Donnerstag, 8. Januar 2015

Der wörtliche und der ironische Verstand

Eigentlich will ich mich hier im Blog den Audiophilen und dem Hifi-Bereich widmen, aber manchmal bringen mich die Zeitläufte dazu, über diesen Tellerrand hinauszublicken, und mich mit anderen gesellschaftlichen Erscheinungen zu beschäftigen. Der Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo gestern mittag ist mal wieder so ein Fall.

Der vor wenigen Jahren verstorbene britisch/amerikanische Autor und Journalist Christopher Hitchens sprach wiederholt vom Gegensatz zwischen dem wörtlichen Verstand, und dem ironischen Verstand als dem Gegensatz, der letztlich dem religiösen Fundamentalismus zugrunde liege. "The literal mind does not understand the ironic mind, and sees it always as a source of danger." Bei diesem Hitchens-Zitat ging es um Salman Rushdie, und die vom islamischen geistlichen Oberhaupt und iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini 1989 ausgesprochenen Fatwa gegen Rushdie, die ihn dazu zwang, ein Jahrzehnt lang unter Polizeischutz im Untergrund zu leben. Wie wahrscheinlich jeder weiß ist diese Fatwa ein Mordbefehl an alle islamischen Gläubigen, und wie vielleicht nicht jeder weiß ist sie bis heute nicht zurückgenommen worden. Auf den Kopf von Rushdie sind nach wie vor mehrere Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Was das für das Leben nicht nur der betroffenen Person selbst, sondern auch seiner Familie und näheren Umgebung bedeutet, kann man in seinem biographischen Roman "Joseph Anton" nachlesen.

Nun mag man darüber streiten, ob und inwieweit so eine Fatwa für islamische Gläubige verbindlich ist oder nicht. Es dürfte niemanden überraschen, daß sich schon einmal Schiiten und Sunniten darüber uneins sind. Das spielt aber wenig Rolle, denn es reicht schon wenn sich ein kleiner Prozentsatz an Hardlinern daran hält. Man sollte erwarten, daß normal denkende Menschen so etwas kategorisch ablehnen - hier soll jemand ermordet werden, weil er einen Roman geschrieben hat. Aber wenn die Religion im Spiel ist, dann gibt es erfahrungsgemäß genügend Anhänger, deren mitmenschliche Empatie durch so eine Aufforderung komplett neutralisiert wird. Genug Leute jedenfalls, um jemanden in den Untergrund zu zwingen. Und in diesem Fall noch mehr: Rushdie's japanischer Übersetzer wurde ermordet. Sein norwegischer Übersetzer hat einen Anschlag schwer verletzt überlebt. Unruhen in mehreren Ländern der islamischen Welt forderten ingesamt um die 150 Tote. Auf diverse Buchläden wurden Anschläge verübt.

Bei den Satanischen Versen, wie auch jetzt bei Charlie Hebdo, und schon beim "Karikaturenstreit" um das dänische Blatt "Jyllands-Posten", geht es um Satire, im Falle von Rushdie sogar um eine recht milde Form davon, wie jeder bestätigen wird, der das Buch schon gelesen hat. Karikaturen wie Bücher sind geschrieben und gemeint für den ironischen Verstand. Nur wer Ironie versteht, und zu schätzen weiß, wird mit ihnen etwas anfangen können. Der "wörtliche Verstand" fühlt sich davon bedroht.

Diese grundsätzliche Antagonie findet man auch im Kleinen. Wer sich schon in kontroverse Debatten in Internetforen gestürzt hat, dem wird nicht verborgen geblieben sein, daß man mit Ironie-Smilies geradezu um sich werfen kann, und es gibt trotzdem Leser, denen die ironische Seite eines Beitrags völlig unzugänglich bleibt. Deren Antwort darauf legt bloß, daß sie alles wörtlich genommen haben. Und sie haben es nicht nur wörtlich genommen, sie haben es oft auch übel genommen und inszenieren eine Beleidigungsnummer.

Was diese Leute nicht verstehen, und wovor sie sich sogar fürchten, das werden sie sicher nicht wertschätzen. Würde man diesen Leuten nachgeben, man könnte fürderhin alles Ironische, jede Stichelei, jede Sottise, jeden Witz und jede Entlarvung vergessen. Mit anderen Worten: Jede geistige Unabhängigkeit und Freiheit. Wer nur noch Gedanken äußern darf, die niemanden aufregen, der darf nicht mehr frei denken. Die kulturelle Ödnis, die daraus erwachsen würde, möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Wer schon in totalitären Zuständen gelebt hat, der wird bestätigen können daß dort die Bedeutung von Ironie noch wächst. Ironie ist Subversion. Sie ist dort, wo der wörtliche Verstand herrscht, die einzige Möglichkeit, eine Idee in der zweiten Bedeutungsebene zu verstecken, in der Hoffnung daß sie von den Trägern der Macht und des wörtlichen Verstandes nicht dechiffriert wird, aber von den Adressaten, die mit ironischem Verstand begabt sind, sehr wohl verstanden wird. Ironie wird in totalitären Umständen zur Überlebensstrategie für Leute mit einem aktiven Verstand. Hitchens selbst illustriert das mit einer Anekdote aus den Zeiten des zweiten Weltkriegs, die ich hier frei nacherzähle:

Der britische Schriftsteller P. G. Wodehouse wurde bei der deutschen Invasion Frankreichs 1940 interniert, und er bekam schließlich den Auftrag, beim deutschen Rundfunk in Berlin englischsprachige Propagandasendungen für die USA zu machen, die damals noch nicht in den Krieg eingetreten waren. Goebbels' Propagandaministerium erhoffte sich offenbar einen Einfluß auf die öffentliche Meinung in den USA, die sie vom Kriegseintritt abhalten helfen könnte. Die erste Sendung begann Wodehouse mit den (von mir übersetzten) Worten:
"Junge Menschen am Beginn ihres Lebens fragen mich oft: 'Wie wird man ein Internierter?' Nun, da gibt es diverse Möglichkeiten. Meine eigene Methode war, eine Villa in Nordfrankreich zu erwerben, und darauf zu warten daß die deutsche Armee vorbei kam. Das ist wahrscheinlich der einfachste Plan. Du kaufst die Villa, und die deutsche Armee erledigt den Rest."
Hitchens fährt fort: Jemand - hoffentlich Goebbels selbst - müsse das wohl abgenickt haben, als eine Art Werbung für deutsche Aufgeschlossenheit. Das "Lustige" daran sei, daß Wodehouse nach seiner Rückkehr nach Großbritannien dafür Ärger ohne Ende wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen gekriegt hat. Und das von einer Nation die auf ihren Humor stolz ist.

