Sonntag, 8. September 2013

Humpty Dumpty und die "Belief Perseverance"

„Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“ 
„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“
„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“ 
(Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln)
In der aktuellen Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung fand ich heute einen Artikel auf der Wissen-Seite mit dem Titel "Starrköpfe". Überflüssig zu sagen, daß ich mich sofort angesprochen fühlte. ;-)

Der Artikel bespricht einen Forschungsbeitrag eines Innsbrucker Forschers, der jüngst im Psychonomic Bulletin & Review erschien. Tobias Greitemeyer zeigt darin, daß viele Menschen auch dann noch an widerlegte Informationen glauben, wenn ihnen klar ist, daß sie falsch sind. Ja, das klingt nicht nur paradox, das ist es auch, weshalb die Süddeutsche extra betont: "Es ist wert das zu wiederholen: Selbst wenn jemand weiß und verstanden hat, dass eine Geschichte falsch und nichts als eine Lüge ist, neigt er dazu, trotzdem daran zu glauben."

Das ist für Aufklärer eine frustrierende Nachricht. Es reicht nicht, einen falschen Glauben zu widerlegen. Es reicht auch nicht, wenn der Betreffende kapiert hat, daß sein Glaube widerlegt ist. Er hört trotzdem nicht auf zu glauben. "Wenn der Mensch einmal an etwas glaubt, dann will er seine Haltung nur äußerst ungern aufgeben." Das Ganze heißt im englischen Fachbegriff "Belief Perseverance", also etwa "Glaubensbeharrlichkeit".

Offenbar hängt die Sache damit zusammen, wieviele Gründe man sich für die letztlich falsche Meinung zurecht gelegt hat. Diese Gründe brauchen gar nicht schlüssig zu sein, sie können sogar recht trübe sein, Hauptsache man hat sie für sich angenommen. Dann nutzt nicht mal der Nachweis, daß ein Ergebnis falsch ist, sondern es hilft laut Greitemeyer nur noch eines: "Man muss Argumente generieren, warum das (...) Ergebnis keinesfalls richtig sein kann."

Das heißt im Umkehrschluß, daß sich eine falsche Ansicht so lange hält, bis der Betreffende nicht nur kapiert hat, daß seine Meinung falsch ist, sondern auch daß sie unter keinen Umständen stimmen kann. Es reicht also nicht wenn man alle Beweise und Indizien für den Glauben zunichte macht, man muß darüberhinaus eine wasserdichte Beweiskette dagegen aufstellen, und zudem erreichen daß der Betreffende sie zur Kenntnis nimmt und auch kapiert.

Wer dagegen erreichen will, daß der Betreffende seinen Glauben behält, der braucht eigentlich nur für eines zu sorgen: Zweifel an der Wasserdichtigkeit des Gegenbeweises aufrecht zu erhalten. Den Rest erledigt die Glaubensbeharrlichkeit. Jede Verschwörungstheorie speist sich daraus.

Wer in den Hifi-Diskussionen schon so lange mitmischt wie ich, der wird keine Mühe haben, Beispiele für diese Sachlage zu finden. Mein in dieser Hinsicht frappierendstes Erlebnis (und es gibt einige starke Konkurrenten!) hatte ich Anfang 2011, als in meinem Blog-Thread im Hifi-Forum ein Streit wieder aufgeflammt ist, der sich um ein Blindtestangebot zum Thema Netzkabel drehte, welches "Franz" im Kommentarteil dieses Blogs machte (am 9. April 2010), nur um es dann wieder platzen zu lassen als er merkte, daß ich ihn beim Wort nehmen wollte, und der dann versuchte, mir die Sache in die Schuhe zu schieben. Dabei war nicht etwa Franz selbst derjenige, der mich am meisten frappiert hat, sondern "hifiaktiv" David Messinger, der mit dieser Diskussion zeigen wollte, wie unter anderem von mir "Andersdenkende diffamiert" werden. Stattdessen hat er er gezeigt, wie weit er zu gehen bereit ist um sich diese Meinung zu bewahren, und das habe ich in der krassen Form wirklich noch nicht erlebt gehabt.

David war bei der Kommentar-Diskussion im Blog mit dabei, und er hätte wissen müssen, daß ich die nachher so heiß umstrittene Vorbedingung einer Generalprobe von Anfang an gestellt hatte und keineswegs nachträglich auf's Tapet geracht hatte, wie er danach kategorisch behauptete. Das konnte man auch alles im Blog nachlesen, zudem gab's etliche Zeugen, und es wurde mehrfach in der Diskussion klargestellt. Trotzdem ließen sich weder Franz noch Charly noch David davon abbringen, zu behaupten ich hätte diese Bedingung nachträglich hervorgeholt. Charly ging so weit daß er nahelegte, ich hätte die Blogkommentare selbst nachträglich editiert, seine eigene Erinnerung sei anders. Und David weigerte sich sogar dann, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, als man ihm die Textpassagen ins Forum kopierte, damit er sie maximal bequem lesen konnte.

