Ihn Dir zunutze machen. Ich kann Dir zeigen wie, auch wenn es da noch viel zu forschen gibt."
Die sich inzwischen sehr in die Länge ziehende Diskussion im HiFi-Forum zeigt, welche Schwierigkeiten viele Teilnehmer mit dieser auf den ersten Blick widersprüchlich wirkenden Position haben. Janus525 verströmt zu 100% den audiophilen Stallgeruch in Gehabe und Argumentation, aber wenn man darauf herein fällt und ihn wie einen solchen behandelt, dann kann er immer wieder darauf verweisen daß er die audiophilen Positionen überhaupt nicht vertrete. Wieder und wieder entgegnet er: "Du täuschst Dich in mir! Sieh her, ich vertrete ja Deine Position: Es gibt keinen Kabelklang! Wir haben gemeinsame Ansichten und auch Ziele, denn wir wollen beide vor den Quacksalbern mit ihren falschen Behauptungen warnen."
Interessanterweise führt dieser Winkelzug mitnichten zu Problemen mit der audiphilen Klientel, die ja eigentlich aufbegehren müßte wenn man die Realität des Kabelklangs abstreitet. Nicht einmal diejenigen, die ganz ausdrücklich mit den diversen technischen Erklärungen der Kabelhersteller sympathisieren, und entsprechende Begründungen vorbringen (Skineffekt, Magnetfelder, Mikrofonie und der ganze Scheiß), wehren sich gegen Janus525. Er kann in diesem Fall das Gleiche schreiben wie die Holzohren, aber er eckt damit bei keinem Audiophilen an. Bemerkenswert, nicht?
Es ist aufschlußreich, sich zu überlegen woran das wohl liegt. Ich habe Erklärungsmöglichkeiten anzubieten, erfahre aber gern auch Eure, wenn Ihr noch weitere findet, wie auch Eurer Meinung zu den meinen.
1. Die Finte.
Der Audiophile glaubt, daß Janus das ohnehin nicht ernst meint, sondern daß es eine Art von Gambit ist, also ein Opfer einer unbedeutenden Figur zugunsten eines Stellungsgewinns in der ganzen Auseinandersetzung. Das "Holzohr" greift eine wertlose Position an, und kann damit zum Narren gehalten werden, während die eigentlich entscheidende Position umso besser verteidigt werden kann.
Mit anderen Worten: Janus525 kann leicht sagen, technischen Kabelklang gebe es nicht, denn diese technische Argumentation ist ihm ohnehin völlig egal. Er hat verstanden daß auch dem Audiophilen diese technische Argumentation im Grunde egal ist, und macht ihm vor wie man das zu einem taktischen Vorteil in der Diskussion machen kann. Die meisten Audiophilen haben zwar Sehnsucht nach einem technisch-wissenschaftlichen Erklärungsmodell für ihre Wahrnehmungen, damit sie aus dieser unbequemen Einbildungsecke heraus kommen, aber man sieht ja täglich wie wenig sie in der Lage sind, bei solchen Erklärungsmodellen zwischen blankem Unfug und stichhaltiger Argumentation zu unterscheiden. Janus macht ihnen vor, daß sie im Grunde gar nichts verlieren, wenn sie solche Argumentationsversuche fahren lassen.
Die entscheidende Position, die letztlich verteidigt wird, ist daß es Kabelklang eben schon gibt, aber nicht da wo er laut "Holzohr" nicht sein kann, nämlich im Kabel, sondern im Kopf des Hörers, wo man meßtechnisch (angeblich) nicht an ihn heran kommt. Dem "Holzohr" sagt man damit: "Kabelklang gibt's, aber Du hast mit Deinen Methoden und Fähigkeiten keinen Zugriff darauf, und suchst dauernd an der falschen Stelle." Das ist eine originär audiophile Position, und der elitäre Appeal dieser Haltung wiegt den Verzicht auf technische Erklärungen für den Audiophilen bei weitem auf. Das ist letztlich die Kalkulation, die Janus' Finte zugrunde liegt.
2. Die Umdeutung des Existenzbegriffs
Das Spannungsfeld, in dem der Audiophile gefangen ist, befindet sich zwischen dem was tatsächlich existiert, und dem was bloß eingebildet ist. Für das Ego des Audiophilen ist entscheidend, daß das was er wahrnimmt nicht eingebildet ist, sondern real. Wenn jemand unterstellt, der Audiophile könne sich Klangwahrnehmungen "nur" eingebildet haben, dann ist er unweigerlich beleidigt. Daß es Einbildung gibt, bzw. geben kann, wird er zwar nicht bestreiten, daß es aber in seinem eigenen Fall Einbildung gewesen sein könnte wird er entschieden zurückweisen. Was sich so echt anfühlt kann nicht eingebildet sein.
Wenn man also nicht nachweisen kann, daß eine Klangwahrnehmung keine Einbildung war, sondern eine tatsächlich existierende Ursache hatte, dann kann man das Problem mit dem drohenden Einbildungsvorwurf immer noch umgehen, wenn man a) darauf hinweisen kann, daß es so einen Nachweis wegen praktischer Hindernisse gar (bzw. noch) nicht geben kann, und b) den Begriff der "Existenz" so weit ausweitet, daß darunter auch solche rein wahrgenommenen Erscheinungen fallen (die also auf keine externe Ursache zurückgehen).
Es sollte unmittelbar einleuchten, welche Attraktion ein Existenzbegriff auf den Audiophilen ausübt, der Dinge umfaßt die man aus Prinzip nicht nachweisen kann. Hat man einmal erreicht daß eine entsprechende Begriffsdefinition in der Diskussion akzeptiert wird, dann steht der Weg offen um alles für existent hinzustellen, was einem vorschwebt. Jegliche unabhängige Nachprüfung hat man ja gleichzeitig für unmöglich erklärt. Daher rührt die große Hartnäckigkeit und Kreativität, die manche Audiophile an den Tag legen, um so einen passend gedehnten Existenzbegriff in die Diskussion zu pressen.
Man könnte darüber fast aus dem Blickfeld verlieren, daß auf diese Weise die Grenzlinie zwischen Realität und Einbildung immer mehr verschwimmt. Worin genau unterscheiden sich Einbildungen von "echten" Wahrnehmungen, wenn es für Letztere keine externen Ursachen braucht? Wie kann man dann noch sagen worum es sich handelt? Gibt es dann überhaupt noch Einbildungen, oder wird das dann alles zu einem Teil dessen was man Realität nennt?
Janus525 macht mit seiner Verlagerung des Kabelklangs in das Gehirn dem Audiophilen genau dieses Angebot: Ein erweiterter Existenzbegriff ohne Gefahr der Nachprüfbarkeit. Es ist eine Art von innerem Reservat, in dem Einbildungen für real existent gelten können, ohne daß das einen Widerspruch produzieren würde.
3. Faszinosum Gehirn
Angesichts von galoppierenden Fortschritten in der Hirnforschung sieht es so aus als könne man sich nicht sicher sein daß diese Nachprüfbarkeit nicht bald kommen wird. Eigentlich müßten sich die Audiophilen daher vor der Hirnforschung fürchten. Sie erwecken aber gerne den gegenteiligen Eindruck. Das ist ebenfalls ein bemerkenswerter Aspekt.
Das Gehirn hat in audiophilen Kreisen schon seit einiger Zeit beträchtlich Konjunktur. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, daß einige Audiophile ihr Gehirn für eine Besonderheit halten, etwas was man eigentlich genauer untersuchen müßte, wobei dann bestimmt heraus kommen würde daß dort ganz spezielle Fähigkeiten zu finden sind. Überlegene Fähigkeiten.
Dabei kommt einem zugute, daß Gehirnforschung ein schwieriges Thema ist, und man alle möglichen eigenen Wunschvorstellungen hinein projizieren kann. Man braucht da nicht befürchten, daß einem das widerlegt wird. Zugleich kann man bei den einfachsten Plattitüden verharren und so tun als wären sie eine Bestätigung der eigenen Sichtweise.
So kann man sich aus einer Kombination von ein paar ziemlich inhaltsleeren Sprüchen ein praktisch unangreifbares audiophiles Weltbild zimmern:
- Der Klang entsteht im Gehirn.
- Man weiß noch lange nicht genug über das was im Gehirn bei der Musikwahrnehmung passiert.
- Das Gehirn hat erstaunliche Fähigkeiten, die noch nicht ausreichend verstanden sind.
Wobei der wichtigste Aspekt dabei zu sein scheint, daß es die Audio-Meßtechnik ist, die man damit umgehen will. Das reicht, weil die Art von Meßtechnik, mit der man dem Gehirn auf die Pelle rücken könnte, sowieso jenseits jeder praktischen Reichweite der Diskussionsteilnehmer ist.
Mit den tatsächlichen Erkenntnissen der Hirnforschung hat die ganze Diskussion dennoch nichts zu tun. Von den ernst zu nehmenden Wissenschaftlern in diesem Bereich käme vermutlich keiner auf die Idee, seine Erkenntnisse oder potenziellen Erkenntnisse würden für die Existenz mysteriöser Klangeffekte in Kabeln sprechen, die sich der klassischen Meßtechnik entziehen.
4. Gehirn und Psychologie
Es dürfte klar sein, daß Einbildung ebenso eine Gehirnleistung ist wie die Wahrnehmung tatsächlich vorhandener äußerer Reize. Wenn man den entscheidenden Punkt der Betrachtung ins Gehirn selbst verlegt, und damit den äußeren Reiz aus dem Blickfeld nimmt, dann ist klar daß der Unterschied zwischen einer Einbildung und einer Wahrnehmung äußerer Reize verschwimmt. Der Unterschied besteht ja gerade darin, ob es eine äußere Ursache gibt oder nicht.
Das heißt umgekehrt, daß jemand, der herausfinden will, ob etwas eingebildet ist oder nicht, außerhalb des Gehirns suchen muß und nicht im Gehirn. Die Fokussierung der Diskussion auf die Gehirnleistungen und die bei der Wahrnehmung entstehenden Empfindungen verhindert es geradezu, daß man bei der Frage weiterkommt ob etwas eingebildet ist oder nicht.
Es kann natürlich sein daß man wirklich an der Wahrnehmungspsychologie interessiert ist, und dabei z.B. womöglich auch an gegenseitigen Einflüssen verschiedener Sinne aufeinander. Das kann ein spannendes Wissensgebiet sein, bloß hat das mit der ursprünglichen Frage nichts mehr zu tun, z.B. der nach der Existenz von Kabelklang.
Verlockend ist dabei, daß man von den Wahrnehmungen, Eindrücken und generell den Leistungen des Gehirns in einer pseudo-objektiven, vom eigenen Ego scheinbar entkoppelten Sprache reden kann, und sich damit vormachen, das hätte den gleichen faktischen Gehalt wie äußere, meßbare Erscheinungen. Eine reine Einbildung, die vielleicht in Wirklichkeit weit mehr von eigenen Vorlieben, Wunschvorstellungen, Ängsten und Projektionen bestimmt ist als von äußeren Reizen, kann man dann immer noch als eine Gehirnleistung darstellen, die eine vom eigenen Selbst quasi unabhängige objektive Realität hat.
Natürlich sind psychologische Prozess auch Leistungen des Gehirns, und als solche mit entsprechendem Aufwand technisch untersuchbar, aber dadurch wird nicht die Verbindung zur Psychologie des Menschen aufgehoben. Eine Einbildung ist immer noch eine Einbildung, selbst dann wenn man die mit ihr verbundenen Hirnaktivitäten "objektiv" messen kann. Die objektive Messbarkeit der Hirnaktivität einer Wahrnehmung macht noch lange nicht das Wahrgenommene zur objektiven Realität. Im Gegenteil: Man kann mit solchen technischen Mitteln auch Wahrnehmungen aus dem Nichts erzeugen. Der Unterschied zur Wahrnehmungsbeeinflussung durch Drogen ist da nicht gar so groß.
5. Glück und Lebensfreude
Es ist kein Zufall, daß ich auf das Thema Glück und Lebensfreude gerade dann komme wenn ich das Wort "Drogen" erwähnt habe, was aber nicht auf die ganz direkte Art verstanden werden sollte. Es ist auch kein Zufall, daß diese Begriffe beim Thema Kabelklang bemüht werden, obwohl es auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat.
Daß sich ein Audiophiler für glücklicher oder zumindest glücksfähiger hält als der gern als verbissen und engstirnig hingestellte Techniker ist ja nichts Neues, und kann mit dem altbekannten audiophilen Narzissmus begründet werden. Wenn jedoch ein Janus525 ins gleiche Horn bläst steckt ein bißchen mehr dahinter. Er vertritt die Position, man könne sich den gar nicht wirklich vorhandenen Kabelklang, also die Einbildung von Kabelklang, oder nochmal anders ausgedrückt den "Gehirnklang" (das böse Wort "Einbildung" muß ja unbedingt vermieden werden), auch planmäßig zu Nutze machen. Im Grunde ist das wie ein Tuning, aber nicht ein Tuning der Anlage, sondern ein Tuning der Wahrnehmung der Anlage. Man tunt sich gewissermaßen selbst.
An der Stelle wird auch die Verbindung zur Droge klarer. Drogen werden gelegentlich als Mittel zur "Bewußtseinserweiterung" verwendet, was ja ebenfalls eine Art von "Selbst-Tuning" ist. Egal wie man nun den "Trip" erzeugt, das darunter liegende Motiv ist im Grunde immer das Gleiche. Wenn man mit der Realität ein Problem hat, und der Versuch, die Realität zu ändern, aussichtslos oder zu anstrengend wäre, dann ändert man einfacher seine Wahrnehmung, und erreicht Glück und Zufriedenheit eben auf diesem Weg.
Ich bin da noch nicht einmal prinzipiell dagegen. Ich bin kein puritanischer Genußverweigerer und Moralapostel, der am liebsten jede Droge und jeden Selbstbetrug von der Erdoberfläche verbannen will. Es würde auch gar nicht funktionieren wenn ich es wollte, und ich würde mir dabei selbst Gewalt antun. Ich halte es aber gerade deshalb für wichtig, sich über den Mechanismus klar zu werden, der hier abläuft, und das Risiko das man dabei eingeht. Von so gut wie jeder wahrnehmungsverändernden Droge (und "audiophile" Kabel zähle ich im Moment mal dazu, nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur mal um damit Janus' Argumentation zu folgen) haben Andere mehr Nutzen als der Konsument. Über kurz oder lang hat der Konsument üblicherweise sogar das Gegenteil, nämlich den Schaden. Insofern wird das Selbst-Tuning schnell mal zum Selbst-Betrug, der Übergang ist jedenfalls fließend.
Dabei kann man in dieser Sache sogar stark bezweifeln, ob diese "Droge", also ein Kabel, überhaupt in der versprochenen Weise wirkt. Ich behaupte, die Wirkung ist ziemlich flüchtig und unzuverlässig, wenn überhaupt vorhanden. Janus wird zwar nicht müde so zu tun als wäre eine planmäßige, zielgerichtete Erzeugung wunschgemäßer Klangillusion bei richtiger Vorgehensweise möglich, und zwar ganz ausdrücklich auch mit Hilfe von Kabeln, aber es gibt keinerlei Nachweis daß da etwas dran ist. Man muß es ihm einfach glauben, und ich glaube es ganz bestimmt nicht.
Klarer wird die Sache schon wenn man sich überlegt, wer denn wohl von der Droge profitiert, wenn es schon nicht der Konsument ist, und wie er davon profitiert. Das muß nicht der offensichtlichste Weg sein. Janus braucht nicht selbst als Kabelhändler aufzutreten, um zu den Profiteuren zu gehören. Auch das scheint wieder einige seiner Kritiker vor Schwierigkeiten in der Diskussion zu stellen. Man kauft ihm nicht ohne Weiteres ab daß er nicht am Verkauf von Kabeln interessiert ist, und er kann die daraus immer wieder entstehenden "Mißverständnisse" zu seinem Vorteil nutzen.
Es gibt aber eine ganze Reihe etwas indirekterer Methoden, um aus dem Selbst-Betrug zu profitieren. Ein Beispiel sind schon lange die HiFi-Zeitschriften. Sie verkaufen keine Kabel, machen sich aber zum Marketing-Instrument derjenigen, die welche verkaufen. Wenn nun auch in Internet-Foren Hersteller unterwegs sind, um dort auf versteckte oder offene Art für ihre Produkte zu werben, warum sollte es nicht auch dort "Lobbyisten" geben, die das stellvertretend betreiben? Nicht bei jeder Marketingaktivität geht es unmittelbar um den Verkauf eines Produktes. Immer mehr geht es schon im Vorfeld darum, den Markt für eine Produktkategorie vorzubereiten, ihn aufnahmefähig zu machen. Ein Klima zu schaffen in dem das Produkt auch ein gutes Image hat, mit den richtigen Assoziationen verknüpft wird, und das entsprechende Bedürfnis erweckt.
