Samstag, 20. Juni 2009

Vertrauen schaffen

Ayatollah Chamenei weiß wie man Vertrauen schafft. Man fordert es einfach ein. In seinem Freitagsgebet diese Woche sagte er über die iranischen Präsidentschaftswahlen folgendes:
"Würden sie keine Freiheit fühlen, dann würden sie nicht wählen gehen. Die massive Beteiligung hat das Vertrauen in das System gezeigt. Wenn unsere Jugend keine Hoffnung hätte würde sie nicht an der Wahl teilnehmen. Die Feinde greifen den Glauben und das Vertrauen in das System an. Dieses Vertrauen ist die größte Investition der islamischen Republik, und sie wollen es uns nehmen. Sie wollen das Vertrauen in dieses System erschüttern [...] Der Feind will den Leuten glauben machen daß sie betrogen wurden."
Von dieser Logik könnten sich unsere Juristen hierzulande eine Scheibe abschneiden. Im März hat ja bekanntlich das Verfassungsgericht in Deutschland Wahlcomputer für verfassungswidrig erklärt, und betont:
"Beim Einsatz elektronischer Wahlgeräte müssen die wesentlichen Schritte der Wahlhandlung und der Ergebnisermittlung vom Bürger zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis überprüft werden können."
Damit unterstellt sogar das Verfassungsgericht indirekt, daß unser System eine solche Überprüfung durch den Bürger überhaupt nötig hat! Damit schürt es noch den Zweifel, wo doch eigentlich blindes Vertrauen angebracht wäre! Die iranische Republik ist da schon weiter, und so kann Chamenei auch in besagtem Gebet sagen:
"Die Wahlen vom 12. Juni waren eine Erfüllung der nationalen Verantwortung, ein Beweis der Mitwirkung des Volkes und eine Demonstration der Liebe für ihr System. Es ist ähnlich aber besser als die Demokratien in anderen Ländern, diese jedoch haben keine Demokratie die so gut ist wie unsere."
Er hat es nicht gesagt, aber ich bin sicher er hat es so gemeint: "Diese Demokratien bauen auf Kontrolle, während unser System auf Vertrauen basiert". Hand auf's Herz: Ist so ein System nicht viel schöner? Wo Vertrauen nicht nur möglich, sondern sogar nötig ist, weil man keine Kontrolle hat, und wo die Handelnden nicht von den Unwägbarkeiten eines scheinbaren Volkswillens, sondern von der Weisheit geleitet werden, die aus rechter Gesinnung und festem Glauben entspringt!

Die iranische Demokratie ist daher tatsächlich einen entscheidenden Schritt weiter als die deutsche: Das Ergebnis der Wahl reflektiert nicht den momentanen Volkswillen, sondern den Willen, den das Volk (bzw. der rechtschaffene und rechtgläubige Teil davon) haben würde wenn es nicht von den Feinden irregeleitet wäre. Dem iranischen Wahlsystem ist also mehr zu vertrauen als dem deutschen, denn dort sorgen, vor den feindlichen Augen verborgen, verantwortungsvolle Patrioten dafür daß das Wahlergebnis auch dem wahren Volkswillen entspricht, selbst wenn es dem Volk noch nicht bewußt sein sollte daß das sein Wille ist.

Auch wenn in Deutschland das politische System noch nicht ganz so weit ist, gibt es doch schon seit längerem viele Nischen auch außerhalb der Politik, in denen der Vorteil für das Vertrauen erkannt ist, den ein undurchschaubares Vorgehen im Verborgenen bietet. Ein vergleichsweise unbedeutendes, aber dennoch hell leuchtendes Beispiel findet sich bei den Tests, die von Hifi-Zeitschriften veranstaltet werden. Hier vermeidet man konsequent jede Transparenz der Testmodalitäten, die die Leserschaft zu Mißtrauen veranlassen könnte. Unbedeutende Details erfährt man in Hülle und Fülle, wie z.B. welche Stücke zum Vergleichshören verwendet wurden, oder welches Fabrikat irgendein Bauteil in einem Gerät hat. So beschäftigt man den Leser und verhindert das er auf dumme Gedanken kommt.

Wenn trotzdem einmal öffentlich Zweifel an einem solchen Test geäußert werden, ist man schnell dabei, zu betonen wie viel Vertrauen man bei rechtschaffenen Lesern zurecht genießt, daß es zu irgendwelchen Verdächtigungen nicht den geringsten Anlaß gibt und der Kritiker damit lediglich seine niederen Beweggründe zeigt.

Und das Wichtigste: Die Kritiker wissen ja nicht wie das Geschäft der Zeitschriften läuft, denn sie haben ja keinen Einblick in die Redaktionen. Die Auswahl der Testgeräte, die Testmodalitäten, die finanziellen Rahmenbedingungen, die Testkriterien und ihre Gewichtung, oder auch die angeblichen Interessenkonflikte, alles das ist ja höchstens in groben Umrissen öffentlich bekannt. Für Kritik gibt es folglich gar keine Grundlage. Das ist eine höchst vertrauensbildende Situation, so daß die Redaktion bei jeder Kritik zurecht darauf hinweisen kann daß sie Vertrauen verdient, zumal es sich bei den Mitarbeitern ausnahmslos um rechtschaffene, lediglich der audiophilen Wahrheit verpflichtete Leute handelt, die jeder unzulässigen Beeinflussung schon instinktiv völlig unzugänglich sind.

Um darzustellen, zu welchen Leistungen diese Leute imstande sind, lohnt es sich die Situation noch einmal etwas detaillierter darzustellen als es den meisten Lesern bewußt sein dürfte.

Angesichts eines engen Budgets kann es sich kaum eine Zeitschrift leisten, die Testgeräte über den normalen Handel einzukaufen, besonders wenn es um die ganz edlen und teuren Geräte geht. Neben den dabei anfallenden Kosten würde sich daraus auch das Problem ergeben, was man mit den ganzen getesteten Geräten anfängt, denn man kann ja nur wenige als Referenzgeräte in den eigenen Räumen behalten. Man müßte die Geräte gebraucht verhökern -- bei entsprechendem Verlust, oder man müßte so fies sein und dem Händler die Geräte in der Rückgabefrist wieder zurückgeben, was man wohl ein paar mal machen kann bis der dann die Lust verliert einem noch was zu verkaufen. Da ist die bessere Lösung, sich die Testgeräte von den Herstellern leihweise kostenlos zur Verfügung stellen zu lassen, schließlich haben die am Test ebenfalls ein Interesse, und sie können gleich noch dafür sorgen daß die Testgeräte einwandfrei in Schuß sind, damit die Testzeitschrift sich nicht mit Montagsgeräten herumärgern muß. Zudem hat man so auch gelegentlich die Möglichkeit, ein Vorseriengerät zum Test zu bekommen, was für die Kaufentscheidungen des Lesers besonders nützlich ist.

Das Budget weiter aufbessern kann man als Zeitschrift z.B. dadurch, daß man einem solchen Hersteller oder Händler nach erfolgtem Abdruck des Artikels im Heft einen Sonderdruck verkauft, den er zu seinen Werbezwecken einsetzen kann, oder daß man ihm den Sonderdruck als Datei für die Webseite gegen Gebühr überläßt. Die größten Chancen für ein solches Geschäft ergeben sich naturgemäß bei demjenigen Hersteller, dessen Gerät den Test gewonnen hat. Nachdem die Details dieser Geschäfte dem Leser verborgen bleiben ergibt sich hier wieder ein großes Vertrauenspotenzial.

Wenn zum Beispiel ein Hersteller im Vorfeld des Test, während der telefonischen Verhandlungen bzgl. der Bereitstellung des Testgerätes, durchblicken lassen sollte daß er im Falle des Testgewinns ein paar Kartons Sonderdrucke für einen noch auszuhandelnden attraktiven Preis abzunehmen gewillt wäre, und bei Erringung des Referenzstatus das Gerät der Redaktion unbefristet kostenlos überlassen würde, so heißt das natürlich nicht daß sich die Redakteure in ihrem Testverhalten irgendwie davon beeinflussen lassen würden. Vielmehr kann man absolut darauf vertrauen daß sie sich als professionelle Tester davon völlig frei machen und ohne Rücksicht auf die Finanzen ihr Urteil unbestechlich fällen.

Es versteht sich außerdem von selbst daß die Redaktion ein Gerät, das im Test Referenzstatus erreicht hat, und das man deswegen zu Vergleichszwecken behalten will, notfalls gekauft wird wenn der Hersteller nicht zu einer kostenlosen Überlassung bereit sein sollte.

Um die Bedeutung des Vertrauens noch weiter zu unterstreichen sorgen die Zeitschriften durch die Gestaltung der Testmodalitäten für weitere Anlässe zu blindem Vertrauen. So wird die Gewichtung der Testergebnisse so gestaltet, daß der Höreindruck das weitaus größte Gewicht einnimmt. Das ist aus audiophiler Sicht nur recht und billig, hat aber den zusätzlichen Vorteil daß es dafür keinen eindeutigen und nachvollziehbaren Maßstab gibt, angesichts der allseits hervorgehobenen Individualität des Hörens. Eine Kritik daran geht folglich schon im Ansatz ins Leere, und der Höreindruck der Redaktion wird unanfechtbar.

Wenn das noch nicht reicht, dann kann man noch darauf verweisen daß auch die meßtechnische Seite das Vertrauen fördert, denn man erfährt auch nicht genug, um die Messungen nachvollziehen oder durchschauen zu können. Schon was die Meßbedingungen angeht läßt man höchstens so viel Information an die Öffentlichkeit um die Messungen einem Laien seriös vorkommen zu lassen. Im Extremfall kann man auch neue Meßmethoden erfinden, die so unzureichend erklärt werden daß Vertrauen die einzige Möglichkeit bleibt. Vereinfacht gesagt präsentiert man dem Leser irgendeine Messkurve, und schreibt dazu: "Das ist der Beweis!"

Im Idealfall bleibt dem nichts anderes übrig als verständnislos zu nicken: "Aha! Hm, ok, wenn ihr meint! Ihr werdet schon wissen was Ihr da tut." Das ist die richtige Haltung! Das ist es auch was Chamenei seinem Volk empfiehlt, wenn es schon nicht zu rückhaltloser Begeisterung sich imstande fühlt. Und diese Form des Vertrauens ist es auch, was wir in unserer Demokratie hierzulande brauchen. Gut, daß man das schon im Kleinen trainieren kann!

Sonntag, 10. Mai 2009

Feindbild Gegenkopplung

Zu welch billiger Form von Meinungsmache der Hifi-Journalismus inzwischen degeneriert ist war ja schon letzten Monat Gegenstand eines Blogeintrages hier. Außer scharfer Kritik hat es dazu auch ernsthafte Nachfragen gegeben, und zwar durchaus auch von netteren und sympathischeren Leuten als ich es offenbar bin. Beispielsweise im Stereoplay-Forum. Es hat aber nichts geholfen. Nett sein hilft nichts wenn man kritische Fragen stellt. Das einzige was hilft ist wenn die Fragen nicht zu kritisch sind.

Weil ich das schon kenne, ist es auch gar keine Überraschung für mich, daß meine Prognose aus besagtem Forum eingetroffen ist. Schon vor dem Erscheinen der neuesten Ausgabe der Stereoplay habe ich vorausgesagt daß es auf die ausstehenden Fragen darin keine Antwort geben würde, auch wenn man für die Beantwortung eben dieser Fragen von der Redaktion mit Hinweis auf diese Ausgabe vertröstet wurde. Wenn jemand anderer Meinung sein sollte würde ich darum bitten, daß er diese offenen Fragen mit Bezug auf die neueste Ausgabe beantwortet, ich sehe den Zusammenhang nämlich bisher nicht.

Das war also keine besonders schwierige Aufgabe für meine Glaskugel, es war ziemlich offensichtlich daß die Messungen im letzten Heft nicht wirklich zu verteidigen sind, so viel scheint auch die Redaktion begriffen zu haben, also hat man sich lieber neuen Messungen zugewandt, die mit den alten nichts zu tun haben, anstatt daß man bei den alten Messungen auch nur eine Winzigkeit mehr Transparenz zugestanden hätte.

Man hat allerdings die Taktik etwas geändert. Von Sensation ist diesmal nicht mehr die Rede, die Karawane zieht hier doch ziemlich schnell weiter. In etwas nüchterner Prosa verpackt man ein noch obskureres Meßverfahren und bedient sich ansonsten der bewährten Methode, aus objektiv aussehenden nichtssagenden Kurven völlig willkürliche Schlußfolgerungen zu ziehen.

Während man für die letzte Ausgabe noch meinte, das Prinzip der Gegenkopplung zum besseren Verständnis für Laien in grotesker Form verzerrt verunglimpfen zu müssen, hat man diesmal kein Problem damit ein sogar für Fachleute eher seltsames Meßverfahren unkommentiert einfach so hinzuwerfen. Zitat Stereoplay 6-2006:
"Zu diesem Zweck verwenden wir jetzt ein breitbandiges MLS-Signal (Maximum Length Sequence). Die Kreuzkorrelation zwischen dem Verstärker-Eingangs- und -Ausgangssignal führt zu einer Impulsantwort, die mittels Fast-Fourier-Transformation in einen Frequenzgang umgerechnet wird."
Wie viele typische Leser der Stereoplay das wohl nachvollziehen können?

Es sieht so aus als würde mal wieder mir die Aufgabe zufallen, hier für den Background zu sorgen, den man braucht um so eine Messung einordnen zu können. Der Redaktion scheint es eher um das Nebelwerfen zu gehen.

