Sonntag, 1. November 2009

Spin

Der englische Begriff "spin" steht für den Drall, den man einem Ball geben kann damit er in einem Bogen oder beim Aufhüpfen in die gewollte Richtung fliegt. Dieses "Anschneiden" hat den Zweck daß der Effekt erst später oder mit der Zeit sichtbar werden soll, die endgültige Richtung sich also nicht gleich offenbart. Im Englischen wird das Wort deswegen auch im übertragenen Sinn verwendet, z.B. in der Politik, und dann ist es nicht mehr so direkt ins Deutsche übersetzbar. Der "spinmeister" oder "spin doctor" ist demzufolge der Pressesprecher (oder eine vergleichbare Figur), der eine Sache in einem Licht erscheinen lassen will, die für seinen Arbeitgeber günstig ist, wobei er die Manipulation möglichst wenig auffällig machen will.

Der amerikanische Philosoph Dan Dennett faßte kürzlich die Kriterien für guten "Spin" so zusammen:
  • Es ist keine glatte Lüge
  • Man muß es vertreten können ohne eine Miene zu verziehen
  • Es muß die Skepsis überwinden ohne verdächtig zu wirken
  • Es sollte tiefgründig erscheinen
Auch wenn sein Kontext der der Religion war, so finde ich doch unmittelbare Anwendbarkeit auf die Audiophilen. Dennett wollte damit in seinem sehenswerten Vortrag die Theologie charakterisieren, und ich meine er trifft damit ins Schwarze. Hätte er aber die "High-End-Ologen" gemeint, er hätte nicht weniger ins Schwarze getroffen. Das Prinzip scheint recht universell zu sein.

Dennett's Thema ist etwas was auch mir schon diverse Male durch den Kopf gegangen ist. Er beschreibt die Erfahrungen mit 6 anonymen Priestern, die insgeheim zu Atheisten geworden waren, aber den Schritt in die Öffentlichkeit (noch) nicht gemacht haben, und weiterhin in ihrer Priesterrolle arbeiten. So etwas müßte es eigentlich auch bei den Audiophilen geben, meine ich.

Jetzt gibt's in der audiophilen Szene keine Priester, aber es gibt durchaus de facto anerkannte Zeremonienmeister, die man in so einer Rolle sehen kann. Man stelle sich zum Beispiel mal hypothetischerweise vor, der Böde von der STEREO wäre insgeheim zum "Abstreiter" geworden. Genauer gesagt, es hat ihm gedämmert daß die "gehörten" Effekte von Kabeln, Basen, Racks, CD-Matten, Klangschälchen, und dergleichen Mumpitz, reine Einbildung sind.

Was macht so jemand in dieser Situation? Die Kündigung einreichen? Und dann? Wer würde ihn dann einstellen?

Vor diesem Problem stehen auch die Priester: Sie haben nichts anderes gelernt, sind zu alt zum Umsatteln, haben Hemmungen ihr soziales Umfeld zu schockieren (besonders ihre engsten Freunde und Verwandten), und Angst vor dem Loch in das sie dann fallen würden.

Nun ist ein Abschied vom audiophilen Glauben wohl kaum so existenziell wie der Abschied von einer Religion, aber wenn Job, Pension und soziales Umfeld davon betroffen sind, dann wäre die Entscheidung immer noch ziemlich heftig. Eben drum könnte ich mir gut vorstellen daß es auch hier Leute geben könnte wie Dennett's Priester.

So verständlich es ist, daß diese Leute nicht so einfach ihrem halben Leben den Rücken kehren können, so interessant ist es, sich die Tricks und Mechanismen anzusehen, die sie entwickeln um den Konflikt erträglich zu machen. Also den "spin", der sie in der Öffentlichkeit (und in gewissem Maß auch vor sich selber) gut da stehen läßt.

Spinnen wir also unsere Hypothese weiter: Was hätte ein "geläuterter" Böde für Alternativen?
  • Ein öffentliches "Coming-Out". Die Konsequenz wäre wohl sein Job-Verlust, Häme von allen Seiten, Schwierigkeiten einen neuen Job zu kriegen, das Eingeständnis, das halbe Leben einem Hirngespinst geopfert zu haben, eine Position zwischen allen Stühlen -- vermutlich auch privat.
  • Weiter wie bisher, sich nichts anmerken lassen. Das ist emotional schwierig. Er würde vermutlich in eine immer zynischere Haltung hineinrutschen. Wer sich so bewußt ist daß er seine Umgebung systematisch verarscht, der geht fast unweigerlich immer mehr Risiko dabei ein, probiert aus wie weit die Verarsche reicht, und verliert darüber jeden Respekt vor seiner Umwelt, die sich so verarschen läßt. Manche würden sagen das ist schon passiert.
  • Sich selbst die audiophilen Dogmen plausibel reden. Hier ist die Parallele zur Theologie am auffälligsten. Ziel ist es, den audiophilen Glauben als respektabel, vertretbar und ehrenwert aussehen zu lassen, auch wenn es dafür keinerlei triftigen Grund gibt. Das ist "spin". Es gibt einen Haufen Tricks die man dafür einsetzen kann, und Dennett zeigt ein paar davon. Theologen sind wohl die absoluten Experten in dieser Disziplin, aber die Audiophilen kommen in meinen Augen nicht weit dahinter.
Die dritte Alternative ist irgendwie die "smarteste", geschmeidigste, und man kann sie am ehesten intellektuell und tief und wichtig aussehen lassen. Das funktioniert gut genug daß sich das viele Leute selbst abkaufen, womit natürlich die Lüge gefühlt verschwindet und alles so aussieht als sei es eine legitime und gleichberechtigte Meinung. Ein paar selbstbezügliche, sich tief und bedeutungsvoll anhörende, aber in Wirklichkeit inhaltsleere Sätze, und schon ist der Glaube in trockenen Tüchern.

Ebenfalls wichtig ist das soziale Umfeld von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig bestätigen wie selbstverständlich und unbezweifelbar doch der eigene Glaube ist. Das hilft Zweifel ausräumen, erhält einen gewissen Konformitätsdruck, und erleichtert die Abgrenzung. Wenn das stark genug ist, dann kommen potenzielle Abweichler schnell in emotionelle Notlagen, womit wir wieder bei den 6 Priestern sind.

Freiheit ist was Anderes.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Brands

Wenn eine Firma von einem internationalen Konzern übernommen wird, passiert oftmals etwas Eigenartiges, zumindest für die Beschäftigten: Was sich wie eine Firma - und nicht selten auch wie eine Art Großfamilie - angefühlt hat und irgendwie immer noch anfühlt wird zu einem "Brand", also auf Deutsch "Marke". Man merkt die Konsequenzen nicht gleich, und wen interessiert schon was in Corporate-Identity-Broschüren und in Webauftritten des Konzerns steht. Aber mit der Zeit dringt durch was das bedeutet, speziell wie man von seiner eigenen Konzernmutter gesehen und behandelt wird.

Vordergründig ist ein Brand eine Marketingkonstruktion, eine Fassade die man für die Kundschaft aufstellt. Der Kunde soll mit dem Brand bestimmte Assoziationen verbinden, und das Marketing arbeitet daran die gewünschten Assoziationen aufzubauen und zu pflegen. Diese Assoziationen sind im Wirtschaftsleben ein Wertgegenstand ersten Ranges, und wenn eine Firma den Besitzer wechselt ist nicht selten der "Brand" einer der größten Posten auf der Haben-Liste.

Die Firma als solche, also die dort arbeitenden Leute mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen, die Firmenkultur und -organisation, ist gar kein zentraler Bestandteil dieses Brand-Gedankens. Wer in Brands denkt ist geneigt die Firma dahinter für nebensächlich und austauschbar zu halten.

Nun gibt es in jeder Firma Jobs und Posten, die tatsächlich relativ leicht austauschbar sind. Firmen, deren Produkte nicht schwierig zu entwickeln und herzustellen sind, werden naturgemäß einen größeren Anteil an solchen Jobs haben als High-Tech-Firmen, deren Produkte vom Spezialwissen der Mitarbeiter abhängen.

Die HiFi-Branche ist eine der Branchen in denen das "Branding" eine sehr große Bedeutung hat. Das hat zum Teil damit zu tun daß es heute keine High-Tech-Branche mehr ist. Wie man ein Hifi-Gerät entwickeln und bauen muß, damit die Audio-Qualität für den größten Teil der Kundschaft ausreicht, ist im Grunde heute Elektronik-Allgemeinwissen. Außer in Marktnischen wird damit die Herstellung von Hifi-Geräten zum Marketing- und Kostenoptimierungs-Geschäft. Und das was sich High-End nennt ist oftmals von der Technologie und von der Audioqualität her noch niedriger angesiedelt, und noch stärker vom Marketing beherrscht.

Es war daher wohl folgerichtig und nicht bloß eine Manager-Mode als in den letzten drei Jahrzehnten viele traditionelle Audio-Firmen erleben mußten, was es bedeutet zum Brand zu werden. In Deutschland könnte man da Dual und SABA als einstmals bekannte und geschätzte Traditions-Firmen beispielhaft anführen, von denen schließlich nur noch der Name, also der Brand, übrig blieb und von Konzernen als "Asset" genutzt wurde, obwohl die Firma dahinter praktisch verschwunden war. Die Idee dahinter ist daß die Technologie einfach genug ist um erfolgreich auch in Billiglohnländern gefertigt zu werden, und es sich daher lohnt, die Assoziationen der Kundschaft bei der Brand-Wahrnehmung zu nutzen, während man gleichzeitig die Firma dahinter durch eine fernöstliche ersetzt. Das funktioniert immerhin so lange wie sich die Assoziationen noch nicht aufgelöst haben, mit anderen Worten bis die Kundschaft auf breiter Front gemerkt hat daß hier ein Etikettenschwindel vorliegt.

Bei Low-Tech-Produkten kann man diese Strategie mit noch am erfolgreichsten verfolgen, aber je mehr die speziellen Fähigkeiten konkreter Leute eine Rolle spielen desto weniger funktioniert es. Dennoch wird es immer wieder probiert, und man kann daraus ablesen welche Vorstellungen eine Manager-Kaste davon hat wie das "eigene" Geschäft funktioniert. Da graust es einem immer wieder. Nun ist es zwar anscheinend typisch menschlich wenn man meint, das wovon man nichts versteht könne ja wohl nicht so schwer sein, stimmen muß es aber noch lange nicht, auch nicht wenn es sich ein CEO einbildet. Was der Eine gut kann muß ein Anderer eben noch lange nicht genauso gut können, selbst wenn man ihm Zeit zum Üben läßt. Eine Produktionslinie, die man quer durch die Welt von A nach B verlagert kann in B ein voller Mißerfolg werden auch wenn's in A prima geklappt hat.

Ein aktuelles und haarsträubendes Beispiel dafür kann man im Falle Studer beobachten. Studer ist ein Teil dessen was früher mal Studer-ReVox war. Den älteren HiFi-Afficionados ist das noch ein wohlbekannter Name, mit dem damals im guten Sinn "High-End" verbunden wurde. Die schweizerische Traditionsfirma wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg von Willi Studer gegründet und wuchs im Laufe der Zeit auf über 1500 Beschäftigte. Neben den HiFi-Geräten, die unter dem Namen (Brand) ReVox verkauft wurden, produzierte die Firma auch Studiotechnik unter dem Namen Studer. Bekannt und geradezu legendär waren vor allem die Studer-Bandmaschinen und die Mischpulte.

Willi Studer verkaufte aus Altersgründen die Firma nach längerem Hin-und-Her 1990 an einen schweizerischen Konzern, die Motor-Columbus-AG, die heute im Alpiq-Konzern aufgegangen ist. Er wollte ausdrücklich die Einheit der Firma erhalten und dafür sorgen daß sie in schweizerischem Besitz blieb. Interessenten aus dem Ausland hätte es bei den bekannten Audio-Konzernen durchaus gegeben (z.B. Philips), aber Studer blieb patriotisch. Es hat ihm nichts genutzt, und er mußte mitansehen wie in kürzester Zeit seine ehemalige Firma geschrumpft und filetiert wurde. Motor-Columbus hatte als Energie-Konzern keinerlei Bezug zum Audiogeschäft. Es waren die Zeiten als es Manager-Mode bei Konzernen war, zu "diversifizieren". Der Daimler-Konzern diversifizierte z.B. mit Dornier, AEG, Fokker, MBB etc. in den Flugzeugbau und die Elektrotechnik, was saftige Verluste produzierte. Mannesmann diversifizierte in Richtung Telekommunikation und Maschinenbau, und ist heute verschwunden bzw. in anderen Firmen aufgegangen. Mitte der 90er Jahre war dann die Mode das Gegenteil: Konzentration auf's Kerngeschäft. Studer war 1994 in zwei unabhängige Teile geteilt, die beide in ausländischer Hand waren: ReVox mit dem Hifi-Geschäft gehörte einer Investorengruppe in Luxemburg, und Studer mit dem professionellen Audiogeschäft war an den amerikanischen Harman-Konzern verkauft, zu dem die Firma noch heute gehört. Es muß für Willi Studer der reine Horror gewesen sein.

Studer hat seither das Geschäft mit Bandmaschinen ganz aufgegeben, und konzentriert sich heute auf digitale Mischpulte für den Rundfunk und für die Studioausstattung. Die Firma ist auf etwa 100 Mitarbeiter geschrumpft was schon ein gewaltiger Aderlaß ist, hat aber in den letzten Jahren ordentliche Geschäfte gemacht und steht im Markt nicht schlecht da. Mit einem anderen Harman-Brand, Soundcraft in England, wurden die Beziehungen nach und nach enger geknüpft, was angesichts unterschiedlicher Firmenkulturen nie wirklich harmonisch war. Soundcraft macht zwar ebenfalls Mischpulte, aber vor allem für Live-Anwendungen bei Konzerten und in Clubs, und betätigt sich erst seit relativ kurzer Zeit verstärkt im digitalen Bereich, während das Hauptgeschäft traditionell bei analogen Mischpulten lag.

