Samstag, 22. November 2008

Das Normale

Bei der kürzlichen Diskussion über Mehdorn's Prämien für den Bahn-Börsengang wurde es wieder einmal deutlich: Wenn etwas üblich ist, braucht man es nicht weiter zu rechtfertigen. Wie oft wurden wir schon Zeugen davon wie sich jemand in die eigene Tasche gewirtschaftet hat mit dem Hinweis, das sei doch überall so, branchenüblich, folglich normal?

Klasse Argument, nicht? Es erspart einem jeden zusätzlichen Rechtfertigungsaufwand. Es ist üblich, folglich muß es ja wohl in Ordnung sein. Im Rechtfertigungszwang ist damit der Kritiker, der jetzt im Verdacht steht, das Selbstverständliche zu bekämpfen, was nur Spinner tun.

Doch jede Normalität hat ihre Verlierer, und je selbstverständlicher sie ist, desto weniger wird sie hinterfragt, und desto weniger Chancen haben die Verlierer, daran etwas zu ändern. Für die Gewinner ist dagegen das Postulieren und Verteidigen einer Normalität ein gutes Mittel, um sich einen Vorteil zu sichern. Das geht am besten in der Herde. Allein kann man nicht normal sein. In einer Gruppe kann man sich dagegen normal fühlen, obwohl sich die ganze Gruppe auf dem Holzweg befindet, in einem kollektiven Wahn, auf dem Kurs in den Abgrund. Der Irrsinn als Normalität.

Bei der aktuellen Finanzkrise und dem Verhalten der Banken und Spekulanten drängt sich mir genau dieses Bild auf. Obwohl es an Warnungen seit Jahren nicht gefehlt hat, ist dieser kollektive Wahn anscheinend nicht aufzuhalten gewesen. Von den beteiligten "Mitspielern", von denen die meisten davon profitiert haben dürften so lange es gut ging, hat sich der größte Teil in der Normalität anscheinend sicher genug gefühlt daß man mitgelaufen ist, bis zum großen Crash.

Typisch für diese Situation: Die Warner waren noch Wochen vor dem Crash die Außenseiter. Man hat sie - wenn überhaupt - zur Kenntnis genommen und ist zur Tagesordnung übergegangen. Keiner will aus einem Spiel zu früh aussteigen, so lange es gut läuft. Daß es immer mehr Verlierer gegeben hat wird verdrängt. Und es hat Verlierer gegeben, schon lange.

Schon lange vor dem Finanzcrash waren mir Rechtfertigungen mit Hinweis auf die Normalität suspekt. Wer meint es reiche wenn man seine eigenen Ansichten und Taten mit Hinweis auf die üblichen Gepflogenheiten rechtfertigt, der hat üblicherweise etwas zu verbergen. Auch wenn etwas normal sein sollte, braucht es dennoch einen guten Grund, denn ohne guten Grund kann auch das Normale falsch sein. Und wenn etwas einen guten Grund hat, wozu braucht es dann den Hinweis auf das Normale?

Man braucht nicht die großen Katastrophen bemühen um das zu illustrieren, das Prinzip wirkt auch im Kleinen. Mit dem Hinweis auf das Normale rechtfertigen die meisten Leute nicht nur ihre eigenen Ansichten gegenüber ihrer Umgebung, sondern insbesondere auch gegenüber sich selbst, gegenüber ihrem eigenen Gewissen. Man redet sich ein, es sei etwas in Ordnung weil's ja Alle so machen. Mit Hilfe des Normalen überleben Lebenslügen. Das Normale verklebt die Augen für die Sicht auf die Verlierer und auf die Widersprüche.

Doch wie wird etwas normal? Indem man sich in der Gruppe darauf einigt, was auch stillschweigend und langfristig geschehen kann. Oft genug ist das ansonsten völlig willkürlich. Für Kannibalen ist der Kannibalismus normal. Für die Taliban die Behandlung der Frauen als Eigentum. Für jede Religion daß sie die beste, wahrste, einzig richtige ist. Man erkennt leicht wie willkürlich das Normale der Anderen ist. Bei den eigenen Ansichten fällt einem nicht so leicht auf wenn sie ebenso willkürlich sind.

Es ist eine interessante Übung sich eine Gruppe vorzunehmen und sich zu überlegen was die normal finden, wer von dieser Normalität profitiert und sie bewahren will, wer davon benachteiligt ist und sie ändern will, und welche guten Gründe für diese Normalität sprechen. Und wie ist das mit der eigenen Gruppe?