Das erklärte Ziel der Stereoplay-Messung laut Artikel war es, "die Antwort dieses Systems auf einen Impuls" genauer anzusehen (gemeint ist das System Verstärker-Lautsprecher). Die Impulsantwort eines Systems ist in der Tat ein aufschlußreiches Kriterium, und es gibt zahlreiche Methoden um sie zu finden. Die MLS-Methode ist nur eine von vielen, und sie wird vor allem bei Lautsprechern angewendet, weil es durch sie möglich ist, auch ohne Messung im freien Feld den Effekt des Direktschalls vom Effekt des an Wänden reflektierten Schalls zu trennen. Daß man diese Methode bei Messungen an Verstärkern anwendet ist eher unüblich, denn man hat keinen Vorteil davon. Mit zeitverzögerten Reflexionen an Wänden und Decken hat man da schließlich nichts zu tun. Die Impulsantwort bei Verstärkern kann man auch wesentlich einfacher bestimmen indem man den Impuls direkt anlegt.

Die Idee der Stereoplay ist also eigenartig, aber noch eigenartiger ist es, daß man das Ergebnis im Frequenzbereich (also als Frequenzgang) statt im Zeitbereich darstellt. Wenn mich interessiert was ein Verstärker mit einem Impuls anfängt, dann sehe ich mir den Impuls im Zeitbereich an und schaue wie er ausschwingt. Der Übergang in den Frequenzbereich per FFT, wie das die Stereoplay tut, verschleiert das Ganze nicht unerheblich. Statt die Impulsantwort direkt zu sehen muß ich mir jetzt einen Reim auf Frequenzgänge machen, die offenbar stark davon abhängen wann ich messe (also wie viele Mikrosekunden nach dem Impuls). Gerade im niederfrequenten Bereich wird das sehr problematisch, denn man kann sich leicht klar machen daß eine Schwingungsperiode bei 100Hz bereits 10 ms lang dauert, und das ist hundert mal länger als die längste gemessene Verzögerung nach dem Impuls. Mit anderen Worten: Je niedriger die Frequenz, desto zweifelhafter werden die Meßwerte mit dieser Methode.

Aber ich bin nicht der Lautsprecher-Spezialist und (auch deswegen) sicher kein MLS-Experte. Umso besser hat es sich getroffen daß in den letzten paar Tagen die AES-Convention stattfand, bei der ich anwesend war, und praktischerweise war Bruce Hofer von Audio Precision auch da. Sonntag früh war wenig los, und bevor ihm langweilig wurde habe ich ihm die Stereoplay-Meßkurven unter die Nase gehalten und ihn gefragt was er davon hält. Sein Gesicht hatte ungefähr die gleichen Fragezeichen wie meins, und wir waren uns schnell einig daß diese Messungen in dieser Form überhaupt nichts aussagen. Nachdem man nicht weiß ob die Messungen mit Gleichspannungskopplung oder nicht gemacht wurden, und wie es um den Gleichspannungs-Offset der Verstärker bestellt ist, könnte man gerade auch im Baßbereich bei völlig harmlosen Unterschieden deutliche Meßunterschiede erhalten.

Nun bezweifle ich stark, daß irgend jemand etwas mit diesen Messungen anfangen kann, wenn das noch nicht einmal dem Chefentwickler des Meßgerätes gelingt, das von Stereoplay dafür verwendet wurde. Und das ist nicht irgendein Meßgerät, sondern das Top-Gerät der Industrie, an dem alles andere gemessen wird.

Der eigentliche Beschiß liegt aber in der Art wie die Messungen von Stereoplay interpretiert werden. Wenn man sich die Kurven ansieht erkennt man bei aller sonstigen Unbrauchbarkeit doch immerhin daß die Kurven zwischen ohmscher Last und (komplexer) Lautsprecherlast beim NAD-Verstärker am ähnlichsten sind. Wenn man daraus überhaupt etwas schließen kann dann ist es, daß sich der NAD von der Art der angeschlossenen Last am wenigsten unter den drei Verstärkern beeinflussen läßt. Jeder vernünftige Mensch würde das als einen Vorteil auffassen. Nicht so die Stereoplay. Man weiß offenbar welchen Verstärker man am besten aussehen lassen will und dreht sich das passend zurecht.

Eines dürfte inzwischen klar sein - "das kann nun niemand mehr bezweifeln" (O-Ton Stereoplay) - hier wird manipuliert daß die Schwarte kracht. Statt für irgend eine Art von Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu sorgen macht man eine unbrauchbare Messung nach der anderen, und zieht daraus dann völlig willkürliche Schlüsse, die mit den Meßwerten nichts, mit der schon vorher feststehenden ideologischen Ausrichtung aber alles zu tun haben. Dabei hofft man anscheinend daß den Hokuspokus keine nennenswerte Anzahl von Lesern durchschaut.

In meinem letzten Blog-Artikel zum Thema ging ich noch davon aus daß es sich dabei um Dilettantismus handelt. Das war weniger aus Überzeugung so als aus Vorsicht, denn schon Napoleon war ja der Ansicht daß man keine Böswilligkeit unterstellen solle, wenn zur Erklärung auch Inkompetenz genügt. Inzwischen bezweifle ich aber stark daß Inkompetenz eine ausreichende Erklärung für das liefern kann was die Stereoplay hier präsentiert.

Hier wird eine Kampagne geritten gegen die Gegenkopplung, und dabei ist kein Argument zu schäbig, kein Trick zu billig, und keine Irreführung zu plump. Das ist keine Unfähigkeit mehr, das ist trotzige Wahrheitsverweigerung und -verhöhnung, hier läuft die subjektivistische Illusionsmaschine aus dem Ruder.

Wer noch einen weiteren Hinweis darauf nötig haben sollte findet ihn wenige Seiten später im Artikel über den CD-Spieler von Ayre. In der Überschrift wird noch behauptet, die Gegenkopplung sei für Ayre tabu. Wer einmal umblättert und die wesentlich kleiner gedruckte Bildlegende liest, der erfährt daß die Operationsverstärker "lokal zahm gegengekoppelt" seien. Man erkennt die Richtung hier auch völlig ohne technisches Verständnis, aber mit dem entsprechenden technischen Verständnis wird die Aussage vollends zur offensichtlichen Verarsche.

Ohne Gegenkopplung gäbe es überhaupt kein Hifi. Die fundamentale Bedeutung der Gegenkopplung für die gesamte Elektronik und erst recht die Audioelektronik kann man gar nicht überschätzen. Die Angriffe auf dieses universelle Prinzip lassen das inzwischen in machen Kreisen als unglaubwürdige Behauptung erscheinen, und das ist das Empörende dabei. Wie kann es so weit kommen daß eine Tatsache derart auf den Kopf gestellt wird? Und warum mischt eine einstmals respektable Zeitschrift in so einer destruktiven Weise dabei mit?

Vielleicht ist es angebracht daran zu erinnern, daß es sich bei den Redakteuren der Stereoplay um Journalisten handelt, und nicht um ausgelagerte Marketingabteilungen für ein paar Hersteller. Wenn ein Hersteller die Wahrheit zugunsten seiner Produkte verbiegt ist das schon ärgerlich genug, aber irgendwie nimmt man das als gegeben hin. Aber wie weit muß man sein journalistisches Verantwortungs- und Ehrgefühl hinter sich gelassen haben um sich als unabhängiger, eigentlich der Wahrheit verpflichteter Journalist herabzulassen, solche Machwerke abzuliefern?

Sonntag, 26. April 2009

Was ist HiFi?

HiFi gehört zu den Dingen von denen man zuerst intuitiv glaubt zu wissen was sie bedeuten, aber wenn man genauer nachdenkt wird der Fall immer unklarer.

Wenn man sich über die Bedeutung eines Begriffes nicht so recht klar wird kann man ein Lexikon konsultieren. Was steht also z.B. im deutschen Wikipedia? "Hi-Fi ist ein Qualitätsstandard für Audio-Wiedergabegeräte". Im englischen Wikipedia steht dagegen: "hi-fi reproduction is a term used by home stereo listeners and home audio enthusiasts (audiophiles) to refer to high-quality reproduction of sound or images that are very faithful to the original performance."

Das ist ein ziemlicher Unterschied, ob man von einem Standard redet oder von einem Begriff, den Enthusiasten benutzen. Entweder es gibt eine ziemliche kulturelle Differenz zwischen der deutschsprachigen und der englischsprachigen Welt, oder es ist schlicht unklar was der Begriff eigentlich bedeutet.

Die wörtliche Bedeutung ist natürlich "hohe Wiedergabetreue", so weit ist es noch einigermaßen klar. Aber was bedeutet das? Was ist Wiedergabetreue, und ab wann kann man sagen daß sie hoch ist? Oder hoch genug?

In Deutschland hatten wir's mal einfach. Wir hatten eine DIN-Norm dafür, die immer noch einigermaßen bekannte DIN45500. Da standen Mindestanforderungen drin, die ein Gerät erfüllen mußte um sich HiFi nennen zu dürfen. Die gilt inzwischen nicht mehr, zum Teil weil sie in verwässerter Form in eine internationale Norm eingegangen ist, und zum Teil weil sie mißverstanden, bekämpft, ignoriert und mißbraucht wurde, aber auch weil sie ihre Probleme und Unzulänglichkeiten hatte. Letztlich ist sie auch ein Opfer der Globalisierung, denn in anderen Weltgegenden hatte sie sich ohnehin kaum durchgesetzt, und als der Markt der braunen Ware auf der nationalen Ebene zu klein geworden war, und die fernöstliche Produktion die Norm wurde, war für die DIN45500 das Totenglöckchen geläutet.

Letzteres hat übrigens wenig mit Wiedergabequalität zu tun. Ich will damit jedenfalls nicht unterstellen die fernöstlichen Produkte seien HiFi-mäßig unterlegen. Eher schon geht es darum welche Stecker man verwendet und welchen elektrischen Schnittstellendefinitionen man den Vorzug gibt. Die DIN45500 ist eben auch die Norm mit den DIN-Steckern (bzw. Diodensteckern). Die sind mit der DIN45500 verschwunden, und zwar zugunsten des Cinch-Steckers (in anderen Ländern auch Phono-Stecker oder RCA-Stecker genannt).

Manche Audiophile haben allerdings die DIN45500 als Feindbild aufgebaut, und zum Teil findet man noch heute, über 10 Jahre nachdem die Norm ausgelaufen ist, regelrechte Tiraden gegen die nicht mehr geltende Norm, so als wäre sie ein klangfeindliches Machwerk, ein Hindernis für echtes HiFi gewesen.

Das ist natürlich Unsinn. Auch als sie in Kraft war hat die Norm ja nicht verhindert daß man besser war als gefordert. Wer der Meinung war daß die Norm zu lasch war durfte ja besser sein ohne das Recht auf den Begriff HiFi zu verlieren. Ohnehin gab es keine Instanz die hätte verhindern können daß jemand den Begriff HiFi benutzt ohne sich um die Norm zu kümmern. Problematisch wurde es noch nicht einmal für solche Hersteller, die der Meinung waren, ihre Produkte könnten den Begriff "HiFi" beanspruchen, ohne die entsprechenden Anforderungen zu erfüllen. Die Norm wurde also beschuldigt, zugleich zu lasch und zu eng zu sein. Was die Normerfüllung behauptete klang nicht automatisch gut, und was gut klang war nicht automatisch normkonform.

In Wirklichkeit war und ist das ein Mißverständnis darüber was der Sinn einer Norm ist. "Gut klingen" ist ein subjektives Kriterium und kann schon deswegen nicht genormt werden. Sinn einer Norm ist, zu erreichen daß die Dinge zusammenpassen. Genauer gesagt geht es darum daß man mehrere Geräte zusammenstecken kann, und darauf vertrauen kann daß das Ergebnis eine einwandfrei funktionierende und qualitativ vorhersehbare Anlage ist. Das ist nicht selbstverständlich, und für technische Laien ein extrem wichtiger Faktor.

Wenn also in der Norm z.B. bestimmte Klirrwerte für Elektronik-Komponenten gefordert werden, dann war der Zweck nicht der, das klangliche Optimum festzulegen, sondern dafür zu sorgen daß nicht ein einzelnes Gerät das Gesamtergebnis deutlich ruinieren kann.

Von audiophiler Seite wurde aber so getan als würde die Norm die entwicklerische Freiheit knebeln, als würde dadurch das Mittelmaß erzwungen, als würden die in der Norm geforderten Mindestwerte als für alle Fälle ausreichend festgelegt. Als würde man nicht besser sein dürfen.

Was guter Klang ist kann man tatsächlich nicht normen, das ist dafür zu sehr Geschmackssache. Hifi ist aber etwas Anderes: Da geht es darum wie nahe am Original die Wiedergabe ist. Das kann eben von Fall zu Fall auch heißen daß der Klang schlecht ist, nämlich wenn das Original ebenso schlecht ist. Wie nahe ein wiedergegebenes Schallereignis am Original ist kann aber durchaus objektiv festgestellt werden und somit auch genormt werden. Dazu braucht man nämlich bloß den Unterschied zwischen Original und Wiedergabe zu untersuchen und dafür eine Obergrenze festzulegen.

Dazu gibt's allerdings Mehreres anzumerken.

Zuerst einmal: Was ist eigentlich das Original? Man denkt gern es sei das Konzert oder die Performance der Künstler, deren Darbietung man anhört. Stimmt nicht. Es ist die Aufzeichnung, also der Inhalt des Mediums das man abspielt. Die CD beispielsweise. Wenn das gleiche Konzert einmal auf CD und einmal auf LP veröffentlicht wird dann sind das verschiedene Originale, die sich bei originalgetreuer (HiFi-mäßiger) Wiedergabe auch in aller Regel verschieden anhören werden, selbst wenn sie von den gleichen Masterbändern stammen. Das ist dann kein Fehler der Wiedergabeanlage.

