Samstag, 30. Oktober 2010

Mißbrauchte Autoritäten

Wer als Vertreter der "technischen" Seite öfter in Diskussionen mit Subjektivisten verwickelt ist der kennt das: Das "wenn-Du-ein-richtiger-Wissenschaftler-wärst-dann-wärst-Du-bescheiden-und-wüßtest-daß-Du-falsch-liegen-kannst" Argument. Oder kürzer: "Galilei wurde vom Establishment damals auch abgelehnt - und er hatte trotzdem recht!".

Statt Galileo Galilei wird je nach Präferenz öfter auch Einstein benutzt. Andere Autoritäten fallen den Leuten selten ein.

Ein harmlos aussehendes Argument, das man sogar für geradezu selbstverständlich halten kann: Niemand kann sich anmaßen die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben, und Galilei wie Einstein haben gezeigt wie falsch sogar ein wissenschaftliches Establishment liegen kann.

Und doch gehört dieses Argument zu den ignorantesten, unverschämtesten und niederträchtigsten Argumenten in den Händen eines Subjektivisten. Jedenfalls ist das meine Meinung. Ein Argument mit dem sich ein Diskussionsteilnehmer auf der Stelle selbst disqualifiziert.

Vielleicht sehe ich das deswegen so "unentspannt" weil ich besagte "Autoritäten" sehr schätze und mich ärgert wie diese bewundernswerten Leute für Ziele mißbraucht werden mit denen sie mit Sicherheit nicht einverstanden gewesen wären. Und das von Leuten die in aller Regel keinen Schimmer davon haben worin die Leistung dieser Wissenschaftler tatsächlich bestanden hat (und worin eben nicht!). Wenn diese Leute nicht im Grabe rotieren, dann deswegen weil sie längst Lagerschaden haben.

Aber hier meine Tirade gegen diese Frechheit:
  • Da weiß Einer ganz offensichtlich von der in Frage stehenden Wissenschaft genau Null, aber daß seine eigene Wahrnehmung das Potential hat, diese Wissenschaft zu revolutionieren, daran glaubt er offenbar fest. Nur zum Vergleich: Galilei und Einstein kannten die damals etablierten Erklärungen und Denkmodelle genau. Die Subjektivisten haben von den von ihnen kritisierten Theorien keine Ahnung.
  • Der Diskussionsgegner soll sich gefälligst seiner Fehlbarkeit bewußt werden, aber daß die ganze Prämisse falsch sein könnte, mit der der Subjektivist seine Wahrnehmung für bedeutend erklärt, das darf nicht gesagt werden. Wo ist da also die Fehlbarkeit des Subjektivisten geblieben?
  • Das ganze Argument kommt meist zu einer Zeit in der schon aus dem Diskussionsverlauf klar wird daß es um einen pauschalen Maulkorb für den "Techniker" gehen soll. Demnach macht man sich auch gar keine Mühe ihm konkret nachzuweisen wo und warum seine Ansichten unangebracht oder zu selbstsicher sind, sondern es geht um ein pauschales Argument gegen das Selbstbewußtsein im Ganzen. Als solches ist es natürlich absurd: Niemand stellt immer alles in Zweifel, schon gar kein Wissenschaftler. So etwas würde jede konstruktive Arbeit und in der Tat das ganze Leben unmöglich machen. Man geht immer von einer Grundlage aus die man (vorläufig) nicht bezweifelt, auch und gerade die Subjektivisten tun das.
  • Weder Einstein noch Galilei hätten gutgeheißen wenn sie für etwas in Anspruch genommen werden was ihrer eigenen Grundhaltung diametral entgegen steht. Beide haben große Stücke auf die Mathematik als Grundlage der Naturerkenntnis gehalten, und hätten mit Sicherheit nicht ihre eigene Wahrnehmung als Maß der Dinge ausgegeben. Schon Galilei hat in Form des Fernrohrs ein Instrument als "Wahrnehmungsverstärker" benutzt, und hat generell geradezu Pionierarbeit darin geleistet wie man auf der Grundlage mathematischer Theorie Instrumente konstruiert, die einem bei der Naturerkenntnis helfen können. Und bei Einstein ist vollends klar daß die Wahrnehmung beim Begreifen der natürlichen Erscheinungen eher hinderlich ist. Seine Relativitätstheorie und noch mehr die Quantentheorie sind ja geradezu das Gegenteil von "anschaulich" und wären mit absoluter Sicherheit nicht von jemandem gefunden worden der die Wahrnehmung obenan stellt. Einstein ist zudem ein geradezu klassisches Beispiel für einen "Theoretiker". Ihn als Kronzeugen für eine subjektivistische Sichtweise heranzuziehen ist ganz besonders absurd.
  • Die Tatsache daß es ein paar Beispiele in der Vergangenheit gibt wo ein "Außenseiter" tatsächlich recht hatte und das "Establishment" unrecht, ist noch lange kein Argument dafür daß man jeden Außenseiter ernst nehmen müßte. Von 1000 solchen Außenseitern ist bestimmt weniger als einer auch nur einen Pfifferling wert, was seine Ansichten angeht. Ab und zu mag ein Spinner genial sein. Im Allgemeinen ist er einfach ein Spinner. Wenn einer mal kein Spinner ist, und wirklich die besseren Argumente auf seiner Seite hat, dann setzt er sich auch am Ende durch. Galilei und Einstein sind beide dafür ein Beispiel, allen Anfechtungen zum Trotz.
Besonders angetan bin ich von der pseudointellektuellen Belehrung von Dr. Holger Kaletha, weil sie so kompakt das ganze Desaster prägnant verkörpert. Er kriegt es hin in wenigen Sätzen so ziemlich alles falsch zu verstehen was man falsch verstehen kann. Er meint dabei die "Gesinnung" seines Diskussionsgegners offenzulegen und legt noch mehr seine eigene offen. Es lohnt sich das im Einzelnen auseinander zu nehmen. Gerichtet an den Teilnehmer "Scheller" redet er von der Auseinandersetzung Galileo Galileis mit den "traditionalistischen Astronomen seiner Zeit":
"Die Geschichte ist ja bekannt: sie weigerten sich einfach, durch das Fernrohr zu sehen, als Galilei die Jupitermonde erblickte bzw. die "krummen" Planetenbahnen.

Bezeichnend ist die Begründung: Sie brauchten gar nicht durch das Fernrohr zu schauen, weil aus theoretischen Erwägungen sonnenklar sei, daß es sich bei der Wahrnehmung von Galilei nur um eine Sinnestäuschung handeln könne. Ihre Argumentation war so "gut" - immerhin stütze sie sich auf ein Jahrtausend Wissenschaftsgeschichte - daß Galilei ihr rein theoretisch erst mal nichts entgegensetzen konnte. Er war einfach sprachlos. Nur leider (oder besser: Gott sei Dank!) wissen wir: So ideologisch überzeugend die wissenschaftliche Argumentation gegenüber Galilei war, so war sie doch schlicht und einfach im Irrtum: Galileis Wahrnehmung, und nicht die ideologische Konstruktion, hatte recht!"
Hier biegt er sich schon die Geschichte nach seinem Gusto zurecht. Die "Ideologie" funktioniert auch bei Kaletha, nicht nur bei Anderen.

Bei etwas nüchterner Betrachtung sieht die Situation etwas differenzierter aus. Zum Einen ist die historische Situation bei Galilei beileibe nicht so schwarzweiß wie von Kaletha dargestellt, zum Anderen paßt der implizierte Vorwurf nicht die Bohne auf Scheller.

Gerade Scheller hat durch das "Fernrohr" um das es dort geht mit Sicherheit öfter und intensiver geschaut als Kaletha selbst. Und nicht nur das, er hat das "Fernrohr" auseinander genommen und versucht es zu verstehen. Er ist gerade nicht der Theoretiker der sein Wissen auf der Couch oder am Schreibtisch gewinnt, sondern der Experimentator der das was er wissen will auch ausprobiert. Beide Teilnehmer sind lange und oft genug in diesem Forum in Diskussionen aufeinander getroffen daß das eigentlich klar sein müßte. Der implizierte Vorwurf von Kaletha ist daher eine reine Unverschämtheit. Da hält sich jemand aufgrund eines einzigen laienhaften Versuchs für überlegen, und meint einen ausgewiesenen Praktiker mit einem Vielfachen an Erfahrungen als engstirnigen Theoretiker darstellen zu können, der sich aus Angst vor Erkenntnis weigert "durch's Fernrohr zu blicken".