Mittwoch, 19. November 2008

Stars?

Letzten Sonntag hatte ich vor dem Rückflug von Leipzig auf dem Flughafen übrige Zeit zu vertrödeln. Und da habe ich im Zeitschriftenladen im Terminal eine neue Hifi-Hochglanzzeitschrift entdeckt: Hifi-Stars. Schon nach dem ersten Absatz des Vorworts der Herausgeberin wußte ich: Ich würde diese Ausgabe kaufen, auch wenn es wahrscheinlich die einzige Ausgabe für mich bleiben würde. Es war offensichtlich, daß in diesem Werk ein starkes satirisches Potenzial zu erwarten war.

Ich gebe zu, daß mich das Wort "Lebensart" auf der Titelseite fast abgeschreckt hätte, aber immerhin hat man es vermieden, den noch bescheuerteren Anglizismus "Lifestyle" zu verwenden, das blieb der Verlegerin in besagtem Vorwort vorbehalten, aber da war ich ja schon angefixt. Meine unmittelbare Reaktion: "Gnade! Nicht schon wieder ein Lifestyle-Magazin!" wurde dadurch immerhin abgemildert. Und tatsächlich: Man scheint sich in diesem Magazin einigermaßen konsequent der deutschen Sprache bedienen zu wollen, das ist in einem solchen Themengebiet ja durchaus keine Selbstverständlichkeit.

Bloß: Wieso muß man dabei gleich das Kind mit dem Bade ausschütten? Das Festhalten an der alten Rechtschreibung hat zwar noch meine Sympathie, aber inhaltlich kommt das Magazin doch schwerstens rückwärtsgewandt daher. Schon im Editorial wird klargestellt daß man nicht gedenkt, sich mit Technologien zu befassen, die jünger als 25 Jahre sind. Stereo, LP und CD, das sind die Themen. Alles was danach kam ist unnötiger Schnickschnack. Internet, Computer, MP3, Surround, SACD/DVD/Blue-Ray, DVB, undsoweiter... kein Thema. Man wundert sich einen Moment lang direkt, wie es die CD wohl geschafft hat, wo sie doch immerhin digital ist. Aber vielleicht sind ja 25 Jahre genug, um mit der "guten alten Zeit" assoziiert zu werden. Schließlich verblaßt ja langsam auch die lebendige Erinnerung an die Zeit vor der CD, und wenigstens die CDs von vor 15 Jahren oder mehr nehmen allmählich eine ähnliche emotionale Patina an wie es die LPs schon länger haben.

Der Chefredakteur will "auf neuen Wegen zu bislang nicht erkannten Zielen" gelangen, aber ich erkenne in den Zielen ziemlich viel Vorgestriges.

Und, ach!, das bringt mich gleich wieder zurück zum Vorwort. Da habe ich mich schon im ersten Absatz um noch viel mehr als 25 Jahre zurückversetzt gefühlt. Ich kann nicht anders, ich muß den ganzen Absatz hier zitieren, er ist einfach zu schön:

"Eine Frau als Verlegerin einer Hifi-Zeitschrift? Frauen und Hifi? Paßt das überhaupt zusammen? Der ganze technische Kram, welcher Tonabnehmer zu welchem Arm paßt, welche Kabel man verwendet, das Zusammenwirken der "Komponenten" - wozu braucht's das alles, wo man doch so viele unterschiedliche Konzerte vor Ort angeboten bekommt?"

Mal ehrlich: Ist das nicht Satire pur? Ich wüßte gar nicht wo ich anfangen soll, so voller Klischees und gedanklicher Fehlzündungen steckt dieser kurze Absatz. Ich überlege mir schon ob für eine talentierte Kabarettistin in der Rolle der Verlegerin überhaupt noch Steigerungspotenzial vorhanden wäre. Wie da scheinbar für die Frauen eine Lanze gebrochen werden soll, und dabei doch immer wieder die klassischen Rollenklischees betätigt werden, das ist schon Klasse!