Nächstens, und weitaus interessanter: Wie bewertet man den Unterschied zwischen Original und Wiedergabe, und damit die Wiedergabetreue? Da gibt's mehrere Herangehensweisen:
  1. Man kann technisch an die Sache herangehen und Meßverfahren festlegen, und auf deren Grundlage dann Grenzwerte für die gemessenen Unterschiede erarbeiten, bei deren Einhaltung man dann mit ausreichender Sicherheit davon ausgehen kann daß die Unterschiede nicht mehr relevant sind.
  2. Man kann statistisch arbeiten und untersuchen welche Unterschiede von den Leuten noch als unbedeutend bewertet werden, und dann Grenzwerte auf der Basis von statistischer Relevanz festlegen. Die Relevanz macht sich dann daran fest welcher Prozentsatz der Leute den Unterschied wie stark bemerken.
  3. Man kann sich an individueller Präferenz orientieren, was letztlich eine allgemeine Bewertung verneint. Wenn's dem Einzelnen paßt, ok - wenn nicht, dann Pech.
Die erste Methode war für die DIN45500 typisch. Die Meßverfahren drehten sich hauptsächlich um Verzerrungswerte, aber auch um Rauschabstände und Ähnliches. Die Motivation dahinter war die Erkenntnis daß der Mensch und sein Gehör nur beschränkte Fähigkeiten hat solche Fehler zu hören, und wenn man die Fehlergrenzen nur niedrig genug legt würde man "auf der sicheren Seite sein".

Die Geräte und Anlagen, die aus dieser Methode resultierten waren zwar einesteils besser als die Geräte zuvor, und der Ansatz somit ein Erfolg. Man braucht sich dazu nur anzusehen wie die Lage vor Einführung der DIN45500 in den 70er Jahren war. Andererseits waren sie aber zugleich zu gut und zu schlecht. Zu schlecht weil durch bloße Einhaltung der Norm noch nicht garantiert war daß das Gerät in allen Fällen gut klang. Zu gut weil in bestimmtem Sinn es auch noch weit schlechter gegangen wäre ohne daß das hörbar gewesen wäre. Beides ist letztlich ein Zeichen dafür daß die angewendeten Meßverfahren nicht ganz mit den Eigenschaften des Gehörs korreliert haben.

Das wird seit den 80er Jahren mehr und mehr konkret eingesetzt, und ist letztlich auch der Tod von HiFi gewesen.

Auf der einen Seite entstand die High-End-Bewegung, für die die eigene Wahrnehmung über jeder Meßtechnik steht, nach dem Motto: HiFi ist was mir gefällt. Nach dieser Philosophie sieht man durch die rosa Brille klarer als durch die ungetönte Brille, wenn das der persönliche Eindruck ist.

Auf der anderen Seite entstand die psychoakustische Audiotechnik, für die anstelle der Meßtechnik die Eigenheiten der Wahrnehmung die wichtigste Rolle spielen. Das fängt an mit Dolby und ihren Rauschunterdrückungsverfahren, geht weiter über MP3 und die Verwandten, und macht noch nicht Halt bei Baß-Boost und Raumsimulationen. Je mehr Psychoakustik desto übler werden in der Regel die konventionellen Meßwerte, und doch ist die gehörmäßige Beeinträchtigung gering.

Die beiden Seiten begegnen sich typischerweise mit einem gehörigen Mißtrauen, um nicht zu sagen einer gepflegten Feindschaft, und doch sind sie sich ironischerweise näher als sie realisieren, denn beide Seiten legen den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung, im Gegensatz zu den objektiven Meßwerten. Der Unterschied ist daß die Einen die Wahrnehmung glorifizieren, während sie die Anderen nutzen.

Und damit sind wir wieder bei der Bedeutung des Begriffes HiFi: Wenn es auf die Wahrnehmung ankommt, egal ob es der individualistische Blickwinkel des Audiophilen oder der psychoakustische Blickwinkel des Dolby- oder Bose-Ingenieurs ist, dann bedeutet es wie gut der Konsument das Ergebnis findet, und die Grenzwerte alter Normen spielen dabei keinerlei Rolle.

Freitag, 10. April 2009

Wie die Faust auf's Auge

Kaum ist die virtuelle Tinte meines vorigen Blog-Artikels trocken, werde ich auf den neuesten Verstärker-Test der Stereoplay 05/2009 aufmerksam gemacht. Und was für einen kapitalen Bock wir da doch haben, der blöde auf der Lichtung herum steht und auf seinen Abschuß wartet!

Wenn's bloß einer der diversen normalen Verstärkertests gewesen wäre hätte sich das Finger krumm machen wohl kaum gelohnt, und auch die Sensationen gibt's bei der Stereoplay seit Jahrzehnten im Dutzend billiger. Aber diesmal behaupten sie den meßtechnischen Nachweis für Verstärkerklang zu haben! Der meßtechnische Nachweis, der ultimative Maulkorb für skeptische Technokraten, das Nirvana für den Audiophilen!

Meßtechnischer Nachweis für Verstärkerklang? Kein Problem, hätte ein halbwegs informierter Praktiker bisher gesagt: Man nehme auf der einen Seite einen vernünftig konstruierten Verstärker, und auf der anderen Seite einen der diversen Verstärker, die nach einer bescheuerten High-End-"Philosophie" konstruiert sind, der man die Verantwortungs- oder Ahnungslosigkeit des Konstrukteurs anmerkt, und es müßte schon mit dem Teufel zugehen wenn letzterer nicht eine meßtechnische Auffälligkeit zeigen würde, die für einen hörbaren klanglichen Effekt locker ausreicht.

Möglichkeiten gäbe es dafür ja viele: So schlampiges (sorry: spartanisches) Design, daß sich Störungen in Form von Brummen oder Hochfrequenz-Einflüssen bemerkbar machen (muß ja nicht so schlimm sein daß es direkt auffällt). Oder reichlich Verzerrungen, was besonders bei den Gegenkopplungs-Hassern gern genommen wird. Oder ein so "sensibles" Design daß sich der Frequenzgang durch die Impedanzkurve des angeschlossenen Lautsprechers verbiegen läßt.

Aber nein, nichts von alledem, man hat eine andere Entdeckung gemacht:

Lautsprecher verhalten sich "reaktiv", das heißt sie speichern Energie und schieben sie in Form von Strom gelegentlich zurück zum Verstärker. Und nicht alle Verstärker reagieren darauf gleich.

So haben sie es nicht ausgedrückt, aber darauf läuft es hinaus. Herausgefunden haben sie dieses Phänomen indem sie den Strom gemessen haben, der in der Lautsprecherleitung fließt, und zwar indem sie einen 0,1 Ohm Widerstand in die Leitung eingefügt haben und die daran abfallende Spannung gemessen haben. Sehr clever. Das Ohmsche Gesetz haben sie also schon mal verstanden.

Der Praktiker schließt daraus daß das Stereoplay-Labor die sehr nützliche Anschaffung einer guten Stromzange bisher noch nicht getätigt hat, die diese Messung noch erheblich vereinfacht hätte. Ich habe mehrere. Für einen Moment empfand ich Mitleid. Aber dann fiel mir auf dem Foto das Audio Precision System 2 Dual Domain ins Auge...

Wie dem auch sei, die Stereoplay hat damit ein Phänomen entdeckt, das einem Praktiker von vorn herein klar war und seit Jahrzehnten bekannt. Die Ironie des Ganzen ist daß sie das sogar mit einer Lautsprecher-Simulation (also einer "stummen" Nachbildung der elektrischen Eigenschaften eines Lautsprechers, gebaut aus Kondensatoren, Widerständen und Spulen) gemessen haben. Wenn man schon so weit geht, dann gesteht man zu daß man lediglich das idealisierte Verhalten so einer Nachbildung zugrunde legt, und den realen Lautsprecher nicht braucht, und von da aus könnte man leicht auch den Schritt zur kompletten Simulation im Rechner machen.

Die kleinen Unterschiede zwischen den Stromkurven zwischen den verschiedenen Verstärkern werden nun dafür verantwortlich gemacht daß sie unterschiedlich klingen. Da fliegt der Mist dann vollends in den Propeller. Einem Praktiker wäre sofort klar daß die gezeigten Unterschiede auf eine unterschiedliche Quellimpedanz (= Ausgangswiderstand) des Verstärkers zurückgehen müssen. Das erwähnt die Stereoplay noch nicht einmal. Stattdessen wird wie selbstverständlich behauptet daß dadurch Verzerrungen entstehen würden. Und zwar umso mehr je höher die Ströme werden.

Welch manifester Unsinn das ist läßt sich verdeutlichen wenn man sich klar macht das Lautsprecher ganz bewußt so entwickelt werden daß sie im Verstärker eine möglichst ideale Spannungsquelle voraussetzen. Der Ausgangswiderstand des idealen Verstärkers ist Null Ohm, der Dämpfungsfaktor damit unendlich. Die automatische Folge davon ist daß die Ströme, die aufgrund der reaktiven Natur des Lautsprechers entstehen, maximal werden. Der Effekt dieser Ströme ist eine Dämpfung der Lautsprecher-Chassis, das heißt sie dürfen nicht ihrer Massenträgheit nachgeben und rumwabbeln bzw. nachschwingen, sondern sie folgen den Vorgaben des Verstärkers. Die Ströme sind der Nebeneffekt dieser "Kontrolle". Der Begriff des Dämpfungsfaktors soll daran erinnern, und nicht umsonst hat man (auch die Stereoplay) uns in der Vergangenheit immer erklärt, der Dämpfungsfaktor müsse möglichst hoch sein.

Was man jetzt behauptet läuft auf das Gegenteil hinaus: Zu große Kontrolle würde angeblich Verzerrungen produzieren, ein klangverfälschendes Nachschwingen, eine Gefahr für einen "natürlichen Klirrverlauf". Erhoffen Sie keine Erklärung dafür, das wird einfach so behauptet, und man erwartet daß Sie das glauben! Es ist auch schwer zu erklären, denn ein hoher Dämpfungsfaktor verhindert ja gerade ein Nachschwingen, das sich andernfalls aus Massenträgheit ergeben würde! Was ein "natürlicher Klirrverlauf" bedeuten soll bleibt selbstredend ebenfalls im Dunkeln. Für mich wäre kein Klirr der natürlichste Klirr, aber ich fürchte so war's nicht gemeint.

Dementsprechend wird auch behauptet die leicht unterschiedlichen Stromkurven verrieten Verzerrungen. Mir verraten sie das jedenfalls nicht. Am Stromverlauf kann man die Verzerrungen, die ein Lautsprecher produziert, nicht erkennen, jedenfalls nicht auf die gezeigte Art. Auch dafür fehlt selbstverständlich jede weitere Erklärung im Artikel. Die Art der Unterschiede in den gezeigten Kurven deuten dagegen sehr direkt auf einen leichten Unterschied der Quellimpedanz hin, und zwar ist sie umso höher je niedriger die Kurve zu liegen kommt. Wenn man von der Stereoplay erfahren würde wie das Ersatzschaltbild der verwendeten Lautsprechersimulation aussieht, dann wäre es ein Leichtes gewesen, den Effekt (also die Kurven) in der Simulation nachzuvollziehen. 10 Minuten Beschäftigung mit LTspice hätten genügt. Nebenbei wäre dabei abgefallen welche Ausgangsimpedanzen die verwendeten Verstärker gehabt haben - auch das ist dem Stereoplay-Artikel nicht zu entnehmen.

Wenn man schon von der Ausgangsimpedanz redet kommt man fast automatisch zur Gegenkopplung. Wie schon der Erfinder der Gegenkopplung, Harold Black, vor 75 Jahren wußte, reduziert die Gegenkopplung die Ausgangsimpedanz. Das ist eine von diversen nützlichen Eigenschaften der Gegenkopplung, und wenn man alle nützlichen Eigenschaften zusammen nimmt kommt man unweigerlich zum Ergebnis daß die Gegenkopplung vermutlich eine der besten Erfindungen der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Besser sollte man wohl sagen: Entdeckungen, denn die Natur benutzt haufenweise Gegenkopplungen schon seit Anfang der Zeit, ohne daß es dazu den Menschen gebraucht hätte.

Eine so mächtige Technik birgt ihre Risiken, und das kann auch mal ins Auge gehen, aber dadurch wird der Wert der Technik nicht geschmälert. Es ist daher eigentlich unverständlich warum der Ruf der Gegenkopplung in der High-End-Szene so schlecht ist, und auch die Stereoplay einstimmt in den Chor derjenigen, die sie ablehnen. Aber nach meiner bisherigen Erfahrung liegt das einfach daran daß sie über den Horizont der meisten Audiophilen geht. Was sie nicht kapieren kann in ihren Augen nichts taugen, so scheint die einfache Logik zu sein. Schon der wahrhaft beschränkte Einwand, die durch die Gegenkopplungs-Schleife bewirkte Korrektur käme immer zu spät, legt vom Unverständnis ein beredtes Zeugnis ab.

Wie weit dieses Unverständnis geht zeigt sich deutlich am Stereoplay-Artikel. Der beste Verstärker dort wird deswegen gelobt weil die Ausgangstransistoren nicht in die Gegenkopplungs-Schleife mit aufgenommen sind. Die unweigerliche Folge davon ist nicht nur ein höherer Ausgangswiderstand, wie sich in der Messung dann ja auch bestätigt, sondern auch ein erschreckend hoher Klirrpegel.

Die Reduktion des Klirrs ist ein anderer wichtiger Nutzen der Gegenkopplung, von daher überrascht dieses Ergebnis keineswegs. Was aber die flache Hand auf der Stirn aufschlagen läßt (oder die Stirn auf der Tastatur) ist die Tatsache daß dieser Klirrpegel anscheinend von der Stereoplay mit dem Klang des Verstärkers nicht in Zusammenhang gebracht wird!