Man sieht, daß diese Auseinandersetzung zwischen dem wörtlichen und dem ironischen Verstand überall stattfindet. Es ist keine Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Abendland, oder zwischen den Religionen. Der wörtliche Verstand ist in letzter Konsequenz totalitär, der ironische freiheitlich. Das ist die eigentliche Frontlinie in dieser Auseinandersetzung. Sie geht durch alle Gesellschaften, ob sie nun säkular oder religiös geprägt sind, und geht letztlich darum wie wir leben wollen. Die Frage ob Gott nun dreifaltig oder einfaltig oder einfältig ist, ob der Lieblingsprophet nun der letzte war oder der vorletzte oder ein falscher, ist demgegenüber ungefähr so wichtig wie die Frage, wieviele Engel auf eine Nadelspitze passen.

Das heißt daß die Satire, die Ironie, die Karikatur im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen. Direkt an der Frontlinie. Es handelt sich nicht um gelegentlich amüsante, gelegentlich ärgerliche Überflüssigkeiten, auf die man mit einem Achselzucken verzichten könnte ("na gut, wenn's zu viele Leute aufregt, dann lassen wir's eben, vielleicht haben sie ja Recht"). Wer sich den Spott abmontieren läßt, gibt Elemente der freiheitlichen Substanz auf, die für unser Leben zentral sind. Diesen Spott haben die Betonköpfe, Dummschwätzer, Humorlosen und Feiglinge in unseren eigenen Reihen ebenso nötig wie irgendwelche religiösen Wirrköpfe, denn wenn wir denen das Feld überlassen würden, dann käme ungefähr die gleiche geistige Wüste heraus. Ein gedeihliches Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften gelingt nicht dann, wenn man auf die spezifischen Empfindlichkeiten von allen Rücksicht nimmt, und sich innerlich selbst zensiert, sondern wenn man von niemandem die Empfindlichkeiten als sakrosankt akzeptiert.

Dazu wäre es äußerst hilfreich, wenn wir endlich Schluß machen würden mit der Idee, die religiösen Gefühle der Menschen verdienten besonderen Schutz. Ich wüßte wirklich nicht mit welchem Grund man da die religiösen Gefühle über irgendwelche anderen Gefühle stellt. Sollte dann nicht auch das Gerechtigkeitsgefühl besonders geschützt werden? Oder das Sicherheitsgefühl? Ich als Atheist habe zwar keine religiösen Gefühle, aber jede Menge anderer Gefühle, die aus meinem Empfinden genauso schützenswert wären, schon allein deswegen weil sie mindestens genauso "edel" sind. Wer von den Leuten, die sich so über angebliche Blasphemie aufregen, hat denn Hemmungen, wenn es darum geht auf den Gefühlen von Atheisten herumzutrampeln? Warum sagen wir es also nicht gerade heraus: Gefühle genießen in einer freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaft keinen Schutz, auch religiöse nicht. Das gehört so, weil es der unvermeidliche Nebeneffekt einer viel wichtigeren Sache ist: Die Freiheit der Meinungsäußerung.

Wenn wir religiöse Gefühle als schützenswert akzeptieren, dann werden, wie man in Anfängen schon jetzt sehen kann, alle möglichen Dinge, die uns völlig harmlos vorkommen, plötzlich als blasphemisch gebrandmarkt werden. Die religiösen Eiferer sind sehr schnell dabei, diesen Schutz, den sie einem Anderen nie zugestehen würden, für sich zu nutzen. Irgendwann wird die bloße Existenz von "Ungläubigen" schon als Provokation empfunden werden, vor der man sich schützen muß. Wir können nur verlieren, wenn wir dem nachgeben, denn es wird da keine Grenze geben.

Besonders ärgert mich dabei das Argument, die Karikaturisten, oder wer auch immer gerade Opfer dieser Eiferer wurde, seien für Ihr Schicksal selber verantwortlich, denn sie hätten ja gewußt mit wem oder was sie es zu tun haben, und demzufolge selbst heraufbeschworen, was ihnen nun widerfahren ist. Ein widerwärtiges Argument. Ja, die Leute wußten womit sie es zu tun haben. Gerade deswegen haben sie ihre satirische Feder gespitzt! Weil es nötig ist und in unser aller Interesse. Fast aller. Dieses "Selber Schuld" Argument ist nicht nur feige, sondern auch ignorant. Da werden die Träger des wörtlichen Verstandes über alle "Kulturgrenzen" hinweg zu Komplizen bei der Abschaffung der Ironie, und mit ihr des freien Geistes.

Ich kann dieses Thema nicht abschließen ohne auf diverse weitere Abstrusitäten und Verrenkungen hinzuweisen. Beispiel Innenminister de Maizière, der der SZ ein Interview gegeben hat, in dem er folgenden Satz gesprochen haben soll: "Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun." Ein Anschlag, der von den Tätern selbst mit der Verteidigung der Ehre des Islam und seines Propheten gerechtfertigt wurde, soll also mit dem Islam nichts zu tun haben. Das ehrenwerte Motiv dahinter ist natürlich, den Unterschied aufzuzeigen zwischen dem "normalen Islam" und seinen vielen friedlichen Anhängern auf der einen Seite, und den relativ wenigen islamistisch motivierten Dschihadisten auf der anderen Seite. So berechtigt das ist, so untauglich und dumm ist es, jeden Zusammenhang pauschal abzustreiten. Natürlich gibt es einen Zusammenhang, das ist offenkundig! Genauso gut könnte man abstreiten, daß es einen Zusammenhang zwischen der Hexenverbrennung und dem Christentum gegeben habe.