Galilei's Zeitgenossen haben sich auch keineswegs geweigert durch's Fernrohr zu blicken. Die meisten haben es tatsächlich getan. Am ehesten trifft der Vorwurf vielleicht auf Giulio Libri zu, einen betagten Professor der tatsächlich aus Gründen der Logik gegen die Jupitermonde argumentierte, und auf ein paar Philosophen in Padua. Mehr als zwanzig Professoren ließen sich aber im Hause von Galilei's Konkurrenten Magini die Sache vorführen und blickten durch's Fernrohr, waren dadurch allerdings nicht zu überzeugen. Das kann zwar dadurch erklärt werden daß sie es auch nicht sehen wollten, vielleicht war ihnen die Sache aber auch tatsächlich noch zu unklar. Man braucht kein Hellseher zu sein um anzunehmen daß die Sicht durch das Fernrohr nicht gerade deutlich war, jedenfalls nicht zu vergleichen mit dem was man mit heutigen Mitteln sehen würde. Zudem sind die wenigsten mit den Himmelskörpern genug vertraut. Galilei selbst schreibt:
"In Pisa, Florenz, Bologna, Venedig und in Padua haben sehr viele durch mein Fernrohr gesehen, aber sie alle schweigen und zögern, denn die meisten sind nicht imstande, den Jupiter oder Mars, sogar kaum den Mond als Planeten zu unterscheiden."
Was man sich ebenfalls klar machen muß ist, daß damals die "moderne" Art, Wissenschaft zu betreiben erst im Entstehen war, gerade auch durch Galilei, nämlich daß es dabei auf die Beobachtung der Natur ankommt, mit deren Hilfe man Theorien verifizieren oder falsifizieren kann. Die ältere Ansicht daß man zu seinen Erkenntnissen durch Anwendung von logischen und philosophischen Überlegungen kommt war zu dieser Zeit beileibe noch nicht ausgemustert, und der Professor Libri verkörpert diese Auffassung. Welche Auffassung die richtige sein würde war zu dieser Zeit noch nicht entschieden. Aus der heutigen Sicht ist es leicht ein Urteil zu fällen, aber fair wäre das nicht.

Schließlich ist es auch falsch zu glauben, Galileis Erkenntnisse würden zuvorderst auf seiner sinnlichen Wahrnehmung fußen. Das tun sie genau nicht, und zwar obwohl er die Jupitermonde sinnlich wahrgenommen hat beim Blick durch's Fernrohr. Er hat im Gegenteil die Hoffnung gehabt daß er die Anderen durch diese sinnliche Erfahrung würde überzeugen können. Die Idee daß die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt darstellt, um den sich die Planeten drehen, war schließlich schon vorher bekannt. Was Galilei entdeckte war "bloß" ein ziemlich schlagender Beweis für dieses heliozentrische Weltbild, oder genauer gesagt einer gegen das geozentrische Weltbild. Die neue Theorie stammt also gar nicht von ihm, er kannte sie vor seiner Entdeckung der Jupitermonde. Die Idee des heliozentrischen Weltbildes stammt ja aus der Antike, auch Kopernikus war nicht der erste.

Galilei jedenfalls hat dem heliozentrischen Weltbild mindestens zehn Jahre vor seiner Entdeckung der Jupitermonde zugeneigt. Die Theorie war also auch in seinem Kopf lange vor der Bestätigung durch das Fernrohr vorhanden, und als er die Jupitermonde entdeckt hatte war ihm natürlich sofort klar welche Bedeutung das für die schwelende Konkurrenz der kosmologischen Weltbilder hatte. Daraus dürfte klar sein daß seine Wahrnehmungen nicht die Ursache für seine Theorien sein können, sondern daß im Gegenteil die Theorien die Voraussetzung dafür waren daß die gemachten Beobachtungen auch richtig interpretiert werden konnten. Es ist also nicht so daß Galilei's Wahrnehmung recht hatte, sondern daß seine (bzw. Kopernikus') Theorie recht hatte. Galilei's Wahrnehmung ohne die "Verstärkung" des Fernrohrs war die gleiche wie die von allen Anderen, und die zeigte daß sich die Himmelskörper um die Erde drehen. Kalethas Ideologie verdreht diesen Sachverhalt in sein Gegenteil.

Was auch gleich durch ein glattes Falschzitat von ihm untermauert wird:
"Würde und hätte - wenn meine "Wahrnehmung" wahr wäre, dann droht der "Supergau" technischen Wissens! Aha! Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor: Genau wie bei den Gegenspielern Galileis. Die Angst vor dem Supergau gab es auch dort, nämlich daß durch die unschuldige Wahrnehmung Galileis das ganze heleozentrische Weltbild zusammenzustürzen drohte."
Scheller hat keineswegs vom "Supergau technischen Wissens" geredet. Das erfindet Kaletha dazu. Wenn Scheller vom Supergau geredet hat dann ging es ihm offenbar darum , klarzustellen daß technischerseits schon extreme Fehler passiert sein müssen wenn der akustische Effekt so deutlich sein soll wie beschrieben. Dann muß der Auslesevorgang des CD-Spielers so gut wie zusammengebrochen sein. Es geht Scheller um die technische Funktion des Gerätes, nicht um das technische Wissen. Das Stichwort reicht aber um bei Kaletha den Gaul durchgehen zu lassen.
"Die zweite Parallele in Deiner Argumentation: Ich verstehe nichts von Audio-Technologie. Wenn das der Fall wäre, dann würde ich ja sehen, daß das alles nur Sinnestäuschung ist. Auch das war exakt die Argumentationsstrategie von Galileis Widersachern."
Nein, war es nicht. Ich wüßte nicht daß irgend jemand Galilei vorgeworfen hätte er verstünde nichts von Himmelsmechanik. Das wäre auch lächerlich gewesen angesichts der Tatsache daß er mit den klassischen Ansichten dazu sehr wohl im Detail vertraut war. Es ist deswegen eben keine Parallele, sondern ein Gegensatz zu Galilei: Kaletha versteht tatsächlich nichts von Audio-Technolgie.
"Aus rein theoretischen Erwägungen heraus wurde ein Sinneseindruck einfach a priori als Täuschung wegerklärt. Das ist natürlich sehr beruhigend für jede Theorie, eine perfekte Immunisierungsstrategie gegenüber der Wahrnehmung der Realität. Die Theorie schottet sich so nämlich schön ab: Jede mögliche Quelle des Zweifels ist verstopft: Die Erfahrung hat nichts mehr zu melden, wenn sie mit theoretischen Argumenten gleichsam "totgeschlagen" wird. Genau dieser Immunisierungsstrategie bedienen sich die technokratisch denkenden Ideologen hier so gerne im Forum. Man wird gleich überfallen mit einem Wust von technischen Erklärungen, daß angeblich nicht ist, was nicht sein kann und nicht sein darf! Von wegen Aufklärung - das ist wirklich ein krasser Widertspruch von Anspruch und Wirklichkeit. "
Der eine oder andere Galilei-Gegner befleißigte sich mit Sicherheit dieser Immunisierungsstrategie, aber den Kern des Problems stellt das dennoch nicht dar. Es ging um eine grundsätzliche Auseinandersetzung darum woher eigentlich Erkenntnis kommt, und welche relative Wichtigkeit dabei der Logik und der philosophischen Überlegung zukommt, und welcher der systematischen Beobachtung der Naturphänomene. Das ist eine eine Frage die an der Wurzel der Wissenschaft sitzt. Ihre Antwort hängt letztlich damit zusammen wie man die größeren Erfolge erzielt, und die wirklich durchschlagenden Erfolge wurden erst nach Galilei erzielt, so daß man zu seinen Lebzeiten noch nicht wissen konnte wie diese Sache ausgehen würde. Galileis Gegner waren nicht einfach engstirnig. Sie aus der heutigen Sicht summarisch in diese Ecke zu stellen ist unfair, auch wenn es durchaus Beispiele für krasse Engstirnigkeit dabei gibt.

