Sonntag, 8. April 2018

Offener Brief an Marc

In der April-Ausgabe von Sound&Recording, die ich vor kurzem aus dem Briefkasten gezogen habe, habe ich heute eine Story gelesen über den Besuch des Chefredakteurs Marc Bohn bei der Kabelfirma Vovox in der Schweiz, anläßlich deren 15-jährigen Firmenjubiläums (siehe diesen Lead). Kann ich nicht so stehen lassen. Drum hier eine öffentliche Replik an den Verfasser.

Lieber Marc,

mach Dich auf was gefaßt. Ich kann ja verstehen, daß man als Zeitschrift auch aufs Geld achten muß, und das kommt nun einmal von den Anzeigenkunden. Nicht ausschließlich, ein bißchen trägt auch mein Abo bei, aber die Prioritäten liegen nun einmal so wie sie liegen, nicht wahr?

Nur, warum muß man sich dafür derart zum Kasper machen?

So, Du hast Dich also vorbereitet angesichts des kritischen Themas "Kabelklang", wolltest "nach Punkten kritisch fragen", und doch "offen und unvoreingenommen zuhören". Wo ist dann dieser Plan geblieben? Wo sind die kritischen Fragen? Wo ist das Nachhaken, wenn dich der Firmenchef Jürg Vogt mit nichtssagenden Antworten abspeist? Wo bleibt der Journalismus?

Beispiel Laufrichtung: Schön daß Du nach einem elektrotechnischen Hintergrund fragst. Der hätte mich auch interessiert. Jürg liefert den aber nicht. Er hat "sehr viel darüber nachgedacht", und ist sich nach 15 Jahren Firmengeschichte "sehr sicher, daß es etwas mit der Orientierung der Kristallite" zu tun hat. Viel mehr kommt nicht. Warum fragst Du nicht weiter: Was hat es damit zu tun? Warum ist er sich sehr sicher, welche nachvollziehbaren Fakten und Indizien hat er zusammen getragen? Wie hat er sich davon überzeugt, daß er sich nicht täuscht? Wie paßt das mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand zusammen? Warum ist es nach so langer Zeit immer noch eine These, was fehlt noch zum Nachweis, und wie soll er erbracht werden?

Stattdessen: Nächstes Thema, Abschirmung. Jürg hat "aufgrund verschiedener Tests" festgestellt, daß es "an der Leiteroberfläche ganz viele Wechselwirkungen" gibt. Warum keine Nachfragen: Interessant! Welche sind das, wie hat er sie festgestellt, was wird dadurch bewirkt, inwiefern geht das über das hinaus was man durch die klassische Elektrotechnik erklären kann?

Ebenfalls Fehlanzeige. Stattdessen die Gelegenheit für Jürg, mit einem anscheinend sehr aufwändigen Produktionsprozeß Eindruck zu schinden.

Und das war's auch schon mit dem kritischen Nachfragen. Ansonsten reichlich Gelegenheit für Jürg, die Sympathiebreitseite als enthusiastischer undogmatischer offener toleranter sozialer beliebter großzügiger Musiker und Musikliebhaber abzufeuern, die schon dermaßen dick aufgetragen ist, daß man sich wirklich fragt ob er das nötig hat.

Schließlich kommt es wie es kommen muß: Er hat Dich um den Finger gewickelt, und Deinen Kollegen Martin erst recht. Es stimmt! Kabel klingen! Sogar Stromkabel!

Bullshit.

Du wolltest von vorn herein nicht kritisch sein, Du hast Dich zum Erfüllungsgehilfen eines ebenso plumpen wie zweifelhaften Marketings gemacht, von dem Du vorher wissen konntest, und wahrscheinlich auch gewußt hast, worauf es hinaus läuft. Es wäre ehrlicher gewesen, auf dieses Miniatur-Feigenblatt von kritischer Haltung zu verzichten, das Du im Beitrag vor Deine kaum wahrnehmbare Scham hältst.

Es geht um die Pflege von Geschäftsbeziehungen, das wissen wir doch beide! Edelkabelhersteller haben ein gut ausgestattetes Marketingbudget, und davon soll schließlich ein möglichst großer Teil bei Deiner Zeitschrift landen. Da stört kritisches Nachfragen nur, außer es ist lediglich proforma und leicht angedeutet.

Dabei ist klar: Wenn jemand wie Jürg Vogt nach 15 Jahren Beschäftigung immer noch nichts weiter vorzuweisen hat als solche leeren Phrasen, dann ist da auch nichts. Nur ist das eine wenig geschäftsfördernde Einsicht, die zum Glück auch der angepeilten Kundschaft nicht schmeichelt. Also konspirieren alle miteinander im Versuch, den Elefanten im Raum, was sage ich, die Elefantenherde!, nach allen Regeln der Kunst zu übersehen.

Ist Deine Glaubwürdigkeitseinbuße das bißchen Geld wert? Jürg Vogt kann Euch bestrafen, indem er nicht mehr bei Euch inseriert. Das wird Euch nicht umbringen, und er wird wiederkommen. Irgendwo muß sein Marketingbudget ja hin. Manchmal wäre es wirklich besser, Haltung zu zeigen.

Ein leicht angenervter Abonnent dem es gerade durch den Kopf geht, ob er nicht besser Ex-Abonnent wäre.

Freitag, 9. März 2018

MQA: DRM oder nicht?

Über MQA habe ich schon früher geschrieben, aber da dieser Unsinn nicht verschwinden will, braucht es wohl weitere Artikel. Hier geht es mir speziell um die Frage, ob MQA eine Art von Kopierschutz ist, oder nicht. Die MQA-Erfinder und Befürworter haben immer wieder abgestritten, daß es sich um eine Form von DRM (Digital Rights Management) handelt, Kritiker behaupten das Gegenteil, bis hin zur Aussage, es handle sich um eine Art von DRM-Trojaner, also die heimliche Einführung von DRM durch die Hintertür.

Ich hab mir die Sache angesehen, und bin der Meinung, daß an der Trojaner-Behauptung sehr wohl was dran sein kann.

Wer schon lange genug dabei ist, kann sich bestimmt noch an die mehreren Versuche der Industrie erinnern, der CD einen Kopierschutz zu verpassen. Die sind allesamt gescheitert, wie nicht nur wir wissen; der Musikindustrie ist das noch viel schmerzhafter bewußt. Das bedeutet nicht, daß sie diese Versuche ein für alle mal eingestellt hätten. Es bedeutet aber, daß sie sich im Klaren darüber sind, daß man die Sache intelligenter anpacken muß, und dazu gehört auch ein längerer Atem.

Nimm also mal hypothetischerweise an, Du wärst ein skrupelloser Bonze aus der Musikindustrie, der sich nie damit abfinden konnte, daß die Technik das umstandslose Kopieren und Verteilen auch der hochqualitativsten Aufnahmen einfach und billig gemacht hat, und nach Möglichkeiten sucht, Geldquellen neu zu erschließen, die ihm dadurch verloren gegangen sind. Skrupellos deshalb, weil Dir völlig egal ist, wie es dem Konsumenten oder auch dem Musiker dabei geht, deren Interessen vertrittst Du nicht. Dein Motiv ist die Liebe zum Geld, und nicht die Liebe zur Kunst. Wie würdest Du vorgehen, wohl wissend um die Fehler der Vergangenheit?

Du denkst so: Die Rechte an der Aufführung und Vervielfältigung der Musikstücke gehören mir. Die Künstler haben diese Rechte an mich abgetreten. Die billige und einfache Kopiererei hat mich dieser Rechte beraubt. Was ich brauche, ist eine Methode um mir diese Rechte zurückzuholen. Ich brauche eine technische Infrastruktur, die es mir erlaubt, das auch durchzusetzen, und zwar notfalls auch gegen den Konsumenten. Ich brauche ein technisches System, das meine Rechte "managt". Also DRM.

Das darf der Konsument aber nicht merken, denn dagegen ist er inzwischen allergisch. In der Praxis hat DRM immer auch Nachteile für den ehrlichen Nutzer gebracht, z.B. Probleme beim Nutzen des legal erworbenen Materials auf unterschiedlichen Wegen (daheim vs. im Auto, im Heimnetzwerk, etc.). Für den ehrlichen Nutzer ist DRM eine unnötige und lästige Nerverei, die er sich nicht freiwillig antut.

Wenn Du also als Musikindustrie-Bonze einen weiteren Versuch unternehmen willst, Dir Deine Rechte zurück zu holen, dann brauchst Du eine Methode, die diese Allergiereaktion nicht auslöst, am Ende aber trotzdem das bewerkstelligt, was Du erreichen willst. Und jetzt wird's spannend: Wie könnte so etwas aussehen? Wie geht man dabei vor, und was kann am Ende dabei heraus springen?

Klar ist dabei unmittelbar, daß man etwas einführen muß, das zumindest am Anfang als Vorteil wahrgenommen wird, ohne daß es auch nur eine Spur der Nachteile hat, die man mit DRM assoziiert. Die Nachteile dürfen erst spürbar werden, wenn es schon keinen Weg mehr zurück gibt, ansonsten scheitert man zu früh. Das bedeutet, man muß von vorn herein langfristig planen. Man braucht ein System, das es erlaubt, die gewünschte DRM-Funktionalität erst nachträglich zu aktivieren, wenn man eine dominante Marktposition errungen hat. Die Erringung einer dominanten Marktposition dauert aber auch im günstigsten Fall viele Jahre. Ein Jahrzehnt ist sicher nicht zu lang gedacht.

Vorher, während man diese dominante Position noch zu erreichen versucht, muß man Vorteile vorweisen können, man muß einen Köder haben, sonst beißt der Fisch nicht an. Ideal wäre ein System, bei dem der Vorteil von der gleichen technischen Infrastruktur abhängt, wie das später mögliche DRM. Das ist der Trick hinter dem trojanischen Pferd. Es ist ein Geschenk, das in seinem Bauch ein verstecktes Unheil birgt. Der Köder, in dem der Haken verborgen ist.

Mit so einem Plan im Kopf, wie würdest Du über MQA denken? Was bietet Dir MQA, um dem Konsumenten eine Form von "Digital Rights Management" unterzujubeln, ohne daß er es merken würde bevor es zu spät für ihn ist? Eine ganze Menge, wie sich zeigt:
  • MQA bietet Geheimhaltung. Was da genau an Mechanismen drin ist, wird nicht offen gelegt. Das hat mindestens schon mal den Vorteil, daß man Kritikern vorhalten kann, sie wüßten nicht wirklich Bescheid und würden bloß spekulieren, und damit Panikmache betreiben.
  • MQA enthält kryptografische Infrastruktur zur Authentifikation. Diese "Authentication" wird als Vorteil angepriesen, als Garantie für den Konsumenten, daß er wirklich eine zertifizierte Qualität bekommt. Wer ein bißchen davon versteht, weiß aber daß die dazu nötige kryptografische Infrastruktur dieselbe ist, die man auch zur Verschlüsselung und Zugriffskontrolle einsetzen kann. Es ist also einfach, alle nötigen Mechanismen sowohl für Authentifizierung als auch für Zugriffskontrolle in die Geräte einzubauen, und ggf. später davon Gebrauch zu machen.
  • MQA bietet zwar im Moment noch keine Methode, wie ein Abspielgerät rückfragen kann, also z.B. über das Internet dynamisch die Erlaubnis zum Abspielen einholen kann. Einige gängige Lizenzverwaltungssysteme, wie man sie von Software kennt, funktionieren so natürlich nicht. Aber es ist ohne weiteres denkbar, eine Lizenzverwaltung in nur eine Richtung damit zu implementieren. Z.B. könnten Informationen zum Ungültigmahen von Schlüsseln in eine ganz normale Audiodatei oder in einen Stream eingebettet werden, so daß man einfach dadurch, daß man einen neueren Titel abspielt, das Recht zum Abspielen eines älteren Titels verliert. Außerdem, falls man je mal einen Rückfrageweg brauchen sollte, könnte man den auch nachträglich hinzufügen, wenn man mal genug Marktmacht hat.
  • MQA bietet im Moment keine Methode, das Kopieren von Musik zu verhindern. Die Dateien oder Stream zu rippen wird auch mit MQA problemlos möglich sein. Abspielen kann man aber erst einmal nur den "linearen" Teil des Materials, ohne den durch den MQA-Decoder bereit gestellten HiRes-Teil, an den man nur mit einer Lizenz kommt. Welche Qualität der lineare Teil hat, bestimmt aber nicht der Konsument, sondern derjenige, der den MQA-Encoder betreibt. Also Du, der Bonze der Musikindustrie. Auch der Künstler wird da in der Praxis nichts mitzureden haben. Das bietet Dir die Möglichkeit, die problemlos abspielbare Qualität auf das Niveau einer Compact-Cassette (remember?) herunter zu fahren. Für mehr braucht es eine Lizenz. Diese Möglichkeit darf man aber auf keinen Fall zu früh nutzen, sonst gibt man seinen Trumpf zu früh aus der Hand. Bis genug Marktmacht errungen ist, muß man den linearen Teil in etwa auf CD-Qualität lassen. Später hast Du als Betreiber des Encoders dann mehr Freiheiten. Es ist bisher der Öffentlichkeit unbekannt, wie weit man damit im MQA-System gehen kann. Es gibt wohl Anzeichen, daß man die Auflösung des linearen Teils auf 10 Bit herunterfahren könnte, wenn man wollte. Das wäre kaum UKW-Qualität. Da man Titel schon seit Jahr und Tag im Radio mitschneiden kann, wäre das keine ernsthafte Einschränkung.
  • Die Authentifizierung in MQA bietet die Möglichkeit der Lizensierung auf der ganzen Wertschöpfungskette, nicht bloß beim Abspielen. Was das bedeuten kann, hat Jim Collinson von Linn hier erklärt.
Du siehst, MQA iat eigentlich perfekt dazu geeignet, das umzusetzen was Dir vorschwebt. Jetzt darfst Du es bloß nicht vermasseln, indem Du zu früh erkennen läßt, worum es Dir geht, und stattdessen den Eindruck erwecken, das Ziel sei eine Steigerung der Audioqualität, wogegen ja niemand etwas haben kann.

Also muß abgestritten werden, daß es um DRM geht. Eine Strategie dabei ist, DRM mit Kopierschutz zu assoziieren. Wenn DRM = Kopierschutz, dann ist klar, daß MQA kein DRM ist, denn MQA enthält keinen Kopierschutz. Das ist eine zu eng geführte Definition von DRM, denn eigentlich geht es dabei nicht zentral um die Frage, ob Du als Konsument das Material kopieren kannst, sondern allgemeiner um die Frage wie Du es nutzen kannst. Aber die Engführung erlaubt es, ohne offene Lüge etwas abzustreiten, was Du insgeheim tatsächlich anstrebst.

Die ehrliche Antwort auf die Frage, ob MQA DRM enthält wäre also: Jein. Nicht die alte Kopierschutzkamelle. Aber etwas weit perfideres.

Es muß auch ein Köder da sein, also ein Vorteil, den man den Konsumenten einreden kann. Der Musikindustrie den Vorteil klar zu machen ist kein Problem, siehe oben. Warum eine Sony oder eine Warner MQA gut findet ist sofort klar. Wie sie ein Konsument gut finden soll, ist etwas schwieriger einzufädeln, zumal nicht wenige den Braten riechen werden.

Wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, versucht man es dabei mit altbekannten Mitteln, also mit der Sau, die man seit Jahrzehnten regelmäßig durch's Dorf getrieben hat: Die Audioqualität soll besser sein. In der audiophilen Ecke holt man sich da eigentlich automatisch Beifall, und es ist auch nicht schwer, genügend Leute zu finden die Verbesserungen hören. Die Fanboy-Maschine ist hier gut geölt und immer bereit. Die "Fach"presse ist ebenfalls seit vielen Jahrzehnten unter Kontrolle, und verbreitet das was die Geldgeber wollen. Also keine Probleme hier.