Janus525 ist ein Verkaufspsychologe, ihm ist mit Sicherheit diese indirektere Linie des Marketing nicht fremd. Im Grunde verkörpert er in der Diskussion diese Prinzipien selbst, denn man erkennt leicht wie sehr ihm bei allen Beiträgen das Image, und die Pose, wichtig ist. Wichtiger als das konkrete Argument auf alle Fälle, denn man stellt mit der Zeit fest, wie sich seine Argumente mit der Situation wesentlich leichter zu ändern scheinen als seine Selbstdarstellung. Die eigentliche "Message" ist dabei eine soziale, viel mehr als eine inhaltliche. Es geht darum sich als Rollenmodell ins Spiel zu bringen. Dort liegt der eigentliche Kern seiner Selbstdarstellung, und der verändert sich auch nicht wesentlich über die Zeit. Er sagt damit: "Schau her, ich bin der entspanntere, geistig flexiblere, wahrnehmungsfähigere, genußfähigere, erfolgreichere und glücklichere Mensch, weil ich mich dem 'Erlebnis Kabel' nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du mir folgst".
Der Unterschied zur Zigarettenwerbung ist da nicht mehr groß, wo die Message sein könnte: "Schau her, ich bin der geselligere, individuellere, kreativere, genußfähigere, coolere, erfolgreichere und zufriedenere Mensch, weil ich mich dem Rauchen nicht verschließe. Du kannst das auch sein, wenn Du es so machst wie ich." Zigarettenwerbung ist zu einem großen Teil nicht Produkt- oder Markenwerbung. Es ist Werbung für das Rauchen als solches, oder genauer gesagt der Versuch, die Impulskontrolle psychologisch zu unterlaufen.
Janus525 präsentiert sich als eine Art von Kundenberater, der Endkunden dabei hilft, aus ihrer Anlageninstallation das (subjektive) Optimum herauszuholen, und zwar ohne Bezug zu konkreten Komponentenherstellern. Das mag stimmen, wirkt aber auf mich nicht besonders überzeugend. Wer so eindeutig auf die indirekte Marketing-Schiene setzt, empfiehlt sich eher als eine Art von Lobbyist, ein "Spin-Doctor", der im Auftrag und auf Rechnung für Hersteller arbeitet, die von solcher "Marktpflege" abhängen, sie aber selbst nicht so erfolgreich betreiben könnten. Andere Branchen kennen das schon länger, vielleicht ist es an der Zeit, denkt wohl Janus525, daß diese Methode auch im HiFi-Bereich Fuß faßt.
Wie gut seine Denkweise dazu paßt, kann man an einem kürzlichen Beitrag sehen. Ich denke es wird klar, daß die scheinbaren Widersprüche, die zwei Gesichter des Janus, eigentlich keine sind. Es paßt schon alles zusammen, ob man das nun gut findet oder nicht.
Was meint Ihr dazu?
Freitag, 9. März 2012
Über Abtastraten und zeitliche Auflösung
Zu den hartnäckigsten Mißverständnissen bei Digital-Audio gehört der Mythos, daß die "zeitliche Auflösung" durch die Abtastfrequenz begrenzt ist. Daß also z.B. die CD mit ihren 44,1 kHz nur bis zu etwa 22 µs auflösen kann.
In der einfachsten Form (und viele Audiophile kommen nur so weit) geht das Argument so, daß das menschliche Ohr angeblich 10µs (oder gar noch weniger) noch auflösen könne, was schon seit langem bekannt sei, und daß deswegen die Abtastrate entsprechend hoch sein müsse, als z.B. 96 kHz oder gar 192 kHz.
Ich hatte darüber 2008 im Hifi-Forum schon mal eine Auseinandersetzung mit Ralf Koschnicke von Acousence, in der er - ausgehend von seinem Artikel im Studio Magazin - die Trommel rührte für höhere Abtastraten, und damit letztlich für die Produkte seiner Firma. Ich hatte damals wenigstens einen Teilerfolg, da er einen besonders klar sichtbaren Denkfehler zugab, was ihn aber in der Folge nicht davon abgehalten hat, mit entsprechend nebulöserer Argumentation weiterhin dasselbe zu behaupten. Nicht daß mich das wirklich überrascht hätte.
Den Anlaß zu diesem Blog-Artikel gab aber letztlich, daß ich über Jakob auf die Artikel eines Dr. Kunchur aufmerksam wurde, der vor ein paar Jahren zwei wissenschaftliche Fachartikel über von ihm durchgeführte Untersuchungen veröffentlichte, in denen er aus einem von ihm gefundenen Auflösungsvermögen des menschlichen Ohres von etwa 5 µs ebenfalls auf die Forderung nach höheren Abtastraten als bei der CD kam. Ich weiß nicht wie mir diese Artikel bisher entgehen konnten (einen Artikel hatte ich auf der Festplatte, aber anscheinend vergessen), denn wie ich inzwischen gefunden habe, haben sie insbesondere im englischsprachigen Hifi-Forums-Zirkus beträchtlichen Wirbel gemacht. Besonders im Stereophile-Forum ging's voll zur Sache, als ein paar Leute, allen voran James Johnston, es doch tatsächlich gewagt hatten, des Doktors Untersuchungen zu kritisieren, und die Fehlschlüsse ans Licht zu zerren. Das macht die Sache nicht bloß auf der trocken-technischen Ebene interessant, sondern zeigt auch eindrucksvoll, wie sich die feingeistige Audiophilen-Elite gegen das grobe Techniker-Gesocks zur Wehr setzt. Oder war's doch andersrum?
Aber zunächst soll es um den Inhalt dieser Untersuchungen gehen. Im ersten Artikel von 2007 benutzt Kunchur eine Versuchsanordnung, bestehend aus zwei Hochton-Lautsprechern, die übereinander gestellt werden, und mit dem gleichen Signal angesteuert werden. Der obere Lautsprecher kann gegenüber dem unteren einige Millimeter vor- und zurück geschoben werden, so daß sein Signal geringfügig früher oder später am Ohr des genau horizontal 4,3m entfernten Hörers ankommt. Eine Verschiebung von einem Millimeter entspricht wegen der Schallgeschwindigkeit einer Laufzeit von etwa 3 µs. Die Verschiebung des Lautsprechers geschieht automatisch im Verlauf des Blindtests, und zwar ohne Unterbrechung des Schalls, um eine möglichst nahtlose Vergleichsmöglichkeit zu schaffen. Als Testsignal wird ein Rechtecksignal von 7 kHz verwendet, das über breitbandige analoge Elektronik erzeugt und verstärkt wird. Im Signalweg befindet sich also keine Digitaltechnik. Mit dieser Anordnung wurden mit 5 Personen Blindtestreihen durchgeführt, bei denen für 6 verschiedene Verschiebungen des oberen Lautsprechers je 10 Versuche gemacht wurden, um die kleinste Verschiebung zu finden, die mit statistsicher Signifikanz noch unterschieden werden kann. Im Ergebnis wurde die Verschiebung bis herunter zu 2,3 mm sicher detektiert, eine Verschiebung von 2,0 mm wurde immerhin noch von einem Subjekt detektiert. Kunchur folgert daraus eine Hörbarkeitsschwelle für "Zeitfehler" von ca. 6 µs.
Im zweiten Artikel von 2008 benutzt Kunchur eine andere Versuchsanordnung, und ersetzt die Lautsprecher durch ein einfaches RC-Glied als Tiefpaßfilter, das er im Rahmen der Blindtests ein- und ausschalten kann. Abgehört wird diesmal über Kopfhörer. Wieder benutzt er breitbandige Analogelektronik, und arbeitet mit dem 7 kHz Rechtecksignal. Durch Variation des Widerstandswertes im RC-Filter kann die Zeitkonstante des Filters gewählt werden, und Kunchur versucht wiederum durch Blindtestreihen herauszufinden, welches die kleinste Zeitkonstante ist, die mit statistischer Sicherheit noch unterscheidbar ist. Das Ergebnis zeigt daß 4,7 µs in etwa die Grenze darstellt. Weitere Blindtests sollten sicherstellen, daß es nicht Artefakte aufgrund des Umschaltens waren, die zur Hörbarkeit führten.
Beide Artikel sind in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, in denen die Artikel vor der Veröffentlichung begutachtet werden ("peer-review"), um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards zu gewährleisten. Trotzdem gibt's an beiden Arbeiten einiges auszusetzen, wie ich noch zeigen werde. Kunchur hat noch einen Vortrag auf einem Treffen der "Acoustical Society of America" gehalten, und dafür einen Konferenzbeitrag geschrieben (dort dürfte es kein "peer-review" gegeben haben). Die Diskussionen in amerikanischen Foren haben außerdem zu einer Antwort in Form eines FAQ-Papiers geführt. Einige Zeit danach schließlich trat Kunchur noch auf der AES Convention in London auf, wo er im Rahmen eines Workshops eine kurze Einführung gab.
Welche Fehler sehe ich?
Zum ersten Problem:
Beide Versuchsanordnungen verursachen nicht nur eine Zeitverschiebung, sondern auch eine Amplitudenänderung. Es ist also nötig, zu klären welcher der beiden Effekte tatsächlich gehört wurde. Bei beiden Versuchen ergibt sich ein Amplitudenunterschied an der Detektionsgrenze der Blindtests, der bei ca. 0,25 dB liegt. Das ist besser als der aus älteren Untersuchungen für 7 kHz bekannte Wert von 0,7 dB, den Kunchur anführt. Für ihn ist das der Anlaß, den Amplitudenunterschied als Ursache auszuschließen, aber das ist eine fadenscheinige Begründung, denn der Wert der Zeitauflösung, den er als detektierbar findet, ist ja auch besser als die bisher bekannten Schwellen. Warum soll es also ausgerechnet die Zeitdifferenz sein, und nicht die Amplitudendifferenz, wenn doch bei beiden das gleiche Argument angewendet werden könnte? Kunchur's Wahl ist willkürlich. Er hätte zusätzliche Versuche machen sollen, die die Entscheidung zwischen den beiden Alternativen erlauben. Im Falle des RC-Glieds wäre das sogar sehr einfach gewesen.
Zum zweiten Problem:
Das ist eigentlich die kniffligere Sache und für viele Leute geht es gegen ihre Intuition. Die Probleme fangen schon damit an was mit dem Begriff "Auflösung" genau gemeint ist.
Manchmal wird damit die Frage verbunden, wie dicht nacheinander zwei scharfe Impulse kommen dürfen, damit man sie noch als zwei Impulse voneinander unterscheiden kann, anstatt sie als einen einzelnen verschmolzenen Impuls wahrzunehmen. Das ist für's Gehör aber eine ziemlich irrelevante Betrachtungsweise in unserem Fall, denn bevor das Gehör Impulse voneinander getrennt wahrnimmt, müssen sie sehr viel weiter voneinander entfernt sein, als 22 µs. Deshalb zeigt man da auch eher Oszilloskopbilder oder Bilder vom Computerbildschirm aus der Audio-Software. Da sieht man dann ab wann zwei Impulse optisch miteinander verschmelzen, wenn man sie immer näher zusammenrückt. Man sollte sich aber hüten, aus der optischen Erscheinung auf die akustische zu schließen.
Kunchur tut das auch nicht, aber wenn es nicht darum geht zwei Impulse voneinander zu trennen, sondern nur darum daß der Zeitabstand in das Gesamtergebnis eingeht, auch wenn er kleiner als 22 µs ist, dann ist die Abtastung der Digitaltechnik kein Hindernis. Der Abtastvorgang verursacht keine weiteren Einschränkungen als es die Bandbreitenbegrenzung ohnehin tut, die man vor der Wandlung machen muß. Die zeitliche "Verschmierung" von der er redet, ist eine direkte Folge der Bandbreitenbegrenzung, und damit kein Digital-Effekt. Die Effekte einer Tiefpaßfilterung wie mit dem RC-Glied, oder die Überlagerung zweier Wellenfronten wie im Versuch mit den zwei Lautsprechern, sind bandbreiten-neutral. Man kann mit solchen Versuchen daher nicht zeigen, daß man eine bestimmte Mindest-Bandbreite braucht, und folglich auch nicht daß man eine bestimmte Mindest-Abtastrate braucht.
Beispiel Lautsprecher-Versuch von Kunchur. Die beiden Lautsprecher führen zu einer Überlagerung der Wellen vor den beiden Lautsprechern, und der Effekt ist eine Richtwirkung in der Vertikalen. Es ist das Prinzip hinter den sog. "Line-Arrays", einem Stapel senkrecht übereinander angeordneter Lautsprecher. Wenn man einen Lautsprecher etwas vor oder zurück verschiebt, dann hat das Auswirkungen auf die Richtwirkung. Die Richtung wandert nach oben oder unten, das heißt daß in der horizontalen Hörposition der Pegel kleiner wird. Die Richtwirkung ist frequenzabhängig, genauer gesagt abhängig vom Verhältnis der Wellenlänge des Audiosignals zum Abstand der Lautsprecher.
Wegen der Verwendung von Rechtecksignalen könnte man argumentieren, daß die Verschiebung des Lautsprechers zur Folge hat, daß nun anstelle einer Wellenfront zwei kurz hintereinander folgende Wellenfronten am Ohr ankommen, und daß es das ist was das Ohr unterscheiden kann. Das wurde aber weder nachgeprüft, noch ist es auf eine Distanz von über 4 Meter zu erwarten.
Das Sonstige:
Kunchur hat nicht wirklich schlüssig erklärt wieso er Rechtecksignale benötigt. Er scheint Wert auf eine schnelle Anstiegszeit zu legen, aber man erfährt nicht warum das wichtig sein soll, bzw. welche Anstiegszeit man braucht um einen negativen Einfluß auf den Ausgang des Versuchs zu vermeiden. Man hat den Eindruck, es läuft nach dem Motto: Je schneller je besser. Das muß noch kein Problem sein, aber die Erklärungen, die man von ihm im Konferenzbeitrag zum Thema analoge vs. digitale Rechteckgeneratoren liest, läßt sein Verständnis von digitaler Signalverarbeitung in einem ziemlich schlechten Licht dastehen, und zeigt daß er einigen der Irrtümer und Denkmuster unterliegt, die man auch bei Audiophilen findet.
So behauptet er beispielsweise, man könne nur unter großen Schwierigkeiten eine exakt periodische Signalform auf digitalem Weg erzeugen und Jitter sei dabei ein sehr ernstes Problem. Um das plausibler zu machen, führt er als Beispiel den Rechteck-Generator in SoundForge an, einem Audio-Editor für den PC, der in dieser Hinsicht mit Audacity vergleichbar ist, wie ihn vielleicht mehr Leute kennen werden. Der da vorgestellte Generator ist so naïv implementiert, daß er unter ernsten Aliasing-Effekten leidet. Das ist kein Beispiel mit dem man die Digitaltechnik im Ganzen diskreditieren könnte. Mit SoundForge könnte man sowieso kein Rechtecksignal erzeugen, das seinen Vorstellungen von Flankensteilheit auch nur annähernd entsprechen würde, denn dafür ist die Bandbreite viel zu niedrig. Das heißt aber nicht daß es so etwas nicht geben würde. Kommerzielle Arbiträrgeneratoren können so etwas ohne große Probleme. Eine Abtastrate von 40 MHz wäre dem von ihm verwendeten Analoggenerator ebenbürtig bei der Flankensteilheit, und würde beim Jitter erheblich besser abschneiden, als Kunchur's Analoggenerator. Der ist nämlich beileibe nicht besonders jitterarm, wenn man seine eigenen Angaben zugrunde legt. Das sind solche Analoggeneratoren eher selten. Beispiel für einen geeigneten Digitalgenerator: Der Agilent 33120A, ein sehr verbreitetes Gerät.
Mein Fazit:
Die Artikel von Kunchur geben das nicht her, was er selbst als Schlußfolgerungen zieht, insbesondere nicht die Notwendigkeit einer höheren Abtastrate als die bei der CD verwendete. Er unterliegt ein paar ziemlich fundamentalen Mißverständnissen im Zusammenhang mit digitaler Signalverarbeitung. Ich wundere mich wie er das an den anonymen Reviewern bei den Fachzeitschriften vorbei gekriegt hat, ein Ruhmesblatt für sie ist das nicht gerade.
Die Forums-Rezeption:
Das Highlight ist definitiv das Stereoplay-Forum*. Da produzieren sich ein paar ausgesprochene Arschlöcher, unter ihnen Steven Sammet von SAS Audio Labs, ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "michiganjfrog", von dem vermutet wird es handle sich um Stereophile's Mitarbeiter Michael Fremer, oder auch "ncdrawl", der sich selber offenbar eher als neutraler Moderator versteht, aber auf einem Auge eindeutig blind ist.
Die Debatte hat aber schnell metastasiert, und fand in unterschiedlicher Giftigkeit in mindestens mal folgenden Foren statt: Gearslutz, Hydrogenaudio, Audio Asylum Propellerhead Plaza, und ich weiß nicht wo sonst.
Wer des Englischen mächtig ist, und sich das geben will, der wird sicher seine ohnehin bestehenden Vorurteile über Diskussionen mit Audiophilen in allen Punkten bestätigen können. Ich war ganz begeistert.
Ihr auch?