Die Wahrnehmung bzw. die Sinneseindrücke als Quelle der Erkenntnis hätten aber keine der beiden Seiten nach vorne gestellt, deswegen ist die Argumentation von Kaletha völlig neben der Spur. Er projiziert seine eigene Ideologie in einen Sachverhalt hinein der völlig andere Inhalte hat.
"Tut mir leid: Mit dieser Haltung bist Du noch nicht in der Moderne angekommen, die eigentlich in der Einsicht besteht, daß Theorien und Ideologien an der Erfahrung zu messen sind und nicht umgekehrt."
Abgesehen davon daß der Vorwurf an Scheller völlig verfehlt ist, wird doch klar daß Kaletha selbst noch nicht da angekommen ist wo er sich anscheinend sieht. Er verwechselt zum Einen seine Wahrnehmung mit Erfahrung, und zum Anderen versäumt er es, sich klar zu machen daß man eine Theorie nur an etwas messen kann wenn man sie auch kennt.
"Den Einwand der sachlichen Inkomptenz gebe ich gerne zurück. Du hast auch nicht den blassesten Schimmer von Psychologie. Die Wahrnehmung zu verdächtigen ist sehr leicht - aber dafür muß man erst einmal Gründe vorlegen die in der Wahrnehmung selbst liegen und nicht anderswo. Wahrnehmungstäuschungen haben ihre Gesetzmäßigkeit. Welche konkrete Täuschung, die Du mir unterstellst, kommt denn hier in Frage, etwa dafür, daß die Chassis der jbl übersteuern, wie ich geschrieben habe. Meine Beschreibung ist äußerst differenziert - jeder Psychologe vom Fach wird Dir sagen, daß "illusionäre" Erlebnisse eine ziemlich stereotype Struktur haben. Im Grunde hast Du gar keine Einwände vorzubringen - sondern reproduzierst nur Deine Ideologie, Dein "Fachwissen" technischer Natur. Man kann natürlich auch mit Scheuklappen durch die Welt gehen und sich sehr wohl dabei fühlen!"
Man braucht kein Psychologie-Diplom zu haben um beurteilen zu können wann eine Wahrnehmung real ist und wann nicht. Dafür reicht oft genug eine Prise gesunder Menschenverstand, sogar eine detailliertere technische Kompetenz braucht es dazu oftmals nicht. Daß "illusionäre Erlebnisse" eine stereotype Struktur haben ist mir allerdings auch schon aufgefallen. Damit habe ich meinen Bullshit-Detektor trainiert. Diese stereotype Struktur ist in Kalethas Beitrag deutlich zu merken, finde ich. Er scheint das bloß selber nicht zu sehen.
"Ich wiederhole mich nochmals: Die Technik bzw. das technische Wissen zeigt sich nur dann stark, wenn es nicht vorgibt, im voraus alles wissen und zu kennen, sondern sich erst mal bemüht, nach einer möglichen Erklärung zu suchen in einem Fall, den es nicht versteht. Wissen, das sich gegenüber der möglichen Falsifikation durch die Wahrnehmung mit einem Theoriekorsett abschottet, ist nicht vernünftig, sondern hochmütig ideologisch. Und Hochmut kommt schließlich irgendwann mal vor den Fall - siehe Galilei!"
Das Problem besteht ja - wie so oft - nicht darin, daß "wir" (in diesem Fall mindestens mal Scheller und ich) nicht verstünden was in diesem Fall Sache ist. Wir haben ja mehr als genug mögliche Erklärungen. Wir werden in solchen Fällen immer als ratlos dargestellt, dabei akzeptiert man bloß unsere Erklärungen nicht. Man braucht die Erklärung nicht umständlich zu suchen, denn sie liegt auf der Hand! Und vor der Falsifikation durch Wahrnehmung schotten nicht wir uns ab, sondern die Subjektivisten, und zwar durch ein Ideologiekorsett das kein bißchen weniger theoretisch ist als das was man uns vorwirft.

Diese Argumentationsmuster scheinen abrufbereit in vielen Subjektivisten vorhanden zu sein, und wenn eine passende Situation kommt, dann kommen sie impulsiv zum Vorschein wie in diesem Fall bei Kaletha. Manchmal kann ich das locker nehmen. Wenn es aber mit einem intellektualistischen Duktus daher kommt widert es mich an. Leider ist das genau bei diesem Argument oft der Fall.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Sicherung durchgebrannt

Mich haben ja bekanntlich schon mehrfach die Methoden beschäftigt wie durch Messungen (oder den Anschein davon) versucht wird, dem Leser eine audiophile "Wahrheit" näherzubringen, oder wie solche Messungen dazu benutzt werden den Skeptikern eins überzubraten. Da gab's z.B. die Messungen an den Bybee Klangbonbons im Studiomagazin, die Verstärkerklang-Messungen in der Stereoplay, und damit zusammenhängend einen Artikel über den Betrug mit Messungen. Letzteren Artikel scheint sich die Firma Gecom Technologies zu Eigen gemacht zu haben. Der skandalöse Bybee-Meßbericht von Gecom-Inhaber Stephan Goetze im Studio-Magazin, den ich ja schon damals ausführlich kritisiert hatte, war ganz offensichtlich kein Ausreißer. Die Sache hat System. Gecom scheint zur Standardadresse für Scharlatane zu werden, die ein meßtechnisches Deckmäntelchen haben wollen. Ich frage mich ob so etwas genug Geld einbringt um dafür seinen Ruf zu ruinieren.

Seit der Bybee-Geschichte ist Gecom nämlich in mindestens zwei weiteren Angelegenheiten mit "Meßberichten" aktiv geworden, beidesmal offenbar im Auftrag der Berliner Firma Hifi-Tuning, die die Ergebnisberichte auch auf ihrer Webseite zum Download bereit hält. Der erste Bericht dreht sich um CD-Entmagnetisierer, der Zweite um Feinsicherungen. Beide bleiben ganz in der Tradition des Bybee-Berichts. Irrelevante Messungen werden ohne stichhaltige Begründung (oder mit haarsträubender Begründung) für deutliche Klangeffekte verantwortlich gemacht. Zusammenhänge werden so unterstellt oder postuliert, die völlig an den Haaren herbei gezogen sind, und die dokumentierten Meßreihen sollen offenbar den Eindruck erwecken als hätte das alles Hand und Fuß. Das Ganze ist derart unseriös daß ich an des Herrn Goetze's Stelle Schiß hätte daß das Hauptgeschäft der Firma darunter leidet.

Es geht schon damit los daß die Berichte mehr oder weniger offen als Kalibrier-Dokument vorgestellt werden. Beim CD-Entmagnetisierer-Bericht ist das ganz explizit, beim Feinsicherungs-Dokument eher dezent. Von einer Kalibrierung kann beidesmal nicht die Rede sein. Kalibriert werden Meßgeräte, und nicht Sicherungen oder Entmagnetisierer. Kalibrieren sieht für den Laien natürlich besonders fundiert und "amtlich" aus, deswegen denke ich daß das nicht aus Versehen so gemacht wurde. Es ist aber sehr bedenklich wenn Goetze bereit ist seinen Namen für diese Täuschung herzugeben.

Das Dokument über die CD-Entmagnetisierer ist ein meßtechnischer Vergleich von drei verschiedenen Produkten, von denen eines von Hifi-Tuning vertrieben wird und nicht ganz überraschenderweise "gewinnt". Was dabei gemessen wird zeigt alles andere als die Wirksamkeit der Produkte, aber das wird nach allen Regeln der Kunst verschleiert. Diese Geräte tun offenbar nichts Anderes als die Entmagnetisierdrosseln, die man früher zur Behandlung von Tonköpfen benutzt hat. Bloß die Bauform ist anders. Entsprechend wird ein Magnetfeld mit der Netzfrequenz erzeugt, und das kann man natürlich auch messen.

Man sieht das über mehrere Seiten hinweg auch dargestellt, als ob es irgendwie besonders relevant wäre. Die Oberwellen im entstehenden Magnetfeld werden analysiert, und nebenbei merkt man mal wieder daß der Autor grobe Schnitzer in der Interpretation von Meßergebnissen macht, die starke Zweifel an seiner Qualifikation nähren. So interpretiert er z.B. auf einem Spektrumanalysator-Bild die Fläche unter der Kurve als Maß für die Gesamtenergie, was bei der logarithmischen Darstellung eines Spektrumanalysators völliger Unsinn ist.