Das Problem ist aber, daß das Mißtrauen der Konsumenten ebenfalls recht groß ist, wenigstens desjenigen Teils davon, dessen Erinnerung mehr als ein paar Jahre zurück reicht. Bei denen scheint man sich damit zu behelfen, sie als die "üblichen Verdächtigen" bei der Ablehnung technischen Fortschritts zu verunglimpfen. Problem dabei: Etliche Hersteller von Abspiel- bzw. Streaming-Geräten scheinen ebenfalls skeptisch zu sein. Schließlich würden auch die sich von MQA und der dahinter stehenden Lizensierungs-Maschine abhängig machen. Man ist an Dolby erinnert, nicht unbedingt eine angenehme Erinnerung für so manchen Hersteller.

Ebenfalls skeptisch macht die Geheimniskrämerei, und der Bullshit-Pegel, der aus der MQA-Ecke kommt. An Rhetorik fehlt es nicht, aber daß MQA tatsächlich bessere Qualität liefert ist über das Behauptungsstadium nicht hinaus gekommen. Seriöse Tests gibt es wenig, und was es gibt zeigt keinen merklichen Vorteil. Es ist zudem wenig überzeugend, warum der eher geringe Einsparungseffekt an Datenmenge, besonders wenn man es mit FLAC und Konsorten vergleicht, einen solchen Aufwand rechtfertigt, selbst wenn dadurch bessere Qualität als von der CD heraus kommen sollte. Deswegen sagen ja auch etliche Leute, daß das Q in MQA eine Lösung für ein nicht existentes Problem sei. Wer bessere Qualität als CD zu brauchen glaubt, kann sich auch eines HiRes-Formates im Zusammenhang mit FLAC bedienen, und spart sich den ganzen Lizenzquatsch.

Noch dazu kommt, daß es mit dem Versprechen der Master-Qualität nicht weit her ist. Man will anscheinend dem Konsumenten weis machen, die Authentifizierung bedeute, daß er die Qualität bekommt, die der Künstler gewollt und abgesegnet hat. Das ist natürlich gelogen. Über die MQA-Qualität bestimmt derjenige, der den Encoder hat. Das ist so gut wie nie der Künstler, und das Ergebnis des Encodierens wird auch ohne die Mitwirkung des Künstlers unter die Leute gebracht werden. Für den Künstler verbessert sich damit gar nichts, eher im Gegenteil.

In der Praxis wird das schon existierende Material nochmal durch den Encoder gejagt, womit man es erneut verkaufen kann, so wie das schon früher mit den Remasterings war. Die waren auch regelmäßig nur lauter, nicht aber klanglich besser (eher im Gegenteil). Aus ähnlichen Gründen wird auch das MQA-Material letztlich bloß eine Neuveröffentlichung desselben Materials sein, von dem man behauptet es klänge besser (was man immer behauptet hat), was aber meist doch nicht besser klingt. Wobei man dafür sogar die Möglichkeiten hätte, indem man die Lautstärke zurück nimmt.

Aber man kann mir natürlich hier übertriebenen Pessimismus vorwerfen. Das Urteil liegt bei Euch: Was findet Ihr glaubwürdiger, daß MQA endlich das Format ist, nach dem die Anwender die ganze Zeit gelechzt haben, und das endlich alle Probleme behebt, die PCM angeblich hat? Oder daß es eine schlau eingefädelte Finte ist, um den Konsumenten das Schlucken des Köders schmackhaft zu machen, in dem der DRM-Haken verborgen ist?

Für weiteren Informationsbedarf siehe z.B. Archimago's Blog, oder auch ein langer Thread auf CA.

Vielleicht wollt Ihr aber auch die Seite der MQA-Firma (ja, sie haben sich aus Meridian ausgegründet) ansehen, wo man - wer hätte es gedacht - den Künstler in den Vordergrund stellt. Man findet da offenbar immer genug Kälber, die freiwillig in den Schlachthof gehen.

Sonntag, 4. Juni 2017

Unideologisches Klima

Wie gut, daß es den Berliner Kreis der CDU gibt. In einer Zeit, in der die Klimapolitik in aller Munde ist, nicht zuletzt wegen Trump, sehnt man sich geradezu nach einer ideologiefreien, nüchternen und sachorientierten Diskussion dieses emotionsgeladenen Themas. Gerade rechtzeitig hat jetzt der Berliner Kreis ein Papier mit dem Titel "Klima- und energiepolitische Forderungen" veröffentlicht, mit dem er die Diskussion zu versachlichen sucht.

Und wirklich: Wer könnte besser geeignet sein für eine ideologiefreie Diskussion als der Berliner Kreis? Wer das Papier liest, dem wird schnell klar daß hier auf jegliche Ideologie konsequent verzichtet wurde. Ich komme gar nicht darum herum, das ausführlich zu würdigen, natürlich ebenso unideologisch, nüchtern und ohne jegliche Ironie, wie das hier im Blog ja von mir bekannt ist. Ich halte mich an die Reihenfolge in ihrem Papier:

Zu 2) Mehr Einordnung

Hier wird darauf hingewiesen, daß der Klimawandel wohl kaum nur auf menschlich verursachte Treibhausgase zurückzuführen sein kann. Andere Ursachen kommen auch in Frage, z.B. Vulkanausbrüche und Meteoriten. Könnte ja sein daß in den letzten 100 Jahren einfach zu viele Meteoriten heruntergefallen sind oder Vulkane ausgebrochen. Wer weiß das schon genau?

Ich würde noch hinzufügen, daß etliche der Treibhausgase ja Verdauungsprodukte von Rindern sind, und schon deswegen nicht als menschlich verursacht gelten können. Man sieht deutlich, wie sehr die Diskussion bisher auf den Menschen als Verursacher enggeführt wurde. Das wird dem Problem nicht gerecht.

Zu 3) Mehr Sachlichkeit

Auch hier wird berechtigterweise darauf hingewiesen daß nicht alles schmelzende Eis den Meeresspiegel anhebt. Das Eis nämlich, das schon auf dem Meer schwimmt, wirkt sich auf den Meeresspiegel nicht mehr aus, wenn es schmilzt. Jetzt müsste man also lediglich noch dafür sorgen, daß das Landeis nicht schmilzt. Auch wenn im Papier nichts davon erwähnt ist, bin ich doch überzeugt daß der Berliner Kreis schon an einer praktikablen Lösung arbeitet, soweit das angesichts der "sehr unübersichtlichen Datenlage" möglich ist.

Einstweilen hat er aber die daraus entstehenden Chancen erkannt. Geschmolzenes Meereis ist der Schifffahrt nicht mehr im Weg, daraus ergeben sich neue Routen für Kreuzfahrtschiffe, und kürzere Handelswege nach China. Sogar die somalischen Piraten kann man so elegant ausmanövrieren.

Zu 4) Keine moralische Erpressung

Man spürt, daß dieser Punkt dem Berliner Kreis ein besonderes Ärgernis ist. Wie kann man von den Menschen hierzulande verlangen, daß sie auf ganze Wälder von Windkraftanlagen blicken, wo doch noch gar nicht hundertprozentig bewiesen ist, daß die Folgen des Klimawandels so eintreten wie es die Modelle voraussagen? Zeigt nicht schon die Tatsache, daß es immer wieder neue Modelle gibt, und sie immer weiter angepasst werden müssen, daß man sich nicht auf sie verlassen kann?

Es wäre daher viel besser, wenn man erst einmal die Modelle so perfektioniert, daß sie hundertprozentig zutreffende Vorhersagen ermöglichen. Und man müßte natürlich den Beweis abwarten, daß das tatsächlich stimmt, sprich man müßte warten, ob die Folgen auch tatsächlich eintreten. Nur dann kann man sicher sein, daß man sich auf die Modelle verlassen kann. Nur dann kann man politische und wirtschaftliche Entscheidungen darauf gründen.

Vorher ist das alles nur Panikmache.

Zu 5) Weltklimarat IPCC reformieren

Es ist unbestritten, daß der Weltklimarat in den Medien ziemlich oft erwähnt wird und in der Klimadiskussion eine große Rolle spielt. Es ist klar daß das insbesondere für die Politiker zu einer Belästigung ersten Ranges geworden ist, gegen die man in passender Weise vorzugehen versucht. Man darf die Klimapolitik nicht den Fachleuten überlassen, das hat die US-amerikanische Regierung früher erkannt als die Europäischen Regierungen, wir haben hier also einen Nachholbedarf.

Daß der eigentliche Sachverstand in dieser Frage im Berliner Kreis verortet ist, merkt man daran daß der Berliner Kreis erkannt hat, daß die Berichte des IPCC "Fehler und Überhöhungen" enthalten. Das kann man nur beurteilen, wenn man sich mit der Materie besser auskennt als der IPCC selbst. Der Berliner Kreis hätte sich solche Fehler und Überhöhungen sicher nicht geleistet.

Es wäre daher sicher zu begrüßen, wenn man in der Politik seltener mit den Berichten des IPCC beschäftigt würde, idealerweise so selten daß man zwischen den Berichten alles vergessen kann und mit jedem Bericht wieder von vorn beginnt. Die vorgeschlagene 10-Jahres-Frist entspräche hierzulande zweieinhalb Legislaturperioden, das dürfte für ein kollektives politisches Vergessen ausreichen.

Das hat übrigens schon relativ gut mit den Berichten des Club of Rome funktioniert, deren erster 1972 veröffentlicht wurde, also vor 45 Jahren. Es folgten "Updates" in den Jahren 1992, 2004 und 2012. Das sind genau die Abstände, von denen auch beim Berliner Kreis die Rede ist. Der letzte Bericht liegt 5 Jahre zurück. Erinnert sich jemand daran? Eben.

Für ein Gremium, das Politiker beraten soll, ist der IPCC zudem zu unabhängig. Normalerweise weiß ein Berater, was sein Auftraggeber hören will. Das ist in der Wirtschaft auch nicht anders. Man bezahlt den Berater, damit er das herausfindet, was man schon weiß, aber nicht so einfach durchsetzen konnte. Der Bericht des Beraters verschafft einem die nötigen Argumente und die Legitimation, sowie die Anmutung von Objektivität, und dafür bekommt er einen dicken Batzen Geld. In Deutschland wird der Bericht eines Beraters öfter einmal vom auftraggebenden Ministerium bearbeitet, ehe er veröffentlicht wird, falls sich die Experten nicht eng genug an die Vorgaben gehalten haben. Der Armutsbericht des Arbeitsministeriums scheint z.B. regelmäßig davon betroffen zu sein. Es liegt auf der Hand daß sich Politiker bei den Berichten des IPCC dieselben Möglichkeiten wünschen.

Zu 6) Keine Klimamanipulationen

Hier wird die Nüchternheit der Betrachtungsweise des Berliner Kreises besonders deutlich. Großtechnisches "Climate Engineering" würde unweigerlich sehr viel Geld kosten, und das bei schwierig zu bewertenden Risiken und unkalkulierbaren Nebenfolgen.

Die Risiken des Nichtstuns sind da viel billiger zu haben. Sie sind außerdem weniger schwierig zu bewerten und besser kalkulierbar. Genau das macht ja z.B. der IPCC.

Zu 7) Anpassung als neue Strategie

Hier kommen wir zum zentralen Punkt der Sache: Chancen nutzen statt Gefahren bekämpfen. Ist doch nicht so schlimm wenn's mal wärmer wird, das hat es schließlich immer wieder mal gegeben.

So wie es sich abzeichnet könnte Deutschland dabei sogar günstig wegkommen. Die Probleme aufgrund eines steigenden Meeresspiegels halten sich in Grenzen. Das sieht man in Holland und Bangladesh sicher anders, aber hier in Deutschland haben wir einen geographischen Vorteil, den man ja auch nutzen kann. Wasser dürfte einstweilen genug vorhanden sein, eine Wüste oder Steppe entsteht hierzulande wohl erst einmal nicht. Und wie formulierte es schon Rolf Miller: "Wenn ich im März mit T-Shirt keinen Schnee mehr schippen muß -- ich kann es verkraften." (6:00)

Man spürt die Genugtuung der Autoren des Papiers, daß das 2-Grad-Ziel, für dessen Erreichung sie nie etwas getan haben und auch nicht tun würden, inzwischen so gut wie aussichtslos geworden ist. Zumal alles was man irgendwie absichtsvoll unternehmen könnte, automatisch eine Form von "Geo-Engineering" wäre. Folglich bleibt nur übrig, alles so laufen zu lassen wie es nun einmal läuft, was ohnehin das Bequemste ist. Wer nichts tut, macht eben auch nichts falsch.

In diesem Zusammenhang muß auch ein Wort der Kritik an die Wissenschaftler gerichtet werden. So oft sie in den letzten 50 Jahren ihre Klimamodelle geändert haben (teils "massiv", wie der Berliner Kreis schreibt), so kommt doch immer wieder dabei heraus daß es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine riesen Katastrophe gibt wenn wir nicht schleunigst unseren "ökologischen Fußabdruck" reduzieren. Es wäre langsam mal an der Zeit daß sie ihre Modelle dergestalt ändern, daß ein Ergebnis herauskommt, das besser in die politisch/wirtschaftliche Landschaft passt.

Statt den CO2-Ausstoß zu begrenzen, sollten wir uns in der Tat auf die Auswirkungen einstellen, also z.B. weniger Schneeschippen produzieren. Wenn es für Rolf Miller nicht schwierig ist, sich auf die neue Situation einzustellen, sollte das auch für den Rest von uns möglich sein. Falls ein paar Halligen und Sylt dabei untergehen, kann man die nötigen Staatshilfen sicher auch verkraften. Zum Ausgleich ist es dafür vielleicht überflüssig, die Elbe zu vertiefen, um größere Schiffe im Hamburger Hafen abfertigen zu können. Das wäre schon ein immerwährendes Streitthema weniger. Was sind ein paar Halligen dagegen?

Wie erwähnt werden die Probleme in anderen Gegenden der Welt eventuell gravierender sein, aber dafür können wir wohl kaum verantwortlich gemacht werden (die Betroffenen können ja mal versuchen dagegen Klage einzureichen -- das wird uns kaum tangieren). Ein paar flüchtige Holländer könnten wir durchaus in Deutschland einquartieren, die Leute von weiter weg müssten wir allerdings ggf. fern halten. Das Boot ist hierzulande ja notorisch voll. Zum Glück ist das Aufnahmevermögen des Mittelmeeres für Flüchtlinge noch längst nicht ausgeschöpft. Wir müssten nur einen größeren Aufwand für die Grenzsicherung einplanen, und wenn's dick kommt sollten wir vielleicht auch die mediale Berichterstattung ein wenig einschränken, um Unruhe gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Die Adaptionsleistungen wären für Deutschland wohl gar nicht so groß, jedenfalls so lange man sich die Probleme anderer Länder vom Hals halten kann. Der vorsorgliche Ausbau von Militär und Grenzschutz kann da sicherlich nicht schaden.

Zu 8) Realistische Klimaziele

Man sollte es vielleicht etwas konkreter formulieren: Deutschland sollte Klimaziele verfolgen, die auch ohne Anstrengung und politischen Willen erreichbar sind. Realistische Klimaziele sind die, die sich auch ohne konkrete Maßnahmen von selber einstellen würden, denn realistisch gesehen will man ja gar nichts tun, schon allein deswegen nicht weil davon möglicherweise die anderen eher profitieren als man selbst. Wie schon dargelegt wäre zudem jegliche konkrete Maßnahme ein Fall von "Geo-Engineering", und damit automatisch unerwünscht.