P.S.: Monty hat eine sehr ausführliche Seite über 24/192 geschrieben. Paßt gut hierher, braucht aber Geduld und gute Englischkenntnisse.
* Nachträgliche Korrektur: Es muß natürlich heißen "das Stereophile-Forum". Ich schätze das war ein "Freud'scher Verschreiber". :-)
In der einfachsten Form (und viele Audiophile kommen nur so weit) geht das Argument so, daß das menschliche Ohr angeblich 10µs (oder gar noch weniger) noch auflösen könne, was schon seit langem bekannt sei, und daß deswegen die Abtastrate entsprechend hoch sein müsse, als z.B. 96 kHz oder gar 192 kHz.
Ich hatte darüber 2008 im Hifi-Forum schon mal eine Auseinandersetzung mit Ralf Koschnicke von Acousence, in der er - ausgehend von seinem Artikel im Studio Magazin - die Trommel rührte für höhere Abtastraten, und damit letztlich für die Produkte seiner Firma. Ich hatte damals wenigstens einen Teilerfolg, da er einen besonders klar sichtbaren Denkfehler zugab, was ihn aber in der Folge nicht davon abgehalten hat, mit entsprechend nebulöserer Argumentation weiterhin dasselbe zu behaupten. Nicht daß mich das wirklich überrascht hätte.
Den Anlaß zu diesem Blog-Artikel gab aber letztlich, daß ich über Jakob auf die Artikel eines Dr. Kunchur aufmerksam wurde, der vor ein paar Jahren zwei wissenschaftliche Fachartikel über von ihm durchgeführte Untersuchungen veröffentlichte, in denen er aus einem von ihm gefundenen Auflösungsvermögen des menschlichen Ohres von etwa 5 µs ebenfalls auf die Forderung nach höheren Abtastraten als bei der CD kam. Ich weiß nicht wie mir diese Artikel bisher entgehen konnten (einen Artikel hatte ich auf der Festplatte, aber anscheinend vergessen), denn wie ich inzwischen gefunden habe, haben sie insbesondere im englischsprachigen Hifi-Forums-Zirkus beträchtlichen Wirbel gemacht. Besonders im Stereophile-Forum ging's voll zur Sache, als ein paar Leute, allen voran James Johnston, es doch tatsächlich gewagt hatten, des Doktors Untersuchungen zu kritisieren, und die Fehlschlüsse ans Licht zu zerren. Das macht die Sache nicht bloß auf der trocken-technischen Ebene interessant, sondern zeigt auch eindrucksvoll, wie sich die feingeistige Audiophilen-Elite gegen das grobe Techniker-Gesocks zur Wehr setzt. Oder war's doch andersrum?
Aber zunächst soll es um den Inhalt dieser Untersuchungen gehen. Im ersten Artikel von 2007 benutzt Kunchur eine Versuchsanordnung, bestehend aus zwei Hochton-Lautsprechern, die übereinander gestellt werden, und mit dem gleichen Signal angesteuert werden. Der obere Lautsprecher kann gegenüber dem unteren einige Millimeter vor- und zurück geschoben werden, so daß sein Signal geringfügig früher oder später am Ohr des genau horizontal 4,3m entfernten Hörers ankommt. Eine Verschiebung von einem Millimeter entspricht wegen der Schallgeschwindigkeit einer Laufzeit von etwa 3 µs. Die Verschiebung des Lautsprechers geschieht automatisch im Verlauf des Blindtests, und zwar ohne Unterbrechung des Schalls, um eine möglichst nahtlose Vergleichsmöglichkeit zu schaffen. Als Testsignal wird ein Rechtecksignal von 7 kHz verwendet, das über breitbandige analoge Elektronik erzeugt und verstärkt wird. Im Signalweg befindet sich also keine Digitaltechnik. Mit dieser Anordnung wurden mit 5 Personen Blindtestreihen durchgeführt, bei denen für 6 verschiedene Verschiebungen des oberen Lautsprechers je 10 Versuche gemacht wurden, um die kleinste Verschiebung zu finden, die mit statistsicher Signifikanz noch unterschieden werden kann. Im Ergebnis wurde die Verschiebung bis herunter zu 2,3 mm sicher detektiert, eine Verschiebung von 2,0 mm wurde immerhin noch von einem Subjekt detektiert. Kunchur folgert daraus eine Hörbarkeitsschwelle für "Zeitfehler" von ca. 6 µs.
Im zweiten Artikel von 2008 benutzt Kunchur eine andere Versuchsanordnung, und ersetzt die Lautsprecher durch ein einfaches RC-Glied als Tiefpaßfilter, das er im Rahmen der Blindtests ein- und ausschalten kann. Abgehört wird diesmal über Kopfhörer. Wieder benutzt er breitbandige Analogelektronik, und arbeitet mit dem 7 kHz Rechtecksignal. Durch Variation des Widerstandswertes im RC-Filter kann die Zeitkonstante des Filters gewählt werden, und Kunchur versucht wiederum durch Blindtestreihen herauszufinden, welches die kleinste Zeitkonstante ist, die mit statistischer Sicherheit noch unterscheidbar ist. Das Ergebnis zeigt daß 4,7 µs in etwa die Grenze darstellt. Weitere Blindtests sollten sicherstellen, daß es nicht Artefakte aufgrund des Umschaltens waren, die zur Hörbarkeit führten.
Beide Artikel sind in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erschienen, in denen die Artikel vor der Veröffentlichung begutachtet werden ("peer-review"), um die Einhaltung wissenschaftlicher Standards zu gewährleisten. Trotzdem gibt's an beiden Arbeiten einiges auszusetzen, wie ich noch zeigen werde. Kunchur hat noch einen Vortrag auf einem Treffen der "Acoustical Society of America" gehalten, und dafür einen Konferenzbeitrag geschrieben (dort dürfte es kein "peer-review" gegeben haben). Die Diskussionen in amerikanischen Foren haben außerdem zu einer Antwort in Form eines FAQ-Papiers geführt. Einige Zeit danach schließlich trat Kunchur noch auf der AES Convention in London auf, wo er im Rahmen eines Workshops eine kurze Einführung gab.
Welche Fehler sehe ich?
- Es ist nicht klar, ob die in den Blindtests gehörten Unterschiede überhaupt auf das Konto der Zeitverschiebung gehen, oder ob sie nicht stattdessen z.B. aufgrund von Amplitudenunterschieden zustande kommen.
- Die Annahme, daß die Zeitabstände der Abtastungen in einem digitalen Audiosystem eine Grenze für die Auflösung von Zeit- oder Phasenverschiebungen darstellen, ist falsch. Das Mißverständnis mag weit verbreitet sein, und auch den einen oder anderen Fachmann betreffen, aber das macht es nicht richtiger.
Zum ersten Problem:
Beide Versuchsanordnungen verursachen nicht nur eine Zeitverschiebung, sondern auch eine Amplitudenänderung. Es ist also nötig, zu klären welcher der beiden Effekte tatsächlich gehört wurde. Bei beiden Versuchen ergibt sich ein Amplitudenunterschied an der Detektionsgrenze der Blindtests, der bei ca. 0,25 dB liegt. Das ist besser als der aus älteren Untersuchungen für 7 kHz bekannte Wert von 0,7 dB, den Kunchur anführt. Für ihn ist das der Anlaß, den Amplitudenunterschied als Ursache auszuschließen, aber das ist eine fadenscheinige Begründung, denn der Wert der Zeitauflösung, den er als detektierbar findet, ist ja auch besser als die bisher bekannten Schwellen. Warum soll es also ausgerechnet die Zeitdifferenz sein, und nicht die Amplitudendifferenz, wenn doch bei beiden das gleiche Argument angewendet werden könnte? Kunchur's Wahl ist willkürlich. Er hätte zusätzliche Versuche machen sollen, die die Entscheidung zwischen den beiden Alternativen erlauben. Im Falle des RC-Glieds wäre das sogar sehr einfach gewesen.
Zum zweiten Problem:
Das ist eigentlich die kniffligere Sache und für viele Leute geht es gegen ihre Intuition. Die Probleme fangen schon damit an was mit dem Begriff "Auflösung" genau gemeint ist.
Manchmal wird damit die Frage verbunden, wie dicht nacheinander zwei scharfe Impulse kommen dürfen, damit man sie noch als zwei Impulse voneinander unterscheiden kann, anstatt sie als einen einzelnen verschmolzenen Impuls wahrzunehmen. Das ist für's Gehör aber eine ziemlich irrelevante Betrachtungsweise in unserem Fall, denn bevor das Gehör Impulse voneinander getrennt wahrnimmt, müssen sie sehr viel weiter voneinander entfernt sein, als 22 µs. Deshalb zeigt man da auch eher Oszilloskopbilder oder Bilder vom Computerbildschirm aus der Audio-Software. Da sieht man dann ab wann zwei Impulse optisch miteinander verschmelzen, wenn man sie immer näher zusammenrückt. Man sollte sich aber hüten, aus der optischen Erscheinung auf die akustische zu schließen.
Kunchur tut das auch nicht, aber wenn es nicht darum geht zwei Impulse voneinander zu trennen, sondern nur darum daß der Zeitabstand in das Gesamtergebnis eingeht, auch wenn er kleiner als 22 µs ist, dann ist die Abtastung der Digitaltechnik kein Hindernis. Der Abtastvorgang verursacht keine weiteren Einschränkungen als es die Bandbreitenbegrenzung ohnehin tut, die man vor der Wandlung machen muß. Die zeitliche "Verschmierung" von der er redet, ist eine direkte Folge der Bandbreitenbegrenzung, und damit kein Digital-Effekt. Die Effekte einer Tiefpaßfilterung wie mit dem RC-Glied, oder die Überlagerung zweier Wellenfronten wie im Versuch mit den zwei Lautsprechern, sind bandbreiten-neutral. Man kann mit solchen Versuchen daher nicht zeigen, daß man eine bestimmte Mindest-Bandbreite braucht, und folglich auch nicht daß man eine bestimmte Mindest-Abtastrate braucht.
Beispiel Lautsprecher-Versuch von Kunchur. Die beiden Lautsprecher führen zu einer Überlagerung der Wellen vor den beiden Lautsprechern, und der Effekt ist eine Richtwirkung in der Vertikalen. Es ist das Prinzip hinter den sog. "Line-Arrays", einem Stapel senkrecht übereinander angeordneter Lautsprecher. Wenn man einen Lautsprecher etwas vor oder zurück verschiebt, dann hat das Auswirkungen auf die Richtwirkung. Die Richtung wandert nach oben oder unten, das heißt daß in der horizontalen Hörposition der Pegel kleiner wird. Die Richtwirkung ist frequenzabhängig, genauer gesagt abhängig vom Verhältnis der Wellenlänge des Audiosignals zum Abstand der Lautsprecher.
Wegen der Verwendung von Rechtecksignalen könnte man argumentieren, daß die Verschiebung des Lautsprechers zur Folge hat, daß nun anstelle einer Wellenfront zwei kurz hintereinander folgende Wellenfronten am Ohr ankommen, und daß es das ist was das Ohr unterscheiden kann. Das wurde aber weder nachgeprüft, noch ist es auf eine Distanz von über 4 Meter zu erwarten.
Das Sonstige:
Kunchur hat nicht wirklich schlüssig erklärt wieso er Rechtecksignale benötigt. Er scheint Wert auf eine schnelle Anstiegszeit zu legen, aber man erfährt nicht warum das wichtig sein soll, bzw. welche Anstiegszeit man braucht um einen negativen Einfluß auf den Ausgang des Versuchs zu vermeiden. Man hat den Eindruck, es läuft nach dem Motto: Je schneller je besser. Das muß noch kein Problem sein, aber die Erklärungen, die man von ihm im Konferenzbeitrag zum Thema analoge vs. digitale Rechteckgeneratoren liest, läßt sein Verständnis von digitaler Signalverarbeitung in einem ziemlich schlechten Licht dastehen, und zeigt daß er einigen der Irrtümer und Denkmuster unterliegt, die man auch bei Audiophilen findet.
So behauptet er beispielsweise, man könne nur unter großen Schwierigkeiten eine exakt periodische Signalform auf digitalem Weg erzeugen und Jitter sei dabei ein sehr ernstes Problem. Um das plausibler zu machen, führt er als Beispiel den Rechteck-Generator in SoundForge an, einem Audio-Editor für den PC, der in dieser Hinsicht mit Audacity vergleichbar ist, wie ihn vielleicht mehr Leute kennen werden. Der da vorgestellte Generator ist so naïv implementiert, daß er unter ernsten Aliasing-Effekten leidet. Das ist kein Beispiel mit dem man die Digitaltechnik im Ganzen diskreditieren könnte. Mit SoundForge könnte man sowieso kein Rechtecksignal erzeugen, das seinen Vorstellungen von Flankensteilheit auch nur annähernd entsprechen würde, denn dafür ist die Bandbreite viel zu niedrig. Das heißt aber nicht daß es so etwas nicht geben würde. Kommerzielle Arbiträrgeneratoren können so etwas ohne große Probleme. Eine Abtastrate von 40 MHz wäre dem von ihm verwendeten Analoggenerator ebenbürtig bei der Flankensteilheit, und würde beim Jitter erheblich besser abschneiden, als Kunchur's Analoggenerator. Der ist nämlich beileibe nicht besonders jitterarm, wenn man seine eigenen Angaben zugrunde legt. Das sind solche Analoggeneratoren eher selten. Beispiel für einen geeigneten Digitalgenerator: Der Agilent 33120A, ein sehr verbreitetes Gerät.
Mein Fazit:
Die Artikel von Kunchur geben das nicht her, was er selbst als Schlußfolgerungen zieht, insbesondere nicht die Notwendigkeit einer höheren Abtastrate als die bei der CD verwendete. Er unterliegt ein paar ziemlich fundamentalen Mißverständnissen im Zusammenhang mit digitaler Signalverarbeitung. Ich wundere mich wie er das an den anonymen Reviewern bei den Fachzeitschriften vorbei gekriegt hat, ein Ruhmesblatt für sie ist das nicht gerade.
Die Forums-Rezeption:
Das Highlight ist definitiv das Stereoplay-Forum*. Da produzieren sich ein paar ausgesprochene Arschlöcher, unter ihnen Steven Sammet von SAS Audio Labs, ein Teilnehmer unter dem Pseudonym "michiganjfrog", von dem vermutet wird es handle sich um Stereophile's Mitarbeiter Michael Fremer, oder auch "ncdrawl", der sich selber offenbar eher als neutraler Moderator versteht, aber auf einem Auge eindeutig blind ist.
Die Debatte hat aber schnell metastasiert, und fand in unterschiedlicher Giftigkeit in mindestens mal folgenden Foren statt: Gearslutz, Hydrogenaudio, Audio Asylum Propellerhead Plaza, und ich weiß nicht wo sonst.
Wer des Englischen mächtig ist, und sich das geben will, der wird sicher seine ohnehin bestehenden Vorurteile über Diskussionen mit Audiophilen in allen Punkten bestätigen können. Ich war ganz begeistert.
Ihr auch?
P.S.: Monty hat eine sehr ausführliche Seite über 24/192 geschrieben. Paßt gut hierher, braucht aber Geduld und gute Englischkenntnisse.
* Nachträgliche Korrektur: Es muß natürlich heißen "das Stereophile-Forum". Ich schätze das war ein "Freud'scher Verschreiber". :-)
Samstag, 25. Februar 2012
Heiß und leer
Audiophile sind Nostalgiker. Wie sonst könnte man auf die Idee kommen, Röhren wären die besseren Bauelemente für Verstärker?
Die Vorstellung, eine Röhre könne Audio reiner, klarer und besser verstärken als z.B. ein Transistor, ist doch schon im Ansatz widersinnig. Ich wundere mich immer wieder wieso das nicht offensichtlich ist.
Sehen wir doch mal was einem beispielhaften Elektron, das durch diese Bauelemente hindurch muß, dabei widerfährt.
In einer Triode kommt das Elektron zuerst in die Kathode, und wird dort gleich einmal auf Rotglut erhitzt, und dann rausgeschmissen. Und draußen ist's dann komplett leer! Vakuum! Grober geht's kaum, aber das ist erst der Anfang. Direkt in der Nähe ist ein Gitter, und das wirkt abstoßend, so daß das arme Elektron gleich wieder zurück zur heißen Kathode getrieben wird. Wer weiß wie oft das Elektron den Weg zurück in die Kathode machen muß, aus der es doch nur wieder rausgeschmissen wird, wie ein Betrunkener an der Bar, bevor es mal zufällig den Weg durch's Gitter findet? Das muß ja schon einmal höchst frustrierend sein!
Und kaum ist es durch's Gitter geschlüpft, wirkt auch schon die starke Anziehungskraft der Anode. Das arme Elektron wird unweigerlich mit immer größerem Tempo zu ihr hin gezogen, und schlägt da schließlich krachend ein. Die Anode wird heiß vom Geprassel der Elektronen auf der Oberfläche!
Und das soll die beste Methode sein, um zarte Klänge zu verstärken? Wer soll das glauben?
Wieviel schonender da doch ein Transistor arbeitet!