Das ziehe man sich mal rein: Die Stereoplay testet einen Verstärker, von dem schon klar ist daß wegen seines Verzichts auf Gegenkopplung "über alles" damit zu rechnen ist daß höherer Klirr und höherer Ausgangswiderstand zu erwarten sind (siehe der alte Harold Black). Die Messungen bestätigen das eindrücklich. Der Klirr ist sogar so hoch daß man mit einer Hörbarkeit desselben rechnen muß, was für einen Audio-Verstärker wahrlich ein Armutszeugnis ist, sogar für einen der nur einen Bruchteil kostet. Trotzdem begibt man sich auf die Suche nach einer anderen Erklärung für den gehörten Unterschied, und wird fündig bei einem Effekt, der sich von selbst versteht, der genau entgegen der bisherigen "Weisheit" interpretiert wird, dessen Zusammenhang zum Gehörten einfach postuliert und keineswegs nachgewiesen wird, und dessen Auswirkungen völlig unerklärt und widersinnig bleiben. Chapeau!

Wenn das die Fähigkeiten der "Meßtechniker" bei der Stereoplay repräsentativ demonstrieren sollte, dann machen sie sich überflüssig. Besonders der gute Audio Precision läßt eine Krokodilsträne aus meinem Auge rinnen. So viel hochwertige Meßtechnik in den Händen von solchen Dilettanten! Perlen vor die Säue! Wenn ich nächstes Mal einen Vertreter von Audio Precision treffe werde ich ihm empfehlen, daß sie ihre Geräte nur an Leute verkaufen sollten die vorher einen Eignungstest bestanden haben. Das AP-Logo ist einfach keine gute Werbung in unmittelbarer Nachbarschaft von so einem Blödsinn.

Der Stereoplay empfehle ich die Abschaffung eines unter diesen Vorzeichen nutzlosen Meßlabors. Das Geld kann man einsparen, denn etwas Sinnvolles scheint nicht heraus zu kommen nachdem es kein Personal zu geben scheint, das in der Lage wäre die Messungen vernünftig zu interpretieren. Die angesprochene Zielgruppe der Audiophilen kann mit der Meßtechnik sowieso nichts anfangen und glaubt den gleichen Stuß auch ohne daß man ihn umständlich mit solchen Pseudomessungen hinterlegt. Den verständigeren Leuten schließlich erspart man so die Aufregung, in dem man signalisiert daß man da hin will wo die Stereo schon ist, und sich die Beschäftigung mit dem Inhalt nicht lohnt.

Samstag, 4. April 2009

Die großen Drei

Vor ein paar Wochen kam es im Hifi-Forum mal wieder zu einem Thread über Hifi-Zeitschriften. Das wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen wenn nicht der Teilnehmer "Stones" die "Drei Großen", also Audio, Stereo, und Stereoplay, angeschrieben hätte und sie nach ihrer Position zu Blindtests gefragt und einen "öffentlichen" Blindtest angeregt hätte. Zu seiner eigenen Überraschung haben alle drei geantwortet. Ich finde die Antworten aufschlußreich genug daß sie mich zu diesem Blog-Artikel inspiriert haben.

Bevor ich hier durch meine Kommentare Voreingenommenheit erzeuge solltet Ihr am besten zuerst die Antworten lesen, die Stones hier, hier und hier veröffentlicht hat.

Ich gehe mal in umgekehrter Reihenfolge darauf ein. Der Kommentar der Audio zeigt wie blank die Nerven bei diesem Punkt liegen. Außer Polemik kommt absolut nichts. Wenn man die Tests und die Testergebnisse aus der Zeitschrift bezweifelt und nicht glauben mag daß sich die Testgeräte alle hörbar unterscheiden, dann ist man damit immer noch weit davon entfernt zu behaupten, alle CD-Spieler oder Verstärker klängen gleich. Wenn man aus der "Seriosität" dieser hingekotzten Antwort auf die angebliche Seriosität der durchgeführten Tests schließen kann, dann gute Nacht.

Der Kommentar der Stereoplay ist es schon eher wert daß man sich damit beschäftigt, was nicht heißen soll daß er überzeugender wäre. Sie behaupten immerhin explizit, regelmäßig Blindtests zu machen, und sie auch "Monat für Monat" zu "bestehen". Stattdessen schieben sie den Ball zurück ins andere Feld und behaupten, das öffentlich zu machen würde die Zweifel nicht ausräumen, man könnte schließlich immer einen Vorwand für die Ablehnung finden. Am interessantesten ist dabei der Verweis auf einen öffentlichen Blindtest, den die Stereoplay vor Jahren durchgeführt hatte. Man erweckt den Eindruck als sei der quasi eine Bestätigung für die Position der Stereoplay.

Es wird zwar keine genaue Angabe gemacht, aber es kann sich bei dem angegebenen Test eigentlich bloß um einen im Jahr 1990 veranstalteten Test handeln, über den in der Stereoplay 5/90 und der folgenden Ausgabe ein zweiteiliger Artikel von Karl Breh berichtete. Ich habe Kopien des Artikels vorliegen. Zwar war ich in den 80ern selbst Stereoplay-Abonnent, aber ich hatte das Abo zu früh gekündigt, und außerdem schon lange alle Hefte "entsorgt". Wenn man den Artikel liest und ihn mit dem Stereoplay-Kommentar vergleicht bekommt man einen Eindruck, wie weit die "Legendenbildung" auch bei der Stereoplay selbst schon fortgeschritten ist.

Zuerst zu den faktischen Fehlern: Laut Artikel hat die Jury 30 Leute umfaßt, und nicht 50. Ob das der größte bis dahin veranstaltete öffentliche Blindtest war kann man getrost bezweifeln.

Auch die Beschreibung der Testmethode ist völlig falsch. Auf DAT aufgezeichnet wurde gar nichts. Es gab in Wirklichkeit 2 verschiedene Tests. Der erste Test diente dem Vergleich eines von LP abgespielten Signals mit dem gleichen Signal, das zusätzlich eine A/D-Wandlung und wieder eine D/A-Wandlung durchlaufen hat. Die Frage war also ob eine solche Wandlerkette das Signal merklich verschlechtert. Es wurden dazu die Wandler in einem DAT-Recorder Pioneer D1000 benutzt, aber es sieht nicht danach aus als ob das Band dabei überhaupt lief. Der zweite Test versuchte speziell die CD mit ihrem Mastering-Prozeß zu überprüfen, wozu man von der LP abgespielte Stücke auf CD masterte, so daß man das Original von der LP mit der "Kopie" von der CD vergleichen konnte. Ein DAT-Laufwerk war hier nirgends im Spiel. Hier waren also gegenüber dem ersten Test zusätzlich zu den A/D- und D/A-Wandlern noch der Masteringprozeß der CD im Spiel. Die Wandler waren im zweiten Test natürlich andere als im ersten, beidesmal wird es sich aber um 16-bit/44,1 kHz Wandler gehandelt haben, auch wenn man das so explizit nicht gesagt bekommt.

Auch das Ergebnis stellt sich keineswegs so eindeutig dar wie man es uns heute glauben machen will. Schon bei der Lektüre des Artikels habe ich den Eindruck daß aus den Ergebnissen mehr heraus gelesen wird als drin ist, aber da die Ergebnisse wenigstens detailliert dokumentiert sind, kann man die Tabellen auch selbst studieren und interpretieren. Und die ergeben eben, daß im ersten Test von 9 Testredakteuren mindestens 6 so nahe an einem Zufallsergebnis lagen daß man beim besten Willen nicht davon reden kann daß hier so etwas wie eine Erkennung stattgefunden hat. Eine ordentliche Signifikanzanalyse findet leider nicht statt und es wurden augenscheinlich auch vor dem Test keine Signifikanzschwellen festgelegt, so daß schon deswegen ein gewisser Interpretationsspielraum verbleibt. Aber selbst im günstigsten Fall muß man sagen daß auch bei den Testredakteuren eine erfolgreiche Erkennung der Unterschiede die Ausnahme und nicht die Regel war.

Beim zweiten Test sind die Juroren nicht mehr aufgeschlüsselt, man kann also nicht mehr erkennen wie die Testredakteure gegenüber den übrigen Teilnehmern abgeschnitten haben. Bemerkenswert bei diesem Test ist allerdings daß es im Gesamtergebnis eine geringe Bevorzugung der CD gab, die ja eigentlich als Kopie von der LP höchstens schlechter als diese sein konnte.

Zudem sollte man sich das Alter des Tests vor Augen halten. Die dabei verwendete Technik ist von vor 20 Jahren, und die CD war erst ein paar Jahre auf dem Markt. Die damals verwendeten Top-Wandler werden heute in ihren technischen Daten teilweise von Billig-Chips überboten.

Ein solches Testergebnis also zum Anlaß zu nehmen sich auf die Brust zu klopfen, und wie selbstverständlich zu behaupten man könne alle diese Unterschiede routinemäßig hören und stelle das Monat für Monat unter Beweis, das ist schon eine ziemliche Chutzpe. Man fälscht quasi die eigene Geschichte und hofft darauf daß die Leserschaft schon nicht genauer nachsehen wird. Darauf aufbauend zieht man aus den Tests im Eigeninteresse genau den umgekehrten Schluß der eigentlich angebracht wäre, und stellt sich selbst einen Persilschein aus.

Da kann ich nicht anders als mich als "Internet-Stänkerer" (Audio) zu betätigen: Ich nehme solche Aussagen als einen starken Hinweis darauf daß man bei der Stereoplay tatsächlich keine Bodenhaftung mehr hat was die Einschätzung der Hörfähigkeiten angeht, und die ganze Kritik an deren Tests und Ranglisten finde ich dadurch bestätigt.

Beim Kommentar der Stereo fragt man sich ob man als Satiriker überhaupt etwas dazu schreiben soll, treiben sie die Realsatire doch schon selbst auf die Spitze.

Sie führen angeblich keine Blindtests durch weil man auch schon ohne Blindtests die Unterschiede problemlos hört. Entlarvend, nicht? Als ob es der Zweck von Blindtests wäre, möglichst viele Unterschiede zu hören. Schon klar: Wer Unterschiede hören will sollte sich mit Blindtests gar nicht erst aufhalten. Das ist ein alter Hut, und er illustriert aufs Deutlichste daß ihnen der Zweck eines Blindtests völlig unklar ist, und - so kann man vermuten - auch der Zweck von Tests im Allgemeinen. Um die Realität geht's hier jedenfalls eindeutig nicht, denn wer das Hören eines Unterschieds als Wert an sich betrachtet, der kann die Realität nur als störend betrachten.

Was für eine "freihändige" und jede nüchterne Einstellung zu Blindtests völlig negierende Position die Stereo hat wird aus dem weiteren Text jedenfalls mehr als klar. In gewissem Sinn ist die Antwort der Stereo daher die konsequenteste der drei Antworten. Man hält sich gar nicht erst mit den Tatsachen auf. Wozu Blindtests oder überhaupt Tests da sind, und was die Wissenschaft dazu zu sagen hat, ist völlig uninteressant. Das Hören von Unterschieden ist zum Zweck in sich geworden, und alles Andere einschließlich der beteiligten Geräte wird zum Hilfsmittel dafür.

Auch die zum Teil wirklich weit ausholenden Analogien stoßen mit ihrer völligen Sinnfreiheit ins gleiche Horn. Wenn sich jemand in einem Gerätevergleich die Unterschiede herbeifabulieren kann, dann kann er ebenso mühelos auch einen Zusammenhang mit der Stringtheorie herbeifabulieren. Freie Assoziation eben, keiner Realität, keiner Seriosität und keiner Nachvollziehbarkeit verpflichtet.

Ich gebe zu: Die Antwort der Stereo amüsiert mich, während mich die beiden anderen eher ärgern. Die Stereo weiß offenbar wenigstens wo sie steht und stehen will. Man hat sich eindeutig für das Audiophilen-Klientel entschieden mitsamt ihrer Weltfremdheit und Hörelite-Dogmatik. Denen liefert man die Denkschablonen und die Dogmen, die Gruppenidentität und das Selbstbewußtsein. Jede zur Schau gestellte Objektivität, falls man sich darum überhaupt bemüht, ist Fassade. Entweder man nimmt das ernst, und ist damit selbst vom dazugehörigen Denkschema infiziert, oder man nimmt es als eine ordentliche Dosis Realsatire, die umso besser ist je ehrlicher die Redakteure von ihrem Gemache überzeugt sind.

Audio und Stereoplay versuchen dagegen eine Grätsche, die eigentlich nicht gut gehen kann. Sie wissen offenbar nicht wo sie stehen und wo sie hin wollen. Entweder man spricht den kritisch denkenden Leser an oder den selbstbezogenen Subjektivisten. Je mehr man sich dem einen zuwendet desto mehr schreckt man den anderen ab. Dabei ist es generell schwieriger, jemanden zu gewinnen als zu verlieren. Das ist das Problem: Auch wenn der Markt eine nüchterne und rationale Zeitschrift durchaus vertragen könnte, ist doch keineswegs klar daß sie auch vom Fleck weg ausreichend Abonnenten bekäme. Das Terrain ist schlicht und einfach vergiftet, die Anhänger einer rationalen Linie sind schon längst vergrault, und ihr Vertrauen ist auch nicht im Handstreich zurückzugewinnen.

Wenn man dazu noch einen Teil seiner eigenen Vergangenheit verleugnen müßte wird's extra schwierig. Der Subjektivismus und die Blindtest-Muffelei sind eine schiefe Ebene, auf der man unweigerlich tiefer rutscht wenn man nicht aktiv dagegen arbeitet. Die Fehler die man auf dem Weg nach unten gemacht hat werden einem auf dem Weg zurück unweigerlich um die Ohren gehauen. Man kann zumindest die kritischen Geister eben nicht für dumm verkaufen und danach wieder ihr Vertrauen einfordern.