In Deutschland hat man einmal geglaubt, daß man der Welt zeigen könne, daß man die Energieversorgung relativ schnell auf erneuerbare Energien umstellen kann, wenn man das konsequent angeht und die entsprechenden Anreize schafft. Daß das Blödsinn war sieht man daran, daß es besser funktioniert hat als selbst diejenigen gedacht hatten, die den Zug damals ins Rollen gebracht haben, und jetzt stehen wir da mit kränkelnden Konzernen, die den Trend verschlafen haben, mit zu wenigen Stromtrassen, und mit einer Regierung, die zusieht wie der Strom für die Großkunden immer billiger wird während der Privatmann immer mehr EEG-Umlage bezahlt, und die sich nicht traut was dagegen zu unternehmen weil dann ja wieder die Industrie meckern würde.

Das leitet direkt über zu 9) Der Strompreis muss bezahlbar bleiben

Wir wissen ja alle, daß der beste Weg, zu günstigen Strompreisen zu kommen, darin besteht, daß man die Stromerzeugung in die Hand einiger weniger Großmonopolisten gibt. Insofern war es natürlich kontraproduktiv, dafür zu sorgen daß die Stromerzeugung so stark dezentralisiert wird. Die Stromkonzerne sind im Moment händeringend damit beschäftigt, die Kontrolle über den dezentralisierten Markt wieder zurück zu bekommen. Wenn sie das geschafft haben, werden wir bestimmt wieder bessere Zeiten erleben, in denen die Preise sich am Interesse der Kunden orientieren, wie immer im Kapitalismus.

Zu 10) Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt stellen

Es kann keinen Zweifel geben, daß der Bevölkerung besonders vor der Vorstellung gruselt, daß es mal keinen Strom geben könnte. Die Befürchtung, daß die Lichter ausgehen könnten, gehört daher zum Standardinstrumentarium im politischen Diskurs. Dabei hilft, daß nur wenige Leute eine genauere Vorstellung davon haben wie es konkret um die Versorgungssicherheit steht, und wovon sie in welchem Maß abhängt. Aus diesem Grund sind die einfachsten Argumente immer die besten: Wenn der Wind nicht weht gibt's keinen Strom. Viel sicherer erscheint einem dagegen eine Stromproduktion durch Großkraftwerke, speziell wenn man sich keine Gedanken darüber macht, woher deren Brennstoff kommt, bzw. wie sicher er verfügbar sein wird.

In diesem Bereich sind sehr viele Fachleute am Werk, um unter den sich ändernden Randbedingungen die Regeltechnik des Stromnetzes anzupassen, so daß die Versorgungssicherheit erhalten bleibt oder sogar verbessert wird. Allerdings müssen ihre Aussagen für den Berliner Kreis verdächtig erscheinen, denn wie auch schon beim IPCC besteht der Verdacht, daß sie medialen und politischen Einflüssen unterliegen. Man kann die Sache hier nicht den Fachleuten überlassen, die Politiker sind in einer viel besseren Lage, die Situation nüchtern und unparteiisch zu beurteilen.

Zu 11) Die jetzige Form des unkontrollierten Ausbaus der Erneuerbaren Energien muss gestoppt werden

Hier hätte ich mir eine klarere Sprache gewünscht, denn wenn das Papier davon spricht, daß eine "sichere, bezahlbare und ökologische Energieversorgung in Deutschland nur mit Hilfe eines Energiemix realisiert werden" kann, dann könnte man denken daß der Ausbau der erneuerbaren Energien wie Windkraft, Sonnenenergie und Strom aus Biomasse genau das erreicht. Davor bestand der Energiemix in Deutschland in erster Linie aus Kohle, Kernkraft und Wasserkraft, da ist der Mix heutzutage doch erheblich breiter geworden. Man muß daher zwischen den Zeilen lesen, um zu entziffern was tatsächlich gemeint ist.

Die verwendeten Begrifflichkeiten deuten klar darauf hin, daß hier die Kernkraft als "sichere, bezahlbare und ökologische" Energiequelle zurück ins Spiel gebracht werden soll, auch wenn sie nicht ausdrücklich so hervorgehoben wird. Ich finde das hätte man auch klar sagen können, denn letzlich stellt sich ja die Frage, was denn sonst gemeint sein soll, wenn nicht die Kernkraft. Die Kohle wird man wohl kaum als ökologische Energiequelle bezeichnen wollen. Zudem wird ja auf den "überhasteten" Ausstieg aus der Kernkraft hingewiesen.

Dieses Bekenntnis zur Kernkraft ist etwas zu verquast und verdruckst als daß es überzeugend sein könnte. Andere Länder sind da weiter, wie z.B. in Großbritannien, wo die Kernkraft ganz offen weiter vorangetrieben wird. Vielleicht sollte damit Rücksicht auf die speziell deutsche Empfindlichkeit genommen werden, die die Kernkraft noch immer - natürlich aus rein ideologischen Gründen - mehrheitlich ablehnt.

Zu 12) Das EEG ist marktwirtschaftlich ineffizient und nicht wirklich reformierbar

Dieses Bekenntnis zur Marktwirtschaft kommt etwas spät, speziell in der Energiepolitik, aber besser spät als nie. Die Autoren beklagen, daß 20-jährige staatliche Garantien und Subventionen für den Bau neuer Stromerzeuger den marktwirtschaftlichen Grundprinzipien fundamental widersprechen. Wenn das vor 70 Jahren schon so gesehen worden wäre, dann hätten wir hierzulande keine Kernkraft aus der wir aussteigen könnten, denn es wäre kein Kernkraftwerk gebaut worden. Kein Wirtschaftsbetrieb, auch nicht ein Großkonzern, würde jemals ein Kernkraftwerk auf eigenes Risiko bauen, und hätte auch niemals die Entwicklung der Technologie finanziert. Das war immer schon eng mit staatlichen Interessen und staatlicher Protektion verknüpft.

Es irritiert daher ein wenig, daß anderswo der Eindruck erweckt wird, die Autoren sprächen sich zugunsten der Kernenergie aus, aber womöglich halten sie sich auch deswegen merklich zurück, weil sie fürchten müßten, daß darin ein innerer Widerspruch erkannt wird.

Ebenso irritiert mich, daß die Autoren beklagen, daß inzwischen der Großteil der Produktion von Solaranlagen nach Asien verschwunden ist. Ich wäre davon ausgegangen, daß das eine Folge der Marktwirtschaft ist, die die Autoren so vehement befürworten. Die Produktion wandert in einer Marktwirtschaft dorthin, wo sie am billigsten ist. Sollte das etwa nicht erwünscht sein?

Zu 13) Der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland ist beschlossen und wird umgesetzt

Hier drückt die Überschrift leider das Gegenteil der Aussage des Textes aus, eine eigenartige Konstruktion. Besser hätte die Überschrift gelautet: "Keine Verdammung der Kernenergie".

Zur Verdammung der Kernenergie gibt es ja auch überhaupt keinen Grund, nicht wahr? Zudem erwirbt sich Deutschland immer mehr Expertise in der Lagerung von radioaktiven Abfallstoffen, und im Rückbau vor kerntechnischen Anlagen, die vor allem darauf hinaus laufen, daß alles viel schwieriger, unsicherer, langwieriger und teurer ist als ursprünglich angenommen. Da können wir inzwischen wirklich auf einen reichhaltigen Schatz an Erfahrung zurückgreifen, das sollte keineswegs verdammt werden.

Zu 14) Die Fusionsenergieforschung als Spitzenforschung und Option für eine zukünftige Energieversorgung

bietet nach der Kernspaltung eine neuerliche Gelegenheit, zu studieren welche Problemstoffe als Abfall dieser Großtechnologie auf uns zukommen, da bin ich selber gespannt. Ich sehe eine gute Chance daß aus solchen Anlagen, sollten sie jemals funktionieren, höchst interessante Substanzen als Nebenprodukte herauskommen, von denen man erst noch sehen muß was man mit ihnen anstellen kann bzw. muß.

Zu 15) Keine Verdammung moderner konventioneller Energieerzeugung

Verdammung und Verteufelung wird von den Autoren des Papiers konsequent abgelehnt, das sollte inzwischen klar geworden sein. Sie unterstreichen damit ihren antiideologischen Ansatz, es wäre aber besser gewesen, wenn sie noch kurz erklärt hätten, wie sich eine Befürwortung fossiler Energieträger mit dem Ziel einer "umweltschonende[n] Energienutzung" verträgt, denn die Logik dürfte nicht allen Lesern gleich transparent sein.

Zu 16) Weniger Staat, mehr soziale Marktwirtschaft

Auch hier hätte ich mir eine klarere Sprache gewünscht. Statt "invasiver" staatlicher Maßnahmen werden "marktwirtschaftliche Prinzipien und Steuerungsinstrumente" gefordert, es wird aber versäumt darauf hinzuweisen was damit gemeint ist. Es ist mir nicht ganz klar wie der Staat steuern soll ohne einzugreifen. Wie sieht eine nichtinvasive staatliche Steuerung in der Praxis aus? Und wohin soll gesteuert werden, wenn man doch eigentlich den Markt sich selber regeln lassen will?

Es werden einige bisherige staatliche Maßnahmen genannt, die "einer verschärften Prüfung unterzogen werden" sollen, ohne einer Erklärung, nach welchen Kriterien da geprüft werden soll, und von wem. Man hat den Eindruck, die genannten Maßnahmen würden für schlecht befunden, aber warum, bzw. wenn schon klar ist daß sie schlecht sind, dann hat doch wohl die Prüfung schon stattgefunden? Und schließlich, welche Alternativmaßnahmen wären in den Augen des Berliner Kreises besser? Oder geht es einfach darum, nichts zu tun und den Markt sich selbst zu überlassen, also gar nichts zu steuern?

Es hätte der Verständlichkeit des Textes sehr gut getan wenn man hier konkret geworden wäre.

Zu 17) Konzept eines Preises für Treibhausgasemissionen (oder eine Besteuerung) sinnvoll

Dieses Kapitel kann man als eine Befürwortung des seit 2005 geltenden EU-Emissionshandels deuten, aber es fehlt wiederum die textuelle Klarheit. In ihrer Allgemeinheit sind die Aussagen des Berliner Kreises hier durchaus zu befürworten, aber man hätte sich gewünscht, daß sie sich dazu äußern, was damit konkret gemeint sein soll.


Insgesamt gesehen kann die stellenweise mangelnde Klarheit und Deutlichkeit nicht darüber hinweg täuschen, daß hier der Berliner Kreis seine herausragende Expertise im Bereich Klimawandel und Energiepolitik unter Beweis gestellt hat, ein starkes Signal in den laufenden Wahlkampf hinein. Wie sehr sich der Kreis dabei um eine unideologische, sachlich nüchterne und faktenbasierte Herangehensweise bemüht hat, wird z.B. im Vergleich mit dem fünften Sachstandsbericht des IPCC deutlich (Englisch, 10 MB pdf). Lasst Euch nicht von der Länge des Textes abschrecken, es gibt eine "Summary for Policymakers" am Anfang, die schon das Wesentliche beinhaltet (kein Politiker würde freiwillig 150 Seiten lesen. Von Trump wurde schon Anfang Februar kolportiert, er wolle seine Memos höchstens eine Seite lang mit höchstens 9 Stichpunkten. Manche deutschen Politiker tendieren in die gleiche Richtung).

Was können wir daraus also zusammenfassend mitnehmen? Aus meiner Sicht dies:
  • Traut nicht den Klimaforschern, die sind politisch/ideologisch motiviert und veranstalten einen Weltrettungszirkus. (Mal ehrlich: Haben Wissenschaftler denn irgendeine Ahnung von irgendwas? Verglichen mit Politikern?)
  • Die Politiker aus dem Berliner Kreis kennen sich in der Sache viel besser aus, gehen mit dem Thema völlig unideologisch um, und haben darum die besseren Antworten.
  • Macht Euch keine Sorgen um das Klima, man braucht eigentlich gar nichts zu tun, die Sache wird wahrscheinlich für uns sogar positiv ausgehen, und wir sparen uns das Schneeschippen.
  • Der Atomausstieg war überhastet. Und gleich nochmal, weil's so weh getan hat: Überhastet. Grundlos. Rein bloß wegen der Ideologie. So, das mußte einfach raus. Blödes grünes Gutmenschenpack...

Sonntag, 16. April 2017

Die Ja-Sager

Die Türken haben mehrheitlich für das neue Präsidialsystem gestimmt, und damit ihren Präsidenten Erdogan quasi zum Monarchen gemacht. Erdogan selbst glaubt offenbar, damit Deutschland und etlichen weiteren westlichen Ländern eine "Lektion" erteilen zu können. Ich finde das Ergebnis aber ganz gut. Überrascht? Laßt es mich erklären.

Ich finde, diese Entscheidung ist gut für Europa. Nachdem man jahrzehntelang mit der Türkei wegen einem eventuellen EU-Beitritt herumverhandelt hat, ohne Nägel mit Köpfen zu machen, entfällt jetzt die Notwendigkeit zu fortgesetzter Heuchelei. Es ist schon lange klar, daß man die Zustimmung für diesen Beitritt weder unter den Regierungen noch unter den Wählern der bisherigen EU-Länder zusammen bekommen würde. Das kann man bedauern, aber es ist so. Die Entscheidung in der Türkei macht es leichter, das jetzt auch offen einzugestehen. Ich hoffe daß das jetzt auch zügig passiert.

Das hat natürlich auch mit der Religion zu tun. Es gibt unter den EU-Ländern diverse, die ein muslimisches Land nicht in der EU sehen wollen. Und unter der Bevölkerung ist es in einigen Ländern ebenso. Gut finde ich das selbstredend nicht, denn es zeigt welchen Einfluß religiöse Bigotterie immer noch auf die Politik auch in der EU hat, aber das Problem existiert nun einmal, und wie man in den letzten Jahren gesehen hat wird es duch das Ignorieren eher schlimmer.

Und auch in der Türkei selbst ist die religiöse Orientierung der Politik ein Hindernis für einen EU-Beitritt. Wer wie Erdogan selbst so intensiv mit der religiösen Karte spielt disqualifiziert sich auch von seiner Seite für einen EU-Beitritt.

Also laßt uns das EU-Beitritts-Projekt begraben. Klar und deutlich. Mit Erdogan wird das nichts mehr, und ob es nach Erdogan nochmal was werden kann, muß man dann sehen. Bis dahin wird noch viel Wasser den Bach runter laufen, und in welchem Zustand dann die EU sein wird ist ja ebenfalls ziemlich offen. Einstweilen hat man damit bessere Chancen, sich unter den momentanen EU-Mitgliedsländern wieder halbwegs zusammen zu raufen. Da gibt's schon genug Probleme.

Es könnte sogar für die Flüchtlingspolitik gut sein, weil es klar macht, daß man dieses Problem in der EU selber lösen muß, und es nicht an die Türkei delegieren kann. Wir haben ja schon in den letzten Monaten zur Genüge gesehen welche diplomatischen Erpreßbarkeiten man sich damit einhandelt. Viele Flüchtlinge kommen inzwischen eh wieder auf anderen Wegen in die EU, z.B. über Libyen. Dagegen hilft ein Pakt mit der Türkei sowieso nichts.

Und dann wäre da noch die NATO. Man muß sich fragen ob man in Deutschland bereit ist, im Ernstfall deutsche Soldaten für Erdogan's Herrschaft kämpfen und ggf. sterben zu lassen. Ich wäre sehr dafür, dort ebenfalls für klare Verhältnisse zu sorgen, und zwar bevor der Ernstfall eintritt. Der Ernstfall, das wäre die Ausrufung des Bündnisfalls durch den NATO-Rat. Das hat zwar nicht unmittelbar den Eintritt der Bundeswehr in Kampfhandlungen zur Folge, das müßte nämlich vom Bundestag beschlossen werden. Aber wie steht die NATO da, wenn die Türkei angegriffen würde und die NATO tut nichts, obwohl Erdogan Unterstützung einfordert? An dem Punkt müßte sich jedes NATO-Land die Frage stellen, was die NATO-Mitgliedschaft im Ernstfall noch wert wäre. Es könnte gut sein daß so etwas der Anfang vom Ende der NATO wäre.