In jüngster Zeit hat sich das dergestalt entwickelt daß aus beiden Firmen eine gemeinsame Business-Einheit wird. Bei Entwicklung und Produktion wird kooperiert, so wurde die Vi-Serie von Soundcraft-Mischpulten von Studer entwickelt, und bei Soundcraft werden Baugruppen für Studer gefertigt. Der Entwicklungsleiter und weiteres Management ist beiden Firmen gemeinsam. Studer und Soundcraft, so sieht es aus, werden zu zwei Marketing-Namen, die Produkte kommen letztlich aus einer anonymen Einheit.

Die Schweizer ziehen dabei offenbar den Kürzeren. Seit einigen Wochen ist Studer in offener Rebellion gegen die Entscheidung, die verbleibende Produktion vollends nach England zu verlagern, was einem Drittel der Belegschaft den Job kostet und die Firma zu einer voll abhängigen Entwicklungsabteilung werden läßt.

Das ist bitter, und zwar gleich aus mehreren Gründen:
  • Studer produziert im Gegensatz zu Soundcraft schwarze Zahlen, was nicht ganz zu Unrecht den Verdacht erweckt daß hier eine Manager-Riege eigene Fehler zu Lasten derjenigen ausbügeln will, die gut gewirtschaftet haben.
  • Studer allein ist umso weniger wert je mehr es von anderen Harman-Teilen abhängt, und ist daher auch umso schwieriger aus dem Harman-Konzern herauslösbar.
  • Die Produktion und die Entwicklung 1000 Kilometer voneinander enfernt anzusiedeln ist bei komplexen Produkten mit niedriger Stückzahl eine Schnapsidee. Die Einsparungsmöglichkeiten stehen in keinem Verhältnis zu den Kommunikationsschwierigkeiten und den Verzögerungen die man sich damit einhandelt. Bei so einem technologisch komplexen Geschäft ist ein einfacher und direkter Kontakt zwischen Entwicklung und Produktion wesentlich, wenn nicht sogar marktentscheidend.
  • Studer-Produkte werden nicht einfach in Kisten verpackt und verkauft. Der Kunde will bei solchen Produkten kein Gerät, sondern ein System, bzw. eine Problemlösung kaufen, und damit braucht es ein ganz anderes Verhältnis zwischen Kunde und Lieferant. Das kann man nicht in dieser Form auf eine ausgelagerte Produktion ausdehnen.
  • Soundcraft hat in der Vergangenheit stark in eigene moderne Produktionsanlagen investiert und Mühe gehabt diese auszulasten. Inzwischen läßt man immer größere Teile des eigenen Produktprogramms in China fertigen, was dazu führt daß sich die Produktionsanlagen noch weniger rechnen. Anscheinend will man Studer dazu zwingen dieses Loch zu stopfen, weil man nicht eingestehen will daß man damals falsch entschieden hat.
Kurz gesagt, die Studer-Belegschaft sieht in den jüngsten Entlassungen den Anfang vom Ende von Studer als Firma, weswegen sich nicht nur die Opfer der Entlassungswelle wehren, sondern auch die Entwicklungsabteilung, die davon bisher nicht betroffen ist. Ob sie sich damit durchsetzen können ist fraglich, die Konfrontation hat erstmal dazu geführt daß der Sprecher der Betriebskommission (etwa dem deutschen Betriebsrat vergleichbar), ein langjähriger Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung, freigestellt und des Hauses verwiesen wurde. Vom Harman-Management ist keine öffentliche Stellungnahme zu bekommen. Die beiden Züge scheinen direkt aufeinander zu zu fahren.

Wenn das so weiter geht wird auch Studer bald zu den Firmen gehören, die nur noch als Brand im Portfolio eines Konzerns existieren, hinter dem keine reale, abgrenzbare, charakteristische, menschliche Struktur mehr steht. Eine leere Firmenhülse, deren Namen man noch als Aufkleber auf bestimmte Produkte drauf pappt.

Für Harman ist so etwas nicht ganz neu. Man braucht sich für einen Eindruck bloß deren Webauftritt ansehen. Da ist ganz ausdrücklich von Brands die Rede. Eine Firma, viele Brands, so sehen sei sich auf der oberen Management-Ebene gerne. Ein Denken in Etiketten. Menschen sind "Human Resources", gewachsene Traditionsfirmen sind "Brands", Entlassungen sind "Synergieeffekte".

Auch Harman war mal eine Firma, bevor sie zu einem Konzern wurde. Auch dort gab es eine Gründerfigur in Sidney Harman, die sich inzwischen vom Geschäft verabschiedet hat. Das Zepter schwingen dort nun Leute, die keine Wurzeln im Audio-Business haben. Siehe die Lebensläufe der Top-Manager, wie man sie auf der Webseite findet. Der oberste Chef ist da erst seit zwei Jahren, der Chef des Bereiches "Professional" ist seit 2001 dort. Astreine Karrieristen-Lebensläufe von Leuten, denen es relativ wurscht ist ob ihre Firma Audiogeräte oder Getriebe oder Fruchtsaft herstellt. Hauptsache der Bonus stimmt, siehe z.B. hier oder hier.

Es sieht nicht gut aus für Studer.

P.S.: Ein paar interessante Hintergrundinformationen in Sachen Harman gibt's hier, hier, hier, hier und hier und noch ein CEO-Kurzinterview.

Samstag, 3. Oktober 2009

Alte Geschichten

Die 91ste AES-Convention in New York im Herbst 1991 muß "interessant" gewesen sein. Sie stand unter dem Titel: "Audio Fact & Fantasy: Reckoning with the Realities". Die Akademiker und Profis in der direkten Auseinandersetzung mit den Subjektivisten. Tut mir fast leid daß ich nicht dabei war, meine erste Convention datiert ein halbes Jahr später, in Wien. Es scheint jedenfalls als habe diese Veranstaltung vor 18 Jahren Nachwirkungen bis in unsere Tage.

Eine solche Konferenz wäre jedenfalls die ideale Gelegenheit für die Subjektivisten gewesen, mal etwas Handfestes vorzutragen, schließlich war zu diesem Zeitpunkt die "Great Debate" bereits über 10 Jahre lang am Laufen, in der es um die für Audiophile geradezu blasphemische Behauptung ging, kompetent konstruierte Verstärker seien im Normalbetrieb klanglich nicht zu unterscheiden. Da wurden reihenweise Blindtests in verschiedenen Ausprägungen durchgeführt, die ebenso reihenweise diese Behauptung gestützt haben, und parallel dazu gab's ein Geheul aus der audiophilen Szene darüber wie "absurd" dieses Ergebnis doch sei. Was es nicht gab waren seriöse Untersuchungen von eben dieser Szene. Das hätte man auf dieser Konferenz ändern können, Zeit genug war dazu schließlich. Das Programmkomittee der AES wird sich gedacht haben: "Jetzt hatten wir seit über 10 Jahren diese Auseinandersetzung, es wird Zeit daß wir das mal bilanzieren und sehen wo wir heute stehen."

Es waren offenbar demzufolge auch etliche Vertreter und Zuschauer von der subjektivistischen Seite anwesend, von der sonst auf AES-Conventions wenig zu merken ist. Deren Wortführerschaft scheint damals die Stereophile gehabt zu haben, und etliche Mitarbeiter aus der Redaktion waren zur Konferenz gekommen. Einer davon, Robert Harley, hielt einen Vortrag zum Thema "The Role of Critical Listening in Evaluating Audio Equipment Quality", der damals in der Stereophile unter dem Titel "The Listener's Manifesto" zu lesen war. Wer ein "klassisches" Beispiel für einen Subjektivisten-Text sucht, dem kann dieses Papier auch heute noch empfohlen werden.

Besonders amüsant finde ich, wie Harley den Eindruck zu erwecken versucht, er könne erklären woher der Konflikt zwischen "Objektivisten" und "Subjektivisten" kommt, und dabei keine Gelegenheit ausläßt den "Objektivisten" die Schuld in die Schuhe zu schieben, indem er sie als Dogmatiker, Wissensverweigerer, Hörverweigerer, etc. hinstellt. Man stelle sich mal vor wie das auf die versammelte Riege von Zuhörern gewirkt haben muß. Die mildeste Reaktion wird gewesen sein, ihn als nicht ernst zu nehmenden Schwachkopf anzusehen, auf den man nicht unbedingt reagieren muß. Einigen wird aber gewaltig der Kamm geschwollen sein. Bei Peter Aczel z.B. ist das nicht überraschend; man kann seine Version der Geschichte hier (ab Seite 36) nachlesen.

Nicht mehr lustig finde ich allerdings die Art wie Harley mit Zitaten seiner objektivistischen Gegner umgeht. Das ist eine ganz miese Tour, und man tut in jedem Einzelfall gut daran, selber nachzuprüfen in welchem Kontext ein Zitat gefallen ist das Harley in seinem Papier anführt. Ein Beispiel: Harley zählt auf Seite 12 seines Papiers eine Anzahl von nach seiner Darstellung typischen Bedingungen von Blindtests auf, die jeden professionellen Blindtester in Rage gebracht haben muß. Im Punkt E heißt es: "The experimenter controls the number of successive trials without regard for the subject's fatigue factor, increasing the number if a trend indicating reliable identification appears." Dazu wird als Fußnote auf einen Text von Stanley Lipshitz verwiesen, aus dem Folgendes zitiert wird: "It is usually best, rather than conducting a preset number of trials, to monitor the statistics as the trials proceed, and to extend the number of trials if there appears to be a reasonable possibility that a subject is performing somewhat better than random."

Es ist offensichtlich was einem hier Harley weismachen will: Wenn es so aussieht als könne jemand tatsächlich einen Unterschied hören, dann plagt man ihn umso länger, bis er erschöpft ist und nichts mehr hört. Wer den Artikel von Lipshitz liest, oder den Mann kennt, wird unschwer erkennen daß er das ganz sicher nicht gemeint haben kann. Ganz im Gegenteil: Es schreibt in besagtem Artikel ganz ausdrücklich daß er zugunsten möglichst hoher Unterscheidungs-Empfindlichkeit so gut wie alle Testmethoden akzeptiert, vorausgesetzt sie sind tatsächlich verblindet, und sie werden seriös ausgewertet. Von einer absichtlichen Verschlechterung der Bedingungen um die Subjekte zu behindern kann nicht die Rede sein. Bei der von Harley zitierten Passage geht es Lipshitz darum, daß man in einem Fall wo ansonsten die statistische Relevanz nicht gegeben wäre die Anzahl der Tests erhöht werden kann, um vielleicht doch noch zu einer Relevanz zu kommen. Es ist ein Versuch, so einen Test für diejenigen zu retten die einen Unterschied propagieren, denn ohne eine Ausweitung der Testanzahl müßte man in dieser Situation den Test wegen mangelnder statistischer Relevanz als Fehlschlag werten.

So etwas ist bei Harley leider kein Einzelfall. Er hat offenbar keine Hemmung, Zitate für seine Zwecke einzuspannen, gerade auch von Leuten die nicht auf seiner Seite stehen, und er ist nicht zimperlig wenn dabei der Sinn völlig verdreht wird. Ein weiteres Beispiel dafür ist sein Versuch, ein Seminar auf der genannten AES-Convention für seine Anti-Blindtest-Propaganda einzusetzen, den er ursprünglich mal bei der Stereophile veröffentlicht hatte, den er aber kürzlich als Editorial für "The Absolute Sound" wieder aufgewärmt hat. Über diese Spur bin ich überhaupt auf dieses doch recht alte Thema hier gekommen, denn die dort erzählte Anekdote findet man vielfach zitiert und kopiert auf diversen audiophilen Webseiten und in Forumsdiskussionen, sowohl in den USA als auch hierzulande.

Die Kritiklosigkeit mit der die Anekdote als Argument gegen Blindtests akzeptiert und geschätzt wird, obwohl sogar ohne Nachprüfen der Quellen mit ein bißchen Nachdenken schnell klar ist welcher Unsinn da von Harley kommt, ist ein neuerliches Beispiel dafür wie ein Ergebnis, das einem gelegen kommt, die Kritikfähigkeit erstickt. Ich hatte das in diesem Blog ja früher schon mal thematisiert.

Das Seminar drehte sich damals um die recht neue und vielversprechende psychoakustische Datenkompression, die man sich anschickte zur Grundlage von Digitalradio und anderen Medien zu machen, weshalb man die benutzten Verfahren standardisieren mußte. Herstellerspezifische Verfahren wie z.B. das von Philips bei der DCC benutzte, oder das von Sony für die Minidisc, kamen dafür nicht in Frage, man hätte sich damit zu sehr an einen Hersteller gebunden. Deshalb der Druck in Richtung internationaler Normierung, die von der MPEG vorangetrieben wurde, und die letztlich um die Zeit der AES-Konferenz herum auch zu einer entsprechenden Norm führte. Das war die Geburt von MP2 und MP3, die erst Jahre danach zum heute sattsam bekannten MP3-Boom führte. Eine Zeit lange vor dem iPod.

Datenkompression war wichtig weil keiner die Sendebandbreite zu spendieren und zu bezahlen bereit war, die es gebraucht hätte um unkomprimiertes Audio zu senden. Da psychoakustische Kompressionsverfahren versprachen, die Datenmenge auf ein Zehntel oder gar mehr einzudampfen, war das ein wirtschaftlicher Faktor den man nicht ignorieren konnte, zumal es so aussah als könne man durch Wahl der Bitrate fast beliebige Kompromisse zwischen Kosten und Qualität ermöglichen, bis hin zu einer "transparenten" Qualität, die von der CD nicht unterscheidbar ist obwohl noch immer nur ein Bruchteil der Datenmenge anfällt.