Ich glaube daher daß es mit dem Weg zurück nach oben für die Stereoplay und die Audio nichts werden wird. Vorübergehende Tendenzen bei der Audio scheinen schnell wieder untergegangen zu sein, und ich meine auch zu verstehen warum. Es liegt in der Logik der Sache. Bloß wartet auf der schiefen Ebene weiter unten schon die Stereo. Da wird's ungemütlich eng werden.

Sonntag, 22. März 2009

Kopfhörer und technische Daten - ein Elend

Oft frage ich mich warum ein Hersteller für sein Produkt technische Daten angibt, wenn man damit sowieso nichts anfangen kann. Der Laie kann damit nichts anfangen weil er eben ein Laie ist, und der Fachmann kann nichts damit anfangen weil die Angaben zu undetailliert, oder zu vage sind.

Gerade ärgere ich mich zum Beispiel mal wieder über die Situation bei Kopfhörern und den zugehörigen Kopfhörerverstärkern. Im Speziellen geht's mir hier mal um die Situation bei den Impedanzen.

Zuerst einmal zum Problem, warum die Impedanzen überhaupt interessieren.

Die Impedanz des Kopfhörers bildet mit der Quellimpedanz des Verstärkers einen Spannungsteiler. Wäre das Teilerverhältnis über die Frequenz immer gleich, dann würde das keine Rolle spielen, denn es hätte keine Auswirkungen auf den Frequenzgang des Kopfhörers. Davon kann man aber leider nicht ausgehen, denn die Impedanz eines Kopfhörers ist über die Frequenz meist nicht konstant. Die Quellimpedanz des Verstärkers dagegen ist das weitgehend schon. Das Ergebnis ist ein Frequenzgang des Kopfhörers, der je nach Quellimpedanz des Verstärkers variiert. Der Klang des Kopfhörers ist also in gewissen Grenzen davon abhängig welchen Verstärker man benutzt. Kopfhörerverstärker haben unterschiedliche Quellimpedanzen, und Die richtige Quellimpedanz existiert nicht.

Nun gut, die Audiophilen wußten das schon lange, bloß wissen viele davon nicht daß das an einem Bauteil im Ausgang des Verstärkers liegen kann, das wenige Cent wert ist. Stattdessen vermutet man lieber Silberdrähte, Kondensatoren, resonanzarme Gehäuse oder hölzerne Volume-Knöpfe als Ursache.

Aber Audiophilie beiseite, was aus dieser Situation folgt ist mehrerlei:
  • Durch einen einzelnen Zahlenwert wie die "Nennimpedanz" ist der Kopfhörer nicht ausreichend beschrieben. Man bräuchte die Impedanzkurve über die Frequenz. Leider ist es nicht allgemein üblich die in den technischen Daten anzugeben, obwohl sie für die Hersteller einfach zu messen wäre.
  • Die Quellimpedanz eines Kopfhörerverstärkers ist eine wichtige Information und sollte in den technischen Daten stehen.
  • Klangbeschreibungen eines Kopfhörers sagen nicht viel aus wenn man nicht weiß bei welcher Quellimpedanz sie zustande kamen. Na gut, Klangbeschreibungen sagen oft sowieso sehr wenig aus, dann kommt's darauf vielleicht auch nicht mehr an...
  • Der Hersteller eines Kopfhörers müßte eigentlich dazu schreiben welche Quellimpedanz er empfiehlt, und insbesondere bei welcher Quellimpedanz er seine Messungen gemacht hat.
Es gibt Normen dafür. Die IEC 60268-15 (früher IEC 268-15) nennt zum Beispiel eine Quellimpedanz von 120 Ω, und IEC 60268-7 merkt dazu an:
"The performance of most types of headphones depends very little on the source impedance. However, in order to allow headphones of widely different impedances to be reasonably well-matched, in terms of the sound pressure level produced, to a single headphone output on other equipment, IEC 60268-15 at present specifies a source impedance of 120 Ω, intermediate between the lowest and highest likely impedances of available headphones. It is thus important for the manufacturer to specify the rated source impedance, particularly if, for some reason, it is not 120 Ω."
Womit sie recht haben ist daß man die Quellimpedanz angeben sollte, zumindest wenn sie nicht 120 Ω beträgt. Wie man aber auf die Idee kommen kann das spiele kaum eine Rolle, das ist mir schleierhaft. Es gibt auf dem Markt viele Kopfhörer, deren Impedanz über die Frequenz so stark schwankt daß unterschiedliche Quellimpedanzen etliche dB an Einfluß auf den Frequenzgang hat, und der Effekt kann deutlich hörbar sein.

Immerhin, es wird eine Norm-Quellimpedanz von 120 Ω angegeben, und das ist ja schon etwas woran man sich halten kann. Falls man nichts Näheres liest, müßte man also davon ausgehen daß das die Quellimpedanz ist bei der die Hersteller ihre Messungen gemacht haben. Und bei eben dieser Quellimpedanz müßten in Ermangelung expliziter Angaben auch die Messungen anderer Leute, wie z.B. der Produkt-Tester von Zeitschriften, gemacht werden.

Auf der Webseite von HeadRoom kann man zum Beispiel etliche Frequenzgänge und Impedanzkurven ansehen, und sie beschreiben auch wie sie messen. Bloß was erfährt man nicht? Genau: Die Quellimpedanz. Lediglich angegeben wird das Verstärkermodell das sie verwenden, wenn man aber nachforscht was der wohl für eine Impedanz hat, dann findet man eine alte Bedienungsanleitung in der gar keine technischen Daten stehen. Vielleicht kann hier ja ein Leser aushelfen. Man müßte in dieser Situation eigentlich annehmen, daß es sich bei der Quellimpedanz um 120 Ω handelt, aber ich habe den leisen Verdacht daß es sich um einen sehr niederohmigen Verstärker handeln könnte, wie es unter "High-End"-Verstärkern öfter der Fall ist.

Wir können ja mal an einem Beispiel durchspielen was das für Auswirkungen hat. Die erwähnte Webseite zeigt für den AKG K240 diesen Impedanzschrieb, aus dem hervorgeht daß über weite Strecken die Impedanz um die 55 Ω beträgt, bei 100 Hz ist aber eine Resonanzstelle bei der sie auf 150 Ω ansteigt. Wenn nun hypothetischerweise der Frequenzgang bei 0 Ω Quellimpedanz schnurgerade wäre, dann hätte man bei 120 Ω Quellimpedanz einen Buckel bei 100 Hz von ca. 5 dB. Der Kopfhörer hätte also bei größerer Quellimpedanz deutlich mehr Tiefbass.

Natürlich macht eine höhere Quellimpedanz den Kopfhörer auch leiser, aber das kann man mit dem Lautstärkeknopf leicht ausgleichen. Angesichts der geringen benötigten Leistungen ist auch der Verlust im 120 Ω Widerstand im Verstärker unbedeutend.

Wenn eine Quellimpedanz solche Einflusse hat, warum macht man dann nicht alle Kopfhörer-Verstärker und die Normen gleich so daß man bei 0 Ω Quellimpedanz arbeitet, wie bei Lautsprechern auch? Immerhin fällt so eine Variable weg. Abgesehen von den "historischen Gründen", die man hier immer wieder anführen kann, ist mein Verdacht daß man dabei vor allem denjenigen Herstellern entgegen kommt, die den Kopfhörerausgang an einem Verstärker einfach durch Vorwiderstand vom normalen Verstärkerausgang abzweigen, statt für den Kopfhörer eine eigene Verstärkerstufe zu spendieren.

Eigentlich ist das aber Quark, und in Zeiten wie heute wo viele Kopfhörer eher niedrige Impedanzen haben, damit sie auch von niedrigen Spannungen noch laut genug getrieben werden können, wie man es bei MP3-Spielern und anderem tragbaren Zeug findet, ist eine Quellimpedanz von 120 Ω eigentlich ein Anachronismus. Wenn man einen niederohmigen Kopfhörer bei einer so hohen Quellimpedanz mißt, dann sind die elektrischen Verhältnisse bei der Messung drastisch anders als im normalen Betrieb, und die Meßergebnisse werden eine sehr fragliche Relevanz haben. Speziell die aufgenommene Frequenzgangkurve wird also unter Umständen ganz anders aussehen als im Normalbetrieb.

Für die Beteiligten am Markt entsteht dadurch eine eigentlich unmögliche Situation. Wenn der Hersteller des Kopfhörers den Frequenzgang so auslegt daß er bei 120 Ohm Quellimpedanz am ehesten "paßt", dann wird es an "Kleingeräten" oder vielen Kopfhörerverstärkern tendenziell falsch klingen, wo die Impedanzen viel kleiner sind. Dem könnte er entgegen wirken indem er versucht die Impedanzkurve möglichst linear zu machen, aber das erfordert entweder Zusatzaufwand in Form eines Zusatznetzwerks (wo bringt man die Bauteile unter?), oder es schränkt einen bei der Konstruktion des Systems zu stark ein.

Orientiert sich der Hersteller eher an niedrigen Quellimpedanzen, dann wird ein unter Normbedingungen aufgenommener Frequenzschrieb einen falschen Eindruck erzeugen. Außerdem klingt's dann am Kopfhörerausgang eines normalen Verstärkers womöglich falsch.

Und wie soll man dann Kopfhörer testen? Welche Quellimpedanz legt man zugrunde? Und egal welche man zugrunde legt, das Ergebnis wird nicht für alle Leser und Kunden nachvollziehbar sein, denn nicht alle werden die gleiche Quellimpedanz in ihrem Gerät haben.

Bisher kommt es mir so vor als ob das Problem von allen Beteiligten ignoriert wird. Nachvollziehbare und aussagekräftige Informationen will man offenbar gar nicht verbreiten, lieber produziert man sinnloses und inhaltsleeres Klanggeschwafel, mit dem niemand etwas anfangen kann.

Nachtrag: Ich bin noch auf eine Untersuchung aufmerksam geworden, die bei Sennheiser gemacht wurde, einschließlich damit verbundener Hörtests. Auf der Tonmeistertagung 1990 haben zwei Mitarbeiter darüber berichtet. Der Beitrag ist im Tagungsband enthalten (Dellbrügge, Sander-Röttcher: "Einfluß des Verstärker-Innenwiderstandes auf die Klangeigenschaften von Kopfhörern"). Hier ihre Zusammenfassung:
"Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß der Innenwiderstand des Kopfhörerverstärkers bei Audioverstärkern einen nicht vernachlässigbaren Einfluß auf die klanglichen Eigenschaften eines Kopfhörers hat. Entscheidend dafür ist der Impedanzverlauf des Hörers.Bei Kopfhörern mit glattem Impedanzverlauf war auch bei großem Innenwiderstand keine Klangveränderung hörbar, bei Hörern, deren Impedanzverläufe deutliche Überhöhungen aufwiesen, machte sich dies durch Höhen- oder Tiefenanhebung bei Veränderungen des Innenwiderstandes bemerkbar. Die Ergebnisse der Hörversuche werden durch die gemessenen Frequenzgänge bestätigt, bleiben die Pegeldifferenzen unterhalb von 0,5 dB, so ist dieses mit dem Ohr nicht mehr wahrnehmbar. Bei der Messung der Impulsantworten stellte sich heraus, daß die Unterschiede in Frequenzbereich wesentlich deutlicher zu erkennen waren als in den Zeitsignalen."
Also ein alter Hut. Ich bin 20 Jahre zu spät dran. Bloß geändert hat sich absolut nichts, das Problem ist heute das Gleiche wie damals.

Sonntag, 15. März 2009

Die audiophile Kränkung

Seit Sigmund Freud 1917 ein bißchen zu großspurig von den drei großen Kränkungen der Menschheit schrieb hat es immer wieder Leute gegeben, die der Liste weitere "große" Kränkungen hinzugefügt haben. Ein gewisser Hang zur Numerologie ist dabei recht auffällig, denn anscheinend muß es immer eine "magische" Zahl von Kränkungen sein, wie z.B. drei, vier, sieben, zehn oder zwölf. Gerhard Vollmer schreibt zum Beispiel von den sieben Kränkungen, obwohl er im Text dann je nach Zählung neun oder zehn Kränkungen erwähnt. Sieben fand er wohl irgendwie besser für die Überschrift. Über sieben Brücken mußt Du gehn, sieben Kränkungen überstehn, lalala.

Für mein Blog würde sich aus naheliegenden Gründen die "teuflische Zahl" Dreizehn empfehlen (auf 666 Kränkungen zu kommen ist mir zu anstrengend). Der Einfachheit halber lege ich daher die zwölf Kränkungen aus dem Manifest des evolutionären Humanismus zugrunde, dann brauche ich bloß noch eine Kränkung hinzuzufügen, nämlich die meiner Mentalität am besten entsprechende "Audiophile Kränkung".

Die audiophile Kränkung besteht darin, daß das narzisstische Selbstbildnis des Audiophilen, in dem er sich überragende und objektive Hörfähigkeiten bescheinigt, durch wissenschaftliche Erkenntnisse und neutrale Hörtests immer wieder aufs gröblichste verletzt wird. Der Audiophile steht nicht im Zentrum des Universums (Kopernikus), er steht auch nicht an der Spitze aller Lebensformen (Darwin), ist dazu noch nicht mal der Herr im eigenen psychologischen Haus (Freud), und jetzt soll er auch noch Dinge hören die's gar nicht gibt (pelmazo). Was bleibt dann noch übrig? Wofür lohnt es sich noch zu leben?