Wenn man die Türkei aus der NATO komplimentiert, dann wäre das natürlich ein Triumph für Putin. Ich finde, das kann man verschmerzen, selbst wenn sich die Türkei dann an Russland annähern würde. Ich finde, Putin und Erdogan würden gar nicht schlecht zusammen passen. Vielleicht würden sich die beiden Autokraten ja ganz gut vertragen. Wir bräuchten uns auch nicht so sehr über den Verlust grämen, denn nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sind ja einige Staaten aus dem Militärbündnis der Sowjets, dem Warschauer Pakt, zur NATO übergelaufen. Da kann man auch mal den umgekehrten Vorgang verschmerzen.

Man müßte dann die Luftwaffenbasis Incirlik aufgeben, aber dafür findet sich bestimmt ein Ersatz. Auf Zypern gibt's z.B. schon lange große englische Militärbasen, ich denke die könnten einspringen. Sowieso würde man wohl vorsichtshalber mehr NATO-Militär in Griechenland stationieren, wenigstens so lange bis sich der Staub gesetzt hat.

Wir werden uns allerdings auf einen deutlichen Zustrom von Türkei-Flüchtlingen einstellen müssen. Viele derjenigen Leute, die mit Nein gestimmt haben, und/oder einer pseudo-monarchistischen, autoritären Staatsform wenig abgewinnen können, werden wohl raus wollen und sich nach Westeuropa orientieren. Das wird vermutlich der besser ausgebildete, eher mit unseren Wertvorstellungen harmonierende Teil der Leute sein. Die Städter eher als die Landeier. Viele von denen wird man hier brauchen können. Wir sollten sie auch nicht mies behandeln. Die Frage ist eher, wie man die Erdogan-Verehrer unter den Türken hierzulande dazu bringen kann, in die Türkei zurück zu gehen. Ich finde die könnten ruhig mal konsequent sein und ihren Ansichten auch entsprechende Taten folgen lassen. Das sollte auch zügig passieren, so lange die Begeisterung für Erdogan noch anhält.

Insofern finde ich auch, daß sich die Türken mit dieser Abstimmung vor allem selbst eine Lehre erteilen. Die Einsicht, was sie da getan haben, und was daraus folgt, wird vielen erst allmählich dämmern, so wie kürzlich den Briten in der Folge der Brexit-Abstimmung. Ob da nicht irgendwann eine gesteigerte Erkenntnis heraus kommt, was Demokratie bedeutet und was man davon hat?

Erdogan kann sich jetzt jedenfalls in einer Weise bestätigt sehen, die ihn für den Rest seiner Lebenszeit an der Macht halten dürfte. Es wird während seiner verbleibenden Lebenszeit keinen Kandidaten geben, der ihn beerben könnte. Dafür wird er schon selber sorgen, die Mittel hat er dafür alle in der Hand.

Mir fällt dafür das Beispiel von Robert Mugabe ein, der seit fast 30 Jahren der Präsident von Simbabwe ist. Auch da gibt es keinen Kandidaten, der ihn ersetzen könnte, so daß Mugabe offenbar plant, trotz seines fortgeschrittenen Alters von dann 94 Jahren im kommenden Jahr wieder zur Wahl anzutreten. So ähnlich sehe ich das für Erdogan ebenfalls kommen. Er wird zwar weiterhin Wahlen abhalten lassen, aber gleichzeitig dafür sorgen, daß sie zu seinen Gunsten ausgehen. Die Türken werden warten müssen, bis die Natur das Problem löst, denn sie werden ihn realistischerweise nicht wieder durch eine Wahl loswerden können. Höchstens durch einen Aufstand, was nicht ohne Blutvergiessen vonstatten gehen wird.

Aber das ist ja nicht unser Problem in der EU. Im Gegenteil werden sich hier die Demokratie-Anhänger sammeln, eben auch aus der Türkei, was der EU durchaus gut tun könnte. Auch für die hiesigen Wahlen bin ich guter Dinge. Wir haben zwar auch hierzulande zu viele Leute, die von einem autoritären Regime träumen, aber wenn die mit ansehen müssen, was dabei in der Praxis heraus kommt, kommen sie hoffentlich auf neue Gedanken. In dem Fall wäre es tatsächlich eine Lektion für Deutschland und andere EU-Länder. Ein gutes schlechtes Beispiel sozusagen.

Und es wird selbstverständlich den Bach runter gehen in der Türkei, ich denke das kann man einigermaßen klar sagen. Nicht nur freiheitsmäßig, sondern auch wirtschaftlich. Der Tourismus wird sich lange nicht auf den Stand erholen, den er mal hatte. Die gespaltene, zur Gewalt neigende Gesellschaft wird fortgesetzt großen Aufwand an staatlicher Repression zur Folge haben, und das ist nicht nur teuer, es lähmt auch den unternehmerischen Tatendrang. Bürokratie und Korruption werden wuchern, und die Bildung wird sicher nicht in Richtung eigenständiges Denken arbeiten, sondern eher religiös-dogmatische Verblödung produzieren. Wer was auf der Pfanne hat, der geht ins Ausland. Erdogan wird fett mittendrin sitzen und sich bereichern. Siehe Simbabwe.

Aber das türkische Volk hat es demokratisch und mehrheitlich entschieden, also sollten wir ihnen die Erfahrung nicht streitig machen, die daraus folgt. Auch wenn die Abstimmung nicht ganz fair war, wie man ja allgemein weiß, so wäre es doch nicht so weit gekommen, wenn genug Türken ein Interesse an demokratischen Verfahren und Verhältnissen gehabt hätten. Es kann kein Zweifel bestehen, daß genügend Türken ihrem Präsidenten nur zu gern die Macht überlassen, und sich anscheinend keine großen Gedanken darüber machen, wie man sie ihm im Ernstfall wieder nehmen kann, falls das passiert, was bei solcher Machtfülle immer irgendwann passiert: Despotismus. Es gilt auch hier das Bon-Mot: "Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut."

Sehen wir's also positiv: Wir im sog. "Westen" können nicht nur etwas daraus lernen, wir bekommen auch die Möglichkeit, uns ehrlicher zu machen und für klarere Bündnis-Verhältnisse zu sorgen. Und die Türken können ebenfalls etwas daraus lernen, auch wenn es lange dauern wird, bis sie die Gelegenheit bekommen, daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Jetzt müßte man nur noch eine Lösung für die Kurden finden.

Sonntag, 29. Januar 2017

Volk und Vaterland

Ich habe mir den Höcke reingezogen. Nachdem die ganze Zeit in allen Medien drüber hyperventiliert wurde, hatte ich das Bedürfnis mir das in Gänze selber anzusehen (eine Textversion gibt's hier). Es hat sich gelohnt. Mir ist nun aus eigener Anschauung klar, daß Höcke ein Nazi ist. Ich kann seinen Auftritt nicht anders werten. Der Mann weiß was er sagt und wie er es interpretiert haben will.

Genauso interessant fand ich aber auch das Publikum. Das paßt dazu wie die Faust auf's Auge. Die machen auch keinen Hehl daraus wo sie gesinnungsmäßig stehen. Das Verhalten ist mehr Mob als Volk, man hat den Eindruck daß sie geradezu darauf warten, eine Grenzüberschreitung zu begehen, jemandem etwas anzutun, der ihnen in die Quere kommt.

Und das soll repräsentativ sein für das deutsche Volk? Welche Anmaßung, sich dafür auch noch als Avantgarde in Szene zu setzen!

Ich verstehe auch nicht wie man sich als Politiker in Deutschland so lahmarschig dagegen stellen kann. In den Medien ist von "scharfer Kritik" die Rede, aber selten schafft es einmal jemand, eine klare Alternativ-Vision dagegen zu stellen. Im Grunde wird damit Höcke sogar recht gegeben, der das Fehlen einer Vision beklagt. Wir brauchen tatsächlich eine Vision, wohin wir mit unserer Gesellschaft, unserer Demokratie, unserer Welt wollen. Empörung ist noch keine Vision, selbst wenn sie berechtigt ist. So werden wir nicht gegen die Neonazis ankommen.

Der zentrale Punkt einer Vision, wie sie mir vorschweben würde, ist die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen. Es ist die Idee allgemeiner Menschenrechte. Diese Idee ist diametral entgegengesetzt einer völkischen Vorstellung. Es geht darum, ob man eine Ideologie der Verbindung und Versöhnung, oder eine Ideologie der Abgrenzung und Abwertung vertritt. Ich bin der Meinung, daß diese Frage so grundsätzlich ist wie sie nur sein kann. Bin ich der natürliche Freund, oder der natürliche Feind der anderen Menschen? Geht es im Leben um Kooperation oder um Kampf? Treiben wir Handel oder betreiben wir Krieg?

In vorigen Artikeln hier habe ich mich um die Religionen gekümmert, und unter Anderem gezeigt wie sie ganz explizit die Abgrenzung und auch die Abwertung der Anderen betreiben. Hier geht es mir um völkische Vorstellungen und Ideologien, wie sie Höcke vertritt. Auch wenn diese üblicherweise nicht unter religiösem Vorzeichen gesehen werden, sehe ich da ganz ähnliche Vorstellungen am Werk. Mir ist es ziemlich egal ob sich eine Gruppe abgrenzt und andere abwertet aus religiösen Motiven oder aus völkischen Motiven. Ich denke die unterbewußte Triebfeder ist oft dieselbe, und die beiden Motive können sich mühelos miteinander verbinden.

Hier wie dort steht die Treue bzw. der Verrat als Denkschema ganz oben. In beiden Fällen wird auf Abweichler ähnlich rigoros reagiert. Es geht nicht um "wahr oder falsch", sondern um "mit uns oder gegen uns". Irgendwelche Wahrheitsphantasien und -sprüche, wie sie auch von Höcke kommen, sollten darüber nicht hinweg täuschen. Wahrheit ist das allerletzte worum es hier geht.

Was ist denn das Volk? Das "liebe Volk" wie es Höcke fast zärtlich nennt, ganz ähnlich wie Christen gerne vom "lieben Gott" reden. Was bewirkt, daß ich zu diesem Volk dazu gehöre? Je mehr Gedanken ich mir dazu mache, desto unklarer wird es. Genauso geht es mir mit dem Vaterland. Was ist mein Vaterland? Welche Grenzen hat es? Was liebe ich eigentlich, wenn ich mein Vaterland liebe? Was liebt Höcke?

Ich bin in einem Dorf in Württemberg geboren, sogar im Hause meiner Eltern. Ich kann also sagen, daß das kleine Stück Land, auf dem ich geboren bin, meinem Vater tatsächlich gehört hat. Eingetragen im Grundbuch. Ist das mein Vaterland? So hätte das durchaus Sinn und wäre auch klar abgrenzbar, aber das meint Höcke ganz bestimmt nicht. Das "Bundesland" heißt damals wie heute "Baden-Württemberg", also könnte das mein Vaterland sein, aber da wird es schon problematischer, weil zu der Zeit, als mein Vater geboren wurde, das Bundesland in dieser Form noch nicht existiert hat. Zu Zeit seiner Geburt wurde das Land Württemberg gerade von den Nazis gleichgeschaltet, es ist dann schließlich im Dritten Reich aufgegangen. Mein Vaterland (im Sinne von "Geburtsland meines Vaters") könnte also entweder das alte Württemberg, oder das Dritte Reich sein. Oder ist mein Vaterland die Bundesrepublik Deutschland? Wenn ja, in welchen Grenzen? Als ich geboren wurde gehörten die "neuen Bundesländer" noch nicht dazu. Das Saarland war aber immerhin schon beigetreten.

Meinem eigenen Gefühl würde es eher entsprechen, von Europa als meinem "Vaterland" zu reden, besonders wenn ich als Kriterium dafür nehme was ich "liebe". Ich fühle mich den Schweizern emotional näher als den Sachsen (was ja auch geografisch passt), und ich spüre eine gewisse Affinität sowohl zu den Briten als auch zu den Spaniern. Generell finde ich es grandios, wie sehr wir in der Welt zusammen gewachsen sind, und wie einfach es geworden ist, Freunde auch auf anderen Kontinenten zu finden. Schon die Idee, über einen diffusen Volksbegriff irgendwelche Grenzen hochzuziehen geht mir gewaltig gegen den Strich, besonders wenn dem auch (grenzbildende) Taten folgen.

Woran macht Höcke seinen Vaterlandsbegriff fest? Was lieben denn die Pegida-Leute wenn sie von "Vaterlandsliebe" reden? Es bleibt ziemlich im Ungefähren. Muß es ja auch, denn es gibt schlicht keine sinnvolle Definition von "Volk" oder von "Vaterland", die nicht von vorn herein willkürlich wäre. Für Höcke scheint klar zu sein daß Dresden zum Vaterland dazu gehört, daß die Leute zu denen er redet zum "Volk" dazu gehören, das behaupten sie schließlich zu jeder unpassenden Gelegenheit selber. Für mich ist das nicht klar. Im Gegenteil, wenn ich mir das ansehe will ich gerade nicht dazugehören. Von Liebe ist da keine Spur.

Dabei würde ich wohl alle formalen Kriterien erfüllen, von denen ich vermute daß Höcke sie im Sinn hat. Neben der oben schon erwähnten Stelle an der ich geboren wurde kommt dazu daß ich deutsch spreche (was ich als Schwabe erst in der Schule lernen mußte), daß mein Stammbaum bis recht weit zurück ebenfalls aus Deutschen irgendwelcher Definition besteht (was man heute anscheinend "biodeutsch" nennt, was immer das genau bedeuten möge), und daß ich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze. Ich habe auch keine Erkenntnisse daß unter meinen Vorfahren jemand Jude war, was eventuell für Höcke ein wichtiges Kriterium wäre, so genau weiß ich das nicht.

Das bringt mich im Vorbeigehen auf die Frage, ob jüdische Vorfahren mit der Eigenschaft im Konflikt stehen, biodeutsch zu sein. Ab wann genau ist man biodeutsch? Ich bin Informatiker, kann mir also jemand einen Algorithmus nennen, in den man den Stammbaum (und wenn's sein muß weitere Informationen) hinein füttert, und heraus kommt ob man Biodeutscher ist? Reicht es wenn ich ein halbes Leben lang deutsches Sauerkraut esse, weil dann die meisten meiner Körpermoleküle deutsch sind? Oder gibt's einen Gentest dafür? Wenn sich dabei heraus stellt, daß ein paar Römergene von vor 2000 Jahren dabei sind, ist dann mein Biodeutschtum in Gefahr? Könnte durchaus sein, denn ich bin nicht blond.

Vielleicht ist inzwischen hinreichend klar geworden, daß ich die Begriffe "Volk" und "Vaterland" für willkürlich, sinnlos und bescheuert halte. Diese Begriffe sind mit Vorstellungen verbunden, die keine Basis in der Realität haben. Auch wir Deutschen, so wie alle anderen "Völker", sind nie ein einheitliches und klar abgrenzbares Volk gewesen, noch haben wir ein klar abgrenzbares Vaterland gehabt. Diese Begriffe sind eine Erfindung, deren einziger Zweck es ist, eine künstliche Trennlinie zu schaffen für die es keine sinnvolle Rechtfertigung gibt.