Natürlich gibt es diese Klischees auch in den Köpfen von Männern. Ich bin der Letzte der das abstreiten würde. Aber, gute Frau, wenn Du sie überwinden willst, dann mach einfach und erkläre nicht erst! Du bist schon die Verlegerin, dafür braucht man sich nicht zu rechtfertigen. Klischees überwindet man nicht indem man ihnen Tribut zollt, sondern indem man sie ignoriert, oder allenfalls indem man sie als das entlarvt und ins Bewußtsein ruft, was sie sind: Das Ergebnis von Denkfaulheit.

Aber auch die Wege, von denen der Chefredakteur schreibt, kommen mir durchaus nicht so neu vor. Er läßt sich leider nicht konkret darüber aus worin denn das Neue bestehen soll. Ob es vielleicht der erklärte Verzicht auf "Voodoo" sein soll? Seine Definition dafür lautet: "funktionstechnisch und/oder physikalisch unerklärbare Produkte des stereophonen Segments", und so aufgefaßt wäre es eine durchaus begrüßenswerte Abgrenzung. Ich kann sie bloß nicht so recht ernst nehmen. Schon in der ersten Ausgabe ist z.B. eine Anzeige einer Firma "reingerutscht", die reinrassige Voodooprodukte auch nach obiger Definition beinhaltet. Dabei hätte diese Firma ohne weiteres auch das im redaktionellen Teil besprochene Produkt (ein Röhrenverstärker) bewerben können. Und wenn man sich die diversen Artikel über Produkte durchliest, z.B. die von Clearaudio oder von HMS, dann merkt man wie wenig man da von einem Bezug auf glaubwürdige physikalische Erklärungen hält. Es scheint zu reichen daß man überhaupt einen Anschein einer physikalischen Erklärung vorweisen kann, sei sie nun glaubwürdig oder nicht. Auf diese Art kann man aber praktisch jedes Produkt, auch aus dem reinen Voodoo-Bereich, argumentativ adeln. Die Zugehörigkeit zum Voodoo-Bereich wird damit zur reinen Geschmackssache, und die Abgrenzung Makulatur. Ich wette es wird nicht lange dauern bis eindeutige Voodoo-Produkte unter diesen Umständen auch im redaktionellen Teil auftauchen. Die Versuchung wird einfach zu groß sein, und die Prinzipien zu schwach.

Um das mit nur einem Beispiel zu illustrieren: In der Besprechung eines Digitalkabels von HMS (für Lebensart-gemäße 475€ bei 75 cm) liest man, daß man beim Hersteller "ausschließlich auf der Basis wissenschaftlicher Forschungen" an die Thematik herangeht. Dann kommen aber technische Erklärungen, die zwar nicht gerade rundweg falsch, aber doch dermaßen verzerrt sind, daß beim Leser mit Sicherheit keine auch nur annähernd zutreffende Vorstellung über die Problematik aufkommen kann. Kein Wunder daß man dann auch zu folgendem Schluß kommt: "Die erheblich verminderten dielektrischen Verluste und der unglaublich schnelle Signaltransfer kommen in der Versuchsstrecke zwischen einem externen D/A-Wandler ... und meinem ... gegenüber einem serienmäßig beigelegten Digitalkabel voll zur Geltung." In meinen Augen ist so ein Quark nicht von Voodoo zu unterscheiden, sorry! Da hilft auch der durchaus korrekte Hinweis auf Ausgleichsströme nichts mehr, denn wenn die hinter den angeblich gehörten Unterschieden stecken sollten, woran man angesichts der vermutlich verwendeten Testmethode durchaus seine Zweifel haben kann, dann heißt das lediglich daß eine Brummschleife vorhanden ist, die es eigentlich zu unterbrechen gegolten hätte. Es heißt außerdem daß die Hersteller beider verbundener Geräte an einer eigentlich bei SPDIF vorgesehenen (wenn auch nicht vorgeschriebenen) galvanischen Trennung gespart haben, die sie höchstens ein paar Euro gekostet hätte. Ein Digitalsignal wie SPDIF galvanisch zu trennen ist wesentlich einfacher und billiger als bei einem NF-Signal, weil der dazu nötige Übertrager viel kleiner ausfällt. Sogar als externes Nachrüstteil, ins Kabel eingeschleift, hätte so etwas nur einen Bruchteil dessen zu kosten brauchen was man für das HMS-Kabel berappen muß. Und dabei löst das Kabel das Problem gar nicht an der Wurzel, denn es bewirkt gar keine galvanische Trennung, sondern es vermindert lediglich die dadurch hervorgerufenen Störungen. Mit anderen Worten: Selbst wenn es so sein sollte daß das Problem korrekt beschrieben wurde, dann geht die gebotene Lösung nicht nur am Punkt vorbei, sondern sie ist auch noch unverhältnismäßig teuer. Ist man das der Lebensart schuldig? Oder vielleicht doch eher den Werbekunden?