Da eine CD nicht aus magnetisierbarem Material besteht ist das natürlich alles völlig irrelevant, denn daß die Geräte ein magnetisches Wechselfeld erzeugen wird kaum jemand bezweifeln wollen, und daß das Feld zwischen den Geräten unterschiedlich sein wird wohl auch nicht. Also wird auch eine Messung gemacht in der angeblich vor und nach der Behandlung einer CD das magnetische Feld der CD selbst gemessen wird. Zum Einen ist diese Messung ausgesprochen dubios, denn es ist z.B. unklar wie das Erdmagnetfeld ausgeklammert wird. Zum Anderen zeigt das Ergebnis die Irrelevanz der ganzen Sache, denn ein CD-Spieler ist schon durch seinen eigenen Trafo, und generell durch die Umgebung im Wohnzimmer, weitaus größeren Magnetfeldern ausgesetzt als es nach dieser (zweifelhaften) Messung von der CD kommen könnte.

Dieses Argument fällt dem Autor natürlich nicht ein. Es gibt auch kein Wort eines Kommentars zu den nichtmagnetischen CDs, der Autor tut so als verstünde sich die Sinnhaftigkeit der Entmagnetisierung von selbst. Stattdessen (wir kennen das ja schon von der Bybee-Geschichte) gibt's noch den Hinweis auf einen Hörtest, der die "Wirkung" bestätigt. Zu den Einzelheiten des Hörtests natürlich kein Wort.

Bei den Sicherungen sieht's nicht viel anders aus. Mehrere Seiten Tabellen über die Messung des Gleichstromwiderstandes der Sicherungen kommen völlig ohne Diskussion ob und inwiefern diese Meßwerte in einer konkreten Situation überhaupt relevant sind. Man erweckt den Eindruck als wäre es umso besser je geringer dieser Widerstand ist. Das kann man aber bloß beurteilen wenn man weiß in welcher Schaltungsumgebung die Sicherung eingesetzt werden soll. In der Regel ist das in der Stromversorgung, z.B. in der Primärwicklung eines Netztrafos. Gerade da ist der Einfluß aber völlig vernachlässigbar.

Der Brüller ist aber, daß der Widerstand getrennt für die beiden "Laufrichtungen" gemessen wird, und der Autor entblödet sich nicht die Unterschiede auf die Zugrichtung des Drahtes zurückzuführen. Bei der Größenordnung dieser Unterschiede ist aber klar daß schon die Reproduzierbarkeit der Messung schlechter sein muß, wir reden hier von ein paar Millionstel eines Ohms. Kontaktwiderstände eines Sicherungshalters sind weit größer. Dem Autor feht offenbar jede realistische Einschätzung der Lage und der Relevanz seiner Messungen. Das wird noch unterstrichen bei den Messungen mit einem Impedanz-Analysator, der mit Wechselstrom mißt. Auch hier weist der Autor darauf hin daß es unterschiedliche Ergebnisse bei beiden "Laufrichtungen" gegeben hat. Wenn es einen Punkt gibt, wo man den völligen Unverstand am deutlichsten sieht, dann hier.

Die Rauschmessungen sind ebenso daneben. Man kann zwar dadurch feststellen ob und in welchem Ausmaß ein Stromrauschen auftritt, das über das thermische Rauschen hinaus geht, aber über die Auswirkungen auf das Gerät in dem die Sicherung sitzt ist dadurch nichts gesagt. Eine nachvollziehbare Argumentation über den Zusammenhang fehlt völlig. Der Autor tut wieder so als verstünde sich das von selbst, dabei ist das Gegenteil der Fall. Genauso bei der Thermospannung, die ist ebenfalls in der Praxis irrelevant, denn es handelt sich um eine Gleichspannung, und ähnliche Thermospannungen treten an vielen Stellen im Gerät auf ohne daß es eine Auswirkung hätte (wir reden von Mikrovolt hier).

Also das gleiche Bild erneut: Zwischen den Meßwerten und der behaupteten Wirkung ist der Zusammenhang eine bloße Unterstellung, die nirgends nachgewiesen wird. Stattdessen tut man alles um dem Leser den Zusammenhang implizit nahezulegen, und schreckt dabei nicht vor einer völlig unsinnigen Interpretation der Messwerte zurück.

Beim Dokument über die Sicherungs-Messungen ist noch bemerkenswert daß ein Textabschnitt eingefügt ist, in dem anscheinend die Firma Hifi-Tuning "spricht" und nicht Gecom. Das wird aber nicht klar gemacht, es ergibt sich eher aus dem Zusammenhang und aus dem verwendeten Textfont. Es wird also zusätzlich noch verschleiert wer hier was behauptet. Die Trennung zwischen Auftraggeber und Meßlabor verschwimmt.

Ich muß sagen daß das alles einen verheerenden Eindruck bei mir hinterläßt. Hier werden alle Prinzipien seriösen Arbeitens geradezu mit Füßen getreten. Mit solchen Beispielen seiner Arbeit gibt sich Stephan Goetze der Lächerlichkeit preis. Da muß der audiophile Wahn eine Sicherung zum Durchbrennen gebracht haben.

Montag, 4. Oktober 2010

Die neuen Leiden des jungen High-End-Herstellers

In den letzten Jahren hat immer wieder mal einer der kleineren Audio-Hersteller aus der Profi-Ecke angefangen sich im "High-End"-Audio-Bereich zu engagieren. Ich finde das "interessant". Wissen die Leute auf was sie sich da einlassen? Sind sie auf die "Kundschaft" vorbereitet die sie erwartet?

Auf den ersten Blick sieht so ein Schritt ja durchaus logisch und folgerichtig aus. Man hat sich im Profibereich einen gewissen Namen erarbeitet, kennt sich mit seiner Technik aus, und es scheint im hochpreisigen Consumer-Bereich Leute zu geben die Qualität zu schätzen wissen und dafür auch ein paar Euro mehr auszugeben bereit sind. Jetzt muß man nur noch seine Technik in ein Gehäuse verpacken das sich auch im Wohnzimmer gut macht und nicht bloß im Technikraum eines Studios. Guter Plan, oder?

Solche Gedanken scheinen sich im deutschsprachigen Raum z.B. Daniel Weiss gemacht zu haben, und danach Fried Reim. Bestimmt auch Thomas Funk, aber der hält sich bislang (un-) auffällig zurück. Bei allen dreien ist der Leumund natürlich völlig unzweifelhaft, ganz im Gegensatz zu einigen von vorn herein auf den High-End-Bereich zielenden Gesellen. Umso spannender ist es sich anzusehen wie sie sich "am anderen Ufer" behaupten.

Die Pro-Audio-Kunden sind auch nicht immer die kompletten Durchblicker, aber als Pro-Audio-Hersteller ist man nicht unbedingt vorbereitet auf den Typ von Kundschaft den man im High-End-Bereich vorfindet. Ich habe für die betroffenen Hersteller großes Mitgefühl, und gleichzeitig große Neugier wie sie diese Herausforderung meistern. Unter anderem interessiert mich dabei auch wie sie auf die Erkenntnis reagieren daß das Geld in diesem Bereich eventuell nicht ganz so einfach verdient ist wie man es sich vielleicht vorstellen würde. Man kann zwar ordentliche Preise verlangen und ordentliche Margen erzielen, aber man muß dafür auch all die Vollpfosten ertragen können die sich für gescheiter halten als man selbst. Tricky.

Sehen wir uns mal an einem schon etwas älteren Beispiel aus dem Hifi-Forum an wie das so ablaufen kann. "Betroffener" ist in diesem Fall Fried Reim als Vertreter seiner Marke "Violectric", was auch deswegen ein interessantes Beispiel abgibt weil er in betreffendem Thread unter dem Nick "fdg" selbst schreibt.

Die Story in Stichworten: Violectric hat einen neuen D/A-Wandler vorgestellt, und im Forum berichtet einer der ersten Kunden über seinen Test des neuen Geräts. Der fällt nicht gerade positiv aus, denn der Tester hört keinen Unterschied zum eingebauten Wandler seines CD-Spielers. Das und die sich daran anschließende Diskussion illustriert ganz gut mit welcher "Meute", mit welcher Erwartungshaltung und mit welcher "Fachkompetenz" man es hier zu tun hat.

Der gerade für einen Pro-Audio-Entwickler mit einem gerüttelten Maß an Sachverstand befremdliche erste Punkt ist diese interessante Erwartungshaltung, daß ein D/A-Wandler irgendwie "anders" klingen müsse. Für mich und offenbar auch Fried wäre das erst einmal eine beruhigende Nachricht. Das Vergleichsgerät wurde anscheinend ebenfalls kompetent entwickelt, und der Vergleich findet auf einem hohen Niveau statt. Bloß daß der Tester das ganz anders sieht. Daß er für Null Klangunterschied kein neues Gerät kaufen wird und somit als Kunde ausfällt ist ja noch nachvollziehbar, wenigstens wenn sein Motiv für einen CD-Wandler-Kauf darin besteht seinen CD-Spieler "aufzupeppen", aber warum zieht er daraus nicht einfach den Schluß daß sein CD-Spieler auch mit dem internen Wandler schon auf einem hohen Niveau spielt?