Es zeigt sich hier wieder auf das Deutlichste daß Wissenschaft eigentlich die Beschäftigung von Sadisten ist. Die Wissenschaftler lieben es, der Welt die unwillkommenen Wahrheiten um die verstopften Ohren zu hauen, und weiden sich daran wie sich die derart Beglückten winden und schlängeln, um die Konsequenzen aus diesen Wahrheiten nicht ziehen zu müssen. Besondere Glücksgefühle empfindet der Wissenschaftler-Sadist und Klugscheißer wenn er dem Opfer am Ende einer Serie erfolgloser Ausweichmanöver sein verächtliches "ich hab Dir's gleich gesagt, aber Du wolltest es ja nicht hören" reindrückt. Siehe zum Beispiel die Klimadebatte. Wartet erst mal ab wie's zugeht wenn demnächst mal unvorhersehbarerweise das Erdöl alle ist. Wie viele Klugscheißer man da wird ertragen müssen die das schon immer gesagt haben wollen.

Wenn man schon nicht im Zentrum des ganz großen Universums stehen kann, dann kann man sich immer noch sein eigenes ganz privates Universum erschaffen, in dem man im Zentrum steht. So mache ich es hier mit meinem Blog, und auch der Audiophile erschafft sich sein eigenes Klanguniversum, in dessen Zentrum er herrscht, und keinen Zweifel über sich kommen läßt. Und er erschuf seine Kette und hörte daß es gut war. Bis sich vielleicht irgendwann herausstellt daß es nicht so hundertprozentig gut war und eine Sintflut oder ein Sodom und Gomorra nötig wird, um die Kette zu optimieren. Um das Letzte herauszuholen beauftragt er gelegentlich einen Propheten, der der Schöpfung hier und da ein Tuning angedeihen läßt.

Der Audiophile ist so lange unangefochtener Herrscher in seinem Universum, so lange er allein über den Klang entscheidet. Was gut ist und was nicht muß dem Zugriff von Außen, von Apparaten und von Theorien, entzogen sein. Audiophil ist man nur wenn man über die Meßbarkeit erhaben ist. Der Grundsatz audiophilen Glaubens, daß das menschliche (bzw. das audiophile) Gehör jedem Meßgerät überlegen ist, ist daher keine Erfahrungstatsache oder Schlußfolgerung aus irgendwelchen Beobachtungen, sondern er ist das Basisdogma und damit das zentrale Fundament der Audiophilie. Audiophilie ohne den Glauben an die Überlegenheit des Gehörs wäre so wie Christentum ohne Christus. So wie der Christ weiß daß Christus existiert hat (und existiert), so weiß der Audiophile daß sein Gehör jeder Meßtechnik überlegen ist, und wenn er auch sonst nichts von der Meßtechnik versteht.

So wie jeder Christ instinktiv spürt das er ohne Christus seinen ganzen Glauben in der Pfeife rauchen kann, so spürt der Audiophile, daß seine Audiophilie hinfällig wird, wenn sich sein Gehör als fehlerhaft, willkürlich und unberechenbar erweist, einem schnöden Apparat unterlegen. Die Bemühungen von Wissenschaftlern, mehr darüber herauszufinden, werden daher so lange begrüßt, so lange kein Risiko besteht daß das Fundament zum Schwanken gebracht wird. Bei Jesus wird jede Entdeckung begrüßt, die die biblische Legende stützt, aber wenn mal jemand anfängt an seiner historischen Existenz zu zweifeln, oder an seiner Auferstehung, dann ist der Spaß vorüber und der Nerv blank (siehe z.B. Gerd Lüdemann). Auch der Audiophile beklagt gern daß man über das Gehör noch viel zu wenig wisse und es noch viel zu forschen gebe, und ignoriert darüber völlig alles das was man schon weiß, speziell wenn es an diesem Bild der Überlegenheit rüttelt. In beiden Fällen gibt es Tabuzonen, Bereiche in denen die Wissenschaft nichts zu suchen hat, aus denen man sie am liebsten für immer aussperren würde, um das "Mysterium" zu bewahren. Wobei das Mysterium letztlich für den eigenen Narzissmus steht, auch wenn viele Audiophile darin gerne ihre eigene angebliche Genußfähigkeit und Emotionalität verherrlichen.

Die aufeinanderfolgende Reihe der Kränkungen hat man mit einer Sägezahnkurve verglichen, wo dem Absturz aufgrund einer kränkenden wissenschaftlichen Entdeckung eine Erholung folgt, bei der sich das narzisstische Ego wieder stabilisieren kann und sich mittels Ausweich-, Verdrängungs- und Verarbeitungstricks mit der neuen Lage arrangiert, bis die nächste grundlegende Entdeckung den nächsten Absturz hervorruft. Immer scheint es aber erstaunlich lange zu dauern, bis sich so etwas wie eine Akzeptanz der Entdeckung auch bis in alle Nischen fortgepflanzt hat. Man bedenke daß die letzten Ausläufer der Überzeugung, die Erde sei flach und nicht kugelförmig, noch bis weit in das 20. Jahrhundert zu verfolgen sind, als bereits Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen wurden. Wir können also gerade einmal knapp behaupten daß die erste Kränkung, die mit dem Namen des Kopernikus verbunden ist, obwohl sie weiter zurück reicht, heute als überwunden und verarbeitet gelten kann. Schon bei der zweiten Kränkung, mit Darwin's Namen verbunden, sind wir davon noch weit entfernt, obwohl die wissenschaftlichen Grundlagen dafür auf ähnlich sicherem Boden stehen wie bei Kopernikus, und obwohl seither 150 Jahre Zeit zur Gewöhnung war.

Ich will daher gar nicht spekulieren wie lange es wohl dauern wird bis die Menschheit auf breiter Front eingesehen hat, daß ihr Gehör "nichts taugt" (Ihr wißt wie ich's meine...), und sich die Audiophilie so überlebt hat wie die Flat Earth Society. Ich nehme nicht an daß ich das erleben werde. In der Zwischenzeit wird es ein zähes Rückzugsgefecht geben, aber rückwärts wird es für Audiophile auf jeden Fall gehen, wie immer wenn man seinen Glauben an das heftet was die Wissenschaft (angeblich) noch nicht weiß. Gerhard Vollmer schrieb 1994:
Wenn Wert und Stolz des Menschen darin liegen oder darauf gründen, daß der Mensch etwas kann, was sonst niemand, was insbesondere keine Maschine kann, dann sind Wert und Stolz immer wieder aufs neue gefährdet. Hier wiederholt sich eine Argumentationsstruktur, die in der Theologie längst bekannt ist, ohne daß sie dort zu einem Abschluß gekommen wäre: Wer seinen Glauben an Gott auf das stützt, was wissenschaftlich nicht erfaßt, was insbesondere bislang nicht erklärt ist, der führt ein aussichtsloses Rückzugsgefecht.
So ein Rückzugsgefecht kann zwischendurch zwar durchaus auch mal einen Ausfall oder Gegenangriff beinhalten, aber von Dauer sind solche Erfolge nicht. Diesen Eindruck habe ich z.B. gegenwärtig bei dem scheinbaren Vormarsch der Evangelikalen mit ihrem antidarwinistischen biblischen Schöpfungsglauben, da sehe ich den Rückschlag schon kommen. Statt ihre eigene Ansicht weiter zu verbreiten haben sie einer breiteren Öffentlichkeit vorgeführt, wozu sie im Dienste der Aufrechterhaltung ihrer Illusionen fähig sind. Bei den Audiophilen sehe ich in wesentlich kleinerem Maßstab dasselbe.

Samstag, 28. Februar 2009

Standby

Ich habe mir vorgenommen, heute mal ausnahmsweise ausgewogen zu sein. Das heißt es kriegen nicht nur meine üblichen Prügelknaben - die "Audiophilen" - ihr Fett weg, sondern auch die "normale" Audiobranche.

Strom sparen ist "in". Außer bei Audiophilen. Denen geht's ausschließlich um den optimalen Klang, und dazu muß man bekanntlich seine Geräte, Kabel und Sicherungen "einbrennen". Hunderte von Stunden werden da gelegentlich empfohlen. Das bedeutet natürlich einen entsprechenden Stromverbrauch, da währenddessen die Anlage läuft. Man könnte die Übung zwar dahingehend optimieren, daß man alle Anlagenkomponenten zugleich einbrennt, und mit etwas Bereitschaft zum Leiden kann der Audiophile während des Einbrennens zuhören, auch wenn dabei noch nicht der volle Hörgenuß entstehen mag. Man wird dadurch wenigstens durch das gute Gefühl belohnt, den Strom nicht gänzlich verheizt zu haben. Leider scheiden bei diesem Vorgehen aber die besonderen Einbrenn-CDs aus, die durch ihre spezifischen Signale das Einbrennen wirkungsvoller machen, aber für den Zuhörer eine Zumutung sind.

Aber welcher Audiophile brennt alle Komponenten zugleich ein? Normal dürfte eher sein daß man jede Komponente getrennt einbrennt, denn man will ja den Erfolg bei jeder Komponente mit eigenen Ohren überprüfen können. Und man riskiert bei seinen wertvollen Komponenten auch ungern einen suboptimalen Einbrennvorgang, und so investiert man eben nicht nur in besagte Spezial-CDs, sondern auch in ein paar Kilowattstunden Einbrennstrom.

Aber auch in eingebranntem Zustand rauschen bei einem echten Audiophilen die Kilowattstunden durch den Zähler. Grundsätzlich kann man sagen daß ein Gerät, das nicht schon im Ruhezustand anständig warm wird, nicht vernünftig klingen kann. Das muß nicht unbedingt auf Röhren zurückzuführen zu sein. Auch transistorisierte Klasse-A Verstärker sind ja bekanntlich schon im Ruhezustand richtige Heizungen, und wie jeder weiß winkt nur so der beste Klang. Außerdem empfiehlt es sich, diese Geräte durchlaufen zu lassen, denn für optimalen Klang muß sich ein delikates thermisches Gleichgewicht einstellen, was selbstverständlich bei den beteiligten Materialmassen nicht in ein paar Minuten geschieht.

Der Audiophile steht daher den Stromsparbemühungen mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Wie leicht kann diese in der Theorie so gutmenschlich daher kommende Initiative in eine lustfeindliche Reglementierung umschlagen, die einem das audiophile Leben versauern kann. Dabei sollte doch klar sein daß es sich hier um absolut unbedeutende Strommengen dreht, schon weil wahre Audiophile so selten sind. Das spielt unter dem Strich noch weniger Rolle als die paar Bonuszahlungen an Bankmanager in der Gesamtbilanz des Bankenhilfsfonds. Wer wollte da päpstlicher sein als der Papst?

Notfalls würde der Audiophile auch ein neues Kernkraftwerk in seiner Nähe befürworten, denn das ist ja sauberer Strom, und durch die Nähe zum Kraftwerk bleibt er auch sauberer, was wiederum dem Klang gut tut.

Bisher richten sich die Augen der Stromsparer ja noch auf den Stromverbrauch von Glühbirnen, doch nachdem das Thema jetzt final beschlossen worden zu sein scheint, ist das nächste Thema der Standby-Verbrauch von Haushaltsgeräten, also insbesondere von der Glotze und der Hifi-Anlage. Wenn man bedenkt, daß gerade mal 10 bis 20 Fernseher statt auf Standby auf Aus geschaltet werden müssen, und schon ist mehr Strom gespart als wenn man dem Audiophilen seinen Klasse-A-Verstärker abspenstig macht, dann wird klar daß bei den Fernsehern und bei den gewöhnlichen Hifi-Anlagen das viel größere Potenzial liegt.

Aber das Stromsparen ist bei diesen Geräten so eine Sache mit Untiefen. Stromsparende und effiziente Technologien, z.B. bei Netzteilen, sind nicht automatisch auch im Standby effizient.

So z.B. die angeblich so effizienten Digitalverstärker (bzw. Klasse-D Verstärker). Die sind fraglos sinnvoll, wenn man ihnen eine Ausgangsleistung abverlangt, die nahe an ihrer Nennleistung liegt. Also wenn man's sich volle Kanne gibt, knapp an der Schmerzgrenze (für den Verstärker und den Lautsprecher, wohlgemerkt). Dann sparen solche Verstärker spürbar Strom.

Aber die normalen Betriebsbedingungen sehen wohl anders aus. Die meisten Leute haben Nachbarn und wollen halbwegs auskömmliche Beziehungen zu ihnen haben. Das wird in den meisten Fällen heißen daß zu 90% die Ausgangsleistung so in der Gegend von 1 Watt liegt oder gar darunter. Das heißt aber daß der Stromverbrauch kaum vom Ruheverbrauch zu unterscheiden ist. Denn in Sachen Ruheverbrauch hat ein Klasse-D Verstärker keinen prinzipiellen Vorteil gegenüber einem gewöhnlichen Klasse-B Verstärker, so uncool letzterer auch sein mag (über Klasse-A Verstärker schweigen wir besser mal).

Wieso baut man dann Klasse-D Verstärker? Was ist daran dann so hip? Wie gesagt, der Verlust ist wesentlich geringer wenn man wirklich mal Leistung verlangt. Das hat in erster Linie Konsequenzen für die Größe des Kühlkörpers im Verstärker, so daß es letztlich auf eine Kalkulation hinausläuft "Kühlkörper gegen kompliziertere Schaltung". Beides kostet Geld, und der Kühlkörper kostet auch Platz. Den Kühlkörper muß man nämlich für den Extremfall auslegen, auch wenn der keine 1% der Zeit eintritt. Für den Hersteller kommt es inzwischen bei Klasse-D regelmäßig billiger heraus, und das ist Grund genug um es so zu machen. Und wenn man in der Werbung noch auf die größere Effizienz verweisen kann, umso besser, vielleicht glaubt's ja einer. Ob's in der Praxis Strom spart steht, wie wir gesehen haben, auf einem anderen Blatt.