Was die Werbung angeht ist zwar einesteils sehr angenehm, daß man sie aus dem redaktionellen Bereich weitgehend raushält, aber man kann andererseits auch schön beobachten wie dieses Geschäft offenbar läuft. Auch hier ist nicht wirklich Neues zu erkennen. Die Hälfte der Anzeigenkunden hat auch ein Produkt in der redaktionellen Besprechung. Und die redaktionelle Besprechung (Test will ich das bewußt nicht nennen) fällt demnach auch grundsätzlich hymnisch positiv aus. Keine ernsthafte Kritik weit und breit, messen tut man sowieso nicht, zwischen verschiedenen Produkten vergleichen auch nicht, es sei denn daß man im Nebensatz darauf hinweist daß ein Produkt besser als die billigere Variante sei (ist da wer überrascht?). Warum habe ich da bloß das Gefühl daß solche Artikel auch von der Marketingabteilung des Herstellers stammen könnten? Was hat man von solchem belanglosen Geschreibsel?

Immerhin, so riskiert man weder daß der Hersteller oder Händler eingeschnappt ist, noch daß man einem Audiophilen auf den Schlips tritt, der besagtes Gerät zufällig zu seinem persönlichen Nonplusultra erkoren hat. Beides könnte schließlich Geld kosten. Im ersten Fall Anzeigeneinnahmen, und womöglich sogar die Weigerung des Lieferanten, Geräte zur Verfügung zu stellen. Im letzteren Fall vielleicht ein paar Abonnements.

So wie's ist kostet es eben Glaubwürdigkeit. Aber das bei solchen Leuten wie mir, die offenbar ohnehin nicht zur Zielgruppe gehören.

Ich habe jedenfalls von dieser "Lebensart" die Nase schon voll. Es ist der gleiche Lifestyle-Mist, der einem schon in Dutzenden anderen Zeitschriften in der einen oder anderen Form begegnet. Ein Lifestyle, der sich an Produkten festmacht, die grundsätzlich wesentlich teurer sind als von der Funktion her angebracht, und die daher mit Image aufgeladen werden müssen damit sie sich verkaufen lassen. Das hat nichts mit Hifi zu tun, das ist Marketing, und die Redaktion spielt in diesem Spiel auf der Seite der Hersteller.

Nur in einem war mir ein Lichtblick vergönnt: Die CD-Kritik von Winfried Dunkel hat mir gefallen. Da merkt man das Wissen und die Leidenschaft des Fachmannes. Wenn er diesen Biß nur auch seinen Kollegen einimpfen könnte! Sogar bei der Besprechung eines CD-Spielers wagte er einen Hauch von Kritik. Ob der Hersteller deswegen keine Anzeige schaltete? Wir werden es nicht erfahren.

Im Editorial fragte er: "Brauchen wir eine neue HiFi-Zeitschrift?" Ich würde sagen: Ja! Bloß keine solche wie die Hifi-Stars. Aber wer so etwas trotzdem lesen will, der soll dafür ruhig auch 11 Euro zahlen. Es war schließlich schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben, nicht wahr?

Sonntag, 2. November 2008

Entwickler beim Bier

A: Wie geht's Dir denn mit Deinem Job beim [zensiert]? Macht das Entwickeln von Luxus-Hifi noch Spaß?

B: Naja, ich hätte mir das ehrlich gesagt anders vorgestellt.

A: Wieso? Du wolltest doch immer High-End-Geräte entwickeln, wo man nicht durch zu enge Kostenvorgaben geknebelt ist! Was ist denn jetzt das Problem?

B: Ich habe ganz einfach geglaubt, das Geschäft sei durch technische Innovation und durch kompromißlosen Drang nach Qualität bestimmt. Aber bei uns regiert das Marketing!

A: Na das ist ja mal was Neues! (lacht) Willkommen in der Realität!

B: Du hast gut lachen! Ich habe dort angefangen gerade weil ich nicht wollte daß mein Job vom Marketing vorgegeben wird. Jetzt bin ich vom Regen in die Traufe gekommen. Ich hätte es ja noch akzepiert wenn ich bloß allgemeine Produktvorgaben gekriegt hätte. Aber was jetzt läuft ist, daß ich sogar technische Details vom Marketing vorgeschrieben kriege.