Ebenso ist es mit der Bezugnahme auf die deutschen Geistesgrößen, die Höcke der nachwachsenden Generation als Vorbilder anempfiehlt. Er nennt hier keine Namen, ich bin also auf Vermutungen angewiesen, wen er gemeint haben könnte. Es könnte natürlich im Extremfall bei ihm auch Hitler dazu gehören, es ist nicht ganz abwegig, das zu vermuten, siehe weiter unten. Er redete von "den großen Wohltätern, den bekannten weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern [...], von denen wir ja so viele haben" und verweist auf seinen Vorredner Markus Mohr aus Aachen, der seit voriges Jahr von der AfD ausgeschlossen werden soll (ist auf obigem Link ebenfalls zu hören, einfach zurückspulen), der ein paar Namen genannt hatte, im Kontext einer bemerkenswerten Begründung seines Volksbegriffes, die auf das 19. Jahrhundert zurückgreift, in dem sich seiner Darstellung nach die weiße Überlegenheit manifestierte. Guckt Euch das an (etwa ab Minute 28:50), ich finde das eher noch widerlicher als was Höcke da zum Besten gibt. Achtet speziell darauf wie selektiv er da argumentiert, es ist fast wichtiger was er nicht erwähnt als das was er erwähnt. (Er bringt es zum Beispiel fertig, den deutschen Sozialstaat Bismarck'scher Zeiten zu loben, ohne ein einziges Mal die Sozialdemokratie zu erwähnen, und er tut so als wäre heutiger "Faustrecht"-Kapitalismus eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts).

Mohr nennt folgende Namen als Beispiele deutscher Vorbilder: Röntgen, Koch, Hoffmann, Planck, Daimler, Diesel, Siemens und Bosch. Das sind nur Entdecker und Industrielle, keine Musiker oder Philosophen, aber schon hier erkennt man wo der Hase lang läuft. Für mich besonders hervorstechend ist die Auslassung von Albert Einstein. Der ist zwar einer der bedeutendsten Physiker aller Zeiten, aber für völkische Propaganda denkbar ungeeignet. Für mich ist er Vorbild par Excellence, weit mehr als die Wissenschaftler in Mohr's Aufzählung. Für Mohr anscheinend eher nicht. Ich denke ich weiß warum:

Einstein war zwar gebürtiger Deutscher, aber seine Eltern waren deutsche Juden. Im Verlauf seines Lebens war Einstein Staatsbürger von insgesamt 4 Staaten, neben Deutschland war das die Schweiz, Österreich und die USA. Ein paar Jahre lang war er sogar staatenlos. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er wegen der Nazis ausdrücklich abgegeben. Für Volksideologen ist er damit ein Problem. Am einfachsten haben es noch die Judenhasser unter ihnen, denn die können unabhängig von Geburt und Staatsbürgerschaft immer auf seine Abstammung verweisen, aber selbst wenn das bei Mohr nicht der entscheidende Faktor sein sollte (ich bin da mal vorsichtig), stellt sich immer noch die Frage was für ihn das Ausschlußkriterium war. Es muß ein Ausschlußkriterium für Mohr geben, denn sonst wird Einstein ja auch für alles Mögliche als Galionsfigur hergenommen, und Mohr hätte nicht auf vergleichsweise unbekanntere Namen zurückgreifen müssen. Wenn es nicht die jüdische Herkunft war, dann wird es wohl die Zurückweisung der deutschen Staatsbürgerschaft gewesen sein, die für einen Volksideologen einem Verrat gleichkommen muß. Aber an dieser Stelle müßte man anfangen, sich mit dem Erbe des Nationalsozialismus auseinander zu setzen, und das fürchten offensichtlich sowohl Mohr wie auch Höcke wie der Teufel das Weihwasser (so weit ich das als Atheist so sagen darf).

Es zeigt sich wie widersinnig und widerwärtig diese Volksideologie sich unweigerlich darstellt sobald man das Gehirn einschaltet. Was hat eine wie auch immer definierte Volkszugehörigkeit mit wissenschaftlichen, künstlerischen, technischen oder geistigen Leistungen zu tun? Es zeigt sich doch gerade im Gegenteil, daß diese Kulturleistungen jede Volksgrenze und jede Vaterlandsgrenze überspannen und ignorieren. Schon im 19. Jahrhundert war Wissenschaft eine internationale Angelegenheit, wo man über alle Grenzen hinweg miteinander korrespondiert hat, kooperiert hat, gegeneinander konkurriert hat, und auch Personal ausgetauscht hat. Umso mehr noch ist das heute der Fall. Nehmt das CERN bei Genf als Beispiel. Jede völkische Ideologie ist ein Schlag ins Gesicht jedes Einzelnen der Mitarbeiter dort. Es ist eine Verhöhnung von allem was die Wissenschaft heutzutage ausmacht.

Es ist nicht besser bei anderen Kulturleistungen. Nehmen wir z.B. die Literatur. Schon seit Jahrhunderten lesen wir die Werke ausländischer Autoren genauso wie der deutschen Autoren, und lassen uns von ihnen inspirieren. Ist etwa an Goethe irgend etwas besser als an Shakespeare? Weswegen sollte ich stolzer auf den einen als auf den anderen sein? Und wenn es aktuelle Autoren sein sollen: Ich bin glücklich daß wir Autoren wie z.B. Navid Kermani haben. Der ist ein in Deutschland geborenes Kind iranischer Einwanderer, ein Moslem, verheiratet mit einer halbiranischen Islamwissenschaftlerin, und er ist ein herausragender Autor, der der deutschen Sprache mächtiger ist als die allermeisten AfDler, vom geistigen Horizont ganz zu schweigen. Wenn ich schon auf Goethe stolz sein soll, dann möchte ich auch auf Kermani stolz sein dürfen. Wenn ich 10 Kermanis haben könnte würde ich dafür 1000 AfDler zum Mond schießen, und den Saldo als Gewinn verbuchen. Und das sage ich als überzeugter Atheist.

Überhaupt der Stolz. Warum ist man auf Dinge oder Leute stolz, für die man rein gar nichts kann, bzw. zu denen man keinerlei Beitrag geleistet hat? Kommt mir seltsam vor. Was bedeutet es, wenn ich auf Goethe stolz bin? Ist das nicht sinnlos? Ich bin froh, daß es ihn gab, aber es ist mir ziemlich egal ob er Deutscher war oder nicht. Bei Einstein spielt das ja auch keine Rolle, seine Leistung ist so oder so immer die gleiche. Warum kann ich mich nicht genauso wie mit Goethe auch mit Tolstoi, Shakespeare, de Montaigne, Dante oder gerne auch Lao Tse identifizieren? Man hat von allen denen einen Gewinn, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Manchmal kommt es mir so vor als wären gerade diejenigen am interessantesten, die sich nicht einfach in ein völkisches Schema pressen lassen.

Bei der Musik ist es  beinahe noch eindeutiger zu sehen, vielleicht weil die Musik eine ganz eigene Sprache ist, die die gesprochene Sprache transzendiert. Ich brauche gar nichts dazu auszuführen, überlegt Euch einfach selber was eine völkische Einteilung und Abgrenzung gerade der heutigen Musik antun würde. Es wäre schlicht absurd, eine Gewalttat an der Kunst.

Wann immer die völkischen Ideologen die Kulturleistungen in ihr eigenes Raster einspannen wollten, war das Ergebnis ein Gemetzel, und eine geistige Verödung. Für ignorante AfDler: Ja, das war ein versteckter Hinweis auf die Nazizeit. Ich finde wirklich nicht daß es zur Zierde gereicht wenn man dieses Thema ausblendet. Ich könnte das weitaus drastischer ausdrücken, aber das muß ich wohl gar nicht.

Das hat alles nichts mit der Vision zu tun, die heute not täte. Unsere Kultur ist global, und es führt kein sinnvoller Weg zurück. Die Probleme unserer heutigen Welt sind beträchtlich, aber der Weg zu einer Lösung kann nur vorwärts führen. Wir brauchen Leute, die Zusammenhänge und Verbindungen sehen und schaffen, und nicht solche, die Grenzen und Überlegenheitsillusionen konstruieren. Es gibt nur ein Volk: Die Menschheit.

Ich bin gleichermaßen Schwabe, Deutscher, Europäer und Weltbürger. Alle diese Zugehörigkeiten bestehen nebeneinander und gleichberechtigt. Ich sehe nicht ein warum eine davon wichtiger sein sollte als eine andere. Meine Loyalitäten gelten nicht einer Landkarte, sondern sie gelten ein paar Grundsätzen, die ich für wichtig halte. Das "Volk", das ich "liebe", ist das Volk der aufgeklärten Humanisten, der freiheitsliebenden, wahrheitsliebenden Toleranten. Manche würden sagen der linksgrün-versifften Halligalli-Multikulti-Gutmenschen, aber das können sie sich in den Arsch schieben. Mein "Volk" basiert auf Überzeugungen und Werten, nicht auf Haarfarben, Stammbäumen und Überlegenheitsphantasien.

Wenn es gelänge, ein funktionierendes Europa als ein Art von föderal organisiertem Staatswesen zu schaffen, in dem glaubwürdig demokratische Verhältnisse herrschen, dann hätte ich nicht das geringste Problem damit, Deutschland darin aufgehen zu lassen. Deutschland hätte dann seinen Zweck erfüllt, und könnte sich in Ehren zur Ruhe setzen, bzw. in die Geschichte eingehen. Den deutschen Teil seiner Identität bräuchte deswegen niemand aufzugeben, und es wäre auch nicht das was Höcke "Selbstauflösung" nennt. Ich finde es lohnt sich immer noch, darauf hinzuwirken, denn ich glaube nicht daß Europa ein prinzipielles Problem hat. Ich glaube eher es ist ein Problem politischer und gesellschaftlicher Kleinkariertheit.

Wenn ein völkisch verstandenes Deutschland, so wie es Höcke offenbar im Kopf herum geistert, wirklich so einfach aufzulösen wäre wie ein Stück Seife, dann würde ich mich glücklich schätzen, meinen lauwarmen Wasserstrahl dafür zur Verfügung stellen zu dürfen.

Nur, leider, so einfach wird es nicht sein. Erst einmal werden wir Europa reparieren müssen. Die Grundidee ist gut, aber wir brauchen weniger nationale Egoismen und Kleinkariertheit. Jedes Land sollte nicht bloß daran interessiert sein, was für es selbst dabei heraus springt, sondern daran, was für Europa im Ganzen gut ist. Und das sollte auch nicht so verstanden werden, daß es gegen andere, außereuropäische Staaten und Regionen gerichtet ist, sondern daß es der Zusammenarbeit und dem Interessenausgleich verpflichtet ist. Dafür muß man die Länder tiefer hängen, und Europa höher. Das bedeutet mehr direkte Demokratie in Europa, und weniger Kungel-Gipfel zwischen den Regierungschefs. Mehr Parlament und weniger Rat.

Ich verstehe nicht recht warum ausgerechnet Höcke's Satz über das Holocaust-Denkmal so eine große Empörung ausgelöst hat. An dem was er sagte gibt's vieles, worüber man sich mindestens ebenso aufregen kann. Natürlich ist das ein Denkmal der Schande. Es wurde errichtet, um eine der schwärzesten, unmenschlichsten Seiten der deutschen Geschichte (und der Geschichte überhaupt) in Erinnerung zu rufen. Es zeugt von Größe, und gereicht Deutschland zur Ehre, daß es ein solches Denkmal errichtet hat. Wir haben erst vor Kurzem anläßlich der Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern in der Türkei gesehen, wie schwer sich andere Länder mit so etwas tun, und wie dadurch die Bewältigung so eines Traumas in die Länge gezogen wird, gerade auch für die Betroffenen und ihre Nachfahren.

Höcke scheint es eher so halten zu wollen wie die türkische Regierung es in diesem Fall vormacht. Ich halte das für ein jämmerliches und kleingeistiges Verleugnen historischer Tatsachen, für etwas das nicht nur die Opfer beleidigt, sondern die Wahrheit selbst verhöhnt, und alle Bürger, denen die Wahrheit etwas bedeutet. Zur Geschichte eines Landes gehören auch seine dunklen Seiten, und sich diese immer wieder ins Gedächtnis zu rufen ist keine hinderliche Selbstkasteiung, sondern eine notwendige Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Rolle in der Welt.

Ich verstehe auch nicht wie man auf die Idee kommen kann, diese Art der Vergangenheitsbewältigung lähme ein Volk. Wenn ich auf die Zeit zurück blicke, die ich selber bewußt mitgekriegt habe, dann kann ich keine solche Lähmung erkennen, obwohl das Thema Drittes Reich und Holocaust regelmäßig in der Diskussion war. Im Gegenteil, ich bin der Überzeugung daß die Beschäftigung mit diesem Thema Deutschland erheblich weiter gebracht hat. Diese Auseinandersetzung hat Deutschland aus meiner Sicht in praktisch jeder Hinsicht genutzt. Deutschland ist in dieser Zeit im internationalen Ansehen erheblich gestiegen, und zwar in einem staunenswerten Ausmaß angesichts des verheerenden zweiten Weltkrieges und des Holocaust.

Diese Erinnerungskultur, die Höcke am liebsten um 180 Grad wenden würde, ist ein absolutes Erfolgsmodell, und ich kann anderen Ländern nur empfehlen, sich ebenfalls Denkmale ihrer eigenen Schande zu errichten. Zum Beispiel Türkei: Ein Denkmal der Schande der Armenierverfolgung mitten in Ankara, damit würde die Türkei nicht erniedrigt, sondern erhöht.

Das einzige was solche Diskussionen und solche Denkmäler behindern ist das, was sie auch behindern sollen, nämlich das Vergessen. Die Geschichte eines jeden Landes besteht aus guten und schlechten Teilen, aus Wohltaten und aus Verbrechen. Nur wer beides im Blick hat, kann auch eine realistische Sebsteinschätzung gewinnen. Das Ausblenden des unangenehmen Teils der eigenen Geschichte ist immer eine Fälschung.

Diese Fälschung ist bei Höcke klar zu erkennen. Seine Darstellung der Geschichte konstruiert ein reines Opferszenario, ohne jeden Hinweis auf eine deutsche Verantwortung für das was da geschah. Er pickt sich die Bombardierung Dresdens heraus als Beispiel, um diese Opferlegende zu konstruieren. Auch wenn man mit ihm der Meinung sein sollte, daß es sich dabei um ein alliiertes Kriegsverbrechen gehandelt hat, fällt doch auf daß der einzige Satz, mit dem er versucht, das in einen größeren Zusammenhang zu stellen, der Vergleich mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki ist. Spätestens an dieser Stelle ist die demagogische Absicht nicht mehr zu übersehen. Hätte er eine etwas verantwortungsvollere Einordnung angestrebt, dann hätte er z.B. das deutsche Kriegsverbrechen der Belagerung von Leningrad dagegen stellen können. Ich überlasse es Euch, sich ein Bild zu verschaffen wie dieser Vergleich ausgesehen hätte.

Krasser noch wird Höcke, wenn er die Bombardierung von Dresden als Versuch wertet, den Deutschen ihre Identität und ihre Wurzeln zu rauben. Davon kann keine Rede sein, und abgesehen davon daß es eine ungeheuerliche Verleumdung der Alliierten ist, die in vielen Fällen deutsches Kulturgut im Krieg bewußt geschont haben, und nach dem Krieg Deutschland großzügig wieder auf die Beine gebracht haben, ist es der Versuch, das was die Nazis, also die Deutschen, betrieben haben, was ein Hauptmotiv des Krieges war, nämlich die Vernichtung anderer Völker, den Alliierten zu unterstellen. Für mich ist dieser Teil die empörendste von allen Lügen, die Höcke an diesem Tag verbreitet hat. Es ist auch der Teil an dem am klarsten wird, daß er die Nazis rehabilitieren will.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, was genau er meint wenn er von den "großartigen Leistungen der Altvorderen" redet, an die wir uns lebendig erinnern sollen. Es werden wohl kaum nur Goethe und Schiller sein. So wie er redet meint er wahrscheinlich die Nazis.