Was de Maizière da "terroristisch" nennt (in diesem Zusammenhang ausnahmsweise sogar mal zurecht), geht ganz offen zurück auf eine wörtliche Auslegung des Koran, der heiligen Schrift des Islam. Die Verlautbarungen der Täter hier wie in etlichen anderen solchen Fällen lassen da gar keine Zweifel zu. Das ist noch nicht einmal ein spezifisches Problem des Koran, denn die Bibel enthält ebenfalls diverse Stellen, mit denen sich solche Aktionen rechtfertigen lassen, wenn man sie wörtlich auslegt. Das ist auch keineswegs theoretisch, denn es gibt sehr viele geschichtliche Beispiele dafür, und es gibt auch in der Gegenwart durchaus größere Gruppen von Leuten, die dieses wörtliche Verständnis vertreten und durchzusetzen versuchen. Manche christliche Gruppierungen versuchen aktiv, die Zustände der Apokalypse herbeizuführen, um die Voraussetzungen für den "jüngsten Tag" zu schaffen. Und ähnlich gesinnte fundamentalistische Juden in Israel glauben, daß der Messias kommen würde, wenn sie nur endlich das gesamte heilige Land unter ihre Kontrolle gebracht und die Ungläubigen daraus vertrieben haben. Diese Leute sehnen den Weltuntergang herbei und wollen ihn auslösen helfen. Es gibt keinen Grund zu hoffen, sie meinten es nicht ernst.

Alle diese Wahnvorstellungen speisen sich aus dem, was ein wörtlicher Verstand aus dem Steinbruch der Motive aus den religiösen Büchern herausliest. Ein Verstand, der zur Ironie, zur Metapher, zur Kritik unfähig ist, und sie als Bedrohung empfindet. Die religiösen Schriften und Mythen liefern die Zutaten, aus denen die Fundamentalisten ihr giftiges Gebräu zubereiten. Da kann man nicht behaupten, das eine hätte nichts mit dem anderen zu tun.

Andere kochen aus der Not ihr eigenes Süppchen: Marine le Pen fordert nun ein Referendum über die Todesstrafe in Frankreich. Was für eine ekelerregende Verhöhnung der Opfer beim Charlie Hebdo das doch ist! Ich bin mir sicher daß gerade auch unter den Mitarbeitern dort und dem sozialen Umfeld niemand zu finden ist, der das befürworten würde, selbst im Angesicht des Verlustes. Die völlige Gewissenlosigkeit der Frau le Pen wird noch dadurch bekräftigt, daß die Todesstrafe gegen fundamentalistische Attentäter völlig wirkungslos wäre, weil die üblicherweise sowieso mit dem Leben abgeschlossen haben, und ihren Tod als Märtyrer sogar sehenden Auges herbeiführen! So blöd kann auch eine Frau le Pen nicht sein um das zu übersehen. Für einen Möchtegern-Märtyrer ist die Aussicht auf eine langjährige Haftstrafe sicher weitaus weniger attraktiv als ein schneller Tod. Dieser Appell an die niederen Instinkte des eigenen Wählervolks kann allenfalls die eigenen Wahlchancen zum Ziel haben, aber sicher nicht den Schutz der Bevölkerung vor Gewalttaten.

Wie man sieht ist die Satire dringender nötig denn je. Gegen alle Träger eines wörtlichen Verstandes und ihre Wasserträger, bei uns wie anderswo. Gegen de Maizière ebenso wie gegen le Pen, gegen islamistische Fundamentalisten genauso wie gegen jüdische oder christliche. Besonders gegen die religiös motivierten Fundamentalisten, denn die bringen im Moment die größten Probleme. Was sage ich: im Moment? Vermutlich die meiste Zeit der letzten paar tausend Jahre! Wir sollten bei all dem nicht vergessen: Wir leben immer noch in ausgesprochen guten Zeiten! Wir leben im Durchschnitt über 70 Jahre, wann hat es das je gegeben? Wir sollten das verteidigen so lange es geht, den freien Geist verteidigen, der das alles ermöglicht.

Hitchens sagt es am besten, zu dieser Zeit schon im Angesicht des eigenen Todes:
"Unsere Waffen sind der ironische Verstand gegen den wörtlichen: Der aufgeschlossene gegen den leichtgläubigen; das mutige Streben nach Wahrheit gegen die ängstlichen und unterwürfigen Kräfte, die unseren Nachforschungen Grenzen setzen wollen (und die sich nicht entblöden, zu behaupten wir hätten schon alle Wahrheit, die wir brauchen). Vielleicht vor allem anderen bejahen wir das Leben gegenüber den Todeskulten und dem Menschenopfer, und fürchten uns nicht vor dem unvermeidlichen Tod, sondern viel mehr vor einem menschlichen Leben, das eingeengt und verdreht ist durch das erbärmliche Bedürfnis nach stumpfsinnigen Lobgesängen, oder dem trostlosen Glauben daß die Naturgesetze unser Gejammer und unsere Beschwörungen erhören."

Kommentare :

pelmazo hat gesagt…

Zum Thema "Meinungsfreiheit" hat sich heute der katholische Papst geäußert:

"Die Meinungsfreiheit hat nach Ansicht von Papst Franziskus auch ihre Grenzen - vor allem, wenn sie religiöse Gefühle anderer verletzt. Jeder Mensch habe nicht nur die Freiheit, sondern auch die Pflicht, im Namen des Gemeinwohls seine Meinung zu sagen, sagte der Papst mit Bezug auf die Terroranschläge in Frankreich bei einer Pressekonferenz im Flugzeug auf dem Weg in die philippinische Hauptstadt Manila.

Man dürfe aber niemanden beleidigen oder in seinem Glauben herausfordern, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa den Papst weiter. „Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mutter beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen.“"


Daß die Meinungsfreiheit ihre Grenzen hat, das ist selbstverständlich. Man kann es nicht mit der Meinungsfreiheit rechtfertigen, wenn man außer der Beleidigung oder Herabsetzung eines Anderen oder einer Gruppe kein weiteres Ziel verfolgt. Das macht es umso wichtiger, hinzusehen was denn konkret den Unterschied machen soll zwischen einer Meinungsäußerung, die erlaubt ist, und einer die nicht mehr erlaubt ist. Da finde ich den Papst schon recht bemerkenswert, denn er hebt die Verletzung religiöser Gefühle über andere Faktoren, wenn es um die Grenzen der Meinungsfreiheit geht:

Die Meinungsfreiheit hat vor allem dann ihre Grenzen wenn sie religiöse Gefühle verletzt! Außerdem noch dann, wenn man die Mutter des Papstes beleidigt.