A: Vom Marketing? Was verstehen die denn davon?

B: Das ist es ja eben! Nichts! Darum kriege ich völlig unsinnige Vorgaben.

A: Wie muß ich mir das vorstellen?

B: Zum Beispiel hat das Marketing kürzlich entschieden, daß sie ein neues Flagschiff in ihrer Verstärkerserie brauchen. Den ultimativen Endverstärker, mal wieder. Die haben gar nicht erst nach Ideen dafür gefragt, sondern kamen gleich selbst damit daß der eine eingebaute Stromaufbereitung braucht, die einen reinen Netzsinus erzeugt. Daneben muß er Klasse-A sein, mindestens 30 Kilo wiegen, es müssen ganz bestimmte Elkos im Netzteil drin sein, ganz bestimmte Kabel in der Innenverdrahtung, und noch ein paar mehr so Vorgaben. Sie wollen rausgefunden haben daß sowas gerade "in" ist und sich verkauft, wenn man das optische Erscheinungsbild gut hinkriegt und wenn der Preis nicht zu niedrig ist.

A: Nicht zu niedrig? (lacht) Solche Probleme möchte ich haben!

B: Da gibt's nichts zu lachen, da macht man sich als Entwickler lächerlich! Überleg Dir das mal: Ich soll erst einmal den Netzsinus in einer aktiven Regelschaltung möglichst rein nachbilden, mit wenig Störungen und Klirr, um dann nach dem Netztrafo gleich wieder in die Gleichrichtung zu gehen, wo ich den Klirr dann notgedrungen wieder in gewaltigen Mengen produziere. Unsinn wäre dafür noch ein zu gnädiges Wort! Und darauf soll man als Entwickler stolz sein?

A: Wieso? Wenn sich's doch gut verkauft und die Firma daran verdient! Das sichert immerhin Deinen Job und noch ein paar mehr. Und einer Menge Möchtegern-Audiophiler wird bei der Lektüre der Exclusiv-Tests der Sabber aus dem Mundwinkel laufen! Bei denen bist Du das Genie!

B: Bei den Ahnungslosen bin ich das Genie, und bei den Berufskollegen bin ich ein Schwachkopf!

A: (Schmunzelt) Man kann's nicht jedem recht machen.

B: Jetzt mal im Ernst: Wozu bin ich als Entwickler und ausgebildeter Ingenieur denn da? Ich dachte immer es käme da darauf an, clevere Lösungen zu finden. Lösungen, die den technischen Stand voranbringen, die die Grenzen des Machbaren weiter hinausschieben, oder die wenigstens das was man schon machen kann billiger und einfacher bewerkstelligen. Aber es kann doch nicht darum gehen, völlig unproduktiven Nippes in ein Gerät reinzubauen, weil jemand glaubt daß man das leichter verkaufen kann! Überleg mal: Die Sinusregelung kostet Geld, braucht extra Strom, und nutzt rein gar nichts. Schlimmer noch: Man könnte auf die Idee kommen ich wäre unfähig, ein vernünftiges Netzteil zu bauen, und würde versuchen, das mit dieser Schnapsidee zu kaschieren!

A: Ja, aber wer kommt den allenfalls auf so eine Idee? Doch bestimmt nicht die Leute, die das Ding kaufen sollen! Die wollen einfach etwas Besonderes haben. Man will sich von der Masse abheben. Das ist wie die Unterbodenbeleuchtung bei Autos, die bringt ja auch nichts, sieht aber cool aus.

B: Das ginge ja noch wenn's nur für's Aussehen wäre. In diesem Fall ist's aber eher wie ein Aggregat zum Straße Waschen und Fönen, damit man dahinter Slicks aufziehen kann. Solche Ideen hatte ich als Zehnjähriger!

A: Du meinst ein Aggregat unter dem Kühlergrill, vor den Vorderrädern? Das wäre allerdings wirklich völliger Unfug.

B: Eben. Beim Auto verstehen die Leute immerhin genug von der Sache um so etwas als sinnfrei zu erkennen, aber bei Hifi geht anscheinend alles. Hauptsache teuer und edel, dann findet man schon genug Leute die dem huldigen. Gerade auch bei der Presse. Die stecken doch unter einer Decke mit den Marketingabteilungen solcher Firmen wie meiner.