Eine wichtige Frage zu diesem Zeitpunkt war daher, wie gut die zu der Zeit verfügbaren Codecs in der Praxis waren, und ob sie für Digitalradio hoher Qualität (UKW-Qualität oder besser) zu gebrauchen waren. Als Nebenproblem wollte man wissen mit welchen Datenraten man in der Praxis planen muß. Man führte zu diesem Zweck beim Schwedischen Rundfunk eine groß angelegte Studie durch, in der man die zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Codecs in Blindtest-Reihen gegeneinander antreten ließ und bei verschiedenen Datenraten feststellte wie es um die hörbare Qualitätsverschlechterung bestellt war. Das Ergebnis wurde auf dem Seminar anläßlich der AES-Convention in New York diskutiert (es war auf einer anderen AES-Veranstaltung kurz zuvor schon vorgestellt worden), und Harley saß offenbar unter den Zuschauern. Was dort genau passierte ist nirgends neutral nachzulesen und die Rekonstruktion fällt demzufolge schwer wenn man nicht teilgenommen hat. Soweit die Fakten reichen kann Harley's Darstellung durchaus stimmen, aber was er daraus macht ist geradezu perfide.

Der nicht anwesende (inzwischen verstorbene) Bart Locanthi meldete sich mit einer auf Band aufgenommenen Stellungnahme in der Diskussion zu Wort, in der er berichtete wie er Grenzzyklen in den Aufnahmen gefunden habe die ihm die Schweden auf Anforderung geschickt hatten. Dabei handelte es sich um das Material das für die Blindtests verwendet wurde. Beim Blindtest selbst fielen diese Grenzzyklen offenbar nicht auf, aber einmal darauf aufmerksam gemacht konnten sie auch die Schweden hören. Harley macht daraus ein Argument gegen den Blindtest, und sieht darin einen Beweis daß man im Blindtest Dinge nicht hört die im nichtblinden Test mühelos und routinemäßig gehört werden.

Eine unsinnige und ärgerliche Folgerung, die auch Locanthi selbst kaum mitgetragen hätte. Es gibt keinen guten Grund zur Annahme daß Locanthi die Grenzzyklen deswegen gehört hat weil er nichtblind gehört hat. Es spricht eher Vieles dafür daß er es gehört hätte egal ob er blind oder nichtblind vorging. Und daß es die schwedischen Tester ebenfalls gehört hätten wenn sie spezifisch danach gesucht hätten - was sie später ja getan haben. Die Anekdote wäre also kein Argument für oder gegen Blindtests, sondern für die auch damals schon nicht ganz neue Erkenntnis daß man bei subtilen Effekten wissen muß wonach man sucht.

Wenn Harley recht hätte dann würde das bedeuten daß weder die Entwickler des betreffenden Codecs, noch die schwedischen Tester, den Codec je unverblindet gehört haben. Sonst hätten sie den Effekt ja hören müssen. Das ist aber eine absurde Annahme. Schon bei der Codec-Entwicklung hört man sich das Resultat x-mal an, und dabei macht man ganz sicher nicht jedesmal den Aufwand eines Blindtests. Bloß werden darüber keine Konferenzvorträge gehalten. Den Blindtest macht man dann wenn man der Fachöffentlichkeit zeigen will was die Entwicklung kann, oder wenn man sich zuvor vergewissern will daß man sich nicht täuscht. Auch in der Vorbereitung eines Blindtests und in der Einhörphase wird regelmäßig nichtblind gehört, ohne daß das in jedem Bericht ausdrücklich erwähnt würde. Locanthi ist also mit Sicherheit nicht der Einzige oder Erste gewesen der den Codec unverblindet gehört hat.

Locanthi hat sich in dieser Angelegenheit dadurch ausgezeichnet daß er wußte was Grenzzyklen sind - sehr leise Störtöne die ein Digitalfilter selbst erzeugen kann wenn es einen subtilen Fehler hat - weil er durch seine Beschäftigung mit Digitalfiltern damit zu tun hatte. Das ist ein Artefakt bei dem es recht typisch ist, daß man es bloß bemerkt wenn man weiß worauf man achten muß, es dann aber relativ einfach erkennen und wiedererkennen kann. Die digitale Audiotechnik hat eine Reihe solcher Effekte auf Lager, die in der Analogtechnik keine Entsprechung haben. Wer damit Erfahrung hat tut sich leichter, die Effekte zu erkennen, egal ob im blinden oder im nichtblinden Hörtest. Ob Harley selbst die Grenzzyklen im nichtblinden Hörtest entdeckt hätte darf getrost bezweifelt werden.

Für den Codec bedeutet das ganz einfach daß er noch einen "Bug" hatte. Das ist nicht wirklich überraschend wenn man bedenkt daß damals komplett neue Entwicklungen getestet wurden. Der schwedische Bericht enthält genau genommen zwei getrennte Tests, einen vom Sommer 1990, in dem vier Codecs gegeneinander antraten, von denen nur zwei als einigermaßen "fertig" gelten konnten, so daß die anderen beiden gar nicht bewertet wurden und nur informell teilnahmen. Als Ergebnis aus dem Test wurden die Entwickler der beiden "fertigen" Codecs im August des Jahres aufgefordert, ihre Implementierungen zusammenzuwerfen und eine gemeinsame Lösung zu präsentieren, die sich in mehrere "Layer" gliedert, die für unterschiedliche Anforderungen an den Kompressionsgrad und die erforderliche Rechenleistung verwendet werden können. Daraus entstand dann ein Konzept in drei Layern, das die MPEG-Group schließlich im Dezember 1990 vorstellte, und aus dem dann MP1, MP2 und MP3 wurde. MP1 benutzt heute praktisch niemand mehr, MP2 hat Verwendung im Rundfunk und bei DAB gefunden, und MP3 kennt heute Jeder. Das Resultat wurde von den Schweden dann im Frühjahr 1991 im Blindtest geprüft.

Wer ein bißchen was von Entwicklung versteht der weiß daß solche Zeitspannen ziemlich knapp sind und daß es nicht besonders wundert wenn dabei so etwas wie Grenzzyklen durch die Lappen gehen. Die Schweden waren sich dessen bewußt, denn sie schrieben über den ersten der beiden Tests: "SR came to the conclusion that none of the codecs could be generally accepted for use as distribution codecs by the broadcasters, at the stage of development by the time of the tests in July 1990. [...] it must be borne in mind that when we are talking about DAB we are talking about a system that will live for 30 years or more. Artifacts that are difficult to detect at a first listening will be more and more obvious as time goes by." Locanthi hätte bestimmt 100% zugestimmt.

Ein paar Monate später war die Qualität des kombinierten MPEG-codecs bereits besser geworden und das Fazit des SR aus dem zweiten Test war: "Both codecs have now reached a level of performance where they fulfill the EBU requirements for a distribution codec." Das sollte nicht heißen daß die Codecs in jeder Hinsicht als perfekt oder transparent angesehen wurden, wie sich aus dem Text klar ergibt. Die EBU hatte sich Kriterien gegeben die sie an einen Codec anlegen wollte, der für Digitalradio geeignet sein sollte, und diese Kriterien waren erfüllt. Man kann drüber diskutieren ob die Kriterien streng genug waren, aber am Ergebnis der Schweden gibt's in meinen Augen nichts zu kritisieren, zumindestens nicht auf die unehrliche Art wie das Harley unterstellt.

Ich vermute sogar daß das Ergebnis nicht viel anders ausgefallen wäre wenn die Schweden das Grenzzyklen-Problem selbst gefunden hätten. Es wäre vermutlich ein Bugreport an die Entwicklertruppe ergangen, und es ist gut möglich daß der Fehler in ein paar Wochen korrigiert gewesen wäre ohne daß sich an der Qualitätseinstufung etwas hätte zu ändern brauchen. So ein Bug ist kein prinzipielles Problem der Kompressionstechnik und damit auch kein Grund zu spezieller Aufregung.

Trotzdem fanden damals viele "Profis" daß ihnen die Sache mit der Datenkompression etwas zu schnell ging und Richtungsentscheidungen gefällt wurden bevor man genug Erfahrung damit gesammelt hatte. Teilweise lag das sogar daran daß man bei diesen psychoakustischen Technologien so sehr auf Hörtests angewiesen war, und nicht stattdessen brauchbare Meßtechniken dafür zur Verfügung standen. Man versuchte folglich auch mit Hochdruck dahin zu kommen, die psychoakustischen Erkenntnisse die man in diesem Zusammenhang gewonnen hatte, in Meßverfahren umzusetzen mit denen man die Qualität solcher Codecs auch ohne dauernde aufwändige Blindtests halbwegs zuverlässig ermitteln konnte. Die Meinung man müsse das mit nichtblinden Hörtests tun hat keiner von der akademischen Seite ernsthaft vertreten, auch die nicht die sich kritisch mit Blindtests auseinander setzten.

Solche Feinheiten gehen an jemandem wie Harley vorbei, der bloß auf der Suche nach Textschnipseln ist die er für seine Propaganda einsetzen kann. Da reicht es, implizit vorauszusetzen ein Hörtest müsse vorhandene Effekte auch sicher detektieren. Wenn einem Blindtest dann ein Effekt durch die Lappen geht kann er demzufolge nichts getaugt haben. Bullshit. Kein Hörtest, egal ob blind oder nichtblind, kann das. Wenn er Blindtests mit diesem Argument abschießt kann er jeden nichtblinden Test mit dem gleichen Argument abschießen. Auf dieser Basis kann die Auseinandersetzung bloß ideologisch sein.

Seine rhetorische Frage "How is it possible that a single listener, using non-blind observational listening techniques, was able to discover—in less than ten minutes—a distortion that escaped the scrutiny of 60 expert listeners, 20,000 trials conducted over a two-year period, and elaborate “double-blind, triple-stimulus, hidden-reference” methodology, and sophisticated statistical analysis?"

hat also eine ganz einfache Antwort, und es ist nicht die welche er selbst anbietet. "Because he knew what to listen for."

Das ist die richtige Erklärung, und die Frage blind/nichtblind hat nichts damit zu tun, egal wie viel suggestive Sprache Harley auch immer zusammenkratzt um diese Erkenntnis lächerlich zu machen.

(Zu den verlinkten AES-Papieren tut mir leid daß sie nicht frei verfügbar sind. Daran kann ich nichts ändern, und es behindert natürlich jeden Versuch, sich anhand der Originaltexte schlau zu machen. Mit etwas Glück findet man manchmal im Internet kursierende Kopien der Artikel, woran im Normalfall die AES wenig Interesse hat -- verständlicherweise. Falls das scheitert bleibt nur der Gang in eine entsprechend sortierte Bibliothek, oder das Zahlen der Gebühr die die AES verlangt.)

Montag, 21. September 2009

Der Wahn und die Freundlichkeit

Das brennt mir jetzt dann doch auf der Seele, nachdem ich vor ein paar Wochen meinen bisher erfolgreichsten Blog-Beitrag verfaßt habe. Jedenfalls wenn man das am Kommentaraufkommen mißt.

Das Problem damit ist, daß dieser Erfolg auf einem Wahn zu beruhen scheint. Bevor ich aber diesen Aspekt näher beleuchte, will ich kurz beim Thema Freundlichkeit verweilen, weil nämlich in besagten Kommentaren immer wieder darauf verweisen wurde.

Ich persönlich schätze zwar in aller Regel die Aufrichtigkeit höher ein als die Freundlichkeit, und in diesem Blog vertrete ich sogar die Haltung, daß klare, zuweilen drastische Worte, illustrative Übertreibungen, und auch Bloßstellungen bei Mißständen erheblich wichtiger und auch wirkungsvoller sind als freundliche Unverbindlichkeit. Aber das soll nicht heißen daß ich mich selbst als unfreundlichen Menschen betrachten würde. Daß die Opfer meines Spottes das anders sehen liegt in der Natur der Sache und stört mich daher nicht besonders. Wenn man hinter die Maske der Menschen blicken will, die viele so gekonnt vor sich her tragen, dann muß man sie zuweilen in Ausnahmesituationen bringen, in denen ihre normalen Abwehrmechanismen fehlzünden. Oft genug bekommt man dann ein besseres weil authentischeres Bild vom Charakter seines Gegenüber.

Aber das kann man natürlich als unfreundliche, arrogante Haltung abtun. Ich habe mir daher einmal überlegt, wie es wohl wäre, wenn ich wirklich wie gefordert grundsätzlich freundlich wäre, egal was auch immer mir zugemutet wird. Ob ich das wirklich nervlich durchstehen würde sei noch dahin gestellt. Für den Moment soll es nur ein Gedankenexperiment sein.

Da ich Vorbilder habe fällt mir das nicht besonders schwer. Ich habe zum Beispiel schon öfter bewundert wie manche Diskussionsteilnehmer mit ähnlich technischem Hintergrund wie ich (also prinzipiell Kotzbrockengefährdet) eine fast mönchische Ruhe behalten können angesichts der übelsten Ignoranz. Uwe Mettmann oder Hubert Reith kommen mir da spontan in den Sinn. Bei Hubert ist es z.B. die Stereoplay-Verstärkertest-Diskussion, die als Beispiel her halten kann. Auch Uwe hatte dort ein kurzes Auftreten. Ich würde sagen, beide sind in Sachen Freundlichkeit nicht zu beanstanden. Dabei ging's in besagter Diskussion hoch her.