Es fängt schon damit an, daß es da weder heiß noch leer ist. Das Elektron darf drin bleiben, und es wird bloß ein Durchgang schmaler oder breiter, auf dem Weg des Elektrons ins Ziel. Keine grobe Behandlung, kein Aufschlagen auf irgendwelchen Oberflächen nach dem freien Fall durch das Nichts. Ist das nicht die wesentlich zivilisiertere Behandlung empfindlicher Signale? Ist das nicht der würdigere Umgang mit dem Heiligtum des Audiophilen?
Vielleicht sollte sich so mancher Audiophile beim Blick auf die warm glimmenden Röhren in seinem Verstärker einmal Gedanken darüber machen, was die Elektronen da drin gerade durchmachen. Es ist doch nur die Tatsache, daß man sie nicht sehen kann, die einen dabei ruhig schlafen läßt! Aus den Augen aus dem Sinn!
Es ist höchste Zeit, diese Leute einmal wachzurütteln, zumal es heute keine Notwendigkeit mehr für solch barbarische Technik gibt. Man hat im Umgang mit Elektronen heute bessere Manieren entwickelt.
Oder bin ich der Einzige, dem Elektronen etwas bedeuten? Kommentare hier.
Die Vorstellung, eine Röhre könne Audio reiner, klarer und besser verstärken als z.B. ein Transistor, ist doch schon im Ansatz widersinnig. Ich wundere mich immer wieder wieso das nicht offensichtlich ist.
Sehen wir doch mal was einem beispielhaften Elektron, das durch diese Bauelemente hindurch muß, dabei widerfährt.
In einer Triode kommt das Elektron zuerst in die Kathode, und wird dort gleich einmal auf Rotglut erhitzt, und dann rausgeschmissen. Und draußen ist's dann komplett leer! Vakuum! Grober geht's kaum, aber das ist erst der Anfang. Direkt in der Nähe ist ein Gitter, und das wirkt abstoßend, so daß das arme Elektron gleich wieder zurück zur heißen Kathode getrieben wird. Wer weiß wie oft das Elektron den Weg zurück in die Kathode machen muß, aus der es doch nur wieder rausgeschmissen wird, wie ein Betrunkener an der Bar, bevor es mal zufällig den Weg durch's Gitter findet? Das muß ja schon einmal höchst frustrierend sein!
Und kaum ist es durch's Gitter geschlüpft, wirkt auch schon die starke Anziehungskraft der Anode. Das arme Elektron wird unweigerlich mit immer größerem Tempo zu ihr hin gezogen, und schlägt da schließlich krachend ein. Die Anode wird heiß vom Geprassel der Elektronen auf der Oberfläche!
Und das soll die beste Methode sein, um zarte Klänge zu verstärken? Wer soll das glauben?
Wieviel schonender da doch ein Transistor arbeitet!
Es fängt schon damit an, daß es da weder heiß noch leer ist. Das Elektron darf drin bleiben, und es wird bloß ein Durchgang schmaler oder breiter, auf dem Weg des Elektrons ins Ziel. Keine grobe Behandlung, kein Aufschlagen auf irgendwelchen Oberflächen nach dem freien Fall durch das Nichts. Ist das nicht die wesentlich zivilisiertere Behandlung empfindlicher Signale? Ist das nicht der würdigere Umgang mit dem Heiligtum des Audiophilen?
Vielleicht sollte sich so mancher Audiophile beim Blick auf die warm glimmenden Röhren in seinem Verstärker einmal Gedanken darüber machen, was die Elektronen da drin gerade durchmachen. Es ist doch nur die Tatsache, daß man sie nicht sehen kann, die einen dabei ruhig schlafen läßt! Aus den Augen aus dem Sinn!
Es ist höchste Zeit, diese Leute einmal wachzurütteln, zumal es heute keine Notwendigkeit mehr für solch barbarische Technik gibt. Man hat im Umgang mit Elektronen heute bessere Manieren entwickelt.
Oder bin ich der Einzige, dem Elektronen etwas bedeuten? Kommentare hier.
Sonntag, 5. Februar 2012
Posthum konvertiert
Kann man einem Atheisten unterstellen, daß ihm völlig egal ist was mit ihm nach seinem Tod passiert?
Ich bin einer, und mir ist es nicht egal. Ich rede nicht von meinem Körper, obwohl ich es auch nicht gut fände wenn man mit meiner Leiche Schindluder treiben würde. Menschliche Würde hört nicht in dem Moment auf an dem die Hirnströme versiegen. Ich kann selbst nichts mehr davon wahrnehmen, und es schon gar nicht beeinflussen, aber die Aussicht darauf, daß andere Leute nur auf den Moment warten, an dem ich mich nicht mehr wehren kann, um sich über meine Interessen hinweg zu setzen und womöglich völlig falsche Legenden über mich in die Welt setzen, macht mich nervös.
Es heißt, Voltaire habe gegen Ende seines Lebens mit diesem Problem zu kämpfen gehabt. Zu seiner Zeit war die Furcht wohl auch berechtigt, man könnte ihm ein ordentliches Begräbnis verweigern, oder Schlimmeres zufügen. Vielleicht haben Gerüchte einer Bekehrung zum Christentum auf seinem Totenbett sogar Schlimmeres verhindert, obwohl ich nicht an eine Bekehrung glaube - das wäre gerade bei Voltaire unverständlich gewesen. Für gerissen genug halte ich ihn aber schon, womöglich hat er daher bewußt etwas Unsicherheit gestreut.
Es läuft mir kalt den Rücken hinunter wenn ich daran denke wie ich in einer ähnlichen Situation wohl handeln würde. Ich hoffe inständig, daß sich die Frage nie stellt, aber wenn ich mir die Nachrichten aus dem amerikanischen Vorwahlkampf ansehe bin ich mir da nicht so sicher. Mitt Romney, der im Moment wohl aussichtsreichste republikanische Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur, ist bekanntlich ein Mormone. Mormonen sind Angehörige der "Church of Latter Day Saints", und was ich bislang nicht wußte ist, daß die kein Problem damit sehen, Leute auch nach ihrem Tod noch zu taufen. So wie z.B. im Fall des Schwiegervaters von Mitt Romney, der zu seinen Lebzeiten ein überzeugter Atheist gewesen sein soll, und 14 Monate nach seinem Tod zum Mormonen getauft wurde.
Die übrige Familie seiner Frau hatten sie schon zu Lebzeiten erfolgreich zu Mormonen konvertiert, fehlte also noch der Schwiegervater. Vielleicht dachten die Romneys, daß er einfach zu früh gestorben ist, und im Falle längeren Lebens bestimmt auch noch konvertiert wäre. Daß man also mit der posthumen Taufe bloß eine Art "Mißgeschick" repariert, und dem Toten so nachträglich noch einen Gefallen tun kann. Zudem hängt ja nach religiöser Überzeugung auch sein Wohlbefinden in der Ewigkeit davon ab. Man kann also davon ausgehen, daß er die Taufe zu Lebzeiten gewollt hätte, wenn er da schon gewußt hätte wie es nach dem Tod weitergeht, nicht wahr? Die Taufe ist also im Interesse aller, auch und insbesondere des Toten selbst.
Außerdem hilft es natürlich auch der mormonischen Kirche, und den Romneys selbst. Man kann schließlich so die makellose mormonische Familie vorführen, in der alle von gleichen Glauben überzeugt sind, und der Zweifel keinen Platz hat. Alles in Ordnung also. Genau das was man für eine erfolgreiche politische Karriere braucht, und was die mormonische Kirche für ein makelloses Image braucht, nicht wahr?
Für jemanden, der in der Lage und willens ist, sich in die Haut eines Atheisten wie Schwiegervater Edward Davies oder mich zu versetzen, wird das kaum eine Beruhigung sein können. Da vertritt man zeitlebens eine klare atheistische Linie, und ist dabei tolerant genug seinen Angehörigen in diesen Dingen ihren eigenen Willen zu lassen, und muß dann befürchten, nachträglich einfach "eingemeindet" zu werden, wenn man sich nicht mehr wehren kann. Daß es posthum so hingedreht wird als habe man im Grunde genau das Gegenteil von dem geglaubt, was man immer gesagt hat.
Die Mormonen sind dabei anscheinend so weit gegangen, manche katholischen Päpste posthum zu Mormonen zu machen, zum Protest der katholischen Kirche. Wobei es da wenigstens eine mächtige Organisation gibt, die sich wehren kann, wenngleich ich auch da bezweifle daß das immer im Interesse der Betroffenen geschieht. Aber welcher Hahn kräht nach einem auf diese Weise in seiner Würde mißachteten verstorbenen Atheisten? Wäre das überhaupt heraus gekommen wenn Romney nicht Präsident werden wollte?
Immerhin hat Bill Maher in seiner Show das Unrecht der unfreiwilligen Taufe zeremoniell rückgängig gemacht und damit der Würde zurück auf die Beine geholfen.
Was, so frage ich mich, kann jemand zu seinen Lebzeiten tun um so etwas zu verhindern? Müßte man zusätzlich zu seinem "materiellen" Testament, in dem man regelt wer welchen Teil des Vermögens erbt, auch noch eine Art von "intellektuellem" Testament schreiben, wo drin steht welche Überzeugungen man vertreten hat und vertritt, und sich verbittet daß das posthum jemand so hin dreht wie es ihm paßt?
Schockierend auch, was für Arschlöcher die eigenen Familienmitglieder sein können, besonders wenn's um religiöse Fragen geht oder um eine Präsidentschaftskanditatur.
Ich stelle mir vor meine Tochter heiratet in eine Audiophilen-Familie, wo mit audiophilen Devotionalien ein Haufen Geld verdient wird, und nach meinem Tod wird dann überall verbreitet, ich sei in Wirklichkeit selber ein Audiophiler gewesen, und hätte auch geglaubt, daß da noch etwas sein müsse was man nicht in Meßwerten ausdrücken kann. Ein passendes Zitat von mir könnte man sicher problemlos finden, das man aus dem Zusammenhang reißen kann um das glaubhaft zu machen. Die Message wäre: "Seht her, alles in Ordnung mit Eurem Glauben, sogar der alte Motzknochen hat dazugehört".
Oder bin ich da zu paranoid oder zu empfindlich, was meint Ihr?
Nachtrag 25.2.12: Ich lese gerade, daß es nun auch Anne Frank erwischt hat, die bekannte jugendliche Tagebuchschreiberin, die im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Letzten Samstag wurde offenbar ihre posthume Taufe zur Aufnahme in die mormonische Kirche abgeschlossen.
Ich bin einer, und mir ist es nicht egal. Ich rede nicht von meinem Körper, obwohl ich es auch nicht gut fände wenn man mit meiner Leiche Schindluder treiben würde. Menschliche Würde hört nicht in dem Moment auf an dem die Hirnströme versiegen. Ich kann selbst nichts mehr davon wahrnehmen, und es schon gar nicht beeinflussen, aber die Aussicht darauf, daß andere Leute nur auf den Moment warten, an dem ich mich nicht mehr wehren kann, um sich über meine Interessen hinweg zu setzen und womöglich völlig falsche Legenden über mich in die Welt setzen, macht mich nervös.
Es heißt, Voltaire habe gegen Ende seines Lebens mit diesem Problem zu kämpfen gehabt. Zu seiner Zeit war die Furcht wohl auch berechtigt, man könnte ihm ein ordentliches Begräbnis verweigern, oder Schlimmeres zufügen. Vielleicht haben Gerüchte einer Bekehrung zum Christentum auf seinem Totenbett sogar Schlimmeres verhindert, obwohl ich nicht an eine Bekehrung glaube - das wäre gerade bei Voltaire unverständlich gewesen. Für gerissen genug halte ich ihn aber schon, womöglich hat er daher bewußt etwas Unsicherheit gestreut.
Es läuft mir kalt den Rücken hinunter wenn ich daran denke wie ich in einer ähnlichen Situation wohl handeln würde. Ich hoffe inständig, daß sich die Frage nie stellt, aber wenn ich mir die Nachrichten aus dem amerikanischen Vorwahlkampf ansehe bin ich mir da nicht so sicher. Mitt Romney, der im Moment wohl aussichtsreichste republikanische Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur, ist bekanntlich ein Mormone. Mormonen sind Angehörige der "Church of Latter Day Saints", und was ich bislang nicht wußte ist, daß die kein Problem damit sehen, Leute auch nach ihrem Tod noch zu taufen. So wie z.B. im Fall des Schwiegervaters von Mitt Romney, der zu seinen Lebzeiten ein überzeugter Atheist gewesen sein soll, und 14 Monate nach seinem Tod zum Mormonen getauft wurde.
Die übrige Familie seiner Frau hatten sie schon zu Lebzeiten erfolgreich zu Mormonen konvertiert, fehlte also noch der Schwiegervater. Vielleicht dachten die Romneys, daß er einfach zu früh gestorben ist, und im Falle längeren Lebens bestimmt auch noch konvertiert wäre. Daß man also mit der posthumen Taufe bloß eine Art "Mißgeschick" repariert, und dem Toten so nachträglich noch einen Gefallen tun kann. Zudem hängt ja nach religiöser Überzeugung auch sein Wohlbefinden in der Ewigkeit davon ab. Man kann also davon ausgehen, daß er die Taufe zu Lebzeiten gewollt hätte, wenn er da schon gewußt hätte wie es nach dem Tod weitergeht, nicht wahr? Die Taufe ist also im Interesse aller, auch und insbesondere des Toten selbst.
Außerdem hilft es natürlich auch der mormonischen Kirche, und den Romneys selbst. Man kann schließlich so die makellose mormonische Familie vorführen, in der alle von gleichen Glauben überzeugt sind, und der Zweifel keinen Platz hat. Alles in Ordnung also. Genau das was man für eine erfolgreiche politische Karriere braucht, und was die mormonische Kirche für ein makelloses Image braucht, nicht wahr?
Für jemanden, der in der Lage und willens ist, sich in die Haut eines Atheisten wie Schwiegervater Edward Davies oder mich zu versetzen, wird das kaum eine Beruhigung sein können. Da vertritt man zeitlebens eine klare atheistische Linie, und ist dabei tolerant genug seinen Angehörigen in diesen Dingen ihren eigenen Willen zu lassen, und muß dann befürchten, nachträglich einfach "eingemeindet" zu werden, wenn man sich nicht mehr wehren kann. Daß es posthum so hingedreht wird als habe man im Grunde genau das Gegenteil von dem geglaubt, was man immer gesagt hat.
Die Mormonen sind dabei anscheinend so weit gegangen, manche katholischen Päpste posthum zu Mormonen zu machen, zum Protest der katholischen Kirche. Wobei es da wenigstens eine mächtige Organisation gibt, die sich wehren kann, wenngleich ich auch da bezweifle daß das immer im Interesse der Betroffenen geschieht. Aber welcher Hahn kräht nach einem auf diese Weise in seiner Würde mißachteten verstorbenen Atheisten? Wäre das überhaupt heraus gekommen wenn Romney nicht Präsident werden wollte?
Immerhin hat Bill Maher in seiner Show das Unrecht der unfreiwilligen Taufe zeremoniell rückgängig gemacht und damit der Würde zurück auf die Beine geholfen.
Was, so frage ich mich, kann jemand zu seinen Lebzeiten tun um so etwas zu verhindern? Müßte man zusätzlich zu seinem "materiellen" Testament, in dem man regelt wer welchen Teil des Vermögens erbt, auch noch eine Art von "intellektuellem" Testament schreiben, wo drin steht welche Überzeugungen man vertreten hat und vertritt, und sich verbittet daß das posthum jemand so hin dreht wie es ihm paßt?
Schockierend auch, was für Arschlöcher die eigenen Familienmitglieder sein können, besonders wenn's um religiöse Fragen geht oder um eine Präsidentschaftskanditatur.
Ich stelle mir vor meine Tochter heiratet in eine Audiophilen-Familie, wo mit audiophilen Devotionalien ein Haufen Geld verdient wird, und nach meinem Tod wird dann überall verbreitet, ich sei in Wirklichkeit selber ein Audiophiler gewesen, und hätte auch geglaubt, daß da noch etwas sein müsse was man nicht in Meßwerten ausdrücken kann. Ein passendes Zitat von mir könnte man sicher problemlos finden, das man aus dem Zusammenhang reißen kann um das glaubhaft zu machen. Die Message wäre: "Seht her, alles in Ordnung mit Eurem Glauben, sogar der alte Motzknochen hat dazugehört".
Oder bin ich da zu paranoid oder zu empfindlich, was meint Ihr?
Nachtrag 25.2.12: Ich lese gerade, daß es nun auch Anne Frank erwischt hat, die bekannte jugendliche Tagebuchschreiberin, die im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Letzten Samstag wurde offenbar ihre posthume Taufe zur Aufnahme in die mormonische Kirche abgeschlossen.