Stattdessen scheint festzustehen daß der CD-Spieler-Wandler nicht viel taugt und demzufolge der neue D/A-Wandler ebensowenig taugen kann. Das ist die audiophile Erwartungshaltung und gleichzeitig der audiophile Selbstzweifel: Was ich momentan habe ist sicher suboptimal, ich brauche was besseres, und das muß einen merklichen Unterschied machen. Das Problem ist bloß: Je besser die Geräte werden, desto gleicher klingen sie. So jedenfalls sieht's ein "Profi". Der Audiophile sieht's gerade andersrum: Je besser die Geräte werden desto verschiedener klingen sie. Die Anlage wird "hochauflösender", deckt mehr Unterschiede auf, so sieht er das. In Wirklichkeit geht die Qualität so bergab, den nur bergab kann es zu immer deutlicher wahrnehmbaren Unterschieden kommen.

Die Frustration des Entwicklers ist in so einem Szenario greifbar: Er ist überzeugt ein gutes Produkt gemacht zu haben, und dann schreibt ein audiophiler Tester einen Bericht der (zumindest in den Augen des Entwicklers) darauf hinausläuft daß das Gerät leider nicht schlecht genug ist. Man steht schlecht da, obwohl man nichts falsch gemacht hat. Falsch im Kontext der eigenen Qualitätsvorstellung jedenfalls. Wieso kneift man für solche Dilettanten dann eigentlich den Arsch zusammen und gibt sich Mühe? Man könnte problemlos einen Ramsch zusammenlöten, der jede Regel ordentlicher Ingenieursarbeit mit Füßen tritt, und die Leute hätten ein Gerät das tatsächlich unterschiedlich klingt. Nämlich grottenfalsch. Und sie würden es feiern. Wie z.B. die NOS-Wandler.

Und es geht weiter: Mit audiophilem Gespür findet der Tester die entscheidende Achillesferse des Gerätes, nämlich daß es eine digitale Lautstärkeregelung besitzt. Da würde ja der Datenstrom "beschnitten". Das passiert genau genommen im D/A-Wandler-Chip selbst, und der Einwand zeigt wie es um den Sachverstand des Testers bestellt ist. Im D/A-Wandler werkelt ein Digitalfilter, das bestimmt hunderte von Rechenoperationen am Audiosignal ausführt bevor es ins Analoge gewandelt wird. Die eine Rechenoperation für die Lautstärke (eine Multiplikation) ist aber was anderes, die macht angeblich den Unterschied, und der High-End-Status des Gerätes ist damit futsch.

Man wäre ja sogar als sachverständiger Dritter geneigt, dem Gesellen den berühmten Rat von Dieter Nuhr anzuempfehlen, wieviel mehr muß es da den Hersteller selbst drängen, um dessen "Baby" es schließlich geht. Aber gerade als Hersteller muß man zum üblen Spiel ja gute Miene machen, wie würde das aussehen wenn man die potenzielle Kundschaft abbürstet, so sehr sie das auch verdient hätte?

Drum finde ich daß die Geräte recht teuer sein müssen. Schließlich muß die Rechnung des Psychiaters, den man in ein paar Jahren braucht, davon mit abgedeckt sein. Nicht blöde finde ich die Strategie von Daniel Weiss. Der macht seine Geräte derart heftig teuer daß damit auch diejenigen "Kunden" abgeschreckt sind wie die Leute in diesem Hifi-Forum-Thread. Das spart Nerven. Wer sich ein Weiss-Gerät zum Ausprobieren stellen läßt wird sich hinterher wohl kaum einen 50€ China-Bausatz anschaffen und dann die Schmach dadurch kompensieren daß er das Ding mit aller Kraft in den Foren hypt.

Freitag, 3. September 2010

Für's Auge oder für den Arsch?

Als ich dieses Jahr kurz die High-End Messe in München besuchte, ist mir beim Anblick so mancher Lautsprecherkonstruktion eingefallen, wie ich vor Jahren in London im Design-Museum eine Ausstellung über Stühle gesehen hatte. Der Stuhl scheint für Designer eine besondere Herausforderung zu bergen, denn Stühle haben auch Leute entworfen die sonst ganz andere Dinge tun, z.B. Architekten.

Ich habe da gar nichts dagegen, aber als pragmatischer Mensch komme ich nicht umhin zu bemerken, daß doch etliche dieser Konstruktionen zum Sitzen kaum geeignet sind. Es stellt sich die Frage wofür diese Exemplare eigentlich da sind: Für's Auge oder für den Arsch?

Für einen Pragmatiker ist der Daseinszweck des Stuhls selbstverständlich in der menschlichen Anatomie begründet, und muß dazu passen. So wie der Hut auf den Kopf und der Schuh an den Fuß passen muß, so muß der Stuhl zum Hintern passen, sonst hat der Designer Mist gebaut. Besondere Designerkunst vermag es, ohne Abstriche an der Sitzqualität auch eine schöne und ästhetische Optik zu erreichen. Das ist für mich ohnehin das große Ziel und der Maßstab für gutes Design: Wenn das Produkt seinem Zweck so gut angepaßt ist daß es sich wie selbstverständlich zusammenfügt und umstandslos "funktioniert", und dabei auch noch schön aussieht. Etwas das "nur" schön aussieht, aber ansonsten unbrauchbar ist, begeistert mich dagegen sehr selten.

Es folgt daraus daß der Designer zwar durchaus etwas von Ästhetik verstehen muß, daß es aber noch weitaus wichtiger ist wenn er etwas von der Anwendung und Funktion des Produktes versteht. Wer einen Stuhl designen will muß zuerst etwas vom Arsch verstehen und dann vom Auge. Wer bloß etwas vom Auge versteht sollte nicht versuchen, mir einen Stuhl zu machen.

Warum bin ich darauf beim Besuch der High-End gekommen?

Nun, mir sind dort ein paar Lautsprecherkonstruktionen ins Auge gefallen bei denen ich zwar den designerischen Wunsch zur Extravaganz klar erkennen konnte, die aber eindeutig nicht von ihrem eigentlichen Zweck her entwickelt sein können. Es sind ganz offensichtlich Designerstücke, die in erster Linie ein auffälliges Möbelstück oder Accessoire in einer Wohnung sein sollen, und die zur Not auch noch musikähnliche Geräusche von sich geben können.

Das wäre in Ordnung wenn solche Konstruktionen nicht auch noch mit überragenden Klangeigenschaften beworben würden. Die können sie nämlich schwerlich haben. Nicht daß es unmöglich wäre, aber die Voraussetzungen dafür sind einfach außerordentlich schlecht.

So gab es z.B. Lautsprecher zu sehen, die wie eine steile Pyramide geformt waren, an deren Spitze ein frei aufgehängter Hochtöner senkrecht auf eine Kugel gestrahlt hat, die wiederum den Schall des Hochtöners in alle Richtungen reflektiert hat. In der Pyramidenbasis fand man einen relativ bescheidenen Tief-Mitteltöner. Das Produkt kostet nichtsdestotrotz - ganz Designerware - ein Vielfaches dessen was der recht übersichtliche Materialaufwand erwarten ließe.

So wie ein Stuhldesigner, der keine Ahnung von menschlicher Sitzanatomie hat, so kann der Designer hier kein Verständnis von akustischen Gegebenheiten gehabt haben. Oder er hat sich entschlossen, diese Gegebenheiten im Interesse der Optik völlig zu ignorieren.

Wozu soll es z.B. gut sein, den Hochtöner in alle Richtungen strahlen zu lassen? Die wenigsten Leute werden den Lautsprecher in die Raummitte stellen wollen, und die Zuhörer drum herum sitzen lassen. Immerhin, so bräuchte man bloß einen Lautsprecher und könnte die Kosten für einen zweiten sparen. Wenn man den Lautsprecher aber in die Nähe einer Wand stellt, dann bekommt man unweigerlich Probleme mit reflektiertem Schall, der dem Klangbild im günstigsten Fall etwas gefühlte Räumlichkeit verschaffen kann, aber eher dazu beiträgt daß die Ortung verschwimmt und ein Klangbrei entsteht. Wenn man aber die Wand bedämpft um den reflektierten Schall einzudämmen, dann absorbiert man drei Viertel des Schalls der vorher in alle Richtungen abgestrahlt wurde. Mit anderen Worten: Den Löwenanteil des abgestrahlten Schalls muß man eliminieren, was den Wirkungsgrad in den Keller treibt und zusätzliche Kosten für raumakustische Maßnahmen bringt. Man fragt sich was es bringen soll, Schall in Richtungen abzustrahlen die einem bloß Ärger bringen?