Ähnlich sieht's auch bei Schaltnetzteilen aus. Die sind unter Last auch wesentlich effizienter als konventionelle Netzteile. Im Leerlauf (= Standby) sieht's aber wieder anders aus. Da sind die Vorteile dahin. Wer wirklich einen sparsamen Standby-Betrieb haben will, bei dem nur das unbedingt Nötige mit möglichst wenig Verlust versorgt wird, der kommt um ein separates (kleines) Standby-Netzteil kaum herum. Das kostet aber mehr als man als Hersteller für gewöhnlich zu spendieren bereit ist, zumal das die Kundschaft kaum goutiert, so lange man ihr auch so erfolgreich weis machen kann man habe das bessere Gerät. In nicht wenigen Geräten wird ja sogar der Netzschalter gespart, und im Zweifel lieber auf der Sekundärseite des Trafos geschaltet, wo das Schalten billiger ist.

Man schätzt daß an die 10% des Stromverbrauchs einen Haushalts auf das Konto von Standby geht. Entsprechend hat schon vor Jahren z.B. die EU reagiert und versucht regulierend einzugreifen. Letzten Dezember wurde eine Direktive erlassen, die den Standby-Verbrauch pro Gerät auf 2 Watt, und in 4 Jahren dann auf 1 Watt begrenzt. Dazu muß das Gerät aber in den Standby-Modus geschaltet sein. Ein Verstärker, der bei Zimmerlautstärke oder weniger vor sich hindudelt, ist nicht im Standby-Modus und darf verbrauchen was er will, auch wenn davon nur 1 Watt am Lautsprecher ankommt. Und die Regel gilt für jedes Gerät getrennt. Die Kombination aus Verstärker, Tuner, CD-Spieler und Fernseher darf schon 4 Watt im Standby verbrauchen. Wären sie untereinander so verbunden daß nur ein Gerät im Standby zu sein braucht, und die anderen Geräte von ihm bei Bedarf aktiviert werden, dann könnte man davon ¾ einsparen. Aber dafür gibt's weder EU-Direktive noch Norm, und ich sehe auch keine Begeisterung bei der "Industrie", sich eine zu erarbeiten...

Montag, 9. Februar 2009

Klangbonbons und Knalltüten

Wie ich ja schon früher schrieb bin ich nicht zuletzt dadurch zu meiner Teilnahme am Hifi-Forum und dann auch zum Schreiben dieses Blogs gekommen, daß ich die verbreitete Verdummung des Hifi-Volks gründlich satt hatte, und nicht einfach zusehen wollte wie sich das langsam auch in meinem angestammten Feld, dem professionellen Audio-Bereich, breit macht. Der Profi-Bereich ist zwar mit Leuten bestückt die was von ihrem Handwerk verstehen, und sich daher - so würde man meinen - nicht so einfach ein X für ein U vormachen lassen, aber manchmal kriege ich diesbezügliche Zweifel.

Zweifel ist allerdings ein zu netter Ausdruck wenn ich mir ansehe was in den letzten beiden Ausgaben des Studio-Magazins gelaufen ist. Das ist einfach zu viel, und ich bin sauer.

Aber der Reihe nach. Worum geht's?

In der Ausgabe 12/08 erschien ein länglicher Artikel von Gastautor Holger Siedler, dem Inhaber des THS-Studios, in dem er nach einer umständlichen längeren Ouvertüre, die sich um die gute alte Zeit dreht, ohne daß man so recht verstünde worauf er hinaus will, schließlich damit herausrückt daß er die Bybee Quantum Slipstream Purifiers ausprobiert hat und davon ganz begeistert ist.

Darauf gab's eine Reaktion im Hifi-Forum, zwar nicht aus meiner Initiative aber mit meiner Beteiligung, die (meiner Ansicht nach aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, zu denen ich noch komme) nicht schmeichelhaft ausgefallen ist. Das blieb dem Chefredakteur des Studio-Magazins, Fritz Fey, nicht verborgen, was ihn zwar nicht zum Eingreifen in besagtem Forum, aber doch zu einem Editorial in der folgenden Ausgabe 01/09 des Studio-Magazins veranlaßt hat, das den Titel trägt "Die Achse des Bösen". Zudem erschien in der gleichen Ausgabe ein Artikel von Stephan Goetze, dem Inhaber von Gecom Technologies, der die Bybees in seinem Labor durchgemessen hat und einen Bericht darüber geschrieben hat. Leider ist nichts davon online verfügbar, so gerne ich das verlinkt hätte. Wer sich für's Original interessiert muß sich die Zeitschriften besorgen.*

Die Bybees sind keine neue Erfindung, sie sind schon seit Jahren erhältlich und haben in dieser Zeit auch schon einige Male das Interesse der Skeptiker erregt. Es gibt daher durchaus einige marketingferne Informationen darüber, und die verstärken den Eindruck daß es sich dabei um klassische Bauernfängerei handelt. Zu diesem Ergebnis kann man zwar schon durch die Lektüre der Bybee-Webseite kommen, wo über die Funktionsweise dieser Klangbonbons ein derartiger Unsinn verbreitet wird, daß man sich fragt ob Jack Bybee sein Physikdiplom beim Preisausschreiben gewonnen hat. Aber einige Leute haben es trotzdem unternommen, die Dinger etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

So gab's zum Beispiel dieses Thema in einem englischsprachigen Forum, in dem neben dem üblichen Geplänkel auch einige handfeste Infos zu finden sind, darunter ein Foto der Innereien von so einem Klangbonbon, und Berichte über daran durchgeführte Messungen. Man findet dort auch Links zu weiteren Diskussionen in anderen Foren, z.B. im Audio Asylum, wo es z.T. deutlich ruppiger zugeht, und wo auch John Curl mitmischt, der mit Jack Bybee zusammenarbeitet. Die Debatten im Audio Asylum (Rubrik Tweaks/DIY) gehen über Jahre zurück, siehe z.B. diese Suche, so daß genug Lesestoff vorhanden sein dürfte.

Zudem hat sich, wie auch Siedler im ersten Studio-Magazin-Artikel erwähnt, das Fraunhofer-Institut in Ilmenau vor ein paar Jahren mit diesen Dingern beschäftigt, und keine feststellbare Funktion gefunden.

Meine Schlußfolgerung aus alldem ist eindeutig: Es handelt sich bei den Klangbonbons um ein Placebo, gefertigt aus einem handelsüblichen Niederohm-Widerstand, der in einem Keramikröhrchen versteckt wird, das keine relevante elektrische Wirkung und keinen besonderen Zweck außer dem der Verschleierung hat, so wie auch die Angaben des Herstellers über die Funktionsweise nichts anderes als Verschleierung sind. Das Ganze wird für einen Phantasiepreis verkauft, der Hochwertigkeit suggerieren soll wo in Wirklichkeit nur Material im Wert von ein paar Cents vorhanden ist.

Ich füge gleich hinzu daß ich bis heute noch keines dieser Dinger selbst probiert oder auch nur in der Hand hatte. Es ist ja in manchen Kreisen verpönt, daß sich jemand den Luxus einer eigenen Meinung leistet ohne das Korpus Delikti selbst probegehört zu haben. Wie ich schon mehrfach argumentiert habe denke ich nicht daran das für ein zugkräftiges Argument zu halten. Würde ich das tun und wäre das Ergebnis das zu erwartende, dann wäre schon jetzt klar daß man mich des Unwillens oder der Unfähigkeit zum Hören bezichtigen würde. Gewonnen wäre also nichts, bloß Zeit verschwendet. Da kann ich den gleichlautenden Vorwurf auch gleich jetzt kassieren. Im vorliegenden Beispiel kann ich außerdem schon jetzt sagen daß selbst im sehr unwahrscheinlichen Fall daß ich nach dem Probehören Stielaugen bekäme und den Glauben wechseln würde ob der frappierenden Effekte, ich trotzdem das was ich an dem Marketing von Bybee, und an den erwähnten Artikeln im Studio-Magazin auszusetzen habe zu 100% aufrecht erhalten würde. Wenn die Bybees nämlich tatsächlich ihre Wirkung haben sollten, dann würde dadurch der Marketing-Bullshit noch schwachsinniger als er ohnehin schon ist, und auch die Artikel im Studio-Magazin kämen nicht besser weg.

Man kann sich also durchaus fragen was Siedler, Fey und Goetze reitet, sich mit einem solchen Produkt zu beschäftigen, vor allem wenn man sich die Art und Weise ansieht, wie sie sich damit auseinander setzen. Da wird vordergründig kritisch getan, aber jeglicher berechtigte Einwand einfach vom Tisch gewischt, und zwar zum Teil auf eine wirklich inakzeptable und einem seriösen Magazin unwürdige Art. Das stinkt mir beträchtlich, vor allem daß man anscheinend glaubt, man könne damit bei einem Fachpublikum durchkommen. Ich weiß nicht was ich da erschreckender finden soll: Die Theorie daß die Beteiligten wirklich keine Hintergedanken dabei haben, die Theorie daß sie ihre Leser für dumm verkaufen wollen, oder die Theorie daß die Leser das tatsächlich so wollen. Wie ich's auch immer drehe und wende, es läuft mir kalt den Rücken hinunter.

An den erwähnten zwei Artikeln und dem Editorial könnte ich mehr kritisieren als ich Zeit und Lust zu schreiben habe, und ich vermute ihr werdet so viel auch nicht lesen wollen. Daher belasse ich's bei ein paar prägnanten Beispielen.

An Siedler's Artikel finde ich besonders hanebüchen, wie er mit dem Problem umgeht, daß die Klangbonbons ein offensichtliches Voodoo-Produkt sind. Daß er sich der Problematik bewußt ist, geht in vielerlei Hinsicht aus seinem Artikel hervor. Die umständliche Einleitung habe ich schon erwähnt, die auf mich so wirkt als wolle er sich als alten Hasen empfehlen und alle möglichen emotionalen Reflexe antriggern, um sich in eine Position zu bringen wo man sich von ihm beim eigentlichen Thema nicht sofort abwendet. Was er dann aber bringt ist schon ein starkes Stück. Er versucht es mit einem Blindtest, findet keine Unterschiede, läßt sich dann (ausgerechnet!) vom deutschen Bybee-Händler bestätigen daß Blindtests nicht taugen, worin ihm auch Fey beipflichtet, und kommt sichtlich erleichtert zum Ergebnis, daß seinen und Fey's Ohren zu trauen ist, und einem Blindtest eben nicht, ja daß sogar die Leute vom Fraunhofer-Institut dem Blindtest-Glauben zum Opfer gefallen sind. Die ganzen anderen Indizien, wie z.B. der Bybee-Marketing-Quatsch, der überzogene Preis, die Ansicht seines Physiker-Freundes, ja selbst der gesunde Menschenverstand: Alles wird vom Tisch gewischt. Man hat's gehört, also ist es wahr. Was man zuvor im Blindtest nicht hören konnte, kann man danach nicht-blind sogar quantifizieren (40%, 60%).

Er unterrnimmt es sogar, eine Begründung für das Versagen der Blindtests anzubieten, und das ist derartiger Unfug daß ich es hier wörtlich zitieren muß:
Eigentlich ist es schon fast peinlich, dass mir als Toningenieur ein Musikliebhaber ohne Wenn und Aber beweisen kann, dass ein AB-Blindtest der schlechteste Klangvergleichstest sein kann,da unser Gehör für diese immens kurze Zeit des Umschaltens nicht genügend vorbereitet ist, oder anders ausgedrückt zu wenig Erinnerungsvermögen hat. Sie können den Versuch leicht selbst durchführen, indem Sie ein kurzes ansprechendes CD-Musiksignal von 20 Sekunden Länge im direkten Vergleich mit einem hochauflösenden MP3 gleicher Musiksequenz gegenhören. Sie werden vermutlich keinen oder nur einen sehr marginalen Unterschied hören. Hören Sie jedoch einen CD-Titel in voller Länge, konzentrieren Sie sich auf Details der Mischung und des Spektrums - also auf die Dauer von fünf Minuten und schalten dann nach einer kurzen Pause von circa zehn Sekunden auf das gleiche MP3, werden Sie sofort feststellen, wie grottenschlecht ein MP3 klingt und wie traurig unsere mediale Vermarktungsstrategie in dieser Richtung ist. Dies ist wirklich ein Rückschritt in Richtung Kassettenrecorder! Nur fällt es keinem mehr auf, wenn er nicht den ,Mann im Ohr' hat, sein Hörgewissen und seine Hörerfahrung, die uns als Profis ein Berufsleben lang begleiten und in Erinnerung bleiben.
Eine solche Kritik am Blindtest empfinde ich als untere Schublade. Siedler scheint gar nicht aufzufallen daß die Verblindung nichts damit zu tun hat wie schnell und wie oft umgeschaltet wird. Wenn er aus welchem Grund auch immer der Ansicht ist, man müsse beim Umschalten 10 Sekunden warten, oder man müsse ein Stück in einem Zug durchhören, dann kann er das auch blind tun. Bloß hat er damit nach aller Erfahrung nicht mehr, sondern weniger Chancen einen Unterschied dingfest zu machen. Die bisherigen Erkenntnisse über Blindtests stammen nicht von Schwachköpfen. Auch wenn man nicht mit deren Ergebnissen konform geht kann man sie nicht auf eine derart billige und letztlich unehrliche Art beiseite wischen. Siedler argumentiert hier - vermutlich ohne sich dessen bewußt zu sein - nicht in erster Linie gegen Blindtests, sondern er rationalisiert seine eigene Einbildung, an der er anscheinend lieber festhält als an einer nüchternen, professionellen Distanz.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher daß die Leute, die am Fraunhofer-Institut die Bybees untersucht haben, diesen süffisanten Kommentar von Siedler nicht verdient haben:
Damit wäre dann auch das Kapitel Blindtest beantwortet - für mich ein lächelnder Beweis, dass diesmal das Fraunhofer Institut irrte, was mich ehrlich gesagt mit Sympathie für das Institut erfüllt, denn dort sind die Probanden der Hörtestreihe gleichermaßen wie ich Opfer eines Hörtest (sic) geworden und leider keine Zeugen.
Aber auch wenn ich zu diesem Artikel noch mehr auf der Pfanne hätte, will ich's damit bewenden lassen. Der Artikel war Anlaß für den Thread im Hifi-Forum, den ich oben verlinkt habe. Ich hoffe es ist schon aus dem kleinen Auszug klar warum der Artikel solche negativen Reaktionen heraufbeschworen hat, in meinen Augen ist das also überhaupt nicht verwunderlich. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Siedler's Studio auf der Händlerliste des deutschen Bybee-Vertriebs auftaucht, ohne daß diese nicht ganz nebensächliche Information im Studio-Magazin einer Erwähnung für Wert befunden worden war - in keiner der beiden Ausgaben übrigens, dann würde mich eher wundern wenn niemand auf die Idee kommen würde hinter so einer Aktion ein geschäftliches Interesse zu vermuten. Umso befremdlicher finde ich daher die Reaktion von Fey im Editorial der neuesten Ausgabe, wo er diesen absolut auf der Hand liegenden Verdacht mit einer derartigen Giftigkeit und polemischen Überzeichnung geißelt daß man schon eher wieder an den getroffenen Hund erinnert wird.