Wenn ich mich wirklich anstrengen würde dann könnte ich das, glaube ich, in den meisten Fällen auch schaffen. Es gibt diverse Fälle in denen ich mir redlich Mühe gegeben habe, obwohl ich die Zumutungen sehr schwer zu ertragen fand. Ein Beispiel, das mir noch immer in Erinnerung ist, ist die Diskussion über den Kabeltest im Studio-Magazin, an dem ja auch unser wackerer Sniper-Jäger teilgenommen hat. (Zum Glück hat er nicht auch noch an derDiskussion teil genommen, der Hifi-Tom war schon Zumutung genug). Da ging's mir wirklich um die Sache, ich fand auch ich habe maßvoll und freundlich argumentiert, habe es aber mit einem Diskussionsgegner zu tun gehabt der anscheinend bei Wahrung vordergründiger Freundlichkeit alles Menschenmögliche getan hat um mein Blut zum Überkochen zu bringen. Man kann bekanntlich auch ohne anstößige Wortwahl bis zum Anschlag unverschämt sein. Manche Leute schaffen das mit einer Unschuldmiene, die mich an Erich Mielke's berühmten Ausruf erinnert. Meine Freundlichkeit war daher zum Ende hin auch einer gewissen Erosion unterworfen. Ich gebe zu, da ist bei mir der Kotzbrocken dann doch wieder ein wenig zum Vorschein gekommen.

Die wenigen genannten Beispiele ließen sich mühelos vermehren, aber es zeigt sich schon so daß Freundlichkeit vor allem eines bewirkt: Daß man ins Leere läuft. Wer die Etikette einhält wird bei solchen Themen, in denen echte Konflikte lauern, einfach ignoriert. Jeder darf in freundlichem Ton seine Meinung sagen, die dann sogleich auf den Müllhaufen wandert.

Wenn bei einer Diskussion jeder Teilnehmer tatsächlich daran interessiert wäre, andere Standpunkte kennenzulernen. Wenn er daran interessiert wäre, einen Erkenntnisfortschritt zu erreichen. Wenn er gute Argumente wertschätzen würde. Ja, dann könnte bei einer freundlichen Diskussion tatsächlich etwas heraus kommen. Wenn nicht, dann stellt sich eher über kurz als über lang das Problem, wie man sein Gegenüber dazu bringen kann, seine Argumente überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, ohne daß man den tugendvollen Pfad der Freundlichkeit verläßt.

In den meisten Fällen kann man das natürlich nicht. Wenn sich jemand zum ignorant sein entschließt, dann verfolgt er ja damit einen Zweck, und der muß ihm noch nicht einmal bewußt sein. Der Zweck ist der, in der Diskussion zu bestehen ohne sich mit unbequemen und potenziell gefährlichen Argumenten herumschlagen zu müssen. Also Recht zu behalten ohne Recht zu haben. Dafür hat schon vor langer Zeit Schopenhauer die Methoden ausgebreitet, und die meisten Leute beherrschen sie instinktiv perfekt, ohne daß sie bei Schopenhauer in die Lehre hätten gehen müssen.

Am frustrierendsten sind in solchen Auseinandersetzungen Leute, die offensichtlich einer Wahnvorstellung oder einer fixen Idee unterliegen. Damit sind wir beim zweiten Thema dieses Beitrags. Zur Illustration will ich einmal versuchen, ob ich es fertig bringe, über ganz konkrete Wahnvorstellungen ganz konkreter Personen auf eine freundliche Weise zu schreiben. Die Betroffenen werden das nicht recht würdigen können, womit ich praktisch vorführen will wie man ein freundlicher Kotzbrocken sein kann, was beweist daß das Kriterium der Freundlichkeit für die Bewertung von Diskussionen und ihren Teilnehmern völlig am Problem vorbei geht.

Meine in aller Freundlichkeit vorgetragene These, die ich hier zu untermauern gedenke, ist die, daß einige der Kommentatoren aus meinem besagten Erfolgs-Beitrag, und zugleich diejenigen welche noch immer an David's Forum festhalten, von einer Wahnvorstellung oder fixen Idee geprägt sind, die sie daran hindert, abweichende Ansichten und Argumente auch nur zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn darüber nachzudenken. Wer mit der Diskussion nicht vertraut ist möge dort nachlesen.

Eine Wahnvorstellung zeichnet sich gerade dadurch aus daß die Betroffenen durch Nichts in der Welt davon abzubringen sind. Dabei können die Betroffenen in anderer Hinsicht völlig normal sein, bloß wenn's um ein bestimmtes Thema geht schlägt eine Blockade zu, die Andere schnell bemerken, man selber aber nicht. Wenn's dann um das kritische Thema geht reagieren die Betreffenden mit allen nur denkbaren Methoden, um nicht von ihrer fixen Idee abrücken oder sie in Frage stellen zu müssen. Der springende Punkt muß um jeden Preis vom Bewußtsein fern gehalten werden, was natürlich nur ein unbewußter Mechanismus schaffen kann.

Die einfachste Methode ist, Widersprüche gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Unter den Kommentaren zu meinem Blog-Beitrag sind etliche, bei denen das gut zu sehen ist. Selbst nach insistierenden und durchaus ins Unfreundliche gehenden Bekräftigungen schafft es gerade auch David, die springenden Punkte völlig zu ignorieren. Typische Reaktion der frustrierten Diskussionsgegner ist fassungsloses und verärgertes Staunen darüber, wie man angesichts derart deutlicher mehrfacher Klarstellungen den Kernpunkt der Kritik noch immer nicht sehen kann.

Je schwerer das Ignorieren fällt desto eher findet man die zweite Stufe, das aktive Ablenken von den springenden Punkten. Dazu gehört zum Beispiel der Versuch, sich tatsächliche oder vermeintliche Stilverletzungen seiner Diskussionsgegner zunutze zu machen. So kann man vom unbequemen Punkt, bei dem man in der Defensive ist, zur Offensive übergehen und einen Entlastungsangriff starten. Zur Not kann man das auch provozieren, indem man die erste Stufe der Ignoranz so penetrant fortsetzt bis jemand genervt genug ist um den Vorwand für den Entlastungsangriff zu liefern. Auch das kann man schön am Beispiel verfolgen, wenngleich man sich hier klar machen muß daß die Ignoranz eine Vorgeschichte hat die weit vor den Beginn der Diskussion in meinem Blog zurück reicht.

Daraus kann man ein schönes Spielchen machen. Wenn alle Beteiligten mitspielen und rechtzeitig durchschauen, daß der von der fixen Idee Getriebene die Diskussion in diesen Verlauf zwingen will, dann kann man die Eskalation zur zweiten Stufe hinauszuzögern versuchen, und ihn so zu immer größeren Zumutungen und Provokationen zu veranlassen. Das funktioniert in öffentlichen Diskussionen leider zu selten, denn irgend jemand findet sich meistens, der die Nerven verliert, bevor der Provokateur selber ausfällig wird.

Oft läuft diese zweite Stufe letztlich darauf hinaus daß der Betreffende einen Abgang macht, und er versucht den so hin zu kriegen daß er in seinem Selbstbild entweder als der Sieger, oder wenigstens als der "moralische" Sieger heraus kommt. Letzteres ist häufiger, und man stellt sich da üblicherweise als jemand dar der unverdient unter die Barbaren geraten ist, was gleich noch im Abgang eine letzte Provokation erlaubt, indem er sich als Höherstehender darstellt, der den Abgang deswegen macht weil er es "nicht nötig" hat, sich mit solchen Leuten abzugeben.

Überhaupt scheint ein Wahn gerne mit einem Gefühl der eigenen Überlegenheit einher zu gehen. Jedenfalls bietet das einen sehr einfachen Vorwand dafür, Kritik nicht zur Kenntnis zu nehmen. Mir ist in unzähligen Diskussionen dieses Muster begegnet, wo ein Diskussionsteilnehmer, der in argumentativen Schwierigkeiten war, aber unter gar keinen Umständen von seinen Vorstellungen ablassen konnte, sich dadurch aus der Affäre zog daß er seine eigene Überlegenheit durchblicken ließ. In Sachen Audiophilie heißt das meist: Ich höre besser, ich habe die bessere Einstellung zum Hobby, oder ich habe die bessere Anlage. Aber man trifft ebenso auch: Ich lebe schöner, ich bin genußfähiger, ich bin kultivierter, oder ich bin toleranter. Allesamt natürlich rein demonstrative Behauptungen, die nicht selten durchschaubar falsch oder gar im direkten Widerspruch zum gezeigten Verhalten sind, aber sie ermöglichen die Gesichtswahrung in den eigenen Augen, und die Aufrechterhaltung der fixen Idee.

Da der Wahn nur von den Anderen, nicht aber von einem selbst erkannt werden kann, könnte ich natürlich auch selber einen haben. Letztlich muß ich das Urteil darüber Euch überlassen. Ich finde, man erkennt einen Wahn am besten daran wie der Betreffende reagiert wenn man an den Grundfesten seiner wahnhaften Vorstellungen rüttelt. Wer einen Wahn verteidigt reagiert darauf auffällig ausweichend, schablonenhaft, reizbar und unsachlich. Man kriegt ein Gespür dafür. Anschauungsmaterial gibt's hier reichlich, wie ich meine.

Und man sieht, wie wenig einem dabei die Freundlichkeit nutzt. Letztlich wird sie nämlich als Vorwand und zur Ablenkung genutzt. Wer weiter kommen will, muß den Mut zur Konfrontation haben.

Womit wir wieder bei den Kotzbrocken sind.

Donnerstag, 17. September 2009

Über die klangliche Wirkung von Lob

Audiophile vergleichen bekanntlich gern das Musik Hören über ihre Anlage mit anderen sensorischen Genüssen. Gerade beim Wein bleibt man vergleichsweise gern hängen. Besonders wenn in diesem Zusammenhang noch das Blödwort "Lifestyle" fällt. Wenn man für den Moment einmal darüber hinweg sieht daß da oft die Parallele zwischen dem Wein und der Anlage gezogen wird, was eine unsinnige Assoziation ist - wenn schon dann ist die Parallele zum Wein die Musik, und die Anlage vielleicht mit der Karaffe oder dem Glas assoziierbar - dann kann man in der Tat ein paar Parallelen finden.

Beim Thema Blindtest zum Beispiel werden solche Parallelen immer wieder zum Diskussionsthema. Das Urteil professioneller Weinkritiker hat bekanntlich eine erhebliche Auswirkung auf den wirtschaftlichen Erfolg besonders der Oberliga der Weingüter. Was ein Robert Parker oder ein Hugh Johnson schreibt übersetzt sich ziemlich direkt in bare Münze oder eben fehlende bare Münze für die betroffenen Winzer. Bei so viel konzentrierter Macht keimt automatisch das Bedürfnis auf, Fakt von Phantasie, Irrtum und Betrug zu scheiden. Zum Einen hat schließlich der Leser der Weinkritiken ein Interesse daran daß die Urteile auf die Qualität des Weines zurückgehen, und nicht etwa auf die Bestechung des Kritikers durch den Winzer. Zum Anderen werden die "unterlegenen" Winzer kaum ein unfaires Ergebnis einfach so hinnehmen wollen, es hängt ja ihr wirtschaftlicher Erfolg daran. Also greift man zu Blindverkostungen.

Jetzt hören wir ja ad nauseam von den Audiophilen, wie furchtbar so ein Blindtest die sensorischen Fähigkeiten verkrüppelt. Wenn man sich vorstellt wie sehr eine solche Verblindung bei einem Parker oder Johnson zu Ergebnisschuldungsstreß führen muß, dann fängt man an solche Leute dafür zu bewundern daß sie überhaupt noch etwas schmecken. Wobei, ehrlich gesagt bin ich mir nicht so sicher ob deren Kritiken durch solche Blindverkostungen zustande kommen. Ich würde es mir allerdings wünschen, denn wenn ich die Alternative des Langzeittests bedenke dann macht mir der Gesundheitszustand der Kritiker Sorgen. Wenn es wirklich so ist daß man sich über einen Saint-Julien nur ein Urteil machen kann wenn man eine Kiste davon in einem mehrwöchigen Langzeittest verkostet hat, und wenn ich das auf die Gesamtzahl der Weingüter hochrechne, die man in einem Buch dieser Kritiker bewertet findet, dann stelle ich mir den Zustand ihrer Leber in den schwärzesten Farben vor. Da ist es ein schwacher Trost daß es schlimmere Tode gibt als über einem Glas Grand Cru einzuschlafen.

Vielleicht ist es ja aber auch viel einfacher. Einen Hinweis darauf bietet eine Studie der ETH Zürich, die letzten Monat vorgestellt wurde. Sie legt nahe daß das Geschmacksempfinden davon abhängt, welches Urteil man vorher vom betreffenden Wein hatte. Kurz gesagt gab es mehrere Gruppen von Versuchsteilnehmern, die alle den gleichen Wein verkosteten. Eine Gruppe erfuhr vor der Verkostung die Punktebewertung von Parker. Eine weitere Gruppe erfuhr eine gefälschte schlechtere Punktebewertung. Zwei weitere Gruppen erfuhren die entsprechenden Punkte erst nach der Verkostung, aber noch bevor sie ihr Urteil abgeben sollten. Es stellte sich heraus daß der Wein bedeutend besser schmeckte wenn man vor dem Verkosten die bessere Bewertung kannte. Der gleiche Wein schmeckt besser wenn man vorher in seinem Parker geschmökert hat. Umgekehrt wirkt's nicht, also wenn der Wein schon drin ist hilft das Lesen der Weinkritik nichts mehr.