Wäre es da nicht besser wenn man diese Konstruktion als Funktionsmöbel für Innenarchitekten verkaufen würde, deren hauptsächliches Interesse nicht dem Klang oder der Musik, sondern dem optischen Erscheinungsbild gilt? Ehrlicher wäre es auf alle Fälle. In ein Design-Museum schafft man es damit vielleicht auch.

Sonntag, 22. August 2010

Der Fall Jambor und die Sache mit dem Recht

Ausgerechnet wenn's so richtig hysterisch zur Sache geht im Kommentarbereich meines Blogs (siehe meinen letzten Beitrag) bin ich im Jobstreß. Nein, nicht im Urlaub, wie gemutmaßt wurde, der kommt erst hinterher. Ich werde mich daher noch ein bißchen länger rar machen, außer ich finde eine Lücke zwischendurch, wie heute abend.

Aber es scheint sich ja auch wieder von selbst beruhigt zu haben, vielleicht ist die Phase akuter geistiger Inkontinenz ja vorbei.

Ich werde allerdings demnächst noch ein Plauderstündchen mit dem Rechtsanwalt verbringen müssen, denn womöglich geht es ja darum, dem Entstehen größeren Kollateralschadens beizeiten entgegen zu wirken. Man wird es vielleicht kaum glauben, aber wenn ich sehe wie sich manche Leute im Wahn nicht nur selbst ins Knie schießen, sondern die Extremitäten gleich ganz wegsprengen, dann kommt sogar mir der Gedanke ob solche virtuellen Selbstmordattentate nicht besser zum Nutzen des Attentäters, wenn auch gegen seine Absicht, unterbunden gehören.

Im Grunde geht mir das gegen den Strich. Es wäre gewissermaßen eine Zensur zum Wohle der Zensierten. Das geht normalerweise als erzieherische Maßnahme bei Minderjährigen durch, im Erwachsenenstand geht man dagegen davon aus daß die Leute sich selber unter Kontrolle haben und so eine Bevormundung nicht mehr nötig haben.

Aber der Wahn scheint manche Leute zu Opfern ihrer selbst zu machen, zu Querschlägern ohne Impulskontrolle, die sich freiwillig selbst zur Einweg-Waffe machen wenn ihre Realitäts-Karikatur angesichts berechtigter Kritik zu zerbröseln droht.

Mein Problem dabei: Bisher war mir das recht wenn in meinem Kommentarbereich der Wahn für jeden sichtbar wird. Mit zu den Eigenheiten der audiophilen Pseudorealität gehört ja, daß man sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als feinsinnig und kultiviert darstellt. Das erste, zugegeben recht einfache Problem besteht daher darin, diese Pose als Heuchelei zu entlarven. Dazu braucht man bloß ein bißchen an der sehr dünnen Oberfläche zu kratzen. Wenn dann der Irrsinn zutage tritt muß man ihn aber auch ertragen können. Viele sind da dünnhäutiger als ich, vielleicht auch weil sie überraschter davon sind was da plötzlich für ein Giftmüll zum Vorschein kommt den man dort naïverweise gar nicht vermutet hätte.

Der Versuch, diesen Giftmüll mir zur Last zu legen, bereitet mir dabei wenig Kopfzerbrechen. Man versucht den Boten für die schlechte Botschaft zu bestrafen, das ist ein alter Hut, und wer eine Mindestmenge Grütze unter der Mütze hat läßt sich davon nicht beeindrucken.

Die Sache wird ab dem Punkt allmählich zum Problem, an dem es den Glaubenskriegern gelingt, den Kollateralschaden in empfindliche Höhen zu treiben. Genau das ist ja das Problem der Selbstmordattentäter. Die sprengen sich schließlich nicht in die Luft weil sie das lustig finden. Sie wollen so viel Kollateralschaden als möglich erzeugen, und ihr Wahn läßt sie ihren eigenen, viel größeren Schaden als gerechtfertigt, heldenhaft und edelmütig erscheinen. Dabei könnte es etwas Schwachsinnigeres kaum geben.

Ich habe also zwar Interesse daran, daß der Wahn deutlich sichtbar wird, aber daß der ganze Platz hier in die Luft fliegt will ich nicht. Und siehe da: schon bin ich erpreßbar. Wenn ich signalisiere daß es Kollateralschäden gibt, die ich nicht zu akzeptieren bereit bin, dann wird damit auch automatisch klar was man tun muß um mich unter Druck zu setzen. Und wie man an Dirk Jambor sieht, gibt es Leute die verrückt genug sind, sich selbst dafür auf's Spiel zu setzen.

Ich neige nicht unbedingt dazu an der bisherigen Handhabung des Kommentarbereiches etwas zu ändern, aber ich habe angefangen darüber nachzudenken ob ich meine Linie vielleicht korrigieren muß. Was ich ganz sicher nicht tun werde ist die Einzelmoderation der Kommentare. Abgesehen von der zusätzlichen Arbeit, die ich nicht gebrauchen kann und nicht haben will, zumal sie grundsätzlich nur immer falsch sein kann, ist für mich noch weit wichtiger daß ich mit im Gegensatz zu so manchen anderen moderierenden Foristen im Klaren darüber bin daß ich als Haupt-Diskutant nicht neutral moderieren kann.

Eher schon stelle ich die Kommentare ganz ab, entweder zeitweilig oder dauernd. Was aber schade wäre, und auch gegen mein erklärtes Ziel.

Vielleicht finden sich auch andere Alternativen. Letztlich wird auch die rechtliche Problematik dabei eine Rolle spielen müssen. Wobei ich das ziemlich entspannt sehe. Diese ganze hysterische Kampagne mit Jambor an der Spitze könnte kaum lächerlicher sein, daher kann mich das ganze Getöse nicht recht davon überzeugen daß hier Gefahr für mich im Verzug ist. Im Gegenteil:
  • Jambor wirft mir genau das vor was er selber tut. Die ganzen von ihm angeführten Paragrafen könnten prima auf seine eigene Masche angewandt werden. Er bezichtigt mich genau der Vergehen die er selber begeht. Das ist eine ziemlich durchsichtige "Haltet den Dieb" Methode, um von der eigenen üblen Hetzkampagne abzulenken.
  • Jambor macht unmißverständlich klar daß er mir in der realen Welt an den Karren fahren will. Wie er da einem eventuellen Richter klar machen will daß er das Opfer ist und ich der Täter, das wird er wohl noch nicht einmal selber erklären können.
  • Wieso es mir geboten wäre auf "Existenzen" Rücksicht zu nehmen, auf die der Betroffene augenscheinlich selbst keinerlei Rücksicht nimmt, wird auch nicht so einfach plausibel zu machen sein. Zumal, wieso sollte eine Existenz Rücksicht verdienen, die auf Lug und Trug aufgebaut ist, oder auf Unfähigkeit und Inkompetenz?
  • Bei allem pseudojuristischen Wortgeklingel ist doch eines sonnenklar geworden: Jambor will zwar die Paragrafen aller angeblichen Delikte kennen, aber er denkt nicht daran damit selber zum Gericht zu gehen. Nein, die Kastanien sollen dann schon Andere aus dem Feuer holen. Wieso sonst sollte er den Kommentarbereich sämtlicher Blogbeiträge mit entsprechenden Hinweisen zuspammen? Wer beabsichtigt, die Justiz anzurufen, der möge das tun, aber Jambor gackert bloß lautstark, damit Andere die Eier legen sollen. Und derselbe Mann hat die Stirn mich der Feigheit zu bezichtigen!
  • Wenn es tatsächlich ausreichenden Anlaß für ein juristisches Vorgehen gegen mich gegeben haben sollte, dann wäre das nicht an meinem Pseudonym gescheitert. Das Pseudonym hat von Anfang an nicht den Zweck gehabt, mich vor berechtigten Klagen zu schützen. Ich habe alles Nötige dazu schon vor zwei Jahren hier im Blog geschrieben, und das gilt auch nach wie vor. Es hat aber bisher niemand eine Klage gegen mich angestrengt. Ich denke ich weiß auch wieso: Weil ich recht habe, und weil die Klage keine Chance hätte. Deswegen auch diese miese Schmierenkampagne: Die braucht es nicht weil ich im Unrecht bin, sondern weil ich im Recht bin.
  • Man braucht sich bloß vor Augen zu führen wie wenig inhaltliche und sachliche Einwände auf meine Beiträge kommen, und wie schnell die Opposition sich Angriffen an meine Person zuwendet. Wie viel Diskussion gab's eigentlich im Kommentarteil zum Thema meines letzten Beitrags? So gut wie keine, nicht wahr? Dabei sind die Kommentare ein prima Beispiel für genau die Art der Kakophonie die ich beschrieben habe, die brüllende Gehörlosigkeit mit der Jambor und ein paar Gleichgesinnte über jede Kritik hinweg walzen wollen. Wieder einmal beweist man wie recht ich habe, inmitten empörter Einsprüche dagegen.
Das ist vielleicht am Ende das Bemerkenswerteste, wie sehr durch sein Verhalten jemand wie Jambor bei allen Protesten mir letztlich recht gibt. Er bringt's sogar fertig, mir beim Versuch mich in einem ungünstigen Licht darzustellen noch ein gutes Zeugnis auszustellen, indem er mir bescheinigt zu 80% recht zu haben, und dann unfähig dazu ist zu erklären worin die fehlenden 20% bestehen. Das erklärt auch die maßlose Wut, denn wer letztlich merkt daß bei allen Versuchen, mir an den Karren zu fahren, letztlich doch der eigene Karren als Schrotthaufen endet, und an meinem kaum eine Delle ist, der läßt sich vom Frust vielleicht noch weiter in seinen Rachewahn treiben.