Heißt das jetzt, es wäre in Ordnung gewesen, wenn die Attentäter in Frankreich in die Redaktion des Charlie Hebdo eingedrungen wären, und die Redakteure und Zeichner mit Faustschlägen traktiert hätten? Wenn man Franziskus wörtlich nimmt, dann ja. Nur die Tötung im Namen Gottes ginge demnach zu weit. Ich bin aber im Zweifel ob er das ironisch gemeint haben kann, es wäre jedenfalls eine merkwürdige Idee von Ironie, die von wenigen verstanden würde.

Ich frage mich, ob ich wirklich zu einer kleinen Minderheit gehöre, wenn mir das die Haare zu Berge stehen läßt. Franziskus, das war voll daneben! Ich verstehe zwar warum ein katholisches Oberhaupt gegen Kritik am Glauben ist, aber das ist nicht im Namen des Gemeinwohls, sondern im eigenen Interesse. Ein bißchen mehr Ehrlichkeit wäre da schon angebracht, besonders für eine moralische Autoritätsperson.

In Wirklichkeit kann man den Glauben der anderen sehr wohl herausfordern, beleidigen und lächerlich machen. Das führen gerade auch die geistlichen Würdenträger immer wieder vor, der heilige Stuhl ist da ausdrücklich mit eingeschlossen.

pelmazo hat gesagt…

Ich habe versucht, herauszufinden, was Franzizkus genau gesagt hat. In einer italienischen Online-Zeitung habe ich es gefunden. Ich habe es über den Google-Übersetzer gelesen, weil ich kein Italienisch kann. Was ich daraus entnehme läßt mich daran zweifeln, daß Franziskus es so gemeint hat, daß die Meinungsfreiheit ihre Grenze vor allem bei den religiösen Gefühlen habe. Das scheint wohl der österreichische Redakteur so interpretiert zu haben. Einen Teil meiner Vorwürfe nehme ich daher zurück. Es bleibt aber die Frage der Faustschläge, die Franziskus sogar mehrfach ansprach, und als "normal" bezeichnete.

mindflux hat gesagt…

Wenn es einen liebenden Gott gibt der auf seine erschaffenen Vielfalt Stolz ist, ist er Atheist…

......oder die kleine Schwester vom allzeit gütigen FSM. :-)

Lieber Pelmazo, danke für deinen Artikel. Immer wieder eine Freude, deine klaren Worte zu lesen!

Im Gegensatz zu deiner Äußerung "ich habe keine religiöse Gefühle" nehme ich mir aus dem Do-It-Yourself-Baukasten (…) des Atheismus, dass ich als Atheist religiöse Gefühle kennengelernt habe und immer noch kenne. Ich denke, dass du das sogar auch so meintest.

Wobei ich “religiöse Gefühle” mit “Spielarten der Spiritualität” sehr breit übersetze, dennoch zwischen auftretenden Varianten differenzieren möchte. Ich schreibe das, weil ich der Überzeugung bin, religiöse Gefühle hatten einen Nutzen und war ein Geschenk der Evolution. Ohne sie und Bandbreite aller Gefühle wären menschliche Kulturleistungen, Fortschritt und Errungenschaften gar nicht möglich gewesen. Von daher würde ich sogar behaupten, ohne Spiritualität, religiöse Gefühle, demzufolge auch verbindliche Religionen, wäre kein vernünftiges Zusammenleben in der Vergangenheit möglich gewesen.

Wenn man das so akzeptieren kann, sich dem Gefühl "Religiosität" bewusster wird und kritisch hinterfragt, ebenso wie z. B. all die anderen negativen Gefühle mit dem man sich im Laufe des Lebens und Alltag plagt, muss man die Frage stellen, was Religiosität in der Neuzeit bringt? Was es taugt, wenn man mit diesem Gefühl und Glauben an diverse Allmächtige und ihre Propheten seinen Alltag gestaltet? Was es in der globalisierten Welt bedeutet, wenn man mit ihm argumentiert, hantiert und andere Menschen drangsaliert?

Trotz mancher Vorteile kommt mit dem religiösen Gefühl auch Gefahr. Insbesondere dann, wenn ein Glauben verbindlich gestaltet wird und andere Menschen einen anderen Glauben oder keinen Glauben haben und diese Gruppen aufeinander prallen. Der eigene Glauben muss immer der Bessere sein, sonst könnte man ihn problemlos mehrmals am Tag wechseln. Es macht keinen Sinn, wenn man den eigenen Glauben und damit die eigene Religion kritisch auseinandernehmen kann. Man muss die Kritik einfach wegglauben können. Es bedarf auch keiner Abwägung von objektiven Argumenten. Das Schlechte in der eigenen Religion kann man ausblenden, mindestens umdeuten. Und da man das durch subjektive Beliebigkeiten kann, kann man auch Gutes für Schlechtes missbrauchen. Mit Religiosität und Religion lassen sich ganze Ethnien dämonisieren und bei Bedarf sogar auslöschen - obwohl Religiosität auch Ehrfurcht vor Vielfalt beinhaltet.

Mit der beschleunigten Globalisierung steht das Gefühl der religiösen Zugehörigkeit jetzt mehr im Weg als es nützt. Mit dem angeborenen Gefühl "Angst vor Fremden", dessen gesteigerte Negativvariante “Fremdenfeindlichkeit" bis hin zu “Fremdenhass” wird Religion zum hochexplosiven Gebräu. Gegen den entstehenden Sud hilft auch keine Bildung mehr. Bildung kann zwar auch aus Religion entspringen bzw. durch Religionsvertreter vermittelt werden, aber was nützt jahrzehntelange Bildung, wenn der Verstand durch ein vermeintlich höheres Gefühl ausgeknipst wird? Hohe Vertreter von Religionen sind meist auch sehr gut gebildet. Schützt sie das etwa vor irrationalen Handlungen, welche sie zudem auch von anderen für ihre Arten des Glaubens verlangen? Befähigt sie ihre Bildung berechtigte Kritik an ihrem Glauben oder Religion ernstzunehmen oder nutzen sie sie, um ihren Glauben und Religion gegen Kritik von Außen zu immunisieren. Bildung wurde und wird so zur Quelle des Trennenden und somit auch zum Gehilfen des alltäglichen Irrsinns. Es reicht nicht, wenn man stur nach Bildung ruft, man muss auch festlegen, was die Inhalte sind.

mindflux hat gesagt…

Man wird das Gefühl “Religiosität” nicht abschaffen können. Was es mMn braucht ist, dass man sich mehr darüber bewusst wird, dass es nur ein Gefühl ist, für das es auch nach Tausenden von Jahren keinen äusseren Grund gibt. Wozu das Gefühl in der Lage ist und woher es kommt, was es nutzt(e) und wann es schadet. Falsch angewandt schafft es Menschlichkeit,mletztlich auch den Verstand und somit die Vernunft ab. Von daher ist es nicht unbedingt schädlich, wenn sich Religionsvertreter um verbindliche menschengerechte/re Normen bemühen - versuchen zu bändigen, anstatt Fundamentalismus zu befeuern. Gemäßigte Religionen sind allemal besser als die aus ihr gebackenen fundamentalisierten Versionen.