Ich bin davon überzeugt daß man das auf die Situation der Audiophilen übertragen kann. Ich empfehle daher, vor dem Hören einer Tonkonserve, sich sowohl die STEREO-Testberichte aller Anlagen-Bestandteile durchzulesen, als auch die positivste Plattenkritik, die man finden kann. Der Hörgenuß wird unvergleichlich sein.

Sonntag, 30. August 2009

Brave New Hifi-Forum

Ich war ja schon immer etwas skeptisch wofür man allein im deutschsprachigen Raum eigentlich 137 verschiedene Audio-und Hifi-Foren* braucht. Schon die "Ausgründung" des damaligen "Hochalpinisten-Forums" von unserem allseits bekannten und beliebten Charly hat mein Kopfschütteln hervorgerufen, aber wenigstens kann ich es noch in gewissem Sinn nachvollziehen wenn man als wirklichkeitsfremde Sekte unter sich sein will. Das ist einfach weniger anstrengend.

Daher befremdet es mich auch nicht wirklich, daß ein paar solcher audiophiler Foren nebeneinander her existieren. Schließlich vertragen sich weder die Dogmen noch die Propheten der verschiedenen Sektenvarianten ohne Weiteres. Das kann man auch daran sehen daß solche Foren-Ausgründungen nicht automatisch dazu führen, daß innerhalb des neuen Mini-Forums dann eitel Sonnenschein und makellose Umgangsformen herrschen. Anfangs überwiegt noch das Wohlgefühl daß man den Sündenpfuhl hinter sich gelassen hat und nun unter Gleichgesinnten ist, aber bald zeigt sich daß Hirngespinste egozentrisch sind, und daß die Egos trotzdem Egos bleiben.

Was ich dagegen von Anfang an nicht recht verstanden hatte war die Gründung des österreichischen Hifi-Forums von David Messinger. Konkret gesagt war mir nicht klar welches Problem damit gelöst werden sollte. Zwar gabs allenthalben Kritik am deutschen Hifi-Forum, vor allem was die dort anzutreffenden Umgangsformen betraf. Ich habe das aber als Problem angesehen das mit dem Thema und der Situation in der Hifi-Szene zusammen hängt, und nicht dem Forum oder seiner Betreiber bzw. Administratoren anzulasten ist.

Die Konflikte, die in den Foren ausgetragen werden, sind schließlich Realität. Das kann man bedauern und die Symptome können einem über die Hutschnur gehen, aber gerade in einem Forum hat es keinen Sinn die Austragung der Konflikte unterbinden zu wollen, denn irgendwie werden sie doch ausgetragen, welche Schranken man auch immer anzulegen versucht. Der Vorteil des deutschen Hifi-Forums war und ist gerade, daß man die Konflikte und ihre Austragung dort weitgehend zuläßt, außer die Sache artet wirklich aus.

Das ist in meinen Augen die eindeutig überlegene, weil realitätsnähere Strategie, aber es gibt offenbar genug Hobbyköche die die Hitze in dieser Küche nicht vertragen, und sich eine kühlere Küche einrichten wollen.

Frustrierend, wenn einem dann trotzdem der Ofen explodiert.

Aber wie so oft wenn etwas nicht funktionieren will (Watzlawick läßt grüßen): Man muß sich eben nur mehr anstrengen, und eine größere Dosis derselben Medizin anwenden, irgendwann wird's schon gehen. Oder der Patient überlebt's nicht.

Letzteres sehe ich für Messingers Forum kommen.

Inzwischen ist es nämlich so weit gekommen daß er nicht bloß die Gegenwart des Forums in den Griff zu bekommen versucht, sondern sogar seine Vergangenheit. Das muß man schon mal in seiner ganzen Tragweite einsickern lassen: David versucht sein Forums-Ideal mit der Forums-Realität in Einklang zu bringen, indem er die Realität "korrigiert". Auch die schon vergangene Realität.

Daß dadurch ein paar reale (Web-) und gedankliche (Erinnerungs-) Links plötzlich ins Leere gehen ist da schon fast ein unbedeutendes Nebenproblem. Viel wichtiger ist die Nachricht die dadurch an die alten und neuen Teilnehmer des Forums gesendet wird: Leute, wenn Eure Beiträge bei mir nicht ins Bild passen dann zappe ich Euch weg.

Ich frage mich, welcher Besitzer eines funktionierenden Verstandes sich wohl unter solchen Vorzeichen noch an seinem Forum beteiligen soll. Wer kommt da noch in Frage? Servile Naturen, Parteigänger, und konfliktscheue Warmduscher. Habe ich noch jemanden vergessen?

Ich habe ja durchaus Sympathie mit David, denn viele seiner Ansichten decken sich mit meinen, gerade was die Zustände und Hirngespinste im Hifi- und besonders dem High-End-Sektor angeht. Aber eines ist im Lauf der Zeit immer offensichtlicher geworden: Die verschiedenen Rollen als Hifi-Händler, Hifi-Foren-Betreiber und Diskussionsteilnehmer in den Foren kann er nicht glaubwürdig auseinander halten, und für die unvermeidlichen Interessenkonflikte hat er augenscheinlich weder Gefühl noch Rezept.

Ich erwarte übrigens auch gar nicht daß jemand das kann. Ich wäre bei mir selber sehr skeptisch ob ich diese verschiedenen Hüte ohne Konflikt aufsetzen könnte. Ich habe auch wenig Lust mich so einem Balanceakt auszusetzen. Aber ich sehe wenigstens das Problem, das David offensichtlich heftiger denn je verdrängt.

Man kann nicht einfach so tun als könne man zugleich als Händler, als Moderator und als Diskutant auftreten, ohne daß sich das hin und wieder beißt. Es wird sich irgendwann beißen, und je mehr man sich immun dagegen wähnt desto mehr verarscht man sich selbst. Die Ursache der Probleme in so gut wie jedem Forum liegen nicht im Mangel an Umgangsformen, sondern in der Verdrängung. Verdrängung führt fast automatisch zu Eskalationen in der Diskussion. Je mehr einer sich weigert, den springenden Punkt zur Kenntnis zu nehmen, desto drastischer wird man es ihm vor Augen zu führen versuchen. Wer in so einer Situation zuerst den tugendvollen Pfad politisch korrekten Verhaltens verläßt, und damit an den Pranger gehört, ist eine müßige Frage, denn die Ursache sitzt woanders. Entsprechend sinnlos ist es auch das Problem durch Verhaltensregeln und Sittenpolizei in den Griff kriegen zu wollen.

David's Verhalten ist vor diesem Hintergrund in meinen Augen inzwischen zur Farce geworden. Das amokartige Löschen sogar der alten und abgeschlossenen Diskussionen, so häßlich sie auch gewesen sein mögen, zeigt deutlich daß es nicht mehr um Ehrlichkeit und freien Meinungsaustausch geht, sondern um den schönen Schein und die rechte Gesinnung. Darauf kann ich verzichten. Wenn's nach mir ginge könnte er unter diesem Vorzeichen den Stecker aus dem Forum ziehen. Es würde ihm nicht nur die damit verbundene Arbeit ersparen, sondern ihn auch von dem Interessenkonflikt befreien den er sich nicht eingestehen will.

* die Zahl ist meine gefühlte Schätzung ;-)

Samstag, 1. August 2009

NOS

NOS ist eine Abkürzung bei der einem gestandenen Audiophilen gleich doppelt der Mund wäßrig wird. Das liegt daran daß sie gleich zwei Bedeutungen hat:

New Old Stock ist die englische Bezeichnung für alte, ungebrauchte Lagerware von Bauteilen, die längst nicht mehr produziert werden. Ob man das "neuwertig" nennen kann darf bezweifelt werden, hängt aber jedenfalls von den Umständen der Lagerung ab. Begehrt sind bei Audiophilen jedenfalls NOS-Ware von Röhren und gelegentlich von Kondensatoren und Widerständen. Man meint zu wissen daß früher alles besser war und die Altware gegenüber neu produzierter Ware klangliche Vorzüge hat. In meinen Augen ist das Umgekehrte zwar wahrscheinlicher, aber ich bin ja auch kein Audiophiler...

Non-OverSampling ist dagegen die Bezeichnung für einen D/A-Wandler (engl. DAC), der auf ein Oversampling-Filter oder einen Upsampler verzichtet, und die Daten direkt ins Analoge wandelt. Zwanzig Jahre lang war dieses Verfahren "out", weil damit einige Nachteile verbunden sind, aber in den letzten Jahren haben es die Audiophilen, insbesondere die Low-Budget-Audiophilen, wiederentdeckt. Das ist nur konsequent, denn man kann kaum einen Bereich finden in dem man so einfach so viele Designfehler machen kann wie hier, womit man einen ganz "eigenen" Klang zustande bringt, den man in gewohnt audiophiler Euphorie beschwurbeln kann.

Kein Wunder daß daher als besonderes Schmankerl gern beide Bedeutungen miteinander kombiniert werden. Sei es indem man für den D/A-Wandler-Chip einen Typ nimmt der schon längst nicht mehr hergestellt wird, und man demzufolge alte Lagerware auftreiben muß. Sei es daß man dem D/A-Wandler eine Röhren-Ausgangsstufe verpaßt, für den natürlich auch wieder vorzugsweise Exemplare aus altem Lagerbestand verwendet werden. Ihr erkennt den gewohnten, konsequenten Kettengedanken in neuem Gewand.

Aber schon ohne Röhren ist das Design eines NOS-DAC ein Schaufenster für die herausragenden Fähigkeiten audiophiler Entwickler-Gurus. Genauer gesagt der Fähigkeiten im Ignorieren sämtlicher entsprechenden Grundlagen. Ein gefundenes Fressen für einen passionierten Lästerer wie mich. Mal sehen was wir da so alles im Katalog haben...

Wundervolle Beispiele solcher Unfähigkeit finden sich auf einer "heimischen" Webseite, die auch im Ausland großes Ansehen genießt, nämlich diese hier. Ähnliches im Geiste findet sich aber mühelos rund um die Welt von diversen Quellen, so daß ich Wert darauf lege nicht des selektiven "Dissens" einer bestimmten Person schuldig gemacht zu werden. Der Autor besagter Seite ist nur ein Beispiel und nicht einmal ein extremes.

Gucken wir uns mal den Schaltplan seines "Basismodells" an. Ein Empfänger-IC (IC1) decodiert das empfangene SPDIF-Signal, rekonstruiert einen Takt für den Wandler (mit einer eingebauten PLL-Schaltung, deren Schleifenfilter durch externe Bauteile R3/C3 dimensioniert werden kann) und schickt das Datensignal seriell zum eigentlichen D/A-Wandler (IC2). In der gezeigten Schalterstellung des Mode-Schalters ist das auch schon alles; nur wenn dieser 3-fach-Schalter geschlossen wird kommen IC3 und IC4 als alternative Taktquelle ins Spiel, womit wir uns später beschäftigen werden. Ohne diese zusätzliche Taktquelle haben wir es mit dem wohl einfachst-möglichen D/A-Wandler mit SPDIF-Eingang zu tun, und auch dieser bietet schon eine verblüffend reichhaltige Quelle von Designfehlern.
  • Fehlen einer vernünftigen I/V-Stufe. Der D/A-Wandler-Chip hat einen Stromausgang. Ein Gerät, das dem D/A-Wandler folgt, also z.B. ein Vollverstärker, hat einen Spannungseingang. Das paßt nicht zusammen, folglich muß man etwas unternehmen. Im vorliegenden Fall geschieht das auf die einfachst-mögliche Weise über einen Widerstand, nämlich über R4/R5. Der Audiophile mag solche Lösungen, weil keine Operationsverstärker oder Transistoren im Spiel sind, und toleriert allenfalls eine Röhre an dieser Stelle. Es ist aber eine dämliche Lösung, die eigentlich nur Nachteile hat. Zum Einen möchte der D/A-Wandler an seinem Ausgang möglichst eine virtuelle Masse "sehen", denn jeder Spannungshub am Ausgang führt prinzipbedingt zu potenziell höheren Verzerrungen. Der Lastwiderstand (bzw. die Lastimpedanz) sollte also möglichst klein, idealerweise Null sein. Dann ist aber auch die Ausgangsspannung klein bzw. Null, wenn man bloß einen Widerstand nimmt wie in dieser Schaltung. Viel besser ist eine aktive I/V-Schaltung, denn so kann man sowohl den Wandler "glücklich" machen als auch die gewünschte Ausgangsspannung erreichen. Zudem kann man so die Empfindlichkeit für kapazitive Lasten praktisch beseitigen, die sich sonst auf den Frequenzgang auswirken können (Kabeleffekte!). Eine aktive I/V-Wandlung, das bedeutet im einfachsten Fall einen Operationsverstärker. Der Nutzen wären geringere Verzerrungen.

    Ein einzelner TDA1543 bräuchte einen Lastwiderstand von um die 2 kOhm um eine halbwegs brauchbare Ausgangsspannung zu erreichen, und das wäre auch die Ausgangsimpedanz der Schaltung. Ziemlich hoch, wenngleich noch nicht außerhalb dessen was man bei anderen Geräten finden kann. Durch Parallelisieren von 8 Chips ergibt sich der 8-fache Strom, was einen entsprechend niedrigeren Lastwiderstand bei gleicher Spannung erlaubt, und wodurch sich das Rauschen ein bißchen ausmittelt. Diese Maßnahme hat also einen gewissen Nutzen.