Dienstag, 27. Dezember 2011
FAQ USB-Audio
Man fetzt sich mal wieder über dem Thema USB-Kabel im Hifi-Forum. Das ist eigentlich nichts Neues, denn man kann sich ja bekanntlich über alle Arten von Kabeln fetzen, und ein gestandener Audiophiler läßt sich nun einmal nicht dazu bringen, seine eigenen Hörerlebnisse in Frage zu stellen, auch wenn alle Vernunft gegen sie spricht. Mir wird die Unwissenheit bei diesem Thema hier immerhin zum Anlaß für meinen dritten FAQ-Artikel (nach FAQ Symmetrie und FAQ Digitaltechnik).
Wie ist das nun, ist USB das bessere oder das schlechtere Audiointerface? Zu dieser Frage kursieren die unterschiedlichsten Meinungen!
Das liegt daran, daß es auf diese Frage keine eindeutige Antwort gibt. Es ist hier noch leichter als anderswo, Äpfel mit Birnen zu verwechseln, denn es gibt schon innerhalb von USB mehrere Arten der Audioübertragung (genauer gesagt der Synchronisation), und entsprechende Unterschiede in der Art und Weise, wie ein Hersteller mit den sich daraus ergebenden "Eigenheiten" umzugehen sich entschließt.
Generell gilt aber, daß man mit praktisch jeder Anschlußtechnik einwandfreie Ergebnisse erzielen kann, wenn man es "richtig" macht. Und man kann mit jeder Anschlußtechnik Mist bauen, vorzugsweise wenn man etwas nicht recht verstanden hat.
Dazu kommt noch, daß USB gelegentlich Dinge zur Last gelegt werden, die mit USB an sich gar nichts zu tun haben. Mein Lieblings-Gebiet "Masse" ist so ein Beispiel.
Was sind das für Synchronisationsarten bei USB, und was ist der Unterschied?
Es geht dabei um die Frage, woher letztlich der Takt für das digitale Audiosignal kommt. Drei Alternativen sind bei USB möglich, und die heißen auf Englisch "Synchronous", "Asynchronous", und "Adaptive".
Bei der Betriebsart "Synchronous" wird der Audiotakt direkt am USB-"Herzschlag" von 1 kHz orientiert. Das ganze USB-Protokoll (egal ob Audio oder andere Daten übertragen werden) unterliegt ja einem Raster von 1 kHz, das der Busmaster (also normalerweise der PC) für alle angeschlossenen Geräte vorgibt. Dieses Raster kann man in einem angeschlossenen Audiogerät auch als Grundlage für den Wordclock verwenden. Dazu braucht es eine PLL-Taktsynthesizer, für den das 1 kHz-Signal die Referenz bildet. In diesem Szenario gibt also der PC die Frequenz vor, und das Audiogerät muß sich daran orientieren.
Bei der Betriebsart "Asynchronous" wird der Audiotakt im Audiogerät autonom erzeugt, entweder durch einen eigenen, freilaufenden Oszillator, oder indem ein externer Takt dort eingespeist wird (z.B. ein externer Wordclock). Der PC als USB-Master muß sich daran orientieren. Die Betriebsart heißt so, weil der USB-"Herzschlag" (bzw. USB-Bustakt) nichts mit dem Audiotakt zu tun hat. Die beiden Takte sind voneinander unabhängig und damit asynchron.
Die dritte Betriebsart "Adaptive" schließlich bindet den Audiotakt an die Ankunft der eigentlichen Audiodaten. Der Empfänger der Datenpakete mit den Audiodaten muß aus der Häufigkeit der Pakete auf die Taktfrequenz schließen. Er muß sich also anhand der ankommenden Audiodaten automatisch in der Frequenz anpassen, daher der Name. Dafür braucht's in der Praxis wieder einen PLL-Frequenzsynthesizer; diesmal wird als seine Referenz nicht der USB-Bustakt genommen, sondern die ankommenden Datenpakete.
Was wird denn in der Praxis genommen?
Das ist eben nicht einheitlich. Ein wesentliches Kriterium für den Hersteller eines USB-Audiogeräts ist die Frage nach der Treiberunterstützung. In einem Betriebssystem gibt es meist schon einen fertigen USB-Audiotreiber, aber der kann nicht mit allen beliebigen Varianten umgehen. Der Hersteller muß also entscheiden, ob er eine Variante benutzt, die vom Betriebssystem schon unterstützt wird, oder ob er selber einen Treiber mitliefert. Letzteres ist natürlich aufwendiger und teurer, denn man hat zusätzlichen Entwicklungsaufwand. Außerdem ist es unbequemer für den Kunden, da er einen separaten Treiber installieren muß, weil das Gerät nicht einfach so nach dem Einstecken läuft.
Es kommt noch dazu, daß unterschiedliche Betriebssysteme und Betriebssystem-Versionen sich in den Varianten unterscheiden, die sie unterstützen. Die obige Frage für den Hersteller stellt sich also für jede dieser Versionen getrennt, und ein Hersteller könnte sich veranlaßt fühlen, sich für den kleinsten gemeinsamen Nenner zu entscheiden, den alle Versionen unterstützen. Dabei kommt dann oft eine Entscheidung heraus, die nicht von der Audioqualität bestimmt ist, sondern von Aspekten der Kompatibilität und der Einfachheit der Benutzung.
Bei D/A-Wandlern ist das in der Vergangenheit oftmals auf den "Adaptive"-Modus hinaus gelaufen, und gerade dieser Modus ist am schwierigsten zu beherrschen, was die saubere Takterzeugung angeht.
Darf ich raten? Es läuft wieder auf den Jitter hinaus, stimmt's?
Bingo! Prinzipiell kann man mit allen drei Modi auf niedrigen Jitter kommen, aber mit einem unterschiedlichen Aufwand, und mit unterschiedlichen Kompromissen. Oder aber man scheut den Aufwand und findet sich mit im Einzelfall hohem Jitter ab.
Der für die Takterzeugung einfachste und beste Fall ist bei einem D/A-Wandler (und auch A/D-Wandler), daß der Takt direkt beim Wandler erzeugt wird, und sich die anderen Geräte danach richten. Dann hängt die Qualität des Taktes nicht von einer Taktrekonstruktion durch eine PLL ab, und die Faktoren, die einen Qualitätseinfluß haben, werden minimiert. Diese Art der Takterzeugung würde bei D/A-Wandlern den asynchronen Modus nahelegen.
In diesem Modus muß es aber zusätzlich zum Datenpfad, der vom PC zum D/A-Wandler geht, auch einen Taktpfad in die entgegengesetzte Richtung geben. Der vom Wandler erzeugte Takt muß ja an den PC gehen, damit der die Daten im richtigen Rhythmus schicken kann. Dafür braucht es zusätzliche sog. "Endpoints", was die Implementierung der USB-Funktion in den Geräten geringfügig verteuert. Es gibt also einen Anreiz, wenigstens für die allerbilligsten Implementierungen, hier durch Wahl eines anderen Modus zu sparen.
In den beiden anderen Modi, "synchronous" und "adaptive", kommt der Takt vom PC und muß im D/A-Wandler rekonstruiert werden. Dazu braucht es eine PLL, und deren Auslegung ist Kompromissen unterworfen. Für niedrigen Jitter wäre es wünschenswert, die Regelung "träge" zu machen, um den Jitter besser herauszufiltern. Das geht aber auf Kosten der Zeit, die es braucht, bis die PLL am Beginn der Übertragung eingerastet ist. Das wäre bei "synchronous" nicht ganz so schlimm, denn der Bustakt liegt ja schon vor Beginn der Audioübertragung an, folglich kann man hier meist "vorsorglich" synchronisieren.
Bei "adaptive" ist man aber dazu verdammt, auf die Audiopakete zu warten, bevor man mit der PLL-Regelung anfangen kann, und dann müßte man ja eigentlich schon fertig spielfähig sein. Das läuft zwangsläufig auf einen Zielkonflikt zwischen niedrigem Jitter und schnellem Start hinaus. Hier findet man oft Lösungen, die gute Jitterperformance opfern, um schnell spielfähig zu sein. Es kommt noch erschwerend hinzu, daß hier auch noch die Referenz selbst schlechter ist als beim synchronen Modus, denn der Bustakt kommt am USB-Gerät mit weniger Jitter an als die Audio-Pakete, folglich gibt's im Fall der adaptiven Übertragung auch noch mehr Jitter, den die PLL rausfiltern muß.
Wenn der adaptive Modus der schlechteste ist, wieso gibt's ihn dann überhaupt, bzw. wieso wird er überhaupt genommen?
Es ist für den PC ein bequemer Modus, der Aufwand entsteht schließlich bloß im Audiogerät. Und selbst wenn man im Audiogerät nur einen Minimalaufwand treibt, kommt immerhin für viele Anwendungen ganz brauchbarer Schall raus. Deswegen war das auch der Modus, mit dem die Betriebssysteme am frühesten zurecht kamen.
Ein Problem hat im Übrigen damit hauptsächlich ein D/A-Wandler. Andere Arten von Audiogerät müssen unter Umständen gar keinen Takt rekonstruieren, bzw. haben keine besonderen Jitteranforderungen. Für die reicht "adaptive" ganz locker.
Wieso ist der Jitter überhaupt ein Problem? Schriebst Du nicht schon früher, der sei sowieso nicht hörbar?
Er kann schon hörbar werden wenn er heftig genug wird. Ich habe auf Untersuchungen verwiesen, die herausfinden wollten wieviel Jitter unter welchen Umständen hörbar ist, bzw. ab wann er nicht mehr hörbar ist. Dabei kommen Werte heraus, die nicht besonders schwierig zu erreichen sind. Daraus habe ich eine Einschätzung gewonnen, ab welchem Punkt man davon ausgehen kann, auf der sicheren Seite zu sein. Wenn man aber z.B. im Fall USB-"adaptive" keine besonderen Maßnahmen ergreift, dann kommen da u.U. ziemlich große Jitterwerte zustande, die eben nicht auf der sicheren Seite sind.
Ob man das dann hört ist beileibe nicht sicher, aber eben auch nicht ausgeschlossen. Für anständige Hifi-Geräte sollte man - Hörbarkeit hin oder her - auch anständige Jitterwerte erwarten können.
Woher weiß ich überhaupt, in welchem Modus mein Gerät arbeitet?
Wenn's die Dokumentation des Herstellers nicht hergibt, dann wirst Du auf USB-Analyse-Tools zurückgreifen müssen. Je nach Betriebssystem gibt's da freie und kommerzielle Produkte, aber in aller Regel ist das nichts für den Laien, denn was da angezeigt wird versteht man bloß, wenn man sich mit den USB-Dokumenten und der USB-Technik im Detail vertraut gemacht hat. Ich bin aber selbst für gute Tipps dankbar, denn ich habe auch keinen erschöpfenden Überblick über alles was es da so gibt.
Und wenn ich jetzt tatsächlich mit dem "asynchronous"-Modus arbeite, heißt das dann die Qualität ist besser als bei anderen Schnittstellen, wie z.B. S/P-DIF?
Die Voraussetzungen für guten D/A-Wandler-Takt sind in der Tat besser, denn der kommt bei "asynchronous" aus dem USB-Audio-Gerät selbst, während er in aller Regel bei S/P-DIF aus dem ankommenden Signal rekonstruiert werden muß. Wie gut er dann schlußendlich ist, kann nur eine Messung klären.
Ein guter Takt ist aus dem S/P-DIF-Signal normalerweise leichter zu extrahieren als bei USB-"synchronous" oder USB-"adaptive", weil die Signalquelle üblicherweise schon weit weniger jittert. Wollte ich eine Hierarchie für D/A-Wandler aufmachen, nicht der tatsächlichen Taktqualität, sondern der Schwierigkeit für den Hersteller, eine gute Taktqualität zu erreichen, dann würde die von einfach nach schwierig so aussehen:
Hängt das dann auch vom Kabel ab?
Das ist in der Praxis ziemlich unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig ausgeschlossen. Wenn es Einflüsse gibt, dann haben die normalerweise ziemlich profane Gründe, die z.B. mit der Masse zusammenhängen, nicht aber mit USB. Eine USB-Verbindung stellt immer auch eine Masseverbindung her, und darauf reisen oft Störströme. Der PC ist in aller Regel ja auch als elektrische Störquelle bekannt. Für ein USB-Audiogerät stellt sich das Problem, wie man solche Störungen, die unweigerlich auf der Masse-Leitung und der Stromversorgung (USB transportiert ja auch noch eine 5 V Versorgung) daher kommen, aus den empfindlichen Schaltungsteilen heraus hält.
Die empfindlichen Schaltungsteile sind dabei insbesondere die analogen Schaltungsteile nach dem eigentlichen D/A-Wandler, aber es gehört auch die Takterzeugung und -aufbereitung dazu. In beiden Fällen besteht eine elektrische Verbindung zur digitalen Masse auf dem USB-Kabel, und damit zum PC.
Ich habe es z.B. schon erlebt, daß man auf diese Weise im USB-Audiosignal die PC-Festplatte hat arbeiten hören, aber das hat mit USB im Grunde nichts zu tun, sondern mit der Tatsache, daß die Festplatte auf die Stromversorgung Einfluß hat, und sich das über das USB-Kabel in das angeschlossene Audiogerät fortpflanzen kann. Und es hat was damit zu tun ob und wie man solchen Problemen im Audiogerät konstruktiv entgegen getreten ist.
Ein USB-Kabel kann auf diese Situation einen Einfluß haben, weil die Masse-Verbindung unterschiedliche Impedanzen haben kann, und weil höherfrequente Störungen bei manchen Kabeln durch Ferrithülsen bekämpft werden (das sind diese Verdickungen im Kabel in der Nähe der Stecker).
Ein Grund für die Anschaffung von "High-End"-Kabeln ist das aber nicht. Mit Geld ist da nicht viel ausgerichtet, zumal die Wirkungsweise solcher Kabel völlig im Dunkeln liegt, und davon auszugehen ist, daß die behaupteten Wirkungen frei erfunden sind.
Besser ist man dran, wenn man sich die generelle Topologie der Masseverkabelung genauer anschaut, Masseschleifen aufspürt, und nach Möglichkeit unterbindet. S/P-DIF bietet in dieser Hinsicht einen Vorteil gegenüber USB, weil es leicht galvanisch zu trennen ist, besonders wenn man die optische Variante nimmt. Dieser Vorteil kann in der Praxis weitaus größere Bedeutung haben, als die Unterschiede zwischen den einzelnen Modi bei USB.
Das erinnert mich an Deinen Artikel über die Netzwerkkabel.
Zurecht! USB ist in dieser Hinsicht einem Netzwerk ähnlich. Im Gegensatz zu Ethernet ist bei USB aber keine galvanische Trennung drin, man kann also nicht auf einfache Weise wie mit einem ungeschirmten Patchkabel die Massen trennen. Bei USB ist immer eine Masseverbindung mit drin, da kommt man bloß mit hohem Aufwand drum herum.
Das kommt daher, daß USB nicht für größere Entfernungen ausgelegt ist, und die kleinen Entfernungen nicht als problematisch in Sachen unterschiedliche Massepotenziale angesehen wurden. Für die meisten Fälle stimmt das auch, aber bei Audio kommt es leicht zu ausgedehnten Massenetzen, besonders über Schutzleiter und/oder Antennenerdung, und das führt immer wieder zu Problemen. Eine galvanische Trennung zwischen der Computerwelt und der Audiowelt wäre da in vielen Fällen sehr nützlich. Mit Ethernet und optischem S/P-DIF geht das sehr einfach, mit USB oder HDMI aber nicht.
Mit der eigentlichen Datenübertragung hat das also nichts zu tun?
Nein. Die Bits kommen immer noch unverändert an. Wenn's mal so schlimm wird, daß das nicht mehr gesichert ist, dann resultieren deutlichere Störungen als eine subtile Klangänderung.
Wenn Daten falsch ankommen werden sie übrigens nicht nochmal geschickt. Da gibt's anscheinend bei vielen Leuten ein falsches Verständnis. USB unterscheidet zwischen "Bulk"-Daten und "Isochronous"-Daten. Erstere werden gesichert, und die Übertragung wird im Fehlerfall wiederholt. Letztere werden nicht gesichert und auch nicht wiederholt, denn es wird davon ausgegangen daß es für so etwas gar keine Zeit gibt. Man nimmt an, daß "Isochronous"-Daten sofort gebraucht werden, und daß ein nochmaliges Verschicken im Fehlerfall ohnehin zu spät käme. Audiogeräte arbeiten aus nachvollziehbaren Gründen mit "Isochronous"-Daten, während z.B. ein Speicher-Stick mit "Bulk"-Daten arbeitet.
Jetzt weiß ich zwar viele Details, ich weiß aber immer noch nicht was ich konkret bevorzugen soll. Was würdest Du denn nehmen?
Ich habe einen Vorteil, denn ich kann im Zweifel messen ob mir die gebotenen Eigenschaften reichen.