Solche Leute wie Höcke oder Mohr werden die deutsche oder europäische Kultur nicht retten, sie werden sie vernichten. Am Ende wird wieder ein rauchender Trümmerhaufen stehen, wenn wir dem nicht vorher Einhalt gebieten.

Wir sitzen alle im gleichen Boot mit Namen "Erde", und wir werden alle miteinander untergehen, wenn wir das nicht begreifen. Das ist keine "One-World-Ideologie", das ist ganz einfach die Realität.

Sonntag, 22. Januar 2017

Spioninnen

Lassen wir uns von Frauen mehr gefallen als von Männern? Die Marketingabteilungen der großen Unternehmen scheinen das zu glauben, und die werden es wohl wissen.

Seit Apple mit Siri vor gut 5 Jahren die Spracherkennung in den iPhones integriert hat, taufte fast jede Firma ihre Spracherkennungstechnologie mit weiblichen Vornamen. Bei Microsoft redet man mit Cortana, und bei Amazon gibt's inzwischen Alexa. Nur bei Google hört man auf den neutralen Ruf "Ok Google". Schon zuvor fiel mir auf, daß die Stimme irgendwelcher elektronischen Dienste fast immer weiblich ist, egal ob es das Navi ist, oder die Stimme des automatischen Telefonservice, oder die blöde Automatentante, die mich anruft, um mir dann "Herzlichen Glückwunsch" in's Ohr zu plärren. Es erhärtet sich die Erkenntnis: Technische Versuche, menschlich zu wirken, sind überwiegend weiblich.

Ich gebe zu, daß mich Cortana von Microsoft gleich von Anfang an genervt hat. Ich bin Computer-Mensch seit ich Teenie war, und das war noch in den 70ern, also deutlich bevor die Welt mit dem IBM-PC beschenkt wurde. Und hier kommt ein Mädel daher und will mir meinen PC erklären, ja drängt sich geradezu auf. Wenn das keine Kränkung ist! Besonders wenn man dann schnell merkt, daß sie keine Ahnung hat, und auch nichts anderes macht als für mich zu googeln (oder "bingen"). Sorry Mädel, das kann ich auch selber, vielen Dank! Ich habe sie rausgeschmissen.

Ich will hier aber nicht in Maskulismus schwelgen. Diese Beispiele deuten auf ein tiefer liegendes Muster hin, auf eine Masche, die durchaus erfolgreich zu sein scheint. Assistenten jedweder Art sind der letzte Schrei, und die brauchen nicht nur eine Stimme und einen (weiblichen) Namen, sondern insbesondere auch Spracherkennung bzw. Sprachsteuerung. Und Sprachsteuerung braucht ein Gerät, das immer zuhört. Wenn es gut funktioniert, ist es superpraktisch. Wir erleben gerade wie sich das in den Alltag integriert.

Es ist aber auch supergefährlich. Und hier haben wir ein Problem: In den letzten 10 Jahren hat sich noch jede Technik, die superpraktisch ist, in Windeseile durchgesetzt, egal wie gefährlich sie ist. Ich habe keinen Zweifel daß es mit der Sprachsteuerung ebenso ist. Ich glaube aber daß wir damit letztlich die Privatheit, und somit die Macht über uns selber aus der Hand geben. Wenn Ihr jetzt schon wieder abwinkt, wenn Ihr denkt "wieder so ein langweiliger Alarmist", und "was soll denn schon passieren, ging doch auch bisher gut", dann braucht Ihr nicht weiter zu lesen. Ich will bloß diejenigen erreichen, die auch erreicht werden wollen. Und ich werde keine Handlungsanweisungen geben, ich will bloß zum Nachdenken anregen über Dinge, über die vielleicht der Einzelne nicht genug nachgedenkt bevor er handelt.

Die Spracherkennung ist gar nicht das Problem. Das Problem ist Spracherkennung in Verbindung mit Vernetzung. Darin liegt aber gleichzeitig auch der größte Nutzen. Um deutlich zu machen wie ich das meine, schauen wir uns erst einmal an was denn in der Praxis schon jetzt (eingeschränkt) oder in naher Zukunft (immer besser) gehen wird:

Irgendein Gerät in unserer Nähe (oder sogar mehrere davon) wird ständig mithören, was wir sagen. Es wird verstehen was wir sagen, und versuchen, daraus Informationen zu gewinnen. So kann man Aktionen auslösen, wie z.B. das Abspielen von Musik oder die Wahl eines Programms im Radio oder Fernsehen. Oder die Steuerung von Licht oder Heizung. Das Öffnen der Tür. Den Kauf eines Produkts im Internet. Das Tätigen von Bankgeschäften.

Wer ein Auto hat, das selber fahren kann, könnte auch sein Auto auf diese Weise steuern. Man könnte das Garagentor öffnen, das Auto vorheizen und vor die Tür fahren lassen, während man gerade aus der Dusche tritt, die man natürlich ebenfalls sprachsteuern kann. Auf dem Weg nach draußen kann man noch den automatischen Staubsauger beauftragen, sich die anstehenden Aufgaben aus dem persönlichen Kalender aufsagen lassen und die Alarmanlage scharf schalten. Alles einfach mit der eigenen Stimme.

Das alles geht wenn die entsprechenden Geräte miteinander und mit dem Internet verbunden sind. Es ist das Internet der Dinge (IoT).

Dabei sollte man sich bewußt machen, daß die Spracherkennung selbst ebenfalls im Netzwerk stattfindet. Es ist keine Funktion, das ein Gerät autonom ausführt. Der Hersteller und Dienstanbieter will davon ebenfalls etwas haben. Einmal um die Qualität der Spracherkennung kontinuierlich zu verbessern. Aber noch wichtiger auch um immer mehr über die Nutzer zu erfahren. Damit kann man viel Geld verdienen. Jeder sollte davon ausgehen, daß alles was er im Beisein eines solchen Geräts sagt, ob es mit dem Gerät etwas zu tun hat oder nicht, seinen Weg zum Hersteller findet. Jedes solche Gerät ist eine Wanze.

Es ist noch weit mehr als eine Wanze. Bei einer klassischen Wanze gab es auf der anderen Seite genau eine Instanz, die abgehört hat. In aller Regel war das ein Geheimdienst. Das konnte den meisten normalen Leuten ziemlich gleichgültig sein, denn normale Leute kommen selten ins Fadenkreuz von Geheimdiensten. Zudem war diese Form von Abhören teuer genug um es sparsam anzuwenden. Das ist heute völlig anders. Die IoT-Wanzen bezahlt der Abgehörte, der auch freiwillig dafür sorgt daß sie immer an sind. Und die abgehörten Daten werden von einer Dienstleistungsfirma kontinuierlich ausgewertet, so daß man das fertig ausgewertete Ergebnis als interessierte Partei vom Dienstleister kaufen kann. Der Endeffekt ist, daß praktisch jedermann ständig und überall abgehört wird, und daß man fertig ausgewertete Daten auch im Nachhinein von praktisch jedermann abrufen kann, wenn man den Dienstleister dafür bezahlen kann, oder wenn man ihn zur Herausgabe der Daten verdonnern kann.

Die Konsequenzen für die staatliche Strafverfolgung sind vielleicht die, die Euch als Erstes in den Kopf kommen. Damit kann man je nach Perspektive auch am leichtesten einverstanden sein. Viele Leute scheinen ja immer noch der Meinung zu sein, sie hätten nichts zu verbergen, und gerade die staatlichen Verbrechensbekämpfer dürften alles wissen. Eine aus meiner Sicht unfassbar naïve Haltung, weil sie davon ausgeht, daß der Staat keine Fehler macht und immer auf Seiten der Bürger steht, aber immerhin ist das angesichts der vorhandenen Bedrohungen der inneren Sicherheit noch ein klein wenig nachvollziehbar.

Aber selbst wenn man diese naïve Haltung hat, kann einem kaum wohl dabei sein, wenn man sich überlegt wer sonst noch Zugriff auf diese Daten hat, oder bekommen könnte. Schon die Firmen, die diese Daten sammeln, wie Google, Amazon, Apple, Microsoft und so weiter, tun das um Euch möglichst gut kennenzulernen. Erstens können sie Euch dann gezielt Dinge verkaufen. Das ist nicht unbedingt so gut wie es sich anhört, denn in letzter Konsequenz wollen sie damit Euch eine personalisierte Filterblase bauen, also Eure Wahrnehmung steuern, um Euch nicht bloß ganz bestimmte Produkte verkaufen zu können, sondern auch den Preis dafür zu optimieren. Sie wissen irgendwann nicht nur was man Euch verkaufen könnte, sondern auch wieviel Ihr dafür zu bezahlen bereit seid. Glaubt nicht daß das zu Eurem Vorteil gerät.

Aber auch andere Firmen wollen diese Daten haben, und sind bereit sie von den genannten Dienstleistungsfirmen zu kaufen. Denkt nur mal darüber nach wie interessant alle diese Informationen für Versicherungen sind, die ihr Risiko einzuschätzen versuchen. Oder Banken, von denen Ihr einen Kredit wollt. Oder Arbeitgeber, bei denen Ihr arbeiten wollt. In dem Moment, wo Ihr von der Versicherung oder Bank oder vom Arbeitgeber etwas wollt, ist es zu spät. Die Informationen sind schon draußen. Dann wird es nichts nützen, nachträglich etwas löschen zu wollen, oder nachforschen zu wollen wie ein unbequemes und vielleicht überraschendes "Rating" zustande gekommen ist.

Und schließlich sind auch die Bösewichte dieser Welt an den Daten interessiert. In bargeldlosen Zeiten wird man vielleicht nicht mehr in eine Wohnung einbrechen wollen, in der Hoffnung dort Geld zu finden, aber es wird immer noch genügend Wertgegenstände geben, die man heraus holen kann. Wenn nicht, dann könnte man sich Türschlösser und Alarmanlagen auch sparen. Was die Diebe brauchen, ist Information darüber wann die Chancen für einen Einbruch am besten stehen. Und am besten auch die Möglichkeit, die Türen ohne Alarm und ohne Gewalt zu öffnen. Dafür ist das IoT geradezu ideal. Wenn man da mal eingebrochen ist, dann hat man Zugriff auf alle Funktionen. Womöglich sogar mit Sprachsteuerung. Viele Systeme scheinen nicht so wählerisch zu sein wer da mit ihnen spricht. Zu wählerisch würde ja bedeuten, daß es öfter nicht funktioniert, und wir wissen ja alle daß das Wichtigste ist daß die Sache gut und bequem funktioniert. Das war immer so: Es setzen sich die bequemen Systeme durch, nicht die sicheren. Wenn sich Bequemlichkeit und Sicherheit widersprechen, dann wird der Kompromiß immer zu Lasten der Sicherheit ausfallen. Das ist nicht die Schuld der Hersteller, so wollen es die Kunden.

Und der physische Einbruch ist noch das harmlosesete der Szenarien, denn dazu muß sich immer noch jemand zur Wohnung hin bewegen. Attraktiver sind Delikte, die sich gänzlich aus der Ferne bewerkstelligen lassen. Wenn die sprachgesteuerten Geräte selber Bestellungen und Bankgeschäfte ausführen können, dann ist das ideal für Kriminelle. Die können das vom Ausland aus tun, und können sich so außerhalb der Reichweite der hiesigen Gesetze und Gesetzeshüter bewegen.

Auch das ist noch nicht alles. Eine solche Vielfalt vernetzter Geräte kann man sich auch noch zu anderen Zwecken zunutze machen. Es hat in den letzten Monaten bekanntlich mehrere Fälle gegeben, wo verwundbare Geräte von ganz normalen Verbrauchern durch Cyberkriminelle gekapert wurden, um sie zu "Soldaten" in einer Art Cyberkrieg zu machen. Nichts anderes sind die sogenannten Botnetze, die aus Tausenden oder gar Millionen gekaperter Geräte bestehen, die man quasi auf Knopfdruck von irgendwo auf der Welt aus zum Angriff bringen kann. Der Besitzer eines gekaperten Geräts braucht davon gar nichts mitzukriegen, weil für ihn alles weiterhin funktioniert. Sein Gerät ist das elektronische Äquivalent eines "Schläfers". Der weithin in den Medien diskutierte Ausfall von Routern der Telekom letzten November ist nur deswegen so aufgefallen, weil das Kapern in diesem Fall schief gegangen war. Die Telekom-Geräte waren gar nicht das Ziel des Kaper-Versuchs, sondern haben allergisch auf den damit verbundenen Datenverkehr reagiert. Die Geräte, die in diesem Fall gekapert werden sollten, waren ganz andere, und bei denen hat der Versuch wohl auch funktioniert. Nur stehen die nicht in Deutschland, sondern z.B. in Irland und in Brasilien. Also kein Grund sich beruhigt zurück zu lehnen.

Jetzt kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, daß einem das egal sein kann ob sein Gerät als Soldat in einem Botnetz eingespannt wird, solange alles funktioniert. Das ist verständlich speziell wenn man sich damit sowieso nicht auskennt, und nicht darüber nachdenkt was daraus folgen könnte. Es kann aber übel zurückschlagen. Wenn die Botnetze dafür benutzt werden, die öffentliche Infrastruktur anzugreifen, von der man selbst abhängt, also Strom, Wasser, Telekommunikation, Verkehr etc., dann ist das nicht mehr ganz so lustig. Will man wirklich freiwillig Gegner der eigenen Staatsordnung mit Waffen versorgen, nur aus eigener Bequemlichkeit? Ist das nicht ein kleines bißchen so als würde man den Schlüssel im Zündschloss stecken lassen, und es dadurch einfach für einen Extremisten machen seinen LKW für einen Angriff zu benutzen?

Die meisten Leute wissen natürlich inzwischen, wenigstens im Prinzip, welche Risiken das alles hat. Es ist schließlich oft genug in den Medien. Man müßte sich schon komplett ausgeklinkt haben damit einem diese Problematik nicht begegnet. Aber trotzdem zieht anscheinend kaum einer irgendwelche Konsequenzen daraus, so alarmierend das auch sein mag. Das ist der eigentlich interessante Punkt dabei, jedenfalls aus meiner Sicht. Jeder weiß es, aber nachdem es so bequem ist, so praktisch, so cool und so nützlich, macht man halt mit, und verdrängt die Risiken. Was soll man auch machen, nicht wahr?

Wir sind ja auch so weit, daß es gar nicht mehr viel nutzt, wenn wir selbst nicht daran teil nehmen. Gar nicht teilnehmen geht sowieso praktisch nicht. Man überlege sich mal was alles nicht mehr gehen würde, wenn man das Smartphone wegschmeißen würde, und wenn man alle Geräte wieder strikt voneinander trennen würde, und vom Internet. Es ist noch nicht viele Jahre her, da war das so, aber schon können wir uns nicht mehr vorstellen wie man so leben konnte. Aber selbst gesetzt den Fall ich würde dahin zurück gehen, für mich selber. Ich wäre trotzdem umgeben von Leuten, die immer noch Teil dieses Netzwerks sind, die ihre diversen vernetzten Geräte mit Sprachsteuerung betreiben und mit sich herum tragen. Die damit letztlich auch ermöglichen, daß ich miterfaßt werde, durch Mikrofone und Kameras, durch das was sie über mich kommunizieren und mit mir kommunizieren, alles Daten die von irgendwem ausgewertet werden. Ich habe die Kontrolle über meine Daten längst verloren. Eine realistische Möglichkeit, diese Kontrolle zurück zu gewinnen, wenn ich das wollte, habe ich nicht mehr.

Das ist eine ernüchternde Erkenntnis für jemanden wie mich, der sich damals bei der Volkszählung (erinnert sich noch jemand daran?) gesträubt hat, dem Staat ein paar Daten zur Verfügung zu stellen, die heute geradezu lächerlich und trivial erscheinen. Die damaligen Proteste führten zum verfassungsgerichtlich festgestellten Recht jedes Menschen auf informationelle Selbstbestimmung, ein Recht das inzwischen als obsolet gelten kann, angesichts der hemmungslosen Datenerfassung, die inzwischen üblich ist.