Nach meiner Überzeugung wird mit den sich auftuenden Widersprüchen auch keine der sog. Weltreligionen fertig. Sie rufen ständig Geister, die sie anschließend nicht mehr wegbeten können. Es berufen sich zwar alle große Weltreligionen auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder propagieren ähnliches, aber dadurch wird wiederum das Religionsgefühl verstärkt. Gemäßigte Kirchen erreichen ihre Gläubigen mit traditionellen Inhalten kaum noch. Bestehen sie auf Traditionen, vergrätzen sie kritische oder freidenkendere Gläubige. Sind sie zu locker, werden sie beliebig und erzeugen Vakuum. Schwache Naturen sehen darin Aufforderungen zur Maßlosigkeit und verlieren ihren Halt, welche sie bei fundamentaleren Varianten wieder finden. Natürlich basteln dann auch Fundamentalisten ihre Religionen zusammen und suchen für sich und ihre kruden Ideologien die am besten geeigneten Stellen raus. Im Prinzip sind die sichtbaren Extreme, hohe Anzahl von Kirchenaustritten und gleichzeitiger Zulauf zu fundamentalistischen Ablegern irgendwie auch Zeichen des Zerfalls der Religionen. Die erste Frage wird daher lauten, wie wir mit dem Gefühl Religiosität und dem Verlust von Gottheiten insgesamt umgehen sollen? Mit was stopfen wir das entstehende Vakuum zu?

Ein "äußerer" Grund für Terror kann in der Geschichte der westlichen Aggression in islamischen Gesellschaften gefunden werden. Es ist viel mehr unsere Außen- und Integrationspolitik anstatt unseren Freiheiten, die sie hassen. Wen wundert es noch wirklich, wenn vom ausgegrenzten Rand westlicher Gesellschaften, über und aus Kriegsgebieten ausgebildete Gotteskrieger für Allah, Gott und dem Propheten Tod und Verderben bringen und mit freudiger Erwartungen auf Jungfrauen ihren eigenen und den Tod von Unschuldigen zelebrieren? Ist es wirklich ein Anschlag auf westliche Presse- oder Meinungsfreiheit, oder eine Tat, die man auch als Folgen, einer komplett gescheiterten westlichen Realpolitik im Nahen Osten und daraus - als "innerer" Grund- versagende Integrationspolitik in der eigenen Hemisphäre bezeichnen sollte? Ist es wirklich ein Wunder, wenn junge Menschen, deren Selbstwert massiv mit Füßen getreten wird/wurde, durch Extreme Anerkennung finden? Das ist doch Grundprinzip für das Herausstellen der eigenen Person, um innerhalb einer harmonisierten Gemeinschaft wahrgenommen und eventuell Anerkennung zu finden. Dazu ist die Einhaltung einer für sie nichtssagenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht geeignet, weil sie durch die erlebten Tritte als das Übel wahrgenommen wird. Hinzu kommen politisch und gesellschaftlich Verantwortliche, welche an dieser Grundordnung vorbei regieren und hantieren. Wie will man Menschen, die sich an unterster Stelle einsortieren und einsortiert werden, Werte vermitteln, wenn diese Werte auch dazu missbraucht werden, um sie an diese Stelle drücken zu können?

Wahrscheinlich ists von allem etwas, aber ein kaum zu durchdringender Kreis.

mindflux hat gesagt…

Bei Pegidabewegungen finden wir doch im Kern auch nichts Neues. Wir Treffen auf eine Mauer aus Ablehnung gegenüber fortschrittlichem Denken, welches sich auf Vernunft und Erkenntnis stützt. Dumpfe Ideologien und der Anspruch die Wahrheit zu kennen, an der objektive Fakten nicht mehr rütteln dürfen - als Meinungen oder Lügen weggewischt werden. Auch hier findet man Reaktionen die aus Angst vor Fremden und Unverstandenem zurückzuführen sind. Pegidamärsche lassen den Schluss zu, dass eine komplexe Vermittlung der Willensbildung und Entscheidungsbildung nicht wirklich wertgeschätzt wird. Eindimensionale Weltbilder lassen einfache Feinde zu, auch wenn man damit selbst zum Feind der eigenen Kultur wird. Ein Ergebnis dieser zubetonierten Denke ist immer Ausgrenzung. Ausgrenzung bedeutet immer Chancenungleichheit für Ausgegrenzte. Wenn offensichtlich kein Grund für Andersartigkeit vorhanden ist, wird tief gegraben um vermeintlich Trennendes vorbringen zu können.