Wenn man in die Hitze des Gefechts verstrickt ist mag einem das Schauspiel bedrohlich und erschreckend vorkommen, aber mit ein bißchen Distanz wird es zu dem was es ist und schon immer war: Eine Farce. Einem notorischen Heuchler und Dampfplauderer ist die Fassade eingestürzt, und er hat darüber mächtig Dampf abgelassen. Wenn sich die Schwaden verzogen haben kann man wieder zur Tagesordnung zurückkehren.

Samstag, 31. Juli 2010

Brüllende Taube, oder das Ende der Kommunikation

Wir brauchen uns eigentlich über den Lautheitswahn bei Musikproduktionen und bei Radios nicht zu wundern, denn das Prinzip gilt anscheinend generell bei menschlicher Kommunikation. Oder besser "Nicht-Kommunikation", wenn man der Ansicht ist daß zur Kommunikation zwei Richtungen gehören: Nicht nur raus, sondern auch rein.

Wenn dabei ein (im übertragenen Sinn verstanden) entsprechender Lärmpegel entsteht, dann ist es mit der Kommunikation am Ende, weil bei den möglichen Empfängern schnell die Schotten dicht sind. Ein Haufen Taube brüllen sich gegenseitig an.

So einen Zustand hat offenbar die Blindtest-Diskussion inzwischen erreicht. Es scheint darum zu gehen, sich gegenseitig zu übertönen, und dazu noch bemüht man sich durch eine Kakophonie von Irrlichtern möglichst viel begriffliches Chaos zu stiften, damit auch ja keiner mehr durchblickt worum es überhaupt geht. Siehe z.B. als aktuelles Beispiel hier oder hier oder hier.

Eines dürfte schon mal klar sein: Mit diesen Protagonisten (auf beiden Seiten!) und mit diesen Vorstellungen von Blindtests hat so eine Veranstaltung nicht den geringsten Sinn. Welche Frage sollte damit auch beantwortet werden? Alle Beteiligten wollen ja schon wissen was bei "richtiger" Durchführung herauskommen wird (soll, muß), die Veranstaltung hat demzufolge einen rein demonstrativen Charakter, und es kann höchstens sein daß die Demonstration, sollte sie je stattfinden, so "mißlingt" wie etliche zuvor. An den Positionen der Beteiligten wird sich so oder so nichts ändern.

Vielleicht sollte man daher die Beteiligten daran erinnern, daß Kommunikation nur einen Sinn hat wenn es auch einen empfangsbereiten Empfänger gibt, und daß ein Test nur einen Sinn hat wenn klar ist welche Frage er beantworten soll. Ich füchte aber daß ich mit diesem Hinweis bei den Betroffenen nicht auf empfangsbereite Empfänger treffe. Vielleicht finden's aber wenigstens die Anderen interessant.

Wer sich überlegt welche Frage ein Blindtest beantworten soll merkt schnell woran die Diskussion krankt.

Blindtests sind überhaupt erst erfunden worden um individuelle Voreinstellungen und andere subjektive Einflüsse als Einflußfaktoren ausklammern zu können. Egal ob es um Arzneimittel, um Nahrungsmittel oder um Audio geht, man macht solche Tests um eine Chance zu haben subjektive Faktoren von objektiven Faktoren zu trennen. Wenn daher Leute damit daher kommen daß die Wahrnehmung ja menschlich individuell sei und jeder anders empfinde, und daß diese Wahrnehmung ja noch gar nicht engültig erforscht sei, dann sind sie in einer Blindtestdiskussion im falschen Film. Eine entsprechende Diskussion permanent mit solchen am Thema vorbei gehenden Beiträgen zu überziehen ist damit Trollerei.

Für einen Blindtest ist nicht nötig daß man über die individuelle Wahrnehmung irgend etwas weiß. Es genügt zu wissen daß es subjektive Einflüsse gibt, und wie sie sich auswirken können. Man muß nur so viel über diese Einflüsse wissen daß man sie beim Test ausschließen kann.

Es gibt auch keinerlei Notwendigkeit, daß der Blindtest "maximal" empfindlich ist. Ob er das ist oder nicht kann man sowieso nicht so einfach sagen. Man kann allenfalls den Test so gestalten daß man als Ergebnis erfährt wie empfindlich er war, aber das erfordert daß man die gesuchten Parameter kennt und quantitative Referenzen beim Test zur Verfügung hat. Aber selbst wenn man das nicht hat ist ein Blindtest immer noch ein Blindtest, man muß bloß aufpassen welche Schlüsse man aus seinem Ergebnis ziehen kann und welche nicht.

Viele der Einwände, die gegen Blindtest so penetrant und lautstark vorgetragen werden, gehen also an der Sache völlig vorbei. Diese Einwände tragen nichts zur Diskussion um Blindtests bei, sie sind aber deutlicher Ausdruck der Denkweise und Haltung der Beteiligten. Es handelt sich hier schließlich um absolute Grundlagen, die man schon nach sehr kurzer Beschäftigung mit dem Thema intus haben müßte. Angesichts dessen daß die Beteiligten schon seit Jahren beim Thema mitdiskutieren wird klar daß hier Erkenntnisverweigerung vorherrscht.

Die immer wieder heftig umstrittenen Blindtests von David (damit ich nicht die ganzen Links herauusuchen muß verweise ich einfach hierhin) werden damit meist zu unrecht angegriffen. Die Verblindung, die Auswertung und das generelle Testdesign waren im großen und ganzen in Ordnung. Wie empfindlich sie waren kann man mangels mit eingeplanter Gegenproben zwar nicht sagen, aber das macht den Test nicht zunichte.

Das Problem ist daran höchstens was für Schlüsse daraus gezogen werden. Als Beweis für die prinzipielle Unhörbarkeit von irgendwas taugt so etwas schon aus Prinzip nicht, aber sogar mit Gegenprobe wäre das so. Was man aber sehr wohl daraus folgern kann ist wie groß die Unterschiede allenfalls sein können wenn sie denn hörbar sein sollen. Und im Falle von Leuten wie Gemkow kann man zumindest schließen daß der Betreffende die Sache völlig falsch eingeschätzt hat. Das ist ein wichtiges Ergebnis angesichts der Sache um die's da ging, nämlich Gemkow's eigene Kabelprodukte.

Die Rolle und Funktion solcher Tests wie denen von David liegt also nicht darin, daß sie irgend etwas beweisen, sondern daß sie aufzeigen wie sehr auch Fachleute und selbstbewußte Audiophile mit ihrer Einschätzung daneben liegen können. Genau die gleiche Funktion haben auch die sog. Fake-Tests (die nicht-blind sind), wo Umschaltungen nur vorgetäuscht werden.