Wenn man die dort zur Schau gestellte Empörung einmal beiseite gelassen hat fällt dabei auf, wie konsequent Fey es vermeidet, sich mit den ernstgemeinten Kritikpunkten zu beschäftigen, und wie wichtig es ihm zu sein scheint, die Unerhörtheit der Kritik zu betonen. Wie sehr er sich anstrengt, die Kritiker als eine verrückt gewordene Schar von Schwarz-Weiß-Sehern zu geißeln, für die "nicht sein kann was nicht sein darf". Wer meint, durchaus ernst gemeinte und begründete Kritik derart abbügeln zu können, braucht sich nicht zu wundern wenn darüber der Ton schärfer wird. Da hilft es auch nicht, wenn er damit seine über dreißigjährige Studioerfahrung verknüpft, denn die Kritiker sind auch keine Anfänger. Im Gegenteil: Man sollte meinen, eine solche Erfahrung sollte einem eine gewisse Kritikfähigkeit und Selbstdistanz verschafft haben, nicht nur was öffentliche Debatten angeht, sondern auch in der Beurteilung von Hörerlebnissen.

Der neueste Artikel von Stephan Goetze mit dem Meßbericht jedenfalls ist auf der einen Seite zwar eine gute Idee, denn wenn man meßtechnisch bestätigen kann was man zuvor gehört hat, dann kann man davon ausgehen daß es auch stimmt, aber wenn man sich konkret ansieht was da behauptet wird ist er beinahe noch unsäglicher als der Artikel von Siedler. Schockiert haben mich dabei nicht die Messungen selbst, sondern die daraus gezogenen Schlüsse.

Goetze hat in seiner Firma eine durchaus beeindruckende meßtechnische Ausrüstung zur Verfügung, mit der man in diesem Zusammenhang "amtliche" Messungen machen kann. Er beginnt mit einem Impedanzschrieb des "Small Slipstream Quantum Purifiers", aufgenommen mit einem HP4194A, ein nicht mehr taufrisches aber dennoch über jeden Zweifel erhabenes Gerät. Keine besonderen Auffälligkeiten. Das Klangbonbon verhält sich wie ein kleiner Widerstand, erst im MHz-Bereich machen sich parasitäre Effekte bemerkbar, die Goetze mit der induktiven Reaktion von Ferritperlen vergleicht, während man auf dem Schrieb eher die Anzeichen kapazitiver Effekte sieht. Es braucht leider etwas Ahnung um den Schrieb zu interpretieren, denn er trägt Real- und Imaginärteil der Impedanz über die Frequenz auf, was nach meiner Meinung unpraktischer als die Polardarstellung ist. Jedenfalls ist der Imaginärteil der Impedanz bei 40MHZ, der Meßgrenze, deutlich negativ, und das deutet auf eine Kapazität hin. Wie dem auch sei, in jedem praktischen Widerstand von dieser Bauart wie sie wohl im Bybee drin ist kann man davon ausgehen daß bei solchen Frequenzen sowohl kapazitive als auch induktive parasitäre Effekte auftreten. Keine Überraschung hier.

Kurioser wird schon der Meßschrieb des Netzwerkanalysators, bei dem der Prüfling bei Frequenzen bis zu 8 GHz vermessen wird. Wer sich ein wenig mit Hochfrequenztechnik im Mikrowellen-Bereich auskennt, der weiß daß schon aufgrund der dabei auftretenden recht kurzen Wellenlängen die Geometrie der Schaltungsanordnung eine große Rolle spielt. Wenn man sich vor Augen führt, wie beliebig die Klangbonbons in mechanischer Hinsicht in die Kabel eingeschleift oder in die Geräte montiert werden, dann kann man ermessen daß solche Messungen völlig unsinnig sind, da die Effekte in jedem Anwendungsfall wieder drastisch anders ausfallen werden. Falls ein Gerät auf Störungen in diesem hochfrequenten Bereich empfindlich sein sollte (z.B. Handystrahlung), dann wird das nicht über das Kabel einkoppeln, sondern durch die Luft. Oder wenn es das Kabel sein sollte, dann strahlt schon ein Kuhschwänzchen von ein paar cm Länge im Gerät die Energie wieder ab, bevor es ein Bybee filtern könnte. Goetze aber tut so als sei das eine sinnvolle und pozentiell bedeutsame Messung, und unterstellt dem Bybee eine Filterwirkung im hochfrequenten Bereich. Selbst wenn das so wäre dann wäre bei derartigen Frequenzen immer noch die konkrete Montage des "Filters" höchst kritisch. Außerdem fragt man sich natürlich warum man für diesen Effekt nicht wirklich einfach eine Ferritperle für ein paar Cent nehmen kann.

Um zu zeigen daß Mischprodukte aus dem Hochfrequenzbereich eine Störung im Audiobereich produzieren können, die sich dann gehörmäßig bemerkbar macht, bringt Goetze einen Audioanalysator (UPD von R&S, ein ebenfalls untadeliges Gerät) in Anschlag. Das Gerät enthält einen Generator und einen Analysator, die er mit einem externen symmetrischen Kabel verbindet, in das einmal Bybees eingeschleift sind und ein anderes Mal nicht. Der im Artikel abgebildete Schrieb zeigt angeblich das Resultat einer THD+N Messung, und die Kurve mit Bybees liegt um etwa 1 dB unter der Kurve ohne. Daran ist einiges merkwürdig.
  • Der Meßschrieb zeigt nicht THD+N, sondern THD, was die gezeigten Kurven auch besser mit den technischen Daten des Gerätes in Einklang bringen würde. Ich denke daher daß Goetze hier einen Fehler gemacht hat.
  • Falls das stimmt, dann wird nicht das Rauschen, sondern nur die harmonischen Verzerrungen gemessen, und zwar wird dazu die Generatorfrequenz durchgestimmt, die Kurve zeigt also die harmonischen Verzerrungen in Abhängigkeit von der Grundfrequenz. Ein kleiner Zipfel bei ca. 33 Hz ist ein Hinweis darauf, daß die gleichgerichtete Netzfrequenz von 100Hz vom Gerät als dritte Harmonische "interpretiert" wird.
  • Wenn die Reduktion um 1dB auf die Bybees zurückzuführen ist, dann ist die Frage immer noch was die eigentlich bewirkt haben. Die vorigen Untersuchungen zeigen ja daß erst im MHz-Bereich überhaupt etwas "passiert", und da ist die offizielle Bandbreite des Analysators längst zuende. Es ist also die Frage, ob der Analysator selbst in seinem Generator hofrequenten Müll produziert, oder ob er ins Kabel eingestreut wird, und warum der Detektor darauf überhaupt reagiert. Dem wird offenbar nicht auf den Grund gegangen. Ebensowenig wird zur Gegenprobe ein Kabel mit Ferritperlen ausgestattet, um zu sehen was der Analysator daraus macht.
Statt dem Effekt auf den Grund zu gehen findet man diese Aussage im Text von Goetze:
Man kann eine zwar geringe, aber nachweisbare Verbesserung darstellen. Diese ist durchaus hörbar!
Das ist alles, man erfährt nicht warum das hörbar sein soll. Dabei ist das eine absolut unwahrscheinliche, außerordentliche Aussage! Machen wir uns klar was er damit sagt:

Er sagt, man höre den Unterschied zwischen 0,0015% harmonische Verzerrungen und 0,0013% harmonische Verzerrungen, gemessen über einen Frequenzbereich der das 15-fache der vom Menschen hörbaren Frequenzbereiche überstreicht, und von dem man annehmen muß daß der eigentliche Dreckeffekt noch bei mindestens 10 Mal höherer Frequenz auftritt. Das ist eine so hanebüchene Behauptung daß man sich fragt ob er weiß wovon er da redet. Wie kann ein Profi eine derartige Behauptung mit der größten Selbstverständlichkeit hinschreiben und noch nicht einmal eine Erklärung für nötig halten? Da bleibt mir die Spucke weg.

Ich bin mir ja schon nicht ganz im Klaren was man aus der 1dB-Differenz denn nun folgern soll, die wahre Ursache ist dadurch jedenfalls keineswegs erhellt worden. Aber daß das hörbar sein soll kann er seiner Großmutter erzählen, aber doch nicht einem Fachpublikum! Zudem wird kaum jemand bestreiten daß Audiogeräte sich regelmäßig von Hochfrequenz im Signal beeinflussen lassen. Aber um damit fertig zu werden braucht's keine Klangbonbons für einen Phantasiepreis, sondern eine vernünftige Verdrahtung und Masseführung, ein bißchen Verständnis der Zusammenhänge, und hie und da vielleicht eine Ferritperle oder ein Filter.

Die letzte Messung mit dem Rauschgenerator zeigt angeblich, daß in einem Bereich von 0 bis 50 MHz der Bybee zu einer Dämpfung des Rauschens von um die 10dB führt. auch diese Messung finde ich dubios. Mir ist nicht ganz klar wie die Meßanordnung aussah, aber es fällt schon auf daß die Dämpfung schon bei ganz niedrigen Frequenzen zu sehen ist, also offenbar auch bei den Frequenzen bei denen sich zuvor bei der Impedanzmessung nichts gezeigt hat. Zudem schreibt der Autor, daß ein zugleich vorhandenes 10MHz Sinussignal nicht gedämpft wurde, was man auf dem Schrieb auch sieht. Wie es dem wundersamen Bauteil gelingen soll, Nutzfrequenzen von Rauschen zu unterscheiden, und nur letztere abzusenken, bleibt ohne Erklärung. Was man aber erfährt ist, daß man derlei Unterschied im Audiobereich sehr gut hören könne. Natürlich wieder ohne Erklärung wie der Autor auf diese abenteuerliche Schlußfolgerung kommt. Ich tippe in diesem Fall auf eine Fehlbedienung des Meßgeräts, es könnte eine unterschiedliche Einstellung des Eingangs-Abschwächers zwischen den Messungen sein. Jedenfalls ist das vermutlich die einfachste Erklärung für das was man abgebildet sieht.

Abgerundet wird der Meßbericht durch eine Hörsession, deren Ergebnis wie folgt beschrieben wird:
Die Räumlichkeit verbesserte sich in Breite und Tiefe, es wurden mehr feine Details hörbar, Instrumente waren im Raum klarer definiert, ohne dass man Einbussen in der Dynamik zu verzeichnen hatte.
Wer hätte es gedacht!

Wenn die Bybees einen Filtereffekt im hochfrequenten Bereich haben, und wenn ein Gerät dafür tatsächlich empfindlich sein sollte, was durchaus sein kann, und was ich daher keineswegs betreite, dann bin ich mir hundertprozentig sicher daß man den gleichen positiven Effekt auch für einen winzigen Bruchteil des Preises der Bybees erreichen kann indem man die Methoden und Bauteile anwendet, die für solche Fälle in der Elektronik gebräuchlich sind. Gegen Hochfrequenz hilft kein Voodoo und keine Bauernfängerei, sondern die Anwendung von Wissen und Erkenntnissen, die es in der Elektronik und Hochfrequenztechnik seit Jahrzehnten gibt, auch wenn nicht alle Audiohersteller davon zu wissen scheinen. Gerade Goetze müßte aber in seiner Position darüber Bescheid wissen. Umso unverständlicher warum er das nicht erkennen läßt, und z.B. einfache Dinge wie eine Ferritperle mit dem Bybees meßtechnisch verglichen hat. Warum er bei aller Messerei den Effekten nicht ernsthaft auf den Grund geht. Warum er ohne Not derart hanebüchene Behauptungen zur Hörbarkeit macht daß man an seiner Seriosität zu zweifeln anfängt.

Offen gestanden bin ich aber durchaus nicht davon überzeugt daß die Bybees auch nur so wenig als einen hochfrequenten Filtereffekt haben. Ich halte sie noch immer für nichts weiter als aufwändig verpackte Widerstände, und die Hörberichte für Beispiele dafür warum man nicht-blinden Tests mit Vorsicht begegnen sollte, vor allem und gerade wenn sie mit solch einem Impetus daher kommen.

* Wie ich nachträglich bemerkt habe gibt's einen Textauszug des Artikels von Stephan Goetze ohne die Abbildungen hier online.

Nachtrag:
Wie ich einem neueren Thread in diyaudio entnehme gibt's die kritisierten Artikel aus dem Studio Magazin jetzt auch als PDF zum kostenlosen Download: Hier und hier. Bei diyaudio werden die Bybees ebenfalls vermessen.