Gemeinsames Weihnachtslieder singen und beten mit Pegida, gemeinsames Kerzchen aufstellen von Kirchgänger für Opfer von Gewalt und Terror wird so auch zur Realsatire. Warum eigentlich keine “christlichen Kerzen” für die Tausenden von moslemischen Opfer durch IS, Boko Haram und Talibans? Schließlich sind es Muslime, welche von Wellen der absurden religiösen Gewalt am meisten betroffen sind. Warum keine Kerzen für die Millionen Opfer des Krieges gegen den Terror? Merkt man eigentlich, wie unsere westliche Arroganz gegenüber dem “Morgenland” wirkt? Der undifferenzierte Blick ins riesige Morgenland (meist nach Bedarf von Westafrika bis Asien…) mit akribischer Suche nach Extremen aus aller Welt, die Fingerzeige mit unserer angeblich überlegener Kultur und gleichzeitigen Ausblendungen von eigenen Defiziten ist bereits gelebter Rassismus. Geboren aus Arroganz, Intoleranz, Gleichgültigkeit und widerlicher Überheblichkeit, welche bis zu den Kreuzzügen zurückreicht. Man muss es sich als Westler vorstellen: Muslime werden zurzeit von vielen Seiten bedroht. Einerseits von Bürgerkriegen, Hunger, Wassermangel, Staats-Regimen, IS, Al-Quaida, Talibans und auf der anderen Seite durch Drohnen, welche von der westlichen Welt gesteuert werden, um angebliche Terroristen ohne Gerichtsverfahren hinzurichten. “Der Westen” schafft seine eigenen Werte gerade mit Mord, Totschlag und Folter an Schuldigen und besonders an Unschuldigen ab. Mit diesen Extremen will er das bekämpfen was er in der Vergangenheit an Extremen selbst erschaffen hat. Was wäre wenn vermeintliche Terroristen in der westlichen Welt mit Drohnen gejagt würden und man in Kauf nimmt, dass bei diesem “Verteidigungskampf” unzählige Unschuldige in die Luft gesprengt würden? Sind die Opfer des Krieges aus anderen Welten gegen den Terror weniger wert? Was für ein erbarmungsloser Rassismus steckt hinter solchen Entscheidungen? Sowas kann man nur legitimieren, befehlen und akzeptieren, wenn man ein krudes Menschenbild in sich trägt.

Was mich zurzeit an deutschen Politikern, diversen Religionsvertretern und einem Teil der Medienvertreter stört, ist ihre Vergewaltigung von "Je suis Charlie". Im Hinblick auf STGB 166 sind sie es eben nicht. Vertreter von christlichen Parteien, die diesen Paragraphen vor nicht allzu langer Zeit verschärfen wollten und Dummschwätzer aus der rechten Ecke, Pegidawanderer mit schwarzen Armbändchen sollten jetzt besser ihre verlogene Klappe halten. Ihr Geschwätz über Meinungsfreiheit, Meinungsfreiheit der Satire in der westlichen Welt ist unerträglich.

mindflux hat gesagt…

Man darf sicher nicht annehmen, dass DE-Medien sich über Kontrollgremien stellen, die mit diversen Vertretern von christlichen Religionen besetzt sind. Man wird lange nach der bissigen Satire ala Charlie Hebdo suchen können und eben nichts vergleichbares in DE finden. Die aus der Titanic skizzierte verpisste Kutte des Papstes war doch ein gutes Beispiel. Man frage mal Christen, Pegidawanderer und Abendlandretter ob sie diese Titanic-Satire für tolerierbar halten bzw. was sie tun würden, damit man das jederzeit in ihrer achso freiheitlichen Sphäre tun darf. Was sie dafür tun würden, damit man die Freiheit hat, um ihren imaginären Gott und dessen vermeintliches Söhnchen zu beleidigen. Ich denke nämlich nicht, dass Vertreter und Gläubige aus christlichen Religionen es gut finden würden, wenn man ihre “religiösen Gefühle” permanent massiv verletzt. Man stelle sich mal mit Flugblätter dieser Titanicaussgabe vor eine gut besuchte Kirche. Von sachlicher Diskussion bis Ohrfeigen alles drin, mindestens wird man zum öffentlichen Ärgernis. Da Charlie Hebdo nicht nur den Islam und den Propheten in den Kakao zog, sondern auch die restlichen montheistischen Religionen und ihre Vertreter, muss man davon ausgehen, dass es auch strenggläubige oder radikale Christen gibt, die gerne mit der Waffe in der Hand in der Redaktion vorstellig geworden wären oder insgeheim viel Verständnis für das blutige Attentat aufbringen.

Das gilt auch für religiöse Normalbürger, die sich damit zieren. Verwickelt man sie in Diskussionen über ihre Religion, widerfahren einem relativ schnell Gleichgültigkeit, Abneigung, Verleugnen von Vernunft, sogar bis hin zu offenem Hass. Zumindest wird man selbst zur Nervensäge oder Argumente aus Vernunft der Grund für öffentliches Ärgernis. Dies wird man bei allen Religionen, Sekten und Ersatzreligionen antreffen. Eigentlich immer wenn Menschen "Etwas" eint und man dieses "Etwas" ironisch oder mit Satire angreift.

Ich frage mich, wie man seine Religion und sein Glauben dem GG (freiheitlich-demokratische Ordnung?) unterordnen möchte, wenn man in allen Religionen Dinge findet, die dazu geeignet ist um mindestens Minderheiten zu benachteiligen oder auszugrenzen, oder Freiheiten einzuschränken. Wie wird man mit diesen sichtbaren Widersprüchen fertig und kann trotzdem behaupten, man würde das GG, Verfassung, Menschenrechte und Freiheit achten, wenn man gleichzeitig etwas Irrationales anbetet, welches diesen Werten massiv widerspricht? Warum wird diese Frage zurzeit nur an Moslems gestellt? Warum nicht den Piusbrüdern? Warum nicht den Zeugen Jehovas? Warum nicht Vertretern der religiösen Rechte aus der USA? Warum zieht man eigentlich diese Klientel nicht vor die Mikrophone und zeigt ihre Extreme? Schließlich zieht man zurzeit Muslime aller Art vors Mikro und unterscheidet nicht, ob der Typ der gerade ins Mikro plärrt, einen Stich im Hirn hat. Es finden sich doch sicher auch zweibeinige Vertreter aus westlicher Welt mit getrübtem Geist.

mindflux hat gesagt…

Da ist es wieder: Die "eigene Gruppe" bekommt mehr Wert und findet mehr Zusammenhalt, wenn sie sich auf ihre gemeinsame Basis besinnt oder einfach eine herbei stilisiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob in der "eigenen" Gruppe Fundamentalisten, Extremisten oder Integrierte sind - die integrierten Bevölkerungsgruppen kann man bei Bedarf durch falsche Werte, Normen und Darstellungen sehr leicht wieder ausgrenzen. Glaubt man nicht? Beispiele rassistischer Sprache: Man sollte Medienvertretern genauer zuhören, wenn sie über Straftaten berichten. Meist wird die exotischer empfundene Religion oder die Herkunft als Unterscheidungsmerkmal genutzt. Es heißt dann z.B. “25-jähriger Muslime hat in der Nacht…”. Warum heißt es dann nicht “25-jähriger Christ (Zeuge Jehovas, Buddhist, Atheist) hat in der Nacht”. Man muss es sich auf der Zungen zergehen lassen, wenn über “Deutsche” und “Moslems, die in DE leben” berichtet wird. Selbst gut gemeinte Berichte über problemloses Miteinander grenzen mit dieser trennenden Wortwahl aus und stärken den Dünnpfiff vom rechten Rand, als das sie deren Parolen als menschenverachtend und rassistisch entlarven würden. Mindestens erkennt man die Überhöhung von christlichen Religionen, welche man zu gerne als Leitkultur des Abendlandes missversteht. In DE leben mehr Konfessionslose, warum findet man die oder Atheisten nicht in öffentlich-medialen Diskussionen?