Hätte ich das nicht, dann würde ich in den meisten Fällen erst einmal auf eine klar eingegrenzte Masseverkabelung achten, und das kann schnell den Ausschlag zugunsten S/P-DIF oder genereller zugunsten einer galvanisch getrennten Schnittstelle geben. Wenn's eine USB-Lösung sein soll, dann würde ich in Abwesenheit genauerer Information auf den asynchronen Modus Wert legen, was möglicherweise mit einem eigenen Treiber des Herstellers einher geht. Die Qualität des Treibers wird dann ohnehin eine wichtige Rolle bei der Kaufentscheidung spielen. Wenn das Gerät die Möglichkeit bietet, einen externen Wordclock entgegen zu nehmen, was generell wünschenswert ist, dann ist der asynchrone Modus sowieso der einzig sinnvolle Modus.
Für Kommentare gilt das Übliche.
Wie ist das nun, ist USB das bessere oder das schlechtere Audiointerface? Zu dieser Frage kursieren die unterschiedlichsten Meinungen!
Das liegt daran, daß es auf diese Frage keine eindeutige Antwort gibt. Es ist hier noch leichter als anderswo, Äpfel mit Birnen zu verwechseln, denn es gibt schon innerhalb von USB mehrere Arten der Audioübertragung (genauer gesagt der Synchronisation), und entsprechende Unterschiede in der Art und Weise, wie ein Hersteller mit den sich daraus ergebenden "Eigenheiten" umzugehen sich entschließt.
Generell gilt aber, daß man mit praktisch jeder Anschlußtechnik einwandfreie Ergebnisse erzielen kann, wenn man es "richtig" macht. Und man kann mit jeder Anschlußtechnik Mist bauen, vorzugsweise wenn man etwas nicht recht verstanden hat.
Dazu kommt noch, daß USB gelegentlich Dinge zur Last gelegt werden, die mit USB an sich gar nichts zu tun haben. Mein Lieblings-Gebiet "Masse" ist so ein Beispiel.
Was sind das für Synchronisationsarten bei USB, und was ist der Unterschied?
Es geht dabei um die Frage, woher letztlich der Takt für das digitale Audiosignal kommt. Drei Alternativen sind bei USB möglich, und die heißen auf Englisch "Synchronous", "Asynchronous", und "Adaptive".
Bei der Betriebsart "Synchronous" wird der Audiotakt direkt am USB-"Herzschlag" von 1 kHz orientiert. Das ganze USB-Protokoll (egal ob Audio oder andere Daten übertragen werden) unterliegt ja einem Raster von 1 kHz, das der Busmaster (also normalerweise der PC) für alle angeschlossenen Geräte vorgibt. Dieses Raster kann man in einem angeschlossenen Audiogerät auch als Grundlage für den Wordclock verwenden. Dazu braucht es eine PLL-Taktsynthesizer, für den das 1 kHz-Signal die Referenz bildet. In diesem Szenario gibt also der PC die Frequenz vor, und das Audiogerät muß sich daran orientieren.
Bei der Betriebsart "Asynchronous" wird der Audiotakt im Audiogerät autonom erzeugt, entweder durch einen eigenen, freilaufenden Oszillator, oder indem ein externer Takt dort eingespeist wird (z.B. ein externer Wordclock). Der PC als USB-Master muß sich daran orientieren. Die Betriebsart heißt so, weil der USB-"Herzschlag" (bzw. USB-Bustakt) nichts mit dem Audiotakt zu tun hat. Die beiden Takte sind voneinander unabhängig und damit asynchron.
Die dritte Betriebsart "Adaptive" schließlich bindet den Audiotakt an die Ankunft der eigentlichen Audiodaten. Der Empfänger der Datenpakete mit den Audiodaten muß aus der Häufigkeit der Pakete auf die Taktfrequenz schließen. Er muß sich also anhand der ankommenden Audiodaten automatisch in der Frequenz anpassen, daher der Name. Dafür braucht's in der Praxis wieder einen PLL-Frequenzsynthesizer; diesmal wird als seine Referenz nicht der USB-Bustakt genommen, sondern die ankommenden Datenpakete.
Was wird denn in der Praxis genommen?
Das ist eben nicht einheitlich. Ein wesentliches Kriterium für den Hersteller eines USB-Audiogeräts ist die Frage nach der Treiberunterstützung. In einem Betriebssystem gibt es meist schon einen fertigen USB-Audiotreiber, aber der kann nicht mit allen beliebigen Varianten umgehen. Der Hersteller muß also entscheiden, ob er eine Variante benutzt, die vom Betriebssystem schon unterstützt wird, oder ob er selber einen Treiber mitliefert. Letzteres ist natürlich aufwendiger und teurer, denn man hat zusätzlichen Entwicklungsaufwand. Außerdem ist es unbequemer für den Kunden, da er einen separaten Treiber installieren muß, weil das Gerät nicht einfach so nach dem Einstecken läuft.
Es kommt noch dazu, daß unterschiedliche Betriebssysteme und Betriebssystem-Versionen sich in den Varianten unterscheiden, die sie unterstützen. Die obige Frage für den Hersteller stellt sich also für jede dieser Versionen getrennt, und ein Hersteller könnte sich veranlaßt fühlen, sich für den kleinsten gemeinsamen Nenner zu entscheiden, den alle Versionen unterstützen. Dabei kommt dann oft eine Entscheidung heraus, die nicht von der Audioqualität bestimmt ist, sondern von Aspekten der Kompatibilität und der Einfachheit der Benutzung.
Bei D/A-Wandlern ist das in der Vergangenheit oftmals auf den "Adaptive"-Modus hinaus gelaufen, und gerade dieser Modus ist am schwierigsten zu beherrschen, was die saubere Takterzeugung angeht.
Darf ich raten? Es läuft wieder auf den Jitter hinaus, stimmt's?
Bingo! Prinzipiell kann man mit allen drei Modi auf niedrigen Jitter kommen, aber mit einem unterschiedlichen Aufwand, und mit unterschiedlichen Kompromissen. Oder aber man scheut den Aufwand und findet sich mit im Einzelfall hohem Jitter ab.
Der für die Takterzeugung einfachste und beste Fall ist bei einem D/A-Wandler (und auch A/D-Wandler), daß der Takt direkt beim Wandler erzeugt wird, und sich die anderen Geräte danach richten. Dann hängt die Qualität des Taktes nicht von einer Taktrekonstruktion durch eine PLL ab, und die Faktoren, die einen Qualitätseinfluß haben, werden minimiert. Diese Art der Takterzeugung würde bei D/A-Wandlern den asynchronen Modus nahelegen.
In diesem Modus muß es aber zusätzlich zum Datenpfad, der vom PC zum D/A-Wandler geht, auch einen Taktpfad in die entgegengesetzte Richtung geben. Der vom Wandler erzeugte Takt muß ja an den PC gehen, damit der die Daten im richtigen Rhythmus schicken kann. Dafür braucht es zusätzliche sog. "Endpoints", was die Implementierung der USB-Funktion in den Geräten geringfügig verteuert. Es gibt also einen Anreiz, wenigstens für die allerbilligsten Implementierungen, hier durch Wahl eines anderen Modus zu sparen.
In den beiden anderen Modi, "synchronous" und "adaptive", kommt der Takt vom PC und muß im D/A-Wandler rekonstruiert werden. Dazu braucht es eine PLL, und deren Auslegung ist Kompromissen unterworfen. Für niedrigen Jitter wäre es wünschenswert, die Regelung "träge" zu machen, um den Jitter besser herauszufiltern. Das geht aber auf Kosten der Zeit, die es braucht, bis die PLL am Beginn der Übertragung eingerastet ist. Das wäre bei "synchronous" nicht ganz so schlimm, denn der Bustakt liegt ja schon vor Beginn der Audioübertragung an, folglich kann man hier meist "vorsorglich" synchronisieren.
Bei "adaptive" ist man aber dazu verdammt, auf die Audiopakete zu warten, bevor man mit der PLL-Regelung anfangen kann, und dann müßte man ja eigentlich schon fertig spielfähig sein. Das läuft zwangsläufig auf einen Zielkonflikt zwischen niedrigem Jitter und schnellem Start hinaus. Hier findet man oft Lösungen, die gute Jitterperformance opfern, um schnell spielfähig zu sein. Es kommt noch erschwerend hinzu, daß hier auch noch die Referenz selbst schlechter ist als beim synchronen Modus, denn der Bustakt kommt am USB-Gerät mit weniger Jitter an als die Audio-Pakete, folglich gibt's im Fall der adaptiven Übertragung auch noch mehr Jitter, den die PLL rausfiltern muß.
Wenn der adaptive Modus der schlechteste ist, wieso gibt's ihn dann überhaupt, bzw. wieso wird er überhaupt genommen?
Es ist für den PC ein bequemer Modus, der Aufwand entsteht schließlich bloß im Audiogerät. Und selbst wenn man im Audiogerät nur einen Minimalaufwand treibt, kommt immerhin für viele Anwendungen ganz brauchbarer Schall raus. Deswegen war das auch der Modus, mit dem die Betriebssysteme am frühesten zurecht kamen.
Ein Problem hat im Übrigen damit hauptsächlich ein D/A-Wandler. Andere Arten von Audiogerät müssen unter Umständen gar keinen Takt rekonstruieren, bzw. haben keine besonderen Jitteranforderungen. Für die reicht "adaptive" ganz locker.
Wieso ist der Jitter überhaupt ein Problem? Schriebst Du nicht schon früher, der sei sowieso nicht hörbar?
Er kann schon hörbar werden wenn er heftig genug wird. Ich habe auf Untersuchungen verwiesen, die herausfinden wollten wieviel Jitter unter welchen Umständen hörbar ist, bzw. ab wann er nicht mehr hörbar ist. Dabei kommen Werte heraus, die nicht besonders schwierig zu erreichen sind. Daraus habe ich eine Einschätzung gewonnen, ab welchem Punkt man davon ausgehen kann, auf der sicheren Seite zu sein. Wenn man aber z.B. im Fall USB-"adaptive" keine besonderen Maßnahmen ergreift, dann kommen da u.U. ziemlich große Jitterwerte zustande, die eben nicht auf der sicheren Seite sind.
Ob man das dann hört ist beileibe nicht sicher, aber eben auch nicht ausgeschlossen. Für anständige Hifi-Geräte sollte man - Hörbarkeit hin oder her - auch anständige Jitterwerte erwarten können.
Woher weiß ich überhaupt, in welchem Modus mein Gerät arbeitet?
Wenn's die Dokumentation des Herstellers nicht hergibt, dann wirst Du auf USB-Analyse-Tools zurückgreifen müssen. Je nach Betriebssystem gibt's da freie und kommerzielle Produkte, aber in aller Regel ist das nichts für den Laien, denn was da angezeigt wird versteht man bloß, wenn man sich mit den USB-Dokumenten und der USB-Technik im Detail vertraut gemacht hat. Ich bin aber selbst für gute Tipps dankbar, denn ich habe auch keinen erschöpfenden Überblick über alles was es da so gibt.
Und wenn ich jetzt tatsächlich mit dem "asynchronous"-Modus arbeite, heißt das dann die Qualität ist besser als bei anderen Schnittstellen, wie z.B. S/P-DIF?
Die Voraussetzungen für guten D/A-Wandler-Takt sind in der Tat besser, denn der kommt bei "asynchronous" aus dem USB-Audio-Gerät selbst, während er in aller Regel bei S/P-DIF aus dem ankommenden Signal rekonstruiert werden muß. Wie gut er dann schlußendlich ist, kann nur eine Messung klären.
Ein guter Takt ist aus dem S/P-DIF-Signal normalerweise leichter zu extrahieren als bei USB-"synchronous" oder USB-"adaptive", weil die Signalquelle üblicherweise schon weit weniger jittert. Wollte ich eine Hierarchie für D/A-Wandler aufmachen, nicht der tatsächlichen Taktqualität, sondern der Schwierigkeit für den Hersteller, eine gute Taktqualität zu erreichen, dann würde die von einfach nach schwierig so aussehen:
- USB-"asynchronous"
- S/P-DIF
- USB-"synchronous"
- USB-"adaptive"
Hängt das dann auch vom Kabel ab?
Das ist in der Praxis ziemlich unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig ausgeschlossen. Wenn es Einflüsse gibt, dann haben die normalerweise ziemlich profane Gründe, die z.B. mit der Masse zusammenhängen, nicht aber mit USB. Eine USB-Verbindung stellt immer auch eine Masseverbindung her, und darauf reisen oft Störströme. Der PC ist in aller Regel ja auch als elektrische Störquelle bekannt. Für ein USB-Audiogerät stellt sich das Problem, wie man solche Störungen, die unweigerlich auf der Masse-Leitung und der Stromversorgung (USB transportiert ja auch noch eine 5 V Versorgung) daher kommen, aus den empfindlichen Schaltungsteilen heraus hält.
Die empfindlichen Schaltungsteile sind dabei insbesondere die analogen Schaltungsteile nach dem eigentlichen D/A-Wandler, aber es gehört auch die Takterzeugung und -aufbereitung dazu. In beiden Fällen besteht eine elektrische Verbindung zur digitalen Masse auf dem USB-Kabel, und damit zum PC.
Ich habe es z.B. schon erlebt, daß man auf diese Weise im USB-Audiosignal die PC-Festplatte hat arbeiten hören, aber das hat mit USB im Grunde nichts zu tun, sondern mit der Tatsache, daß die Festplatte auf die Stromversorgung Einfluß hat, und sich das über das USB-Kabel in das angeschlossene Audiogerät fortpflanzen kann. Und es hat was damit zu tun ob und wie man solchen Problemen im Audiogerät konstruktiv entgegen getreten ist.
Ein USB-Kabel kann auf diese Situation einen Einfluß haben, weil die Masse-Verbindung unterschiedliche Impedanzen haben kann, und weil höherfrequente Störungen bei manchen Kabeln durch Ferrithülsen bekämpft werden (das sind diese Verdickungen im Kabel in der Nähe der Stecker).
Ein Grund für die Anschaffung von "High-End"-Kabeln ist das aber nicht. Mit Geld ist da nicht viel ausgerichtet, zumal die Wirkungsweise solcher Kabel völlig im Dunkeln liegt, und davon auszugehen ist, daß die behaupteten Wirkungen frei erfunden sind.
Besser ist man dran, wenn man sich die generelle Topologie der Masseverkabelung genauer anschaut, Masseschleifen aufspürt, und nach Möglichkeit unterbindet. S/P-DIF bietet in dieser Hinsicht einen Vorteil gegenüber USB, weil es leicht galvanisch zu trennen ist, besonders wenn man die optische Variante nimmt. Dieser Vorteil kann in der Praxis weitaus größere Bedeutung haben, als die Unterschiede zwischen den einzelnen Modi bei USB.
Das erinnert mich an Deinen Artikel über die Netzwerkkabel.
Zurecht! USB ist in dieser Hinsicht einem Netzwerk ähnlich. Im Gegensatz zu Ethernet ist bei USB aber keine galvanische Trennung drin, man kann also nicht auf einfache Weise wie mit einem ungeschirmten Patchkabel die Massen trennen. Bei USB ist immer eine Masseverbindung mit drin, da kommt man bloß mit hohem Aufwand drum herum.
Das kommt daher, daß USB nicht für größere Entfernungen ausgelegt ist, und die kleinen Entfernungen nicht als problematisch in Sachen unterschiedliche Massepotenziale angesehen wurden. Für die meisten Fälle stimmt das auch, aber bei Audio kommt es leicht zu ausgedehnten Massenetzen, besonders über Schutzleiter und/oder Antennenerdung, und das führt immer wieder zu Problemen. Eine galvanische Trennung zwischen der Computerwelt und der Audiowelt wäre da in vielen Fällen sehr nützlich. Mit Ethernet und optischem S/P-DIF geht das sehr einfach, mit USB oder HDMI aber nicht.
Mit der eigentlichen Datenübertragung hat das also nichts zu tun?
Nein. Die Bits kommen immer noch unverändert an. Wenn's mal so schlimm wird, daß das nicht mehr gesichert ist, dann resultieren deutlichere Störungen als eine subtile Klangänderung.
Wenn Daten falsch ankommen werden sie übrigens nicht nochmal geschickt. Da gibt's anscheinend bei vielen Leuten ein falsches Verständnis. USB unterscheidet zwischen "Bulk"-Daten und "Isochronous"-Daten. Erstere werden gesichert, und die Übertragung wird im Fehlerfall wiederholt. Letztere werden nicht gesichert und auch nicht wiederholt, denn es wird davon ausgegangen daß es für so etwas gar keine Zeit gibt. Man nimmt an, daß "Isochronous"-Daten sofort gebraucht werden, und daß ein nochmaliges Verschicken im Fehlerfall ohnehin zu spät käme. Audiogeräte arbeiten aus nachvollziehbaren Gründen mit "Isochronous"-Daten, während z.B. ein Speicher-Stick mit "Bulk"-Daten arbeitet.
Jetzt weiß ich zwar viele Details, ich weiß aber immer noch nicht was ich konkret bevorzugen soll. Was würdest Du denn nehmen?
Ich habe einen Vorteil, denn ich kann im Zweifel messen ob mir die gebotenen Eigenschaften reichen.