Damals standen wir noch unter dem Eindruck der etwas ominösen Jahreszahl "1984", was natürlich auf George Orwell und seinen Roman zurück geht. Habt Ihr den gelesen? Orwell hat ihn 1949 geschrieben, da konnte man natürlich die technische Entwicklung noch nicht so gut voraussehen. In dieser Hinsicht liest sich der Roman heute ziemlich drollig. Und 1984 war definitiv zu früh angesetzt, wenn man es aus der europäischen Perspektive sieht (in Nordkorea würde man es wohl anders sehen). 2024 würde viel besser passen, denn heute gibt es eigentlich alles was man braucht, und besser als es sich Orwell hätte vorstellen können. Das war 1984 noch nicht so. Den Televisor stellte sich Orwell als ortsfest installiertes Gerät vor, das wie eine Kombination von Fernseher mit Kamera und Mikrofon war. Und man konnte es nicht ausschalten. Im Grunde hat man das heute als Handy in der Tasche und trägt es mit sich herum, und auch wenn man es ausschalten könnte tut man es nicht. Die technischen Voraussetzungen für das, was Orwell beschreibt, sind perfekt realisiert, also was steht dem im Weg, was Orwell in seinem Roman darstellt? Was steht zwischen unserer Situation im Moment, und der reinen Tyrannei?

Die juristische und politische Struktur unserer Gesellschaft ist jedenfalls hoffnungslos überfordert mit einer so rapiden technischen Entwicklung. Die juristische Behandlung des Datenschutzes und der Datenerfassung ist im Wesentlichen noch immer die von vor 25 Jahren. Allein die technische Entwicklung der letzten 5 Jahre hat das komplett überfahren, und es geht allem Anschein nach in diesem Tempo weiter. Die Politik hat in weiten Teilen noch nicht einmal kapiert was da passiert, und ist augenscheinlich völlig hilf- und planlos. Wenn man von da überhaupt etwas hört, dann läuft es darauf hinaus daß der einzelne Bürger eben selber auf sich aufpassen muß. Mit irgendwelchen Marktregulierungen tut man sich extrem schwer, zumal die Maßnahmen Gefahr laufen, in dem Moment schon überholt und überflüssig zu sein, in dem man sich auf sie geeinigt hat.

Das sind ideale Umstände für diejenigen Firmen, die schnell agieren können. Man kann so Fakten schaffen, die nicht mehr zurück zu drehen sind. Angesichts der Größe und der Macht von Firmen wie Google, Amazon, Facebook etc. ist es schlicht unvorstellbar, daß sich die Politik dazu durchringen könnte, Regeln zu schaffen die das Geschäftsmodell dieser Firmen in Frage stellen würden. Das Geschäftsmodell basiert auf der hemmungslosen Datenerfassung, also wird es keine Regeln geben, die das signifikant einschränken. In diesem Internet-zentrierten Markt läuft gerade eine wachsende Büffelherde aus Firmen völlig ohne Lenkung in eine Richtung in der maximaler Gewinn erwartet wird. Entsprechende gesetzliche Prinzipien wie das informationelle Selbstbestimmungsrecht, die im Weg stehen könnten, werden einfach überrannt und stillschweigend beerdigt werden. Solche Regeln sind ohnehin nur national, und die Herde ist international unterwegs. Wollt Ihr das so? Habt Ihr Euch das mal überlegt?

Ich weiß auch nicht was man da machen kann, aber ich finde, man kann das nicht einfach ungebremst laufen lassen. Ich kann nur dafür plädieren, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, und sich bewußt zu überlegen, wo man mitmachen will und wo nicht. Das fängt damit an, daß man sich bewußt macht wie man sich locken läßt. Da sind wir dann wieder am Anfang des Artikels. Euch ist vielleicht bisher noch nicht bewußt geworden, wie die Geschlechterrollen ganz gezielt eingesetzt werden, um uns rumzukriegen. Deswegen die weiblichen "Assistenten". Ich bin mittlerweile allergisch dagegen, mir fällt so etwas auf. Ihr könnt mir meinetwegen Misogynie vorwerfen, aber ich finde, der eigentliche Übeltäter sind hier die Firmen, die das ganz kaltblütig zu ihrem Nutzen einsetzen.

So ähnlich ist das auch bei den Robotern, die anscheinend auch zunehmend auf möglichst humanoid und niedlich getrimmt werden. Es gibt dafür keinen technischen Grund, das ist reine Psychologie, und ich merke wie ich mich immer mehr dagegen sträube. Aber das wäre der Stoff für einen weiteren Artikel.

Für diesmal soll's mir genügen, wenn ich etwas Bewußtsein geschaffen habe für ein Problem, was uns noch ganz sauer aufstoßen könnte. Wie gesagt, ich habe keine Rezepte parat, aber ich fände es schon gut wenn Ihr nicht bloß nach der kurzfristigen Bequemlichkeit entscheiden würdet, sondern Euch überlegt was Ihr da unterstützt, und ob Ihr mit den eventuellen Kosequenzen einverstanden seid. Also ein bißchen vorausschauend entscheidet, und vielleicht auch mal aus prinzipiellen und strategischen Gründen auf eine Bequemlichkeit verzichtet, und Euch bewußt macht daß jedes Mikrofon in einem vernetzten Gerät nicht nur eine potenzielle Wanze ist, sondern ein Datenerfassungsmittel für internationale Firmen, die daraus den maximalen Profit schlagen wollen, ganz egal was das für Euch bedeutet.

Aber wenn Ihr nur auf Bequemlichkeit aus wärt, dann hättet Ihr sowieso nicht bis hierher weitergelesen.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Uralte Geschichte, reformiert

Das hier ist gewissermaßen der zweite Teil meines Artikels vom vorigen Monat. Dort bin ich weit in die Geschichte (bzw. Mythologie) zurück gegangen, um zu zeigen daß die Wurzeln der drei "Buchreligionen" die gleichen sind, und diese Wurzeln den Kern der Problematik bilden, die wir mit den Religionen auch heute noch haben, nämlich ihre Intoleranz und Gewalttätigkeit.

Dagegen wird oft eingewandt (auch im Kommentarteil zu meinem Artikel), daß wir es, speziell im Christentum, heute mit einer "reformierten" Religion zu tun hätten, was einen entscheidenden Unterschied mache. Zum Beispiel sagt man oft, dem Islam fehle bis heute eine solche Reformation, wie sie das Christentum erlebt hat, und das sei der Grund warum sich der Islam auch heute noch so "rückständig" zeige, verglichen mit dem Christentum.

In diesem Artikel hier will ich mich der Frage widmen, was da dran ist. Inwiefern sich also dieser vor über 3000 Jahren angelegte "Geburtsfehler" der Religion durch die folgende Entwicklung, einschließlich der Entstehung des Christentums und des Islams, und den Reformbewegungen der drei Religionen in ihrer Geschichte, etwas Grundlegendes an dieser Lage geändert hat. Das ist natürlich meine jetzige Ansicht der Dinge, und die muß sich weder mit der anderer Leute decken, noch ist sie für alle Zeiten fest, ich kann also durchaus auch durch Argumente umgestimmt werden.

Ich will auch gleich am Anfang klarstellen, daß ich, wenn ich von der Religion rede, nicht jeden einzelnen Anhänger der entsprechenden Religion meine, sondern die Lehren, Dogmen und Verhaltensweisen der Religionen und ihrer "hauptamtlichen Vertreter". Die allermeisten Anhänger aller dieser Religionen sind zuvorderst einmal Mensch, und haben ihren gesunden Menschenverstand, und ihre zwischenmenschliche Empathie. Die sind in aller Regel für ihr Verhalten und ihre Ansichten bedeutender als irgendein religiöses Dogma oder Gebot. Egal ob Jude, Christ oder Moslem, die allermeisten Leute schmeißen nicht einfach Steine auf Leute, bloß weil das in einem alten heiligen Buch so drin steht. Zum Glück ist das so. Viele mögen glauben, die Religion sei die Grundlage für ihr moralisches Verhalten, aber in Wirklichkeit sind sie einfach deswegen gute Menschen, weil sie mitmenschlich denken und fühlen. Weil sie kapieren, daß sie in der gleichen Situation sein könnten wie Ihr Gegenüber, und Andere deswegen menschlich behandeln weil sie selber menschlich behandelt werden wollen.

Alle Religionen enthalten ein Element der Mitmenschlichkeit, die genau dieses Empfinden zu stärken versucht, und insoweit das so ist, ist dagegen auch kaum etwas einzuwenden. Viele Religionsanhänger glauben, das sei eine der Hauptsachen, um die es ihrer Religion im Diesseits gehe. Ich würde bloß darauf hinweisen wollen, daß es dafür keinen Moses, Jesus oder Mohammed gebraucht hätte.

In meinem vorigen Artikel habe ich darzustellen versucht, daß bei Moses vor über 3000 Jahren diese Mitmenschlichkeit eine Forderung war, die sich auf den Umgang innerhalb der eigenen Gruppe bezogen hat. Der "Nächste", von dem in den Geboten die Rede ist, ist ganz eindeutig der andere Jude, nicht der andere Mensch. Ein Amalekiter, Kanaanäer, Jebusiter etc. war sicher kein Nächster, sondern ein zu vernichtender Feind. Wer die alttestamentarischen Bücher liest, der kann daran nicht den geringsten Zweifel haben.

Wenn man unter dem "Nächsten", dem gegenüber man zur Mitmenschlichkeit verpflichtet ist, jeden beliebigen Menschen versteht, egal welchen Glaubens, welcher Rasse oder welcher Herkunft, dann ist das ein radikal anderes Konzept als das des Moses. Mich stört, wenn Christen so tun als würden die 10 Gebote von Moses aussagen, daß alle Menschen in dieser Hinsicht gleich, nämlich als Nächster, behandelt werden sollen. Es ist eine fundamentale Umdeutung, die man schon als solche benennen sollte, anstatt den gravierenden Unterschied unter den Teppich zu kehren.

Es ist eine Umdeutung, die man auch nicht auf Jesus zurückführen kann. Jesus hat manches aus der jüdischen Religion umgedeutet, aber das nicht. Auch ihm ging es immer nur um sein eigenes, jüdisches Volk. Seine eigene Lehrtätigkeit hat sich ja auf ein recht eng umgrenztes Gebiet in Judäa beschränkt, und gepredigt hat er zu seinen Landsleuten. Mit den Römern hatte er nichts zu schaffen. Pilatus könnte der erste Römer sein, zu dem er überhaupt geredet hat, und das anscheinend nur widerwillig. Als Adressaten für seine Predigten kamen sie nicht vor. Selbst zu den Nachbarvölkern hatte er eher ein problematisches Verhältnis, wie man vielleicht am besten sehen kann am Beispiel seiner Begegnung mit einer kanaanäischen Frau, die ihn um Hilfe für ihre Tochter bittet. Bei Matthäus laßt er sie erst mit den Worten abblitzen: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt." und vergleicht sie mit Hunden. Ihre extrem unterwürfige Antwort "Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen." stimmt ihn um, und er hilft ihr. Das läßt an Eindeutigkeit und Drastik nichts zu wünschen übrig. Er steht in dieser Hinsicht ganz auf dem Boden, den Moses gelegt hat.

Es war Paulus, der angefangen hat, die "Heiden", also die Nichtjuden, zu missionieren, man kann also allenfalls ihn dafür verantwortlich machen, daß es zu dieser Umdeutung kam. Paulus ist Jesus zu Lebzeiten nicht begegnet, er behauptete lediglich, den auferstandenen Jesus gesehen zu haben. Und Paulus' Lehre ist bei den Urchristen, die Jesus noch selbst gekannt hatten, keineswegs auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Ungefähr 15 Jahre nach Jesu Tod kam es zum Apostelkonzil, in dem diese unterschiedlichen Ansichten aufeinander geprallt sind. Paulus will von der Betonung des (jüdischen) Gesetzes weg und betont den Glauben, durch den letztlich auch der nichtjüdische Gläubige zum Erbe Abrahams wird, und somit den "echten" Juden ebenbürtig (siehe Galaterbrief). Aber auch das heißt nicht, daß man allen Menschen gegenüber gleichermaßen zur Mitmenschlichkeit verpflichtet wäre. Es wird immer noch ein Unterschied gemacht zwischen dem Gläubigen und dem Nichtgläubigen. Im Römerbrief heißt es zwar man solle auch seinen Feind speisen, wenn er hungert, aber nicht aus Mitmenschlichkeit, sondern weil man dadurch "feurige Kohlen auf sein Haupt sammelt". Ich würde das eher taktisches Kalkül nennen. Das alles gefiel den in Jerusalem verbliebenen Urchristen nicht, die auf die jüdischen Gesetze einschließlich der Beschneidung wert legten.

Es ist eine interessante Frage, warum die Urchristen letztlich unterlegen sind, und sich Paulus' Richtung durchgesetzt hat, obwohl er doch viel weiter von der ursprünglichen Lehre des Jesus weg war. So wie ich das sehe, dürfte das in erster Linie daran gelegen haben, daß Paulus' Anhänger kaum in Jerusalem waren, und folglich seine Richtung auch kaum von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der schlußendlichen Vertreibung der Juden aus Jerusalem nach dem Bar-Kochba-Aufstand betroffen war. Die Urchristen aus Jerusalem konnten sich zwar weitgehend in Sicherheit bringen, z.B. nach Pella östlich des Jordans im heutigen Jordanien, aber da sie inhaltlich und vom Auftreten her eher zu den Juden gerechnet wurden, hatten sie auch eher Probleme, als von den Juden getrennte Gruppe wahrgenommen zu werden. Und die Juden hatten gerade nach dem jüdischen Krieg von 66-70, und dem Bar-Kochba-Aufstand um 135, eine ziemlich schlechte PR, um das mit einem heutigen Begriff zu bezeichnen. Die Anhänger von Paulus hatten da sicherlich weniger Mühe, sich als etwas grundlegend Anderes darzustellen, also nicht als eine jüdische Sekte, sondern als eine neue Religion, die mit dem Judentum nicht viel zu tun hatte.

Wo wir gerade beim jüdischen Krieg, und dem Bar-Kochba-Aufstand sind: Das sind meiner Ansicht nach perfekte Beispiele dafür, wie der religiöse Fanatismus auch 1200-1500 Jahre nach Moses auf den von ihm gelegten Grundlagen fröhliche Urständ feierte. Die Sache hatte sich schon zu Lebzeiten von Jesus zusammen gebraut und ist dann im jüdischen Krieg erst recht explodiert. Die Sikarier könnte man wohl ohne große Übertreibung zu Vorläufern heutiger Selbstmordattentäter erklären. Sie haben Leute auf offener Straße und am hellichten Tag abgestochen, um sich dann in der Menge zu tarnen. Damals müssen ähnliche Ängste umgegangen sein wie heute. Ihr Fanatismus war gegenüber den heutigen Gotteskriegern durchaus konkurrenzfähig, sie hatten bloß nicht die Waffen, die es heute gibt. In Masada kann man noch heute die Festung besichtigen, in der sich noch über Jahre nach dem eigentlichen Kriegsende ein fanatischer Trupp verschanzt hatte, bis sie schließlich kollektiven Selbstmord begingen, als die Erstürmung der Festung durch römische Truppen unmittelbar bevorstand. Nach dem Bar-Kochba-Aufstand schließlich, in dem sich drei unterschiedliche jüdische Rebellenfraktionen noch bitter gegenseitig bekämpft haben sollen, als die Römer schon im Anmarsch waren, waren die Juden 500 Jahre lang aus Jerusalem verbannt, bis auf einen Tag im Jahr an dem sie den Verlust ihres Tempels beklagen durften (am heute noch bestehenden Mauerrest des Tempels).