Das heißt es reichte nicht einmal die Aufstellung eines wasserdichten Beweiskette in Form von schriftlichen Originalzitaten, um den falschen Glauben zu überwinden, David weigerte sich einfach, das zur Kenntnis zu nehmen. Das ist die ultimative Verteidigung einer ansonsten unhaltbaren Position: Man verweigert die Kenntnisnahme der Fakten. Die eigene "Erinnerung" und die so liebgewonnene Überzeugung ist ohnehin überzeugender als alle Fakten es je sein können. Tobias Greitemeyer hätte damit bestimmt auch seine Freude gehabt.

David hat nach einigem hin-und-her dann tatsächlich seinen "Irrtum" anerkannt (in Beitrag #1653 als Reaktion auf meine #1651, beide lesenswert), aber man kann sich nicht sicher sein ob nicht seine "Erinnerung" irgendwann wieder die Oberhand bekommt. Das ist eben auch die Gefahr: Der liebgewonnene Glaube kann auch wieder zurückkommen. Zumal es durchaus passieren kann, daß sich das negative Erlebnis, derart "vorgeführt" zu werden, zu einer Rechtfertigung des ursprünglichen Glaubens wandelt. Ich habe also vielleicht die Testbedingungen nicht faktisch nachträglich verschärft, aber angesichts meiner generell empfundenen Niedertracht ist er davon überzeugt, daß ich dazu bereit und fähig gewesen wäre. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, daß man die Tatsache, daß ich es so hingekriegt habe, daß ich faktisch nicht niederträchtig war, als noch größere Niedertracht ansehen kann, weil es mir ja dadurch gelungen ist, meine Widersacher bloßzustellen. "Weil Du recht hast, stehe ich jetzt dumm da! Du Arschloch!", könnte er denken.

Wie geht man damit um?

Beim angegebenen Fall war die Sache wenigstens so, daß die Diskussion offen genug ablief, daß die Positionen klar sichtbar waren, und daß demzufolge Ausweichen nicht wirklich möglich war. Man kann zwar bezweifeln, daß der Betreffende daraus etwas gelernt hat, aber er kam nicht darum herum, seinen "Irrtum" öffentlich einzugestehen. In seinem eigenen Forum hätte es dafür keine Chance gegeben. Dort ist er Humpty Dumpty, er bestimmt was die Worte "freundlich", "sachlich", "Forenregel" usw. bedeuten. Dafür hat er die Macht. Was das in der Praxis bedeutet kann man im Hififorum.at sehen.

Für mich ergeben sich daraus mehrere Lehren:
  1. Wenn der Glaube stark genug ist, dann hilft gar nichts.
  2. Wer Glaubensbeharrlichkeit überwinden will, muß dem Gegenüber die Beschäftigung mit der Realität aufnötigen.
  3. Man kommt am besten gegen eine "Glaubensbeharrlichkeit" an, wenn man ausgeglichene Machtverhältnisse hat. Wer die Macht hat, braucht keine Fehler zuzugeben, muß nicht argumentieren, muß noch nicht einmal zuhören. Man kann ihn daher nicht dazu bringen, sich mit den Fakten zu beschäftigen.
  4. Öffentlichkeit neutralisiert Macht.


(Ich habe nach meiner Abmeldung im Hifi-Forum übrigens die Kommentare hier im Blog wieder erlaubt, allerdings diesmal nur für Leute mit Google-Konto.)

Kommentare :

kptools hat gesagt…

Hallo,

"Wer dagegen erreichen will, daß der Betreffende seinen Glauben behält, der braucht eigentlich nur für eines zu sorgen: Zweifel an der Wasserdichtigkeit des Gegenbeweises aufrecht zu erhalten. Den Rest erledigt die Glaubensbeharrlichkeit."

Ein perfektes Beispiel aus dem HiFi-Forum hierfür ist der User Jakob1863, der dieses Prinzip verstanden, verinnerlicht und zur Perfektion getrieben hat. Ein User, der sich als "Gewerblicher Teilnehmer" gekennzeichnet hat, um ganz bewusst und gezielt von diesem Passus der Nutzungsbedingungen des HiFi-Forum zu profitieren:

"Gewerbliche Teilnehmer wissen mehr über Audio-Produkte als die meisten Enthusiasten. HIFI-FORUM freut sich deshalb über ihre Teilnahme und schätzt Ihre Kompetenz. Bei vielen technischen Fragen wissen i.d.R. diejenigen am besten Bescheid, die entweder eng mit diesem Hobby verbunden sind oder damit ihren Lebensunterhalt verdienen."