Hätte ich das nicht, dann würde ich in den meisten Fällen erst einmal auf eine klar eingegrenzte Masseverkabelung achten, und das kann schnell den Ausschlag zugunsten S/P-DIF oder genereller zugunsten einer galvanisch getrennten Schnittstelle geben. Wenn's eine USB-Lösung sein soll, dann würde ich in Abwesenheit genauerer Information auf den asynchronen Modus Wert legen, was möglicherweise mit einem eigenen Treiber des Herstellers einher geht. Die Qualität des Treibers wird dann ohnehin eine wichtige Rolle bei der Kaufentscheidung spielen. Wenn das Gerät die Möglichkeit bietet, einen externen Wordclock entgegen zu nehmen, was generell wünschenswert ist, dann ist der asynchrone Modus sowieso der einzig sinnvolle Modus.
Für Kommentare gilt das Übliche.
Samstag, 24. Dezember 2011
Brummen oder Brennen?
Es ist ja schon schlimm genug wenn das von "wohlmeinenden Tippgebern" in einem Forum kommt, aber wenn's ein Hersteller quasi offiziell im Handbuch seines Produktes empfiehlt, dann wird's kriminell.
Es geht um die Bekämpfung von Brummschleifen durch Aufhebung der Schutzleiterverbindung.
Wer in seiner Audioanlage Geräte mit Schutzleiterverbindung hat, den trifft mit einer relativ großen Wahrscheinlichkeit auch das Problem der Brummschleife. Ich habe schon mehrfach über dieses mit der Masse zusammenhängende Problem geschrieben und werde das hier nicht wiederholen. Leider kursieren als Abhilfe immer wieder Tipps, man solle es bei einem oder mehreren Geräten eben mit dem Auftrennen der Schutzleiterverbindung probieren. Dazu gehört das Abkleben der Schutzleiterkontakte am Stecker, oder Manipulationen in den Steckern oder in den Geräten. Und das hilft ja oftmals auch gegen das Brummen, denn dadurch wird die Schleife tatsächlich aufgetrennt.
Beseitigt hat man dabei aber auch die Schutzfunktion, für die der Schutzleiter da ist. Man hat eine Unannehmlichkeit durch eine Gefahr ersetzt. Eine Gefahr nicht bloß für sich selbst, was man vielleicht noch moralisch vertretbar finden könnte, sondern eine Gefahr für unbeteiligte Dritte. Deswegen ist so etwas auch verboten, und falls tatsächlich was passieren sollte sieht man auch bei etwaigen Schadenersatzforderungen und Haftungsfragen ziemlich schlecht aus.
Im Hifi-Forum findet sich bei solchen Tipps zum Glück schnell jemand, der den Tippgeber rüffelt. Insofern ist da das Risiko gering, daß jemand zu illegalen und gefährlichen Handlungen angeleitet wird, ohne daß er sich dessen bewußt würde.
Anders ist das wenn ein Hersteller das in einer Bedienungsanleitung empfiehlt. Dort findet man auf der sechsten Seite folgenden Hinweis:
Das ist aber ein schwerer Irrtum!
Ich fürchte der Irrtum ist relativ häufig, weswegen eine Erklärung hier wohl angebracht ist.
Der Schutzleiter ist dazu da, zu verhindern daß der ahnungslose Benutzer eines fehlerhaften Gerätes mit Netzspannung in Berührung kommen kann, und dadurch zu Schaden kommt. Es ist wichtig, sich klar zu machen welche Fehlerszenarien dadurch abgedeckt werden sollen, denn dadurch erkennt man wie der Schutzleiter wirken soll, und warum der Hinweis des Herstellers falsch und gefährlich ist.
Ein Audiogerät hat üblicherweise ein metallisches Gehäuse, und das kann Strom leiten. Wenn durch einen Defekt im Gerät ein Draht, der Netzspannung führt, mit dem Gehäuse in Kontakt kommt, dann liegt die Netzspannung frei berührbar am Geräteäußeren und stellt eine Gefahr dar. Es gibt zwei verschiedene Arten wie man dieser Gefahr begegnet:
Das ist aber nicht der Fall wenn die Schutzleiterverbindung über ein Cinch-Kabel geht. Wenn man Glück hat ist da genug Kupfer drin daß die Masseverbindung so einen Strom aushält, aber es gibt viele Kabel bei denen es bei weitem nicht reicht. Was dann im Fehlerfall passieren kann ist schnell beschrieben: Das Cinch-Kabel wird heiß und fängt im Extremfall an zu brennen. Die Sicherung löst nicht aus, stattdessen brennt das Kabel durch, und es liegt jetzt tatsächlich Netzspannung am Gehäuse an. Die Schutzleiterverbindung hat sich selbst deaktiviert, anstatt die Gefahr zu beseitigen, und ist sogar selbst zur Gefahr geworden.
Und es gibt noch einen weiteren Grund warum der Tipp des Herstellers gefährlich ist: Wenn manche Geräte auf diese Weise indirekt geerdet sind, dann ist es einfach, sie am Netz zu lassen während die Schutzleiterverbindung unterbrochen wird. Man braucht ja bloß die NF-Leitung abzuziehen, schon ist der Schutz weg, ohne daß gleichzeitig auch die Netzverbindung aufgehoben wäre. Man konstruiert die Netzstecker ja nicht umsonst so, daß die Schutzleiterverbindung immer automatisch hergestellt wird, wenn man einsteckt. Sie wird sogar durch voreilende Kontakte beim Einstecken zuerst hergestellt, und beim Ausstecken zuletzt getrennt. Wenn die Verbindung über separate Leitungen und Stecker geht, dann ist es mit diesem Automatismus vorbei. Damit wird es in der Praxis viel zu einfach, daß man den Schutz verliert, ohne daß es auffällt.
Bei den ganzen elektrischen Schutzmaßnahmen ist das dahinter stehende Prinzip, daß man vom Desaster immer mindestens zwei voneinander unabhängige Schritte entfernt sein will. Wenn ein Fehler reicht um die Katastrophe auszulösen, dann ist es eine Frage der Zeit bis sie eintritt. Der Schutzleiter ist ein Beispiel für diese zweite Barriere, die dann auf den Plan tritt wenn ein Fehler passiert ist. Das heißt aber auch daß man das Fehlen der zweiten Barriere nicht bemerkt, so lange alles in Ordnung ist. Fehlt sie aber, dann hindert nichts mehr, daß sich ein Fehler in Sekundenbruchteilen von einer harmlosen Kleinigkeit zu einem echten Problem größeren Ausmaßes entwickelt.
Deswegen sind solche faulen Tipps so problematisch: Sie suggerieren, daß alles in Ordnung ist, und wenn sie auch noch das Brummen beseitigen, dann scheint der Zustand sogar verbessert worden zu sein. In Wirklichkeit hat man einen Sicherheitsmechanismus unterlaufen, dessen Fehlen zum Verhängnis führen kann.
Für mich ist so etwas ein Killer-Kriterium für einen Hersteller, da können seine sonstigen Leistungen sein wie sie wollen.
Für Diskussionen gibt's wie üblich diesen Thread.
Es geht um die Bekämpfung von Brummschleifen durch Aufhebung der Schutzleiterverbindung.
Wer in seiner Audioanlage Geräte mit Schutzleiterverbindung hat, den trifft mit einer relativ großen Wahrscheinlichkeit auch das Problem der Brummschleife. Ich habe schon mehrfach über dieses mit der Masse zusammenhängende Problem geschrieben und werde das hier nicht wiederholen. Leider kursieren als Abhilfe immer wieder Tipps, man solle es bei einem oder mehreren Geräten eben mit dem Auftrennen der Schutzleiterverbindung probieren. Dazu gehört das Abkleben der Schutzleiterkontakte am Stecker, oder Manipulationen in den Steckern oder in den Geräten. Und das hilft ja oftmals auch gegen das Brummen, denn dadurch wird die Schleife tatsächlich aufgetrennt.
Beseitigt hat man dabei aber auch die Schutzfunktion, für die der Schutzleiter da ist. Man hat eine Unannehmlichkeit durch eine Gefahr ersetzt. Eine Gefahr nicht bloß für sich selbst, was man vielleicht noch moralisch vertretbar finden könnte, sondern eine Gefahr für unbeteiligte Dritte. Deswegen ist so etwas auch verboten, und falls tatsächlich was passieren sollte sieht man auch bei etwaigen Schadenersatzforderungen und Haftungsfragen ziemlich schlecht aus.
Im Hifi-Forum findet sich bei solchen Tipps zum Glück schnell jemand, der den Tippgeber rüffelt. Insofern ist da das Risiko gering, daß jemand zu illegalen und gefährlichen Handlungen angeleitet wird, ohne daß er sich dessen bewußt würde.
Anders ist das wenn ein Hersteller das in einer Bedienungsanleitung empfiehlt. Dort findet man auf der sechsten Seite folgenden Hinweis:
"However, if capacitors or directly coupled output is used, then only one connection to the safety earth is required, otherwise ground loop may occur. This means that either DAC or (say) amplifier should use a 3-lead /3-pin earthed connection, but not both."Der Autor scheint zu glauben, daß die Sicherheit auch dann gewährleistet ist, wenn nur ein Gerät mit dem Schutzleiter verbunden ist, weil die anderen Geräte, z.B. über die Masse einer Cinch-Verbindung, dann indirekt ebenfalls am Schutzleiter hängen.
Das ist aber ein schwerer Irrtum!
Ich fürchte der Irrtum ist relativ häufig, weswegen eine Erklärung hier wohl angebracht ist.
Der Schutzleiter ist dazu da, zu verhindern daß der ahnungslose Benutzer eines fehlerhaften Gerätes mit Netzspannung in Berührung kommen kann, und dadurch zu Schaden kommt. Es ist wichtig, sich klar zu machen welche Fehlerszenarien dadurch abgedeckt werden sollen, denn dadurch erkennt man wie der Schutzleiter wirken soll, und warum der Hinweis des Herstellers falsch und gefährlich ist.
Ein Audiogerät hat üblicherweise ein metallisches Gehäuse, und das kann Strom leiten. Wenn durch einen Defekt im Gerät ein Draht, der Netzspannung führt, mit dem Gehäuse in Kontakt kommt, dann liegt die Netzspannung frei berührbar am Geräteäußeren und stellt eine Gefahr dar. Es gibt zwei verschiedene Arten wie man dieser Gefahr begegnet:
- Ein schutzisoliertes Gerät enthält intern verstärkte Maßnahmen, um die Isolation der Netzspannung vom Gehäuse zu gewährleisten. Eine Schuzleiterverbindung ist dann nicht nötig und auch gar nicht erlaubt. Dieser Fall ist der übliche Fall bei Hifi-Anlagen. Die Geräte haben meist einen flachen 2-poligen "Eurostecker".
- Das Gehäuse des Gerätes ist mit dem Schutzleiter verbunden, so daß bei Kontakt der Netzspannung mit dem Gehäuse ein Kurzschluß entsteht, und durch den entstehenden Stromfluß eine Sicherung auslöst, wodurch die Netzspannung unterbrochen wird. Die Schutzleiterverbindung ist bei so einem Gerät Pflicht, und der Stecker ist 3-polig (die beiden seitlichen Kontakte beim Schuko-Stecker zählen als eine Verbindung).
Das ist aber nicht der Fall wenn die Schutzleiterverbindung über ein Cinch-Kabel geht. Wenn man Glück hat ist da genug Kupfer drin daß die Masseverbindung so einen Strom aushält, aber es gibt viele Kabel bei denen es bei weitem nicht reicht. Was dann im Fehlerfall passieren kann ist schnell beschrieben: Das Cinch-Kabel wird heiß und fängt im Extremfall an zu brennen. Die Sicherung löst nicht aus, stattdessen brennt das Kabel durch, und es liegt jetzt tatsächlich Netzspannung am Gehäuse an. Die Schutzleiterverbindung hat sich selbst deaktiviert, anstatt die Gefahr zu beseitigen, und ist sogar selbst zur Gefahr geworden.
Und es gibt noch einen weiteren Grund warum der Tipp des Herstellers gefährlich ist: Wenn manche Geräte auf diese Weise indirekt geerdet sind, dann ist es einfach, sie am Netz zu lassen während die Schutzleiterverbindung unterbrochen wird. Man braucht ja bloß die NF-Leitung abzuziehen, schon ist der Schutz weg, ohne daß gleichzeitig auch die Netzverbindung aufgehoben wäre. Man konstruiert die Netzstecker ja nicht umsonst so, daß die Schutzleiterverbindung immer automatisch hergestellt wird, wenn man einsteckt. Sie wird sogar durch voreilende Kontakte beim Einstecken zuerst hergestellt, und beim Ausstecken zuletzt getrennt. Wenn die Verbindung über separate Leitungen und Stecker geht, dann ist es mit diesem Automatismus vorbei. Damit wird es in der Praxis viel zu einfach, daß man den Schutz verliert, ohne daß es auffällt.
Bei den ganzen elektrischen Schutzmaßnahmen ist das dahinter stehende Prinzip, daß man vom Desaster immer mindestens zwei voneinander unabhängige Schritte entfernt sein will. Wenn ein Fehler reicht um die Katastrophe auszulösen, dann ist es eine Frage der Zeit bis sie eintritt. Der Schutzleiter ist ein Beispiel für diese zweite Barriere, die dann auf den Plan tritt wenn ein Fehler passiert ist. Das heißt aber auch daß man das Fehlen der zweiten Barriere nicht bemerkt, so lange alles in Ordnung ist. Fehlt sie aber, dann hindert nichts mehr, daß sich ein Fehler in Sekundenbruchteilen von einer harmlosen Kleinigkeit zu einem echten Problem größeren Ausmaßes entwickelt.
Deswegen sind solche faulen Tipps so problematisch: Sie suggerieren, daß alles in Ordnung ist, und wenn sie auch noch das Brummen beseitigen, dann scheint der Zustand sogar verbessert worden zu sein. In Wirklichkeit hat man einen Sicherheitsmechanismus unterlaufen, dessen Fehlen zum Verhängnis führen kann.
Für mich ist so etwas ein Killer-Kriterium für einen Hersteller, da können seine sonstigen Leistungen sein wie sie wollen.
Für Diskussionen gibt's wie üblich diesen Thread.
Sonntag, 11. Dezember 2011
Gottesmarketing
Gerade als in meinem Thread im Hifi-Forum über die Rolle der Presse im Lautheitskrieg diskutiert wird, rauscht ein anderes Thema durch den Blätterwald, an dem meiner Meinung nach die Mechanismen der Medienlandschaft noch besser aufgezeigt werden können.
Es brodelt die Gerüchteküche, daß das CERN in Kürze den Nachweis des schon lange gesuchten Higgs-Bosons verkünden könnte. Oder zumindest einen deutlichen Hinweis auf dessen Existenz. Für die Physik ist das eine außerordentlich wichtige Nachricht. Das für mein heutiges Thema Interessanteste dabei ist aber, daß sich in der allgemeinen Medienlandschaft inzwischen praktisch niemand mehr verkneifen kann, beim Higgs-Boson vom sogenannten "Gottesteilchen" zu reden. Egal ob Spiegel, Süddeutsche oder Bild, ob Deutschlandfunk oder Heise, keiner widersteht der Versuchung.
Was aber hat dieses Teilchen mit Gott zu tun?
Der Ursprung dieser Bezeichnung ist schnell erzählt: Der Physiker und Nobelpreisträger Leon Lederman veröffentlichte 1993 mit einem populärwissenschaftlichen Coautor zusammen ein Buch über das Higgs-Boson und seine Rolle im physikalischen Weltmodell. Angeblich wollte Lederman das Teilchen ursprünglich "that goddamn particle" nennen, aber da war sein Lektor dagegen. Stattdessen wurde es dann zum "god particle", was in der Retrospektive eine wirtschaftlich gesehen clevere Wahl war, denn wie man sieht hängt der Begriff bis heute in den Hirnen der Journalisten und ihrer Leser fest.
Das Teilchen hat also genau das mit Gott zu tun, daß Gott auf dem Umschlag eines populärwissenschaftlichen Sachbuches eine umsatzsteigernde Wirkung hat, besonders wenn der Autor ein Physiker mit Nobelpreis ist.
Mehr ist da nicht.
Der Begriff "Gottesteilchen" ist damit nichts Anderes als eine "Urban Legend", ein sich aus sich selbst heraus weiter verbreitendes Gerücht, ein "Mem", das die Hirne in unserer Medienwelt befällt und sie dazu bringt, es zu vervielfältigen. Die vom Begriff suggerierte Verbindung zwischen Physik und Metaphysik existiert dabei aber gar nicht, der Begriff ist leer, eine Mogelpackung ohne Inhalt. Es ist ein Trick des Marketings, um im umkämpften Sachbuchmarkt auf die vorderen Plätze zu kommen. Wer da in den entsprechenden Ranglisten nicht in die ersten 10 Plätze vorstößt, der taucht bei vielen Leuten gar nicht erst auf dem Radar auf. Einen Begriff zu erfinden, der etwas suggeriert das das Buch hinterher dann gar nicht einlöst, gehört da noch zu den harmloseren Finten.