A: Ja aber wenn es sich so gut verkauft? Ich weiß immer noch nicht so recht was Dich eigentlich plagt. Schämst Du Dich für etwas Geld einzunehmen was Dir nicht sinnvoll erscheint? Du verzapfst doch den ganzen Marketingblödsinn nicht selbst, was machst Du Dir dann Gedanken?

B: Klar bin ich bloß der Ausführende hier, aber erstens kann ich das Gehirn nicht einfach ausschalten, zweitens habe ich auch eine Berufsehre, und drittens werden die Marketingleute ebenso behaupten sie könnten nichts dafür, denn sie würden nur verkaufen was nachgefragt wird.

A: Und die Berufsehre verlangt von Dir daß Du der Kundschaft vorschreibst was sie für gut zu halten haben?

B: Das hätte jetzt auch von den Marketingleuten kommen können! Bist Du inzwischen auch schon zu denen übergelaufen?

A: (schmunzelt) Nein, ich kann Dich ja gut verstehen, ich wollte Dich bloß ein bißchen kitzeln. Mir schon klar daß die angepeilte Kundschaft aus den Leuten besteht, die das gut finden was man ihnen erfolgreich einreden kann. Auch wenn's ein Auto mit Straßenwaschaggregat sein sollte.

B: (schmunzelt auch) Nein, die finden es gut weil sie es ausprobiert haben und eine entscheidende Verbesserung hören.

A: (grinst breit) Ja, nee, is klar!

B: Mir wär's ja noch wurscht wenn es eben ein paar Leute gäbe die auf so verrückte Sachen stehen und ihren Spaß dran haben. Ist ja schließlich ihr eigenes Geld was sie dafür ausgeben. Aber ich will eigentlich als guter Entwickler dastehen. Vor mir selbst und am besten auch vor Fachkollegen. Wie stehe ich denn da wenn ich mit solchen Konstruktionen daherkomme?

A: Wie jemand dem das verdiente Geld wichtiger ist als seine Entwicklerehre. Und? Wo ist das Problem? Ist es eine Schande einen Job für Geld zu machen?

B: Wenn man dabei Leute verarscht schon.

A: Dann wären viele Jobs eine Schande.

B: Das findest Du ok, oder wie?

A: Ok nicht gerade, aber ein Stück Normalität. Wenn Leute verarscht werden wollen wird's auch immer welche geben die sie verarschen. Und ob das immer eine Verarschung ist, ist auch nicht gesagt. Vielleicht weiß der Käufer ja daß der Verkäufer lügt, und kauft's trotzdem? Wieviele Leute kaufen wohl Haarwuchsmittel obwohl sie sich insgeheim drüber im Klaren sind daß das alles leere Versprechungen sind was da vom Hersteller kommt? Oder spielen Lotto obwohl sie wissen daß auf jeden Fall die Hälfte davon beim Staat landet? Du mußt zugeben daß es auch am Käufer liegt wenn so etwas funktioniert. Wenn der sich ein paar Gedanken machen würde bevor er kauft, dann würde er nicht so leicht seine Kröten für nutzlosen Quatsch ausgeben.

B: Woher soll er's denn besser wissen wenn ihm ein Chor aus Herstellern, Händlern und Zeitschriften unisono das gleiche Lied vorsingen? Das ist es ja gerade was ich meinte mit dem Unterschied zwischen Auto und Hifi. Beim Auto sind die meisten in der Lage den Blödsinn zu entlarven, bei Hifi nicht.

A: Vielleicht wollen sie das ja auch gar nicht. Wenn's keine halbwegs unparteiischen Zeitschriften gibt, dann gibt's daran vielleicht einfach nicht genug Interesse.

B: Kann ich schwer glauben.

A: Dann mach doch eine Zeitschrift, dann wirst Du's sehen. Ich wette mit der Wahrheit kommst Du da nicht weit.

B: Nee Du, das ist nicht mein Gebiet. Vielleicht sollte ich mir einfach weniger Gedanken machen und den Schmarrn liefern wie er verlangt wird. Pekunia non olet und so. Oder vielleicht ist es doch besser ich finde 'ne gescheite Firma, die Produkte baut die die Welt braucht.

A: (schmunzelt) So wie ich, wolltest Du sagen...