Bisher habe ich aber keinerlei echtes Wissen bei diesem User feststellen können. Seine Beiträge verlieren sich ständig im Unkonkreten und Belanglosen, ganz nach oben zitiertem Motto. Zudem verstößt er -mit Duldung der Moderation- ganz klar gegen geltende Forenregeln, da er nicht bereit ist weiterführende Informationen zu seinem Gewerbe anzugeben. Was mir durchaus verständlich ist, wenn ich mir seinen bisherigen Beitrag zum Forum anschaue und dem sich daraus ergebenden Bild dieses Users. Mittlerweile überlese ich seine Beiträge daher komplett.


Grüsse aus OWL

kp

mind~flux hat gesagt…

Meiner Meinung nach fehlt noch eine Strategie. Und zwar das Weglächeln.

Weglächeln von Kritik, (unangenehmen) Fakten, Schieflagen etc. ist zurzeit sehr aktuell, höchst wirksam und man kann sich den Kopf dran abradieren. Je mehr man radiert, desto mehr kommt von anderen der Hinweis, wie unwichtig das doch alles sei.

Die Strategie ist irgendwie alternativlos.

pelmazo hat gesagt…

@kptools: Ich habe schon den Eindruck, daß Jakob1863 einiges "Wissen" über Audiotechnik besitzt, aber das bezieht sich augenscheinlich vorwiegend auf diverse Literaturstellen, auch aus wissenschaftlichen Publikationen, die in seinem Sinn interpretierbar sind.

Was ich wesentlich auffälliger, und zugegebenermaßen auch ziemlich clever finde, ist seine Argumentationsstrategie, die optimal auf die Zustände in Foren abgestimmt ist, wo der inhaltliche Faden sehr schwer nachzuverfolgen sein kann, besonders wenn es viele Diskussionsteilnehmer gibt.

Mir ist schon öfter passiert, daß ich einen erheblichen Aufwand betreiben mußte, um zusammenzusuchen, was er eigentlich an welcher Stelle wozu geschrieben hatte, um mir ein Bild von seinen tatsächlichen Inhaltsaussagen zu machen. Nur um dann festzustellen, daß nichts Greifbares dabei war, sondern lediglich vage Andeutungen.

Er schreibt auch keine zusammenhängenden Abhandlungen, weder in Foren noch in einem Blog, aus denen man eine Argumentation mal im Überblick haben könnte. Das Resultat ist, daß der Aufwand, sich mit seinen Beiträgen auseinander zu setzen, unverhältnismäßig hoch wird, und sich nur wenige Leute darauf einlassen, nur um dann festzustellen, daß man vom Hundertsten ins Tausendste mit ihm kommt, ohne daß irgend etwas klarer würde.

Da zeigt sich, daß jemand, der konkrete Aussagen macht, wesentlich leichter angreifbar ist, als jemand, der immer nur im Vagen und Unkonkreten bleibt, und der in Andeutungen redet. Diesen Pudding bekommt man nicht an die Wand genagelt.

Im Gegenzug kann man mit solchen Andeutungen aber sehr gut irgendwelche Eindrücke und Stimmungen hervorrufen, und wenn man damit den Glauben der Zielgruppe bedient, fühlt sich die auch ohne jegliche belastbare Fakten bestätigt.

@mind~flux: Das Weglächeln ist im Kern nichts Anderes als eine Machtdemonstration. "Sieh her", so scheint man sagen zu wollen, "Du kannst mich nicht dazu bringen, mich mit Deinen Argumenten auseinander zu setzen. Ich habe das einfach nicht nötig, so unbedeutend wie Du bist."

Valentin Hussong hat gesagt…

Gestern den Artikel gelesen und heute diese Studie im Feed: http://m.huffpost.com/us/entry/3932273

kptools hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
kptools hat gesagt…

Hallo,

vorab: Je öfter ich die Überschrift dieses Artikels lese, desto mehr habe ich das Bedürfnis das "s" und "v" im letzten Wort zu tauschen ;-).

Und weil es ein wenig zum Thema passt: Vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen in dem darüber berichtet wurde, daß in Esoterikerkreisen heftig diskutiert wird, daß die Strichcodes auf Lebensmittelverpackungen sich schädlich auf den Inhalt auswirken, weil die Linien "schlechte, negative Strahlung auffangen" und dann auf die Lebensmittel übertragen.