Vertreter christlicher Religionsgemeinschaften scheren sich meist einen Kehricht darum, weil sie sowieso der Meinung sind, ohne ihre Religion hätte es keine "westlichen Wertegemeinschaft" gegeben. Dass diese Werte gegen ihren Willen hart erkämpft wurden und z. T. noch erkämpft werden müssen, wird komplett ausgeblendet und geleugnet. Ebenso wird ausgeblendet, dass das Abendland in der Vergangenheit enorm von Einflüssen aus dem Islam profitierte. Sozusagen die erste wissenschaftliche Aufklärung ihren Ursprung daraus entwickelte, mindestens beschleunigte. Wenn man es auf die Spitze treibt, kann man durchaus zur Meinung kommen, dass die ersten Einflüsse aus der islamischen Welt, ihren eigenen Untergang durchs Abendland beschleunigte...

Ob man den Propheten karikieren soll (nicht "darf") weiß ich nicht, ich halts für uninteressant bis unnötig provokant. Interessanter wäre es vielleicht, wenn man (selbsternannte) Leithammel durch den Kakao zieht, die sich auf ihn berufen und für ihre menschenverachtenden Lebensvorstellungen missbrauchen. Ich bin -auch- der Meinung, dass sie auf falsche Ziele abziehlt, wenn diese pauschal bis diffus sind, weil sie nunmal Irrational sind. Einerseits muss bei der satirischen Entlarvung von Absurditäten alles erlaubt sein, indirekt davon Betroffene müssen das natürlich ertragen, aber sie stellt sich damit auch gleichzeitig über die Würde der Mehrzahl von Gläubigen, die tatsächlich nur ihr friedliches Leben leben möchten. Wird sie dadurch nicht auch unscharf bis sogar Extremistisch, wenn sie unablässig Dinge angreift, die zwar höchst Irrational sind, deswegen aber nur undifferenziert nutzbar sind? Päpste, Rabbiner, Imame etc. sind weltliche Personen, ihr Tun, ihre Lehren (ihre Leere...) und Wirken haben reale Auswirkungen. Gott, Jesus, der Heilige Geist und der Prophet können schließlich nichts für ihre hysterischen Fans und deren Extreme. Fussball wird ja nicht dadurch schlecht/er, weil irgendwelche Schwachköppe ihn für ihre Gewaltexzesse und Profitgier nutzen. Hierbei karikiert man ja auch nicht das runde Leder oder heiligen Rasen. Ich finde man macht es sich zu einfach und Satire verbraucht sich zu schnell, wenn man die friedliebenden Menschen unter ihnen dadurch mitkarikatiert, wenn man ihr persönliches Lebensmodell angreift. Hier schlagen einfach zwei liberale Herzen in meiner Brust. Ich glaube aber auch, mein innerer Zwiespalt muss so sein, ansonsten würde ich kaum über den Wert der Satire nachdenken. Wobei das meinerseits nur Kritik an einer (kommerziellen...) Facette von Satire ist, keineswegs Forderungen nach Verboten.

mindflux hat gesagt…

Satire kennt die islamische Welt schon lange und hat dort eine lange Tradition, dazu brauchts auch keine westliche Zeigefinger. Im Hinblick auf die dortigen Gefahren und z.T. drakonischen Strafen, mit denen Satiriker rechnen müssen, wäre es doch gut, wenn man sich mit ihnen global solidarisiert. Wären wir denn alle Youssef? Würden wir uns den entsprechenden Button aufs Hemd kleben, wenn wir unsere Heimat in Ägypten hätten?

Anschläge von westlichen Staatsorganen auf unsere Pressefreiheit gabs in der Vergangenheit genug, nur hörte man kaum Aufschreie. Legitimierte Anschläge aus Politik und Gesellschaft sind jedoch viel wirkungsvoller. Im Hinblick auf die, ziemlich sicher kommende, überdrehte Vorratsdatenspeicherung (ansatzlose Überwachung, also Generalverdacht für alle) kommt mir gerade wieder die Galle hoch.

Ins kleine Leben zurück... wir wissen, wie gut man mit bissiger Satire und Ironie Gruppen auf die Palme bringen kann. Weil notorische Satiriker bekanntlich immer Ärger machen, wissen wir auch, wie schnell sie oder ihre Stifte entsorgt werden. Von daher würde ich mir dreimal als Internetnutzerchen überlegen, ob ich mir den Slogan "Je suis Charlie” auf die Brust pappe. Ich kanns z. B. nicht, er ist mir nämlich zu gross, denn in diesem Szenario habe ich in der Vergangenheit nämlich versagt oder nicht genügend für Satire und Satiriker getan.

mindflux hat gesagt…
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mindflux hat gesagt…

(Oben hab ich mich verhauen. Es müsste "anlasslose Überwachung" und nicht "ansatzlose Überwachung" heißen)

Ich hab nach einem Synonym gesucht, welches das genauer fixiert, was ich mit obiger Beschreibung "westliche Arroganz gegenüber dem “Morgenland” und "undifferenzierte Blicke in islamisch Welten (von Westafrika bis Asien)" meinte. Der Artikel bringts mE gut auf den Punkt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eurozentrismus

Wenn man dazu noch die Artikel über "Kolonialismus" und "Rassismus" bemüht bzw. durchackert wird einem durchaus bewusst, wie wenig die "westliche Welt" über sich selbst wissen will. Die hingewichste Phrase "unsere christlich-jüdische Abendlandkultur" bekommt eine andere Bedeutung. Da diese Phrase auch von gebildeten Menschen benutzt wird, die ständig nach besserer Bildung rufen, muss man schon fragen, welche Un-Bildung hier gemeint ist.

pelmazo hat gesagt…

Da hast Du Dich ganz schön ins Zeug gelegt, und mehr Punkte angesprochen als ich würdigen kann. Ich denke wir sind uns bei vielen Punkten einig, daher brauche ich nicht viel dazu sagen.