  • Fehlen eines praxisgerechten Rekonstruktionsfilters. Der Entwickler scheint die Abtasttheorie nicht verstanden zu haben. Bei der D/A-Wandlung entstehen außer den gewünschten Frequenzen auch Spiegelfrequenzen, zu deren Unterdrückung man dem Wandler ein nicht umsonst so genanntes korrekt dimensioniertes Rekonstruktionsfilter nachschalten muß. Nachdem der Wandler ohne Oversampling auskommen muß, braucht man ein recht steiles analoges Tiefpaß-Filter am Ausgang des D/A-Wandlers. In der Praxis läuft das auf ein Filter fünfter oder höherer Ordnung hinaus, sonst ist der Übergang nicht steil genug. In unserem Beispiel fehlt das vollständig. Klar, so ein Filter wäre ohne verstärkende Bauteile nicht sinnvoll zu realisieren, und das bedeutet zusätzliche - igitt! - Operationsverstärker. Außerdem müßte man dafür was von Filterdesign verstehen, und das sieht mir bei diesem Entwickler nicht unbedingt danach aus.

  • Zweifelhafte Abblockung der Versorgungsspannungen. Der Entwickler scheint auf Black-Gate-Elkos zu stehen, das steigert ja auch die "street credibility" in audiophilen Kreisen, aber solche Kondensatoren haben viel zu niedrige Resonanzfrequenzen um für Digitalschaltungen im MHz-Bereich als Abblock-Kondensatoren zu taugen. Hier nimmt man Keramik, und zwar egal wie schlecht deren Ruf bei Audiophilen auch immer sein mag. (Hier zeigt sich schon eine Faustregel: Wenn etwas bei Audiophilen einen schlechten Ruf hat, dann muß es sich um etwas Sinnvolles handeln - diese Regel trifft erstaunlich oft zu).

  • Die Filter-Bauelemente für das PLL-Filter des CS8412 (R3/C3) sollten nicht zur positiven Versorgung gehen, sondern nach Masse. So steht's im Datenblatt und das ist normalerweise nicht umsonst so, wobei die Auswirkungen besonders bei zweifelhafter Abblockung auftreten und sich unter Anderem in mehr Jitter äußern dürften. Aber den hat der Entwickler ganz bestimmt nicht gemessen, auch wenn er viel darüber labert.
Aber gegen Jitter hat die Schaltung ja noch einen umschaltbaren zweiten Modus zu bieten, und da zeigt sich das ganze audiophile Genie. "Reclocking" nennt der Entwickler das, und es besteht darin, daß man den D/A-Wandler von einem eigenen Quarzoszillator taktet (IC3), was zur Erzeugung von einem Bittakt und einem Wort-Takt noch eine Teilerkette (IC4) nötig macht. In der Tat wird der eigene Oszillator sehr wahrscheinlich einen geringeren Jitter haben, aber durch die Tatsache daß seine Frequenz nicht synchronisiert ist mit der der Quelle, entsteht ein ernstes Problem, dessen sich der Entwickler völlig unbewußt zu sein scheint.

Nominell ist die Frequenz aus dem Taktoszillator die gleiche wie die aus einem CD-Spieler. Die Frequenz des Quarzoszillators wurde hier durchaus korrekt gewählt. Ohne Synchronisation allerdings muß man damit rechnen daß die Frequenzen nicht vollständig übereinstimmen, denn Oszillatoren haben Toleranzen. Eine für einen Quarzoszillator typische Toleranz wäre z.B. +/- 50 ppm. Der Oszillator könnte also für eine Million Taktzyklen bis zu 50 Zyklen zu schnell oder zu langsam sein. Das gilt für den Oszillator im CD-Spieler genauso wie für den Oszillator in dieser Schaltung hier. Umgerechnet auf die Abtastrate könnte es also dazu kommen daß der CD-Spieler den Wandler in weniger als einer halben Sekunde um einen Sample überholt (oder umgekehrt). Wenn die Toleranzen noch größer sind könnte es auch noch schneller gehen mit dem Überholen.

Diese Diskrepanz von einem Sample muß man irgendwie ausgleichen. Das geschieht im vorliegenden Fall im IC1, dem SPDIF-Empfänger. Und der macht sich das einfach: Er schmeißt ein überzähliges Sample einfach weg, oder wiederholt ein Sample wenn er mal eins zu wenig hat. Man nennt das Sample-Slip, und der Effekt ist ein Klick. Der geht vielleicht je nach Audiosignal auch mal unter, aber in manchen Situationen hört man ihn sehr gut. Der angeblich jitter-reduzierende Reclocking-Modus erzeugt also regelmäßige Clicks. Da wäre mir der Jitter doch noch lieber.

Mit Ausnahme der PLL-Filter-Bauteile hat der Entwickler bei seiner zweiten Version nichts dazu gelernt. War auch nicht wirklich zu erwarten...

Andere Variationen zu diesem Thema von Anderen beinhalten auch andere geniale Innovationen, besonders zum Thema Takt. So wird z.B. beim "Monica2" aus dieser Seite ein völlig anderer unabhängiger Takt (in diesem Fall 80MHz) benutzt, um die Signale zu "recklocken", die zum D/A-Wandler gehen. Das ist hier nicht dasselbe wie beim Reclocking des vorigen Beispiels, weil der Modus des SPDIF-Empfängers nicht umgeschaltet wird und keine Sample-Slips stattfinden. Dafür erreicht man mit diesem Kniff das genaue Gegenteil dessen was man zu erreichen vorgibt: Man fügt Jitter hinzu, und zwar ziemlich üblen.

Das kommt daher daß sich das Reclocking über Flipflops in dieser Konstellation auswirkt wie ein Mischer (in der nachrichtentechnischen Bedeutung, also nicht im Sinne von Mischpult). Das bedeutet es werden Summen- und Differenzfrequenzen zwischen dem 80MHz Signal und dem Takt der aus dem SPDIF-Empfänger kommt generiert. Davon entsteht eine ganze Batterie in regelmäßigen Abständen, und ein Teil davon landet fast zwangsläufig als Modulationsprodukt auch im Audiobereich. Es ist mit einem Wort ungefähr das Bescheuertste das einem einfallen kann. Ein beredtes Zeugnis davon daß der Entwickler weder eine Ahnung von nachrichtentechnischen Grundlagen haben kann, noch Zugriff auf vernünftige Meßmittel.

Reicht's Euch schon? Und dabei sind wir noch nicht einmal bei Röhren angekommen.

Bevor ich Euch weiter langweile kann ich noch erwähnen daß ich unter bestimmt einem halben Dutzend Webseiten zum Thema NOS-DAC, die ich so spontan beim Googeln gefunden habe, nicht eine einzige dabei war wo ich das Gefühl hatte daß der Entwickler auch nur einen Hauch einer Kompetenz für das hat was er da tut. Da mischt sich Wichtigtuerei insbesondere bei völlig irrelevanten Punkten mit kompletter Ignoranz bei den Dingen auf die's ankommt. Bauteilfetischismus ersetzt hier Sachverstand. Überflüssig zu sagen daß kaum einer mal eine glaubwürdige meßtechnische Untermauerung seiner Behauptungen versucht. Ersetzt wird das durch das übliche Geschwurbel.

So läßt man sich z.B. darüber aus welcher Widerstandstyp von welcher Firma für den Lastwiderstand des D/A-Wandlers benutzt werden sollte, diskutiert aber mit keinem einzigen Wort welche Nachteile damit verbunden sind hier "nur" einen Widerstand zu verwenden anstelle eines "richtigen" I/V-Wandlers. Keine Rede von Impedanzen, von Verzerrungen, von Kabel-Rückwirkungen, von Rauschpegeln oder von Aussteuerungsgrenzen. Dafür jede Menge Suggestion, z.B. die daß der Verzicht auf aktive Bauelemente so offensichtlich gut sein muß daß man da gar keine Begründung zu liefern braucht.

Wenn Ihr so etwas seht, rennt weg. Schnell und weit.

Montag, 20. Juli 2009

Nötig vs. Möglich

Mit schöner Regelmäßigkeit bricht die Audioindustrie eine neue Formatdiskussion vom Zaun. Das ist seit Jahrzehnten der Brauch. Es scheint dabei nicht so als würde man in irgend einer Form dazulernen.

Es gibt nur wenige Fälle die man hier uneingeschränkt als Erfolgsstory anführen kann. So wie ich das sehe kommen für den Titel eigentlich nur 4 Formate in den letzten 60 Jahren in Frage: Die Single (45 U/min), die LP, die Compact-Cassette und die CD. Die Liste der mehr oder weniger gescheiterten Formate ist um ein Vielfaches länger und ich versuche gar nicht erst sie aufzuschreiben. Mit der Blu-Ray Audio Disc ist man gerade dabei die Liste um einen weiteren Eintrag zu erweitern.

Das Problem ist daß man mit der Blu-Ray-Technologie einen Datenträger zur Verfügung hat, den man in möglicht viele Märkte drücken will, damit sich mit der Verbreitung auch die Stückzahlen steigern. Investitionen in Fertigungsanlagen und Entwicklungskosten wollen sich rentieren, aber da kann dann schon mal die Sicht des Konsumenten aus dem Blickfeld geraten der sich fragt was er von all dem hat. Und bei Licht betrachtet hat er davon bestürzend wenig.

Der Konsument will, platt ausgedrückt, seine Mucke abspielen können, und zwar mit möglichst wenig Komplikationen. Seit der Compact-Cassette ist er es auch gewohnt, Musik zu überspielen, und das wird man ihm kaum so einfach abgewöhnen können, aller Drohkulisse und technischen Trickserei zum Trotz. Nicht umsonst sind alle Versuche der Industrie, das zu verhindern - und es gibt nicht wenige davon - übel nach hinten losgegangen. Der Blu-Ray-Versuch ist nur der nächste in der Reihe, mit dem mal wieder ein Kopierschutzsystem etabliert werden soll, und der Konsument wittert ohnehin mittlerweile in jeder derartigen Neuerung einen Kopierschutz-Trick. Ich meine zurecht.

Um dem Konsumenten-Fisch das Zubeißen zu erleichtern muß man natürlich einen Wurm an den Haken hängen. Das war schon bei der SACD und der DVD-A so. In beiden Fällen bestand der in der möglich höheren Audioqualität und der Möglichkeit von Surround-Audio. Bei der Blu-Ray-Disc ist das im Grunde immer noch das Gleiche. Aber die Frage ist was das bringt.

Zu Surround:

Die Verfügbarkeit von Surround-fähigen Anlagen hat zwar im Zusammenhang mit Heimkino stark zugenommen, aber die adäquate Wiedergabe einer Film-Geräuschkulisse ist wohl doch nicht das Gleiche wie gescheite Musik-Wiedergabe, selbst wenn die so produziert sein sollte daß sie vom Surround-System profitiert, was gar nicht so häufig der Fall ist. Blöderweise muß der Konsument nämlich hier seine verfügbare Kohle auf 5 oder 6 oder gar mehr Lautsprecher aufteilen statt auf zwei, und angesichts der Tatsache daß guter Klang hauptsächlich an den Lautsprechern hängt bedeutet das nicht selten daß die dann gekauften Lautsprecher eben die schlechtern sind, und der resultierende Klang summa summarum ebenfalls schlechter. Dazu kommt noch daß bei Surround die besten Hörpositionen im Raum noch weiter eingeschränkt sind als bei Stereo, und daß man beim Aufstellen und Einmessen noch mehr falsch machen kann. Und das wo 80% oder mehr der Mucke immer noch in Stereo daher kommt. Für viele stellt daher der Schritt zu Surround eher einen klanglichen Rückschritt dar, und es gibt etliche Leute die ihre Heimkino-Anlage strikt getrennt von der Stereo-Anlage halten. Das sollte die Industrie eigentlich alarmieren, denn das heißt daß in den Augen der Konsumenten mit Surround etwas grundsätzlich faul ist.

Zudem, wenn man Surround flächendeckend in den Markt drücken will, dann muß man dafür sorgen daß auch die Radios damit arbeiten. Sonst muß man de facto erst wieder zwei Varianten produzieren, und man kann dem Kunden mit der Surround-Version den Mund nicht wäßrig machen bevor er das Produkt kauft. Gerade das Auto als ein Ort wo viel Radio gehört wird (und auch zukünftig werden wird) wäre dafür der ideale Ort, und da ist der Kopf des Hörers noch dazu in einer sehr vorhersehbaren Position. Aber wir wissen alle daß das nicht passiert ist. Und gerade wo DAB endlich in der Hinsicht erweitert wurde daß auch Surround möglich wird (wieder so ein Format-Desaster) muß man in Deutschland und vielen anderen Ländern sein Scheitern eingestehen. Ein Armuts-Zeugnis ersten Ranges.

Zur Audioqualität:

Die wird bei den Digitalmedien schon seit Jahr und Tag in Bits und Kilohertz gemessen, und man tut so als sei mehr auch automatisch besser. Bloß, wer mag das inzwischen noch glauben? Die Masche ist dermaßen abgegriffen daß das keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Und unabhängig davon was die Audiophilen alles hören gibt's bei Beidem einen Punkt an dem einfach genug ist. Mehr bringt keinen merkbaren Mehrwert. Das was hier nötig ist wurde mit der CD vor über 25 Jahren erreicht. Seither ist zwar viel mehr möglich geworden, die Fälle in denen es auch einen Unterschied macht sind aber so dünn gesät daß man getrost darauf pfeifen kann.

Es klingt provokativ, aber ja ich behaupte hier daß 44,1 kHz Abtastrate bei 16 bit genug ist. Genug für ein Distributionsmedium wie der CD oder auch der Verteilung über Internet. Ketzerei? Vorgestrigkeit? Ich behaupte nein, und hier kommt meine Begründung:

Wieviele Audioproduktionen kennt Ihr die von mehr Wortlänge als 16 bit oder von einer höheren Abtastrate als 44,1kHz tatsächlich profitieren würden? Welche Produktionen z.B. arbeiten wirklich mit Frequenzen jenseits von 16-20 kHz, die sowieso nur ein Teil der Kunden überhaupt wahrnimmt, und die in irgend einer Form relevant für das Hörerlebnis sind? Meine Schätzung ist Null. Wie viele Produktionen gibt es bei denen ein Rauschteppich bei -95 dBFS tatsächlich stört? Ich würde sagen ebenfalls Null.