Aber warum machen die ganzen Journalisten dabei mit? Sicher nicht um Lederman und seinem Verlag zu mehr Umsatz zu verhelfen! Worin besteht die Faszination und die Wirkung dieses Begriffs, der doch eigentlich gar nichts aussagt (und das was er suggeriert ist gelogen), und bloß als Verkaufshilfsmittel erfunden wurde?
Nun ist es sicher so, daß der Begriff "Higgs-Boson" in der Überschrift eines Zeitungsartikels weniger Leser anziehen wird, als das Wort "Gottes-Teilchen". Aber da gäbe es noch andere Möglichkeiten, die zum gleichen Ergebnis führen würden. Wie wär's zum Beispiel mit: "Teufels-Teilchen", "Todes-Teilchen", "Phantom-Teilchen", "Sex-Teilchen" oder "Märtyrer-Teilchen"? Wenn es nur darum geht Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Rücksicht auf den damit transportierten Inhalt, dann ist es doch völlig egal, mit welchem reißerischen Hohlwort man das Teilchen verbindet! Dann hätte auch der Begriff "Gottverdammtes Teilchen" funktioniert, den der Lektor damals abgelehnt hatte.
Aber ich denke unter all diesen Alternativen ist es nicht zufällig der Begriff "Gottes-Teilchen" geworden. Es ist derjenige Begriff, der am ehesten "geht". Warum?
Es gibt unbestreitbar ein großes unterschwelliges Bedürfnis, die Naturwissenschaften, und speziell auch die Physik, mit dem Metaphysischen in Verbindung und in Einklang zu bringen. Gerade die Physik hat sich auf der einen Seite immer weiter von der Vorstellungswelt eines "normalen" Menschen entfernt, andererseits tritt sie im Gebiet der "Welterklärung" gegen die Religionen an, und kann für sich geradezu spektakuläre Erfolge verbuchen, die immer auch als Niederlage der Religion aufgefaßt werden können. Wenn der Nachweis des Higgs-Bosons nun gelungen sein sollte, dann wäre das ein weiterer spektakulärer Erfolg der Physik.
Das zu würdigen fällt einem als physikalisch nicht entsprechend vorgebildetem Mensch zusehends schwerer, angesichts des sich von der normalen Erfahrungswelt immer weiter entfernenden Themas. Vielleicht ist es daher nicht ganz überflüssig wenn ich das kurz einzuordnen versuche. Beim Higgs-Boson geht es nicht um Gott, und ich habe auch wenig Verständnis für die Metapher, das Teilchen würde das Universum zusammen halten. Das Teilchen hält eine wissenschaftliche Theorie, ein Erklärungsmodell zusammen. Es ist gewissermaßen der Schlußstein in diesem Modell und damit seine Bestätigung.
Vergleichen kann man das mit dem Periodensystem der Elemente, das im 19. Jahrhundert als Theorie aufgestellt wurde. Diese Theorie hat das Verständnis, wie Materie aufgebaut ist, entscheidend voran gebracht. Das hat viele Anwendugen, besonders auch in der Chemie, erst möglich gemacht, und hat auch das Verständnis vom Aufbau der Atome befördert. Aus der Theorie folgten aber auch Vorhersagen über die Existenz von Elementen, die bis dahin noch nicht bekannt waren, für die es aber im Periodensystem einen Platz gab.
So etwas ist für die wissenschaftliche Arbeit extrem wichtig, denn es bietet eine Möglichkeit, die Theorie zu testen. Wenn man aus der Theorie die Existenz von etwas bisher Unbekanntem folgern kann, dann kann man experimentell nach diesem Unbekannten suchen, denn aufgrund der Theorie kann man genauer sagen was für Eigenschaften das Gesuchte haben müßte. Wenn es daraufhin gefunden wird, dann ist das eine überzeugende Bestätigung für die Theorie. Wenn man es nicht findet, muß man eine plausible Erklärung finden warum man das Gesuchte nicht finden konnte, ansonsten sieht die Theorie alt aus.
Beim Periodensystem hat das ausgezeichnet geklappt. Schon Mendelejew, einer der beiden Entdecker des Periodensystems, postulierte auf dessen Basis die Existenz dreier bis dahin unbekannter Elemente, weil im Periodensystem an diesen Stellen Lücken auftraten. Alle drei Elemente (Gallium, Scandium und Germanium) wurden daraufhin gefunden.
Das Higgs-Boson ist das einzige Teilchen aus der als "Standardmodell der Elementarteilchenphysik" bekannten Theorie, für welches man bisher noch keinen Nachweis hatte. Higgs und ein paar andere Physiker haben schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, daß es ein solches Teilchen geben müßte wenn das Standardmodell stimmt. Es ist die gleiche Situation wie damals bei den Lücken im Periodensystem: Wenn man das findet was in die Lücken reingehört, dann ist das eine schlagende Bestätigung für die Theorie.
Das Wichtige ist also nicht das Teilchen, sondern die Theorie. Ohne die Theorie hätte man gar keinen Grund nach dem Teilchen zu suchen, und keinen Anhaltspunkt wie und wonach man suchen müßte. Und man hätte auch keine Rechtfertigung für das viele Geld, das man dafür ausgeben muß. Die Wichtigkeit dieser Frage kann man daran erkennen, wieviel Geld man in den Bau des Apparates hineingesteckt hat, mit dem man so ein Teilchen suchen kann. Es wirkt zugegebenermaßen etwas paradox, daß man immer größere Anlagen bauen muß, um immer kleinere Teilchen aufzuspüren, aber das ist wohl der Gang der Physik.
Wenn also das Higgs-Boson nun zu einem erneuten Triumph der Physik werden sollte, dann ist das so weit von Gott entfernt wie es nur sein könnte. Gott hat weder etwas mit der Entstehung der zugrunde liegenden Theorie zu tun, aufgrund derer die Existenz des Teilchens vorhergesagt wurde, noch mit der Suche nach einem experimentellen Nachweis. Higgs selbst glaubt nicht an Gott, so wenig wie wahrscheinlich die Mehrheit seiner Fachkollegen. Das Teilchen erklärt einen Aspekt der physikalischen Realität, für den man nun keine religiöse Erklärung mehr braucht; es hat damit Gott um ein ganz klein wenig überflüssiger gemacht.
Eigentlich sollte sich damit die Notwendigkeit reduziert haben, auf Metaphysik zurückzugreifen, aber erstaunlicherweise führt es dazu, daß mal wieder die metaphysischen Assoziationen ins Kraut schießen, gerade so als wäre die nackte Wissenschaft unerträglich, und müßte in eine Art religiöser Watte gepackt werden.
Ich meine, den beteiligten Wissenschaftlern kann das nicht recht sein. Ich verstehe auch nicht wirklich, warum sich ein Lederman von seinem Verlag so manipulieren läßt. Seine Botschaft wird dadurch jedenfalls verfälscht, und er gibt sich als Kronzeuge für etwas her, das gar nicht Seines ist. Ich empfinde hier die Religion als ein Kuckucksei im naturwissenschaftlichen Gelege, das von den Wissenschaftlern mit ausgebrütet wird. Um ihres eigenen Marketingerfolges willen betreiben sie das Geschäft derer, die ganz andere Ziele haben: Gottesmarketing. Und wie es beim Kuckuck so ist, könnte es sein daß am Ende die eigenen Küken aus dem Nest geschmissen werden.
Kommentare wie üblich bitte hier.
Es brodelt die Gerüchteküche, daß das CERN in Kürze den Nachweis des schon lange gesuchten Higgs-Bosons verkünden könnte. Oder zumindest einen deutlichen Hinweis auf dessen Existenz. Für die Physik ist das eine außerordentlich wichtige Nachricht. Das für mein heutiges Thema Interessanteste dabei ist aber, daß sich in der allgemeinen Medienlandschaft inzwischen praktisch niemand mehr verkneifen kann, beim Higgs-Boson vom sogenannten "Gottesteilchen" zu reden. Egal ob Spiegel, Süddeutsche oder Bild, ob Deutschlandfunk oder Heise, keiner widersteht der Versuchung.
Was aber hat dieses Teilchen mit Gott zu tun?
Der Ursprung dieser Bezeichnung ist schnell erzählt: Der Physiker und Nobelpreisträger Leon Lederman veröffentlichte 1993 mit einem populärwissenschaftlichen Coautor zusammen ein Buch über das Higgs-Boson und seine Rolle im physikalischen Weltmodell. Angeblich wollte Lederman das Teilchen ursprünglich "that goddamn particle" nennen, aber da war sein Lektor dagegen. Stattdessen wurde es dann zum "god particle", was in der Retrospektive eine wirtschaftlich gesehen clevere Wahl war, denn wie man sieht hängt der Begriff bis heute in den Hirnen der Journalisten und ihrer Leser fest.
Das Teilchen hat also genau das mit Gott zu tun, daß Gott auf dem Umschlag eines populärwissenschaftlichen Sachbuches eine umsatzsteigernde Wirkung hat, besonders wenn der Autor ein Physiker mit Nobelpreis ist.
Mehr ist da nicht.
Der Begriff "Gottesteilchen" ist damit nichts Anderes als eine "Urban Legend", ein sich aus sich selbst heraus weiter verbreitendes Gerücht, ein "Mem", das die Hirne in unserer Medienwelt befällt und sie dazu bringt, es zu vervielfältigen. Die vom Begriff suggerierte Verbindung zwischen Physik und Metaphysik existiert dabei aber gar nicht, der Begriff ist leer, eine Mogelpackung ohne Inhalt. Es ist ein Trick des Marketings, um im umkämpften Sachbuchmarkt auf die vorderen Plätze zu kommen. Wer da in den entsprechenden Ranglisten nicht in die ersten 10 Plätze vorstößt, der taucht bei vielen Leuten gar nicht erst auf dem Radar auf. Einen Begriff zu erfinden, der etwas suggeriert das das Buch hinterher dann gar nicht einlöst, gehört da noch zu den harmloseren Finten.
Aber warum machen die ganzen Journalisten dabei mit? Sicher nicht um Lederman und seinem Verlag zu mehr Umsatz zu verhelfen! Worin besteht die Faszination und die Wirkung dieses Begriffs, der doch eigentlich gar nichts aussagt (und das was er suggeriert ist gelogen), und bloß als Verkaufshilfsmittel erfunden wurde?
Nun ist es sicher so, daß der Begriff "Higgs-Boson" in der Überschrift eines Zeitungsartikels weniger Leser anziehen wird, als das Wort "Gottes-Teilchen". Aber da gäbe es noch andere Möglichkeiten, die zum gleichen Ergebnis führen würden. Wie wär's zum Beispiel mit: "Teufels-Teilchen", "Todes-Teilchen", "Phantom-Teilchen", "Sex-Teilchen" oder "Märtyrer-Teilchen"? Wenn es nur darum geht Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Rücksicht auf den damit transportierten Inhalt, dann ist es doch völlig egal, mit welchem reißerischen Hohlwort man das Teilchen verbindet! Dann hätte auch der Begriff "Gottverdammtes Teilchen" funktioniert, den der Lektor damals abgelehnt hatte.
Aber ich denke unter all diesen Alternativen ist es nicht zufällig der Begriff "Gottes-Teilchen" geworden. Es ist derjenige Begriff, der am ehesten "geht". Warum?
Es gibt unbestreitbar ein großes unterschwelliges Bedürfnis, die Naturwissenschaften, und speziell auch die Physik, mit dem Metaphysischen in Verbindung und in Einklang zu bringen. Gerade die Physik hat sich auf der einen Seite immer weiter von der Vorstellungswelt eines "normalen" Menschen entfernt, andererseits tritt sie im Gebiet der "Welterklärung" gegen die Religionen an, und kann für sich geradezu spektakuläre Erfolge verbuchen, die immer auch als Niederlage der Religion aufgefaßt werden können. Wenn der Nachweis des Higgs-Bosons nun gelungen sein sollte, dann wäre das ein weiterer spektakulärer Erfolg der Physik.
Das zu würdigen fällt einem als physikalisch nicht entsprechend vorgebildetem Mensch zusehends schwerer, angesichts des sich von der normalen Erfahrungswelt immer weiter entfernenden Themas. Vielleicht ist es daher nicht ganz überflüssig wenn ich das kurz einzuordnen versuche. Beim Higgs-Boson geht es nicht um Gott, und ich habe auch wenig Verständnis für die Metapher, das Teilchen würde das Universum zusammen halten. Das Teilchen hält eine wissenschaftliche Theorie, ein Erklärungsmodell zusammen. Es ist gewissermaßen der Schlußstein in diesem Modell und damit seine Bestätigung.
Vergleichen kann man das mit dem Periodensystem der Elemente, das im 19. Jahrhundert als Theorie aufgestellt wurde. Diese Theorie hat das Verständnis, wie Materie aufgebaut ist, entscheidend voran gebracht. Das hat viele Anwendugen, besonders auch in der Chemie, erst möglich gemacht, und hat auch das Verständnis vom Aufbau der Atome befördert. Aus der Theorie folgten aber auch Vorhersagen über die Existenz von Elementen, die bis dahin noch nicht bekannt waren, für die es aber im Periodensystem einen Platz gab.
So etwas ist für die wissenschaftliche Arbeit extrem wichtig, denn es bietet eine Möglichkeit, die Theorie zu testen. Wenn man aus der Theorie die Existenz von etwas bisher Unbekanntem folgern kann, dann kann man experimentell nach diesem Unbekannten suchen, denn aufgrund der Theorie kann man genauer sagen was für Eigenschaften das Gesuchte haben müßte. Wenn es daraufhin gefunden wird, dann ist das eine überzeugende Bestätigung für die Theorie. Wenn man es nicht findet, muß man eine plausible Erklärung finden warum man das Gesuchte nicht finden konnte, ansonsten sieht die Theorie alt aus.
Beim Periodensystem hat das ausgezeichnet geklappt. Schon Mendelejew, einer der beiden Entdecker des Periodensystems, postulierte auf dessen Basis die Existenz dreier bis dahin unbekannter Elemente, weil im Periodensystem an diesen Stellen Lücken auftraten. Alle drei Elemente (Gallium, Scandium und Germanium) wurden daraufhin gefunden.
Das Higgs-Boson ist das einzige Teilchen aus der als "Standardmodell der Elementarteilchenphysik" bekannten Theorie, für welches man bisher noch keinen Nachweis hatte. Higgs und ein paar andere Physiker haben schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, daß es ein solches Teilchen geben müßte wenn das Standardmodell stimmt. Es ist die gleiche Situation wie damals bei den Lücken im Periodensystem: Wenn man das findet was in die Lücken reingehört, dann ist das eine schlagende Bestätigung für die Theorie.
Das Wichtige ist also nicht das Teilchen, sondern die Theorie. Ohne die Theorie hätte man gar keinen Grund nach dem Teilchen zu suchen, und keinen Anhaltspunkt wie und wonach man suchen müßte. Und man hätte auch keine Rechtfertigung für das viele Geld, das man dafür ausgeben muß. Die Wichtigkeit dieser Frage kann man daran erkennen, wieviel Geld man in den Bau des Apparates hineingesteckt hat, mit dem man so ein Teilchen suchen kann. Es wirkt zugegebenermaßen etwas paradox, daß man immer größere Anlagen bauen muß, um immer kleinere Teilchen aufzuspüren, aber das ist wohl der Gang der Physik.
Wenn also das Higgs-Boson nun zu einem erneuten Triumph der Physik werden sollte, dann ist das so weit von Gott entfernt wie es nur sein könnte. Gott hat weder etwas mit der Entstehung der zugrunde liegenden Theorie zu tun, aufgrund derer die Existenz des Teilchens vorhergesagt wurde, noch mit der Suche nach einem experimentellen Nachweis. Higgs selbst glaubt nicht an Gott, so wenig wie wahrscheinlich die Mehrheit seiner Fachkollegen. Das Teilchen erklärt einen Aspekt der physikalischen Realität, für den man nun keine religiöse Erklärung mehr braucht; es hat damit Gott um ein ganz klein wenig überflüssiger gemacht.
Eigentlich sollte sich damit die Notwendigkeit reduziert haben, auf Metaphysik zurückzugreifen, aber erstaunlicherweise führt es dazu, daß mal wieder die metaphysischen Assoziationen ins Kraut schießen, gerade so als wäre die nackte Wissenschaft unerträglich, und müßte in eine Art religiöser Watte gepackt werden.
Ich meine, den beteiligten Wissenschaftlern kann das nicht recht sein. Ich verstehe auch nicht wirklich, warum sich ein Lederman von seinem Verlag so manipulieren läßt. Seine Botschaft wird dadurch jedenfalls verfälscht, und er gibt sich als Kronzeuge für etwas her, das gar nicht Seines ist. Ich empfinde hier die Religion als ein Kuckucksei im naturwissenschaftlichen Gelege, das von den Wissenschaftlern mit ausgebrütet wird. Um ihres eigenen Marketingerfolges willen betreiben sie das Geschäft derer, die ganz andere Ziele haben: Gottesmarketing. Und wie es beim Kuckuck so ist, könnte es sein daß am Ende die eigenen Küken aus dem Nest geschmissen werden.
Kommentare wie üblich bitte hier.
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