Was die "Vergewaltigung von 'Ich bin Charlie'" angeht, muß ich aber nochmal nachlegen. Mir kommt da unweigerlich das bekannte Liebermann-Zitat in den Sinn. Was da schon unmittelbar nach dem Attentat, und in den folgenden Tagen, alles an unsäglichen Versuchen unternommen wurde, die Tragödie für die eigenen Ziele einzuspannen, sucht seinesgleichen. Ich habe meinen Artikel am Tag nach dem Attentat geschrieben, als die Attentäter noch am Leben und auf der Flucht waren. Der Schowdown kam erst am folgenden Tag, und damit auch die weiteren Todesopfer im koscheren Supermarkt. Trotzdem hatte es mit dem Mißbrauch bereits begonnen, wie ich im Artikel an den Beispielen von von Le Pen, und de Maizière ansprach. Das waren aber nur die noch bescheidenen Vorläufer einer Welle von unglaublichen Ausmaßen.

Le Pen hatte zum Glück wenig Erfolg mit ihrem Versuch, aus der Tragödie Kapital zu schlagen. Die Befürworter des Überwachungsstaats haben da leider bessere Chancen, und sie versuchen sie auch in aller Konsequenz zu nutzen. Wie das läuft hat man schon am Sonntag nach den Anschlägen, am Tag der großen Demo in Paris erahnen können. Wie bekannt kamen da auch eine große Zahl von führenden Politikern aus aller Welt, um sich bei einem "wir sind alle Charlie" Fototermin ablichten zu lassen. Es ist nicht überflüssig, sich anzusehen wer sich da alles in einer gesicherten Nebenstraße abseits der großen Demo hat ablichten lassen:

Erstes Beispiel: Der britische Premier Cameron. Wie der es mit der Pressefreiheit hält, hat sich schon im Zusammenhang mit der NSA-Affäre gezeigt. Seine Geheimdienste stellen in ihrer Sammelwut teils sogar die NSA noch in den Schatten, und seine Leute zwangen den Guardian dazu, eine Kopie der Snowden-Dokumente zu vernichten, die sich in London befand. Cameron ist dafür vor knapp einem Jahr von etlichen Seiten kritisiert worden, die die Pressefreiheit in Gefahr sahen. Und vor wenigen Tagen ist durchgesickert, daß Cameron die Unterstützung von Obama sucht, um Verschlüsselung im Internet zu verbieten, und damit jeden Rest von Privatsphäre und Vertraulichkeit komplett zu beseitigen. Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil dessen, was die Leute von Charlie Hebdo gewollt hätten. Cameron will keine freie Presse. Er will eine zahme Presse. Die Solidarität mit Charlie Hebdo ist reine Heuchelei.

Zweites Beispiel: Der türkische Premier Davutoglu. Muß man nach allem was in den letzten paar Jahren in der Türkei gerade in Sachen Freiheit der Meinungsäußerung und der Presse passiert ist, dazu noch irgend etwas sagen? Charlie Hebdo wäre in der heutigen Türkei völlig undenkbar, was man schon daran sieht, daß die Solidarität noch nicht einmal so weit gereicht hat, die Veröffentlichung der ersten Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag in der Türkei freizugeben. Wofür ist Davutoglu also in Paris gestanden?

Drittes Beipiel: Auch wenn Putin den guten Geschmack hatte, nicht dabei zu sein, so hat doch sein Außenminister Lawrov teilgenommen. Da reibt man sich ebenfalls die Augen: Freie Presse in Russland? Charlie Hebdo hätte dort ebenfalls keine Chance, die Zeichner und Redakteure wären längst hinter Gittern.

Viertes Beispiel: Angela Merkel und ihr Kabinett. Wie sattsam bekannt ist, gibt es in Frankreich die Vorratsdatenspeicherung, und sie hat den Anschlag nicht verhindert. Trotzdem sehen jetzt die Befürworter des Überwachungsstaates ihre Chance, sie hierzulande durchzusetzen. De Maizière arbeitet angeblich an einem entsprechenden Gesetz, obwohl die SPD eher für's Abwarten ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der man das als die Lösung in Sachen Terrorismus anpreist, ist schon dreist. Es ist gerade so als hätte man auf eine passende Gelegenheit gewartet, und sie mit Charlie Hebdo jetzt gefunden.

pelmazo hat gesagt…

Ich könnte noch lange weitermachen, aber diese Beispiele sollen reichen, um zu zeigen wie hier der Tod von Leuten gnadenlos für die eigene politische Zielsetzung ausgeschlachtet wird, ganz bewußt auch im totalen Gegensatz zu dem was die Anschlagsopfer vertreten haben. Leichenschändung wäre dagegen harmlos. Ich gebe zu daß ich, als ich die Fotos sah, kurz den Gedanken hatte: "Wo sind die Terroristen wenn man sie mal braucht?". So viel bösartige Heuchelei auf einem Haufen, dazu noch abgeschirmt in einer Nebenstraße, wann kommt so eine gute Gelegenheit wieder? Doch dann habe ich mich wieder erinnert daß ich eigentlich ein friedliebender Mensch sein will. Aber eigentlich sollte man den Terroristen dankbar sein für die Lektion; dafür, daß sie einem die Verlogenheit der "westlichen" Politik so prägnant vor Augen führen. Wie traurig, daß dafür immer die falschen Menschen sterben müssen.

mindflux hat gesagt…

„Wir haben viele neue Freunde gewonnen, wie etwa den Papst, Königin Elisabeth oder Wladimir Putin. Ich muss darüber lachen."

So der niederländische "Charlie Hebdo“-Zeichner Bernard "Willem“ Holtrop kritisch zu der Solidaritätswelle.

"Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freunde nennen“

Damit meint er mW solche Figuren wie Marine Le Pen, die sich vlt. sogar darüber freuen, wenn Islamisten um sich schießen.

Weils grad so lustig* ist:

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pegida-organisator-lutz-bachmann-will-gegen-titanic-vorgehen-a-1013357.html

(*entlarvend)

mindflux hat gesagt…

Weils grad passt...

https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2015/_01/_08/Petition_56759.html

"Text der Petition:
Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass die Strafvorschrift über Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsvereinigungen ersatzlos gestrichen wird."