Bei der Abtastrate kann ohnehin nur jemand anderer Meinung sein der glaubt daß man irgendwie auch Frequenzen hören kann die nach konventioneller Weisheit im Ultraschall-Bereich liegen. Solche Meinungen gibt's, aber der überzeugende Nachweis dafür fehlt bisher. Und selbst dann würde das noch nicht bedeuten daß es auch relevant für den Musikgenuß ist. Bei der LP ist es das schließlich auch nicht.

Und bei der Wortlänge muß man sich klar machen daß selbst wenn die Anlage so eingestellt ist daß der Rauschteppich an der menschlichen Hörschwelle liegt, das heißt gerade nicht mehr heraushörbar ist wenn es absolut kein Hintergrundgeräusch gibt, daß dann die meisten Scheiben immer noch lauter spielen als man es normalerweise im Wohnzimmer einstellen würde. Und Hintergrundgeräusch gibt's in der Praxis immer, und zwar mehr als man meist meint.

Eine typische "vernünftige" Abhörlautstärke beträgt vielleicht 83 dB-SPL, und das bedeutet daß man noch 12 dB Headroom für Pegelspitzen hätte. So ungefähr war die CD ursprünglich mal eingepegelt, bevor der Lautheitswahn zugeschlagen hat. Das heißt schon damals, ohne die heutige "harte" und superkomprimierte Aussteuerung hatte das Medium CD einen Rauschabstand, der besser als jede praktische Abhörsituation ist. Der Lautheitswahn hat uns Scheiben beschert, die weniger Headroom und damit mehr Rauschabstand haben, und da man kaum noch Dynamik hat kriegt man zudem vom Rauschabstand gar nichts mit, außer theoretisch in den Pausen zwischen zwei Titeln. Man hat also dazugewonnen wo man eh schon mehr als genug hatte, und weggeschmissen wovon die Musik lebt.

Mehr als 16 bit würde nur völlig überflüssigerweise noch mehr Rauschabstand bringen, aber am Dynamikproblem nicht die Bohne ändern. Die Produktionen würden genauso an die Wand gefahren wie heute, denn das Problem ist nicht das Format. Käme es nur auf den besten Klang an, dann könnte man CDs herstellen die nicht merklich anders oder gar schlechter klingen als eine SACD oder DVD-A oder meinetwegen Blu-Ray-Audio-Disc. Weil eben die CD reicht. Aber auf den besten Klang kommt es offensichtlich gar nicht an, wie man sieht.

Jetzt könnte man sagen, ok die CD ist für die Massen, während die SACD (oder DVD...) für die Audiophilen ist. Auch wenn es technisch nicht nötig wäre schafft man so die Zielgruppen-Unterscheidung über eine unterschiedliche Mastering-Philosophie für die verschiedenen Medien. Bei der CD die totkomprimierte Thrash-Produktion, die einen aus dem Lautsprecher anspringt, aber spätestens beim dritten Mal nervt, und bei der SACD die gemäßigte Version für das kritische Publikum. Partiell wurde das bei der SACD auch probiert, aber nicht konsequent durchgezogen, und es wäre auch dann noch zweifelhaft gewesen ob es funktioniert hätte. Der Wurm ist einfach zu verschrumpelt als daß er den Haken "Kopierschutz" hätte verstecken können. Der blöde Konsument hat sich als nicht blöd genug erwiesen. Und in einer halsabschneiderischen Branche kann man nicht wirklich den Produktions-Mehraufwand für eine zweischichtige SACD durchsetzen und durchhalten wenn der Aufwand eigentlich gar nicht nötig wäre. Zudem war man natürlich auch nicht bereit dem Kunden reinen Wein einzuschenken. Das Dilemma ist ja das man mit der Existenz einer SACD implizit zugibt daß die entsprechende CD dann die Schrottproduktion ist. Stattdessen log man was zusammen daß die CD eben nicht mehr Klang hergibt und es die SACD (wegen mehr Bit und mehr Frequenz) brauche um guten Klang zu ermöglichen. Bullshit.

Und kaum ist man mit dem Wundenlecken von letzten Desaster fertig bereitet man das nächste vor. Auf eine Blu-Ray-Scheibe passt mehr Audio als die allermeisten Bands in ihrer ganzen Existenz an Stücken zusammen bekommen. In absolut einwandfreier Qualität, die auch durch Datenverschwendung nicht merklich besser wird. Womit füllt man also den Platz? Mit Müll?

Und wie überzeugt man den Konsumenten das er einen Blu-Ray-Player zum Musikhören anschaffen soll, der zum Einlesen der Scheibe so lange braucht daß ein CD-Spieler schon das erste Lied abgespielt hätte?

Samstag, 11. Juli 2009

Audiophile Meme

Seit Richard Dawkins im Ruhestand ist kann er sich voll und ganz seinem Hobby widmen, nämlich den bornierten Religiösen gehörig auf die Nerven zu gehen. Nicht daß er damit bis zum Ruhestand gewartet hätte, sein Ruhm hat ihm auch schon davor recht große Freiheiten beschert, aber jetzt sind die Verpflichtungen ganz entfallen. Der Ruhm ist nicht unverdient, hat aber mit Religion nur indirekt etwas zu tun. Der Mann war eigentlich mal Biologe, genauer gesagt Zoologe, und sein Ruhm geht zu einem bedeutenden Teil auf ein Buch zurück das er schon vor über 30 Jahren veröffentlicht hat: "The selfish gene", auf Deutsch: "Das egoistische Gen". Eine durchaus bahnbrechende Arbeit, die bis heute lesenswert ist und nicht umsonst zu einem Bestseller wurde.

Sie wurde auch prompt mißverstanden, schon der Buchtitel wurde z.B. mißverstanden im Sinne von: "Das Gen, das egoistisch macht". Daß er genau das nicht meint hat er schon im Buch selber mehr als klar gemacht, aber seine Kritiker hindert das schon seit 30 Jahren nicht, Kritikpunkte vorzubringen die man sogar durch oberflächliches Lesen seiner Texte schon als unberechtigt erkennen könnte. In den meisten Fällen kommt solche Kritik aus der religiösen Ecke, und von daher wird verständlich warum der Mann unweigerlich zum zubeißenden Atheisten werden mußte. Wer 30 Jahre lang ständig Angriffen von Leuten ausgesetzt ist, die offenkundig noch nicht einmal die einfachsten seiner Argumentationspunkte verstanden haben, und ganz offensichtlich auch gar nicht verstehen wollen, der kann - je nachdem welches Temperament er hat - nur entweder in die Resignation abtauchen, oder das Feuer erwidern. Dawkins gehört nicht zu den Leuten die man einfach so beiseite pinkeln kann, demnach mußte er zu einem Vertreter der zweiten Kategorie werden.

Das soll aber nicht mein Thema hier sein. Mir geht's um den Inhalt seines erwähnten Buches. Der springende Punkt darin ist, daß die Gene die zentralen Figuren bei der Evolution sind, und nicht die Lebewesen. Vorher war die Vorstellung sehr verbreitet, durchaus auch in der Tradition Darwins, daß der evolutionäre Kampf um's Dasein, und damit das Überleben der Besten, sich auf die Lebewesen bezieht. Dawkins stellte das auf den Kopf und vertrat die Ansicht, daß die Lebewesen nur Mittel zum Zweck sind, und die eigentliche Konkurrenz zwischen den Genen stattfindet. Die Lebewesen konkurrieren nicht darum, ihre Gene weiterzugeben, sondern die Gene bilden Lebewesen als Vehikel zu ihrer Verbreitung. Wir alle sind bloß Mittel zu diesem Zweck.

Jetzt sind Gene nur tote Speicher von Information. Eiweißmoleküle ohne eigene Lebensfähigkeit, und damit auch ohne Willen, und ohne Fähigkeit zu handeln. Im Grunde können sie damit nicht wirklich "egoistisch" sein. Der Buchtitel ist damit zugegebenermaßen nicht nur irreführend sondern auch provokant. Aber er verkauft das Buch ganz gut, und die Erklärung bleibt Dawkins ja auch nicht schuldig. Der Egoismus der Gene ergibt sich letztlich daraus daß nur diejenigen Gene erfolgreich sind und sich verbreiten, die es schaffen möglichst effektive "Kopiermaschinen" zu bauen, also Lebewesen die für die Verbreitung der Gene sorgen. Die Sprache deutet hier geplantes und willentliches Vorgehen an, aber in Wirklichkeit basiert alles auf einem willenlosen Prozeß der Mutation und Selektion. Willenlos heißt nicht zufällig. Bei der Mutation wirkt zwar der Zufall mit, aber die Selektion gibt dem Ganzen eine Richtung.

Am ehesten versteht man das vielleicht wenn man sich Viren anschaut. Viren sind keine Lebewesen. Sie sind ein bißchen Erbgut, mit einer Verpackung die den Inhalt vor allzu leichter Zerstörung schützt. Eingewickelte Gene. Wie ein Buch mit einem schützenden Einband. Information, die darauf wartet, gelesen zu werden. Und nicht nur gelesen, nein, vor allem auch kopiert zu werden. Ein Buch das auf eine geeignete Kopiermaschine wartet. Eine geeignete Kopiermaschine, das ist ein Lebewesen das das Buch liest und dann quasi begeistert anfängt, Kopien in die Welt zu verteilen.

Wenn diese Kopierbegeisterung so heftig ist daß die sonstigen Lebensfunktionen ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden, dann spricht man davon daß das Lebewesen krank ist. Eine Virusinfektion. Die harmloseren Varianten führen bloß dazu daß das Lebewesen sich eine Zeitlang mit dem Kopieren beschäftigt und so lange seine sonstigen Funktionen vernachlässigt, aber nach einer Weile wieder zum Normalzustand zurückkehrt. So wie bei einer Erkältung. Die gefährlicheren Varianten führen dazu daß sich das Lebewesen beim Kopieren so verausgabt das es dabei kaputt geht. Wenn das zu schnell geht ist das auch für das Virus nicht gut, denn dadurch wird die Kopierleistung verringert.

Mutationen verändern die Information im Virus bzw. in seinen Genen gelegentlich, und wenn das auch meistens eher schlecht für das Virus ist, so kommt es doch auch manchmal vor daß dadurch das Virus sich leichter bzw. erfolgreicher kopiert. Daß das befallene Lebewesen umso begeisterter Kopien anfertigt, oder daß andere Lebewesen für diesen Zweck eingespannt werden bei denen man vorher keinen Erfolg hatte. Die Schweinegrippe fällt mir da ein.

(Mir ist übrigens durch den Kopf gegangen ob diese Form der Grippe wohl deswegen auf den Menschen übergesprungen ist weil der schweineähnlicher geworden ist. Ich habe das aber wieder verworfen weil es dann wahrscheinlich nicht in Mexico passiert wäre.)

Wenn man wie ich von Genen als Informationsträger spricht dann liegt der Gedanke nicht fern daß sich auch andere Informationsträger so verhalten könnten. In der Richtung hat auch Dawkins gedacht, und im gleichen Buch auch den Begriff des Mems eingeführt. Ähnlich wie Gene sind Meme Informations-Schnipsel, die Lebewesen dazu bringen diese Information zu vervielfältigen und zu verbreiten.

Ein guter Witz könnte dafür als Beispiel dienen. Er bringt die Leute dazu ihn weiter zu erzählen und für seine Verbreitung zu sorgen. Schlechte Witze kommen nicht weit, während gute Witze womöglich über Jahrzehnte kursieren. Schlecht und gut sind hier übrigens nicht im Sinne von "Niveau" oder "Geschmack" gemeint. Ein (im geschmacklichen Sinne) schlechter Witz kann sich durchaus sehr erfolgreich verbreiten, und im memetischen Sinn ist er damit ein guter Witz.

Der lustigste Witz der Welt von Monty Python ist in diesem Sinn kein so guter Witz, denn er bringt jeden um der ihn liest, bevor er eine Chance hat ihn weiter zu erzählen, aber er ist auch kein ganz schlechter Witz, denn er bringt immerhin das Militär dazu, ihn zu kopieren und zu verbreiten. Ein Mem kann demnach auch von "unkonventionellen" Verbreitungsmethoden profitieren. Seine Verbreitung wurde in diesem Fall nur dadurch gestoppt, daß plötzlich der Frieden ausbrach.

Man erkennt, daß ein Mem keinen besonderen Sinn zu haben braucht oder gar wahr sein muß. Es muß bloß genügend vielen Leuten als verbreitenswerte Information erscheinen, und es muß sich ohne zu große Verfälschung kopieren lassen. Das bringt uns nach dieser langen Einleitung endlich zu den Audiophilen. (Ihr habt schon drauf gewartet, nicht wahr?)

Viel von dem was Audiophile so als ihre "Erfahrungsberichte" verbreiten hat weder einen Sinn noch ist es wahr, aber es ist ein Mem, das offenbar gern verbreitet wird. Nach Jahrzehnten von Mutationen und Variationen haben sich inzwischen auch diejenigen Ausprägungen des Mems herauskristallisiert, die sich am erfolgreichsten verbreiten. Es dürfte nicht ganz zufällig sein daß es die Varianten sind die wegen ihrer Unsinnigkeit den größten Wiedererkennungswert haben (was der Verfälschung beim Kopieren entgegen wirkt, und gleichzeitig eine Gruppenidentität schaffen hilft), und die dem Ego der befallenen Personen schmeichelt (was sich günstig auf deren Bereitschaft zur Weiterverbreitung auswirkt).