Insoweit die jüdische Religion heute friedfertiger und in gewissem Sinn reformiert daher kommt, hat das zu einem wesentlichen Teil mit dem Schock zu tun, den sie in diesen Zeiten erlebt hat. Damals wurden die Juden in alle Himmelsrichtungen zerstreut und führten ein Leben in der Diaspora, bevor einige von ihnen 500 Jahre später nach der Eroberung durch die muslimischen Araber wieder nach Jerusalem zurückkehren konnten. Wenn man sich allerdings heute die Situation in Palästina ansieht, dann kann man kaum übersehen welchen Zusammenhang die jüdische Siedlerbewegung mit ihrem Vorbild Moses hat. Die radikalen Juden haben offenbar einen wachsenden Einfluß auf die Politik Israels, und sie sind eindeutig motiviert aus der alten biblischen Saga vom verheißenen Land, und von der göttlichen Verpflichtung, die fremden Völker daraus zu vertreiben. Man findet dort zwar heute keine Amalekiter, Kanaanäer und dergleichen mehr, die Siedler haben aber nicht die geringsten Probleme, die heutigen Palästinenser bzw. Araber damit zu identifizieren. Die Vorstellung ist offenbar, daß der Vernichtungs- bzw. Vertreibungs-Auftrag aus der Zeit von Moses auch heute noch gilt, und seine Erfüllung die Voraussetzung für das Kommen des Messias ist. Israelische Mehrheitsmeinung scheint das zwar bisher nicht zu sein, aber der Einfluß auf die konkrete Politik Israels ist unübersehbar, und hat auch so schon verheerende Folgen.

Aber auch die nicht so radikalen Juden sind bis heute ziemlich stark auf Abgrenzung aus. Das mag ihren Fortbestand in solch langen Zeiten der "Verbannung" und Zertreuung erst ermöglicht haben, aber ihre Religion ist dadurch eben auch bis heute nicht universalistisch. Man wird Jude in erster Linie durch Abstammung, und zwar über die mütterliche Linie. Mich irritiert das eher, denn ich sehe die Frage der Abstammung und Volkszugehörigkeit völlig getrennt von der Frage was jemand glaubt. Bei den Juden vermischt sich das bis fast zur Ununterscheidbarkeit. Ich frage mich da, was dann mit einem atheistischen Juden oder einem muslimischen Juden ist. Gibt's das? Wenn ja, ist es dann ein Jude oder nicht? Oder wird das unter den Teppich gekehrt? Irgendwie vorgesehen scheint dieser Fall nicht zu sein.

Der Islam schließlich, um die Runde voll zu machen, ist ebenfalls keine grundsätzliche Abkehr von den durch Moses gelegten Grundlagen, eher im Gegenteil. Die ursprüngliche Motivation scheint der reformatorische Impuls gewesen zu sein, die vorherrschenden Religionen des Judentums und Christentums von Irrlehren zu reinigen, die sie vom Ursprung entfernt haben. Beim Christentum wird insbesondere die zugegebenermaßen ziemlich obskure Trinitätslehre verhöhnt, die sich anscheinend nicht recht entscheiden kann ob sie nun monotheistisch sein will oder nicht. Mohammed scheint zumindest anfänglich vor allem an spirituell-religiöser Reinheit interessiert gewesen zu sein, an der Bekämpfung von Auswüchsen. Mit wachsendem Erfolg scheint er aber mehr und mehr dem Machtstreben und taktischen Zielen zu unterliegen. Manche "Offenbarungen" kommen seinen eigenen Interessen so offensichtlich zupaß, daß man unweigerlich denkt, er habe sie zu seinem Nutzen bestellt. Entsprechend wurden seine Interessen immer weltlicher, und die Botschaft militärisch-fanatisch.

Ich finde den Gedanken interessant, was wohl aus Jesus geworden wäre, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Mohammed hatte seine erste Offenbarung in einem Alter als Jesus schon lange tot war. Jesus starb als er Anfang der 30er war, Mohammed wurde Prophet als Ergebnis einer Art Midlife-Crisis im Alter von etwa 40. Jesus hat nie erlebt daß seine Lehre nennenswerten Erfolg hatte. Er konnte zwar offenbar eine kleine Schar an Anhängern um sich versammeln, aber nennenswerte Macht konnte er nicht erringen, und kaum geriet er mit den Autoritäten in Jerusalem aneinander, wurde er auch schon hingerichtet. Er war in diesem Sinne Idealist bis zum Tod, und konnte gar nicht korrumpiert von Macht sein, denn dafür war nicht genug Zeit. Mohammed dagegen hatte zu seinen Lebzeiten so viel Erfolg, daß er mit seiner Anhängerschaft zu einem regionalen Machtfaktor wurde. Das hat deutliche Spuren in seiner Lehre hinterlassen. "Macht korrumpiert" lautet ein heutzutage wohlbekanntes bon-mot, vielleicht ist Mohammed ein Beispiel dafür. Hätte Jesus 30 Jahre länger gelebt, und eine ähnliche Erfolgsstory hingelegt wie Mohammed, ob er sich dann allmählich eine ähnliche Haltung zugelegt hätte? Wir werden es wohl nie erfahren. Im Ergebnis haben die Christen eine Religion, die auf einen (noch fast) jugendlichen Idealisten zurückgeht, und dann von Paulus stark verändert wurde, während der Islam das Erbe eines machtbewußten Schlachtrosses ist, der mit ähnlichem Idealismus gestartet war, aber unter dem Eindruck seines eigenen Erfolges zunehmend zum Eroberer (und in gewissem Maß auch Narzissten) wurde.

Entsprechend unterschiedlich war auch die weitere Entwicklung der neuen Religionen. Das Christentum brauchte 300 Jahre, um auch nur annähernd zu einer dominanten Position anzuwachsen. Schon zu Mohammeds Lebzeiten konnte sich der Islam über fast die ganze arabische Halbinsel verbreiten, und innerhalb weniger Jahrzehnte danach breitete er sich bis zum heutigen Tunesien und Afghanistan aus. Jerusalem wurde gerade mal 5 Jahre nach Mohammed's Tod erobert. Die Ausbreitung ging auf militärischem Weg, also nicht über das was wir heute Mission nennen würden, sondern über Eroberung. Das Christentum war in den ersten 300 Jahren eher eine Untergrundbewegung, die sich gegen ein gewisses Ausmaß an Feindseligkeit und Unterdrückung durchsetzen mußte. Erst als eine gewisse Machtposition erreicht war, fand weitere Verbreitung des Christentums auch in militärischer Form statt.

Auch das hat seine Folgen bis in die heutige Zeit. Die Idee des "Djihad" hatte von vorn herein eine militärische Facette, auch wenn man den Begriff genauso auch als einen inneren Kampf auffassen kann. Im Grunde bedeutet er beides, der innere und äußere Kampf gehen im Grunde Hand in Hand. Die Form der Verbreitung, die im Christentum als Mission daher kommt, also das Aussenden von Missionaren in die Fremde, um dort zu predigen und Anhänger zu gewinnen, ist für den Islam eher untypisch. In jüngerer Zeit gibt es diese Form der Mission aber verstärkt von den Salafisten aus Saudi Arabien, von wo auch viel Geld in den Bau von Moscheen im Ausland fließt. Das betrifft gar nicht so sehr uns hier in Europa, obwohl auch hierhin Gelder fließen, sondern wesentlich mehr noch die Förderung von salafistischen Gemeinden in anderen muslimischen Ländern, z.B. im Maghreb. Wer sich von salafistischen Umtrieben hier in Deutschland beunruhigen läßt, der sollte sich vielleicht klar machen, daß hier das gleiche Vorgehen vorliegt, wie es die christlichen Kirchen schon sehr lange in anderen Ländern betrieben haben. Die Lehre ist zwar sehr verschieden, das Vorgehen als solches könnten die Saudis aber durchaus von der katholischen Kirche abgekupfert haben. Vielleicht kann man sich so ein klein wenig vorstellen, welchen Effekt die missionarischen Bemühungen aus unseren Gefilden in anderen Teilen der Welt ausgelöst haben könnten.

Es ist nicht zu übersehen, daß auch heute der Begriff des Djihad von radikalen Moslems im militärischen Sinn verstanden wird. Und sie können sich darin durchaus auf Mohammed berufen. Die in diesem Zusammenhang von vielen Moslems geäußerte Überzeugung, es gehe beim Djihad um eine innere Anstrengung und Mission, nicht um äußere Eroberung, ist nicht mit Mohammeds Vorbild in Einklang zu bringen. Mohammed selbst und seine Nachfolger haben den Islam militärisch verbreitet, und genau das wollen die radikalen Moslems ebenfalls. Sie sehen diese Ur-islamische geschichtliche Phase als die Blütezeit des Islam, die es gilt wiederzubeleben. Die Vorstellung ist, daß der so wahrgenommene Niedergang des Islam und der Aufstieg des Christentums letztlich damit zusammen hängt, daß man im Islam verweichlicht ist, sich zerstritten hat, und die ursprünglichen Ziele aus den Augen verloren hat. Das meinen nicht bloß islamische Fundamentalisten, damit kann man auch bei eher gemäßigten Moslems punkten, wie man in der Türkei sehen kann, wo sich ziemlich viele Leute von der Aussicht auf einen Wiederaufstieg eines osmanischen Reiches begeistern lassen, die man beim besten Willen nicht den islamischen Radikalen zuordnen kann. Wenn man sich zugleich davon überzeugen läßt, daß das westliche Christentum degeneriert ist und den Zenit überschritten hat, dann kann man auf die Idee kommen daß die Gelegenheit günstig ist.

Auch hier ist klar, denke ich, daß es nicht um die egalitäe Akzeptanz und Gleichbehandlung aller Menschen geht, unabhängig davon was sie glauben. Der Islam ist da ziemlich klar: Es gibt keine Gleichberechtigung zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Die Gläubigen sitzen in der ersten Reihe, die Ungläubigen werden toleriert, aber nicht zu gleichen Konditionen: Sie zahlen extra Steuern und haben nichts zu sagen. Vom Unglauben zum Glauben gibt's nur eine Einbahnstrasse: Rein geht ziemlich einfach, raus gar nicht. Die Abgrenzung ist nicht auf Volkszugehörigkeit oder Abstammung gegründet, aber vielleicht gerade deswegen so strikt. Zum Teil ist das wie der Kunstgriff von Paulus, der die symbolische Abstammung von Abraham, also die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, vom Glauben abhängig macht statt von der ethnischen Abstammung, der Unterschied zu Paulus liegt aber darin, wie man zu diesem Glauben kommt und welche Rolle dabei die freie Wahl hat.

Der Islam als die späteste Religion verwirklicht dabei den strengsten Monotheismus. Wo es bei Moses ein Monotheismus der Treue ist (andere Götter mag's zwar geben, sie sind für das auserwählte Volk aber tabu), ist er für die Christen ein durch die Trinität verwässerter existenzieller Monotheismus (es gibt keinen anderen Gott, aber der den es gibt existiert in drei verschiedenen Inkarnationen). Bei den Moslems schließlich gibt es nur einen Gott, und zwar nur in einer Form, die man sich aber nicht vorstellen kann.

Dabei wird klar daß es auch den Moslems sehr um Treue geht, denn Abfall vom Glauben wird drakonisch bestraft. Ginge es hier nur um wahr oder falsch, dann könnte man den Unglauben auch ganz entspannt sehen: Unglauben wäre ein Irrtum, den Schaden daraus hätte nur der Irrende, einen Gläubigen könnte das kalt lassen. Man bräuchte keine weltlichen Strafen oder Sanktionen, und könnte es Gott selbst überlassen, was er damit anzufangen gedenkt. Die extrem harte muslimische Reaktion auf den Abfall vom Glauben deutet darauf hin, daß es hier eigentlich um Untreue geht, und eben nicht um Wahrheit. In diesem Aspekt trifft sich die Sache wieder mit Moses. Der Unterschied besteht nur darin, wie man das auserwählte Volk definiert. Moses definiert es über den "Bund", der einen Volks-spezifischen Gottesglauben mit dem Versprechen auf ein verheißenes Land verbindet. Paulus spricht von einem "neuen" Bund, der über den Glauben konstituiert wird ohne daß es einer bestimmten Volkszugehörigkeit bedürfte. Mohammed unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur wenig von Paulus.

Für mich wirken alle drei Religionen nicht wirklich universalistisch, denn alle fallen letztlich auf Abgrenzung zurück. Alle drei betonen auf ihre Weise den Unterschied zwischen denen, die dazugehören, und denen die außen vor sind. Die Kriterien dafür unterscheiden sich in Grenzen, die Konsequenzen in der Praxis sind aber über die Geschichte hinweg ziemlich ähnlich, und das heißt ziemlich gewalttätig. Ob man Mensch ist oder nicht spielt in der Praxis erheblich weniger Rolle als ob man dazugehört oder nicht. Der, der nicht dazugehört wird handfester Diskriminierung ausgesetzt. Und wird dafür selber verantwortlich gemacht.

Selbst die christliche Reformation, die dieses Jahr ihr 500stes Jubiläum feiert, hat daran allenfalls indirekt etwas geändert. Auch Luther hat nichts prinzipiell anderes als Mohammed im Sinn gehabt, nämlich die Reinigung des Glaubens von Auswüchsen und Korruption, die er in der römisch-katholischen Kirche sah. Anders als Mohammed hat er das Individuum und seine ganz eigene Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt gestellt. Damit hat er dem Individuum zu einer geistigen und geistlichen Freiheit verholfen, die ihm selber sehr schnell ungeheuer wurde. Seine Einstellung den Bauernaufständen gegenüber ist ja bekannt, und auch seine Einstellung den Juden gegenüber gereicht ihm aus heutiger Sicht nicht zur Zierde. Hätte er erlebt, wie in seiner Nachfolge das freie Denken den Unglauben, sprich Atheismus befördert hat, hätte er bestimmt noch viel mehr mit seinem Erbe gehadert. Seine Tragik ist, daß man nicht zugleich das freie Denken und die individuelle Verantwortung betonen kann, und andererseits dagegen sein kann wenn eben diese Freiheit dann Ergebnisse hervorruft, die weit über das hinaus gehen, was man gutheißen mag. Auf diese Weise kann man zugleich dankbar sein für seine Leistung, und froh, daß man ihm heute nicht mehr begegnen muß.

Luther hat so den Humanismus möglich gemacht, aber er hätte ihn in der Form wie er sich dann herausgebildet und entwickelt hat, keinesfalls gut geheißen. Und es ist der Humanismus, dem wir das verdanken was man heute die abendländischen Werte, bzw. die abendländische Kultur nennt. Das Christentum einschließlich seiner protestantischen Ausprägung war dabei teils Katalysator, teils Hemmung, aber unter dem Strich mehr Hemmung. Das gilt bis heute.

Ich weiß nicht ob es denkbar ist daß dem Islam etwas Ähnliches widerfährt. Die Situation ist anders, und ich weiß nicht welche Umstände zusammen kommen müssen, damit sich der Islam so weit reformiert daß er den Atheismus zulassen kann. Das kann ja das Christentum kaum. Dabei geht es um nichts weniger. Gerade wenn es darum gehen soll, daß mehrere Religionen friedlich zusammen leben sollen, auch mit Ungläubigen, dann müssen alle Religionen so weit kommen daß sie sich nicht wirklich ernst nehmen, und zugeben können daß andere Ansichten nicht nur existieren, sondern legitim sind und gleichberechtigt, und daß ziviles Recht über den religiösen Vorschriften steht. Ich sehe nicht wie das mit diesen drei Religionen gehen soll. Mit dem Islam am wenigsten, aber auch die anderen beiden Religionen sind noch nicht wirklich so weit.