Aha. Man schluckt und nimmt es zur Kenntnis.

Dann fragt man sich, wie Jemand überhaupt auf so einen Schwachsinn kommt.

Waren es ein paar Witzbolde, die sich einfach einen Scherz erlaubt haben, der sich dann (wieder einmal) zum Selbstläufer entwickelt hat? Diese Möglichkeit ist mein Favorit, um den Geisteszustand der Menschheit nicht endgültig in Zweifel ziehen zu müssen.

Oder waren es schon die Snake-Oil-Dealer, die diese Geschichte ganz gezielt gestreut haben, denn natürlich gibt es bereits teuer verkaufte "Gegenmittel", die den postulierten Effekt nicht nur "aufhalten", sondern sogar "umkehren". Welch ein Wunder! Die "einfachste Lösung" für das frei erfundene Problem ist ein Stift, mit dem ein Querstrich durch den Strichcode gezogen wird (und natürlich weitere ominöse "Wundermittel").

Der Gau wären natürlich Menschen, die durch eigene "Erfahrung" sowie "Forschung" und entsprechend falsche Schlüsse tatsächlich an diesen Unsinn glauben und ihn weiterverbreiten.



Nach diesen Gedankengängen wollte ich eigentlich schon nicht mehr weiterlesen, doch dann hätte ich den für mich interessantesten Teil verpasst:

Es gab wohl tatsächlich Lebensmittelhersteller, die diesen Querstrich durch den Code bereits "ab Werk" als "präventive Maßnahme" aufgedruckt haben! Was ich sogar durchaus nachvollziehen kann, denn die werden sich einfach nur gedacht haben "Diesen (sicherlich nicht unerheblichen) Markt nehmen wir auch noch mit, zumal es uns ja nichts kostet". Welchen Schaden sie damit anrichten haben sie dabei wohl nicht bedacht. Denn für die Esos war dies natürlich der "endgültige" Beweis für ihre Spinnereien.

Nach Protest der "denkenden Restbevölkerung" haben aber wohl einige Hersteller zurückgerudert und den Querstrich wieder von den Verpackungen entfernt. Zu spät ist es jetzt aber wohl allemal.


Grüsse aus OWL

kp

mind~flux hat gesagt…

Wenn ich mir das mit Rotbäckchen-Saft anschaue komme ich auf den Gedanken, dass der "schlechte Energie abwehrende" Strich quer über den Barcode hauptsächlich nur solche Arten von Lebensmitteln betrifft. Die Nahrungsergänzungsindustrie, selbsternannten Ernährungsberater usw. wird die Panik von Esos wahrscheinlich freuen.

Ich bin inzwischen der Meinung, wer auf solchen Schmarrn reinfällt, hängt sowieso seinen eigenen Arsch zu hoch und der soll auch darauf reinfallen.

Es wird nur blöd, wenn Kinder von durchgeknallten Eltern mit solchem Eso-Müll drangsaliert werden. Für solche Leute kanns sein, dass ein Schokoriegel mit Cerelaladingsbums und mit Querstrich ein sinnvolles Lebensmittel wird.

Ähnliches findet man ja auch bei Audiophilen: Schrott wird bei ihnen gut, wenn man etwas aufs Gehäuse legt, um damit etwas zu bekämpfen, was in in ihrer kleinen Vorstellungswelt angeblich für schlechten Klang verantwortlich wäre.

Übrigens: Es gibt jetzt auch QRCodes für Grabsteine. Vlt. gibts in Zukunft auch Querstriche. Für bessere Auferstehung o.ä.

Unknown hat gesagt…

wenn ich mir hier so die kommentare anschau - eine bessere bestätigung des threadheaders gibts wohl nicht.
eigentlich nur "ja, ich habs auch schon immer gewusst" - und die ganz lustigen nutzen die gelegenheit, fröhliche rundumschläge anzubringen gegen alles, was nicht in ihr weltbild passt.
auch P. selbst - heute noch abfällig von "verschwörungstheorien" zu reden, wenn seit jahren sogar in den medien zu lesen und zu sehen ist, wie die theorien von der realität überholt werden....
les ich mir das hier durch, wird ein dünnpfiff durch den anderen ausgestauscht.
hauptsache, wir kriegen unsere meinung bestätigt - denn meistens ist es erfahrungsgemäß so, dass gerade diejenigen, die am wenigsten von der materie verstehen, am heftigsten "dagegen" sind.
nix gegen die technischen erläuterungen - sind sehr interessant.
hab ich mir auch durchgelesen, als ich noch glaubte, ein goldohr zu sein.
meinungen sind aber einfach nur meinungen.
gruß reinhard