Da die Krankheit in den allermeisten Fällen harmlos verläuft wird auch kaum einmal die Fähigkeit der Betroffenen zur Weiterverbreitung ernsthaft beeinträchtigt. Es kommt allerdings immer wieder vor daß aufgrund starker Verblendung deren Überzeugungskraft für noch nicht Befallene deutlich abnimmt. Das Phänomen wird daher weithin nicht als Krankheit aufgrund von Membefall wahrgenommen, schon gar nicht von den Betroffenen.

Hier schließt sich übrigens der Kreis auch zu der Religion, von der ich eingangs schrieb. In der uns allen bekannten christlichen Religion z.B. sind die gleichen Mechanismen am Werk. Auch hier haben sich die unsinnigeren Varianten wegen des größeren Wiedererkennungswertes, und wegen des Egos durchgesetzt. Eine sehr populäre Variante dieses Mems beinhaltet z.B. die Ansicht daß ein Gott sich in einer zweiten Erscheinungsform foltern und umbringen ließ um dadurch die Erlösung von Menschen zu bewirken die ohne diesen Gott diese Erlösung gar nicht nötig hätten, was aber nur funktioniert wenn diese Menschen daran und an die Jungfrauengeburt und an die Auferstehung und an die Verwandlung einer Oblate in einen Gott und an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben. Und daß die Welt mitsamt dem ganzen Universum um des Menschen Willen von eben diesem Gott geschaffen wurde. Man erkennt die typischen Elemente der Unsinnigkeit und des Ego-Schmeichelns hier mühelos. Kein Wunder daß die Befallenen die Verbreitung ihres Mems auch für unbedingt geboten halten.

Ich weiß nicht ob die Audiophilen als Studienobjekt von den Memetikern schon entdeckt worden sind, aber ich bin überzeugt daß sie in mancherlei Hinsicht gute Beispiele dafür abgeben würden. Gegenüber größeren Gruppen wie den Religionen würden sie den Vorteil einer größeren Übersichtlichkeit bieten, und mir scheint deswegen daß dieses Feld daher auch leichter zu überblicken und zu studieren wäre.

Sonntag, 5. Juli 2009

Mysterium CD

Wie alt warst Du als die CD auf den Markt kam? Das war 1982, ich hatte gerade mein Abitur. Etwa genauso alt ist der IBM-PC, von dem die heutigen PCs abstammen. Wenn man sich vor Augen führt welche Fortschritte gerade die Digitaltechnik seither gemacht hat, dann bekommt man ein Gefühl dafür welche Steinzeittechnik die CD aus der heutigen Sicht darstellt. Die Daten auf einer CD passen auf den Bruchteil eines Chips wie er in USB-Sticks oder SD-Kärtchen verbaut ist. Sie sind in wenigen Sekunden über ein Computernetzwerk übertragen. Ein CD-ROM-Laufwerk hat sie in ein paar Minuten ausgelesen, und das Hindernis für noch schnelleres Auslesen ist, daß man die Scheibe nicht noch schneller drehen lassen kann, weil man Unwucht und Zentrifugalkraft sonst nicht mehr beherrscht. Die Technologie ist in jeder Hinsicht überholt.

Genau genommen ist es eine enorme Leistung daß diese Technik so lange durchgehalten hat, und ihr Ende ist noch immer nicht abzusehen. Das ist die absolute Ausnahme, und nicht die Regel. Viele andere Technologien sind in der gleichen Zeit gekommen und wieder verschwunden. Irgend etwas hat man bei der CD richtig gemacht, auch wenn es allmählich so aussieht als würde das Internet ihren Tod einläuten.

Auf den ersten Blick erstaunlich ist es daher, daß es auch noch heute völlig unsinnige Vorstellungen darüber gibt wie die CD und der Abspielvorgang funktioniert. Erstaunlich für diejenigen, die die verqueren Gedankengänge eines High-Enders nicht nachvollziehen können. In Wirklichkeit ist es ganz normal daß ausgerechnet High-Ender mit dem Verständnis hier Probleme haben. Etwas so Erfolgreiches muß Probleme haben, das ist einem High-Ender instinktiv völlig klar. Entsprechend willkommen sind pseudorationale Erklärungen, die solche Bedenken untermauern.

Es ist folglich auch völlig aussichtslos, solche Bedenken mit technischen Erklärungen ausräumen zu wollen. Der High-Ender will die Bedenken nicht ausgeräumt haben, und er legt auch gar keinen Wert auf technisches Verständnis. In seinen Zweifeln schwelgen kann nur derjenige, der von keinerlei technischem Verständnis angekränkelt ist.

Bei der CD ranken sich die audiophilen Bedenken in erster Linie um zwei Themengebiete, und das seit Jahren ohne den geringsten Hauch eines Fortschritts:

Das erste Gebiet ist die Fehlerkorrektur. Dabei geht es um ein digitales Verfahren auf mathematischer Basis, ein Umstand der es dem High-Ender sehr leicht macht mit allen möglichen Vorurteilen daher zu kommen da er davon nichts versteht. Die verbreitete Vorstellung davon ist, daß diese Fehlerkorrektur richtig Arbeit ist, daß also der arme CD-Spieler umso mehr schuften muß je mehr Fehler zu korrigieren sind. Und wie das so ist bei überarbeiteten Leuten, je mehr Streß desto schlechter das Ergebnis. In den Augen des High-Enders sieht es also so aus als müsse man bei der Konstruktion des CD-Spielers bestrebt sein, dem armen Schwein die Arbeit so leicht wie möglich zu machen, indem man die Bits von der Scheibe quasi in Schönschrift ausliest, und so den gestreßten Fehlerkorrektor bei Laune hält.

Eine weitere Erleichterung für audiophile Hirngespinste ist es, daß es neben der Fehlerkorrektur noch ein weiteres nachgelagertes Verfahren gibt, die Interpolation bzw. Fehlerverschleierung, die der High-Ender mit der Fehlerkorrektur zu verwechseln pflegt. Das Geniale an der Interpolation ist, daß sie eigentlich gar nicht nötig wäre, weil sie sowieso nur selten in Aktion tritt und dann auch nur mit bescheidenem Nutzen, daß ihre bloße Existenz aber für das audiophile Gehirn wie ein Eingeständnis der Unvollkommenheit wirkt. In der audiophilen Vorstellung nimmt so nolens volens etwas, das nur als billiger Notnagel für absolute Ausnahmefälle gedacht war, eine zentrale Stellung ein, und man tut so als ginge es dabei um eine ständige Klangbedrohung.

Es wirkt sich hier zusätzlich verstärkend aus, daß man wohlweislich bei der Konstruktion eines CD-Spielers darauf verzichtet, dem Benutzer irgendwelche Möglichkeiten an die Hand zu geben, zu kontrollieren ob die Fehlerkorrektur nun ausgereicht hat oder ob die Interpolation bemüht werden mußte. Das eröffnet das gesamte Spielfeld für die Spekulation, und man kann sich wie immer darauf verlassen, daß der Audiophile keinerlei Anstalten machen würde, den Fakten auf den Grund zu gehen.

Dabei ist das Ganze im Grunde sehr einfach. So lange die Fehlerkorrektur nicht kapituliert, ist das Ergebnis eine 100%ig genaue Kopie des original aufgezeichneten Datenstroms auf der CD. Bit für Bit. Das ist der entscheidende Unterschied der Digitaltechnik zur Analogtechnik. Digitaltechnik erlaubt Fehlerkorrektur, und so lange sie funktioniert funktioniert sie ohne jeden Fehler. So wie 2 + 2 jedesmal 4 ergibt, außer man kann das Gekritzel nicht mehr lesen. Nur wenn die CD in einem zu miesen Zustand ist kommt es so weit daß die Fehlerkorrektur überfordert ist, und nur dann kommt die Interpolation als Notnagel ins Spiel. Es wäre auch nicht viel schlimmer wenn es keine Interpolation gäbe, denn viel ist damit nicht zu gewinnen. Es wurde nur implementiert weil es so gut wie nichts kostet.

Es ist auch nicht so daß das Fehler korrigieren anstrengend wäre für die Elektronik. Der Unterschied fällt gar nicht ins Gewicht, denn die Hauptarbeit ist das Erkennen von Fehlern, und nicht das Korrigieren. Wenn Fehler einmal erkannt sind ist es ein trivialer Schritt, sie zu korrigieren, so wie das Verfahren bei der CD ist. Und die Fehlererkennung muß ohnehin dauernd mitlaufen.

Diese Art der Fehlerkorrektur hat eine enorme wirtschaftliche Bedeutung, und die mathematische Theorie dahinter gehört zu den Teilen der Mathematik die von enormer praktischer Relevanz sind. Die CD ist da noch der kleinere Teil, viel bedeutender sind die Anwendungen bei Computer-Speichern, wo ein einziger Bitfehler wesentlich üblere Konsequenzen haben kann als bei der CD. Oder beim Datenfunk, einschließlich dem ins Weltall. Auch wenn man nichts davon versteht sollte man vielleicht anerkennen daß ein ganzer Haufen sehr intelligenter Leute ihre Zeit dafür investiert haben und es vielleicht etwas vermessen wäre ihre Ergebnisse summarisch in Zweifel zu ziehen.

Es ist übrigens gar nicht so schwierig zu kontrollieren ob ein CD-Spieler sich gezwungen sah die Interpolation zu bemühen, oder ob die Fehlerkorrektur ausgereicht hat. Zum Einen gibt es bei vielen CD-Spieler-Chips einen entsprechenden Anschluß, auf den man nach dem Entfernen des Gerätedeckels Zugang hat. Zum Anderen kommt diese Information in den allermeisten Fällen als sogenanntes V-Bit am SPDIF-Anschluß raus. Man braucht dafür nur einen passenden Decoder. Für den Laien und den High-Ender ein unüberwindliches Problem, aber für den talentierten Bastler oder den Profi kein ernsthaftes Hindernis. Im Ergebnis kann man sich vergewissern daß die Interpolation ein kraß überschätztes Problem ist.

Das zweite Gebiet der audiophilen Problemspekulation ist der Jitter. Auch hier ist es von großem Vorteil für die High-Ender wenn man keine Sachkenntnis hat. Wiederum ist es hier nämlich leicht, zwei völlig unterschiedliche Probleme miteinander zu verwechseln.

Jitter kann ich hier nicht halbwegs erschöpfend erklären, aber es möge genügen hier zu sagen daß es ein Problem sein kann bei der Wandlung der CD-Daten ins Analoge. Es ist daher wichtig den eigentlichen D/A-Wandler-Chip im CD-Spieler mit einem jitterarmen Takt zu versorgen. Eine audiophile Lieblingsvorstellung ist es dabei, daß das eine sehr schwierige Aufgabe sei, bei der so gut wie Alles im CD-Spieler im Weg ist und eine Rolle spielt, so daß man schon ein Nobelpreisträger sein muß um das gut hinzukriegen.

Mit der Realität hat das allerdings wenig zu tun. Im CD-Spieler ist das sogar recht einfach, denn man kann den Wandlertakt als Taktquelle für das restliche System einsetzen, braucht bloß eine einzige Taktfrequenz zu berücksichtigen, und kann den Taktgenerator in unmittelbarer Nähe des Wandlers unterbringen. Besser kann man's kaum haben. Wer unter diesen Umständen einen schlechten Taktgenerator zustande bringt kann unfähig genannt werden.

Daß man schon mal Probleme mit dem Netzteil kriegen kann, oder mit irgendwelchen Einflüssen aus anderen Schaltungsteilen, ist nicht ausgeschlossen, aber das ist das Brot des Schaltungsentwicklers. Wer darum ein zu großes Brimborium macht erregt nur den Verdacht daß für ihn Alles ein Problem wäre, auch das Triviale.

Ein zweites Feld für Jitter ist das Auslesen der Scheibe selbst. Hier verhindert zu viel Jitter daß man die Bits korrekt voneinander unterscheiden kann. Das spielt sich aber vor der Fehlerkorrektur ab, und das ist von entscheidender Bedeutung. So lange die Fehlerkorrektur damit fertig wird ist der Einfluß von Jitter bei der optischen Abtastung bedeutungslos. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Jitter bei der optischen Abtastung und dem Jitter am D/A-Wandler. Das sind zwei völlig verschiedene Baustellen.

Unter Audiophilen schließt man dagegen gern aus der Tatsache daß der gleiche Begriff "Jitter" benutzt wird darauf, daß es um das Gleiche ginge. So ist es aber nicht. Ein FIFO-Zwischenspeicher und eine am Füllstand orientierte Regelschleife sorgt für eine weitgehende Entkopplung zwischen diesen zwei Orten, an denen Jitter auftritt. Bei jedem CD-Spieler ist es so, denn das gehört zum Funktionsprinzip.

Genau genommen gibt es daher nur einen Anlaß, sich über den Jitter bei der optischen Abtastung Gedanken zu machen, wenn es Anzeichen dafür gibt daß die Fehlerkorrektur nicht mehr ausreicht. So lange sie ausreicht kann es um die Abtastung nicht zu schlecht bestellt sein, und eventuelle kleinere Unterschiede können sich nicht wirklich auf das Ergebnis der D/A-Wandlung auswirken. Insofern ist die Fehlerkorrektur eine Art Wasserscheide. Nur wenn sie versagt lohnen sich weitere Nachforschungen auf der Abtastseite.

Aber das ist zu einfach für Audiophile. Zu wenig Mysterium. Zu wenig Raum für geheimnisvolle klangschädliche Effekte. Besser ist es daher man weigert sich auch Jahrzehnte nach der Entwicklung der CD noch, ihr Funktionsprinzip zu verstehen.