Wer dagegen wissen will wie weit seine eigenen Hörfähigkeiten wirklich gehen, oder wie weit die menschlichen Hörfähigkeiten im Allgemeinen gehen, wer also an den Grenzen interessiert ist und nicht an der Glaubwürdigkeit der Einschätzungen Anderer, der wird anders testen müssen. Das ist eine andere Frage, die deswegen auch anders angegangen werden muß. Diese Frage ist von Ansatz her wesentlich eher "wissenschaftlich".

Wer so ein wissenschaftliches Interesse hat der sollte sich auch an ein wissenschaftliches Vorgehen halten, und das fängt damit an daß man sich mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis auseinandersetzt. Da steht also erst einmal Recherche und Literaturstudium an. Davon ist gerade bei denen die schnell mit dem W-Wort bei der Hand sind rein gar nichts zu merken, und ich fürchte wenn die anfangen würden, sich die wissenschaftlichen Artikel zur Brust zu nehmen dann brächten sie es fertig, egal was da steht doch wieder ihre eigenen Hirngespinste herauszulesen.

Jedenfalls gibt es mehr als genug Erkenntnis und Erfahrung mit wissenschaftlichen Blindtests im Audiobereich, es ist geradezu lächerlich wenn da ein paar Amateure meinen es mit einem eigenen "Testdesign" besser zu können. Das was da an Testdesigns vorgestellt wird ist eher eine nicht enden wollende Reihe von Versuchen, wie man es fertig bringen kann einen Test zu erfinden den man als Blindtest verkaufen kann ohne daß er die entsprechenden Anforderungen erfüllen würde. Oder wie man wenigstens jegliche begriffliche Klarheit nachhaltig aus der Diskussion beseitigen kann wenn man schon sonst keinen Effekt damit erzielen kann.

Nun bringt es erfahrungsgemäß nichts, jemandem eine Erkenntnis vermitteln zu wollen die er nicht haben will. Für die Kombattanten selbst habe ich daher keine Hoffnung, die wollen nichts Neues herausfinden, die wollen ihre bestehenden Erfahrungen behalten, und zwar auf beiden Seiten. Und sie wollen das demonstrieren. Interessant und aufschlußreich ist aber für den distanzierten Beobachter wie sie das tun.

Die Phase der Argumentation hat man im Grunde inzwischen hinter sich gelassen. Es werden die Scheuklappen enger geschnallt und man versucht durchzubrettern. David und Dirk gleichen sich darin interessanterweise, denn bei beiden sieht man ein "jetzt erst recht weiter so" im Verhalten, egal ob einem dabei noch jemand folgen mag oder nicht. Je dunkler der Wald, desto lauter das Pfeifen.

In der Situation und Haltung wie sie sich dort darstellt haben Blindtests keinerlei Zweck mehr, die Diskussion könnte man an der Stelle also eigentlich beenden. Sie sind aber auch gar nicht mehr nötig, denn wenn diese Blindtests (die nicht-wissenschaftlichen) dazu da sind daß man sich über die Glaubwürdigkeit der Einschätzungen von bestimmten Leuten ein Bild machen kann, dann werden sie nicht mehr gebraucht. Der Auftritt der entsprechenden Leute macht es einfach, sich dieses Bild auch ganz ohne Blindtests zu machen.

Die Diskussion um den neusten von Dirk favorisierten D/A-Wandler ist dafür ein Beispiel. Man könnte natürlich einen Blindtest organisieren um herauszufinden ob der neue D/A-Wandler wirklich so deutlich anders ist als der vorige, aber wozu? Es ist eigentlich völlig egal ob das so ist oder nicht, die Art und Weise wie Dirk in dieser Sache auftritt macht ihn so oder so völlig unglaubwürdig. Kein denkbarer Ausgang so eines Blindtests würde ihn in einem guten Licht darstellen.

Man braucht dazu die beiden Geräte auch gar nicht selbst gehört zu haben, es reichen ein paar Plausibilitätsbetrachtungen. Man braucht nicht einmal zu berücksichtigen daß er den vorigen Wandler von Lavry mal als Händler vertreten hat und vielleicht ein nicht-klangliches Motiv zu so einer Einstufung hat, es ist klar daß das Gerät zu den besten am Markt verfügbaren Geräten gehört. Wenn sich ein anderes Gerät sehr deutlich klanglich davon absetzt dann muß es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schlechter sein, denn nach oben hin gibt es einfach nicht mehr so viel Raum.

So oder so, wenn der Unterschied wirklich so groß ist dann macht er sich lächerlich weil nicht ersichtlich ist wie er dann zuvor den Lavry so loben konnte, und wenn er nicht so groß ist dann macht er sich wegen seiner maßlosen Übertreibungen lächerlich. Egal wie's nun wirklich sein mag, mit seinen Urteilen ist nichts anzufangen, die Glaubwürdigkeit im Keller.

Ebenso steht's mit der Haltung einiger Diskutanten die immer wieder mit aller Penetranz auf die Individualität der Wahrnehmung, die Unerforschbarkeit menschlicher Kognition oder die Unmeßbarkeit der Musikempfindung pochen. Das sind alles für das Thema Blindtest irrelevante Einwände, und wer darauf pocht will im Grunde von Blindtests nichts wissen. Für (oder mit, oder gegen) solche Leute einen Blindtest veranstalten zu wollen ist schon im Ansatz vergeblich, es gibt auch da kein denkbares Ergebnis das irgend einen Fortschritt zur Folge hätte. Und das ist nicht der Fehler der Blindtests.

Einen Blindtest veranstaltet man wenn man sich der subjektiven Einflüsse auf ein Hörerlebnis bewußt ist und solche Einflüsse möglichst los werden will, weil man ein objektives Urteil haben möchte. Die größten Kritiker der Blindtests wollen aber ausweislich ihrer ureigenen Argumentation gerade keine objektive Antwort haben, und pochen auf den Vorrang des subjektiven Empfindens. Schon eine Teilnahme an Blindtest-Threads ist daher im Grunde eine Verfehlung des Themas, und letztlich der Versuch die Diskussion zu torpedieren.

Der eigentliche Streitpunkt zwischen den Fraktionen hat damit auch gar nichts mehr zu tun, sondern im Grunde geht es wieder einmal darum wie man es mit der Objektivität hält. Es gibt nun einmal eine Gruppe von Leuten die damit auf Kriegsfuß stehen, und für die ihre eigene subjektive Empfindung immer sticht. Mit solchen Leuten ist nicht zu reden. Wie ich früher schon schrieb: Die stecken mit ihrem Kopf tief im eigenen Hintern. Alles was sie wahrnehmen ist letztlich ihr eigenes Inneres.

Anstatt also an der allgemeinen kommunikationslosen Kakophonie teilzunehmen könnte man sich auch einfach zurücklehnen und sich klar machen daß die Blindtestdiskussion ihren sinnvollen Effekt bereits gehabt hat, und daß man vielleicht die eigentlich wichtigen und interessanten Lehren gar nicht aus den Blindtests selbst gewinnt, sondern aus der Art wie die verschiedenen Parteien damit umgehen.

Sonntag, 18. Juli 2010

High-End Mastering

Mastering war früher mal die Tätigkeit, einen "Mix" so aufzubereiten daß man das Resultat auf einen Tonträger zum Verkauf pressen konnte. Hört sich trivial an. Schließlich ist der Mix bereits in Stereo, wenn man auf CD oder Vinyl veröffentlichen will. Man könnte also meinen es geht um wenig mehr als eine Datenkonversion. Hier das Masterband aus der Mix-Phase, dort die Preßmatritze für den Herstellungsprozeß. Zwei verschiedene Träger, die gleichen Daten. So könnte man meinen.

Als das Zielmedium die Langspielplatte war stellte sich die Lage aber deutlich komplexer dar. Das Material aus dem Mix konnte (und kann) man nicht einfach so auf Platte pressen. Das Medium Schallplatte hat so seine speziellen Eigenheiten, die nach einem Spezialisten verlangen damit bei dieser "Datenübertragung" die optimalen Ergebnisse rauskamen. Zum Beispiel muß man einen Kompromiß zwischen Lautheit, Frequenzkomponenten und Rillenbreite eingehen, um bei sicherer Abspielbarkeit die Rauschabstände und die Spielzeit optimal auszunutzen. Wenn man's übertreibt, dann kann die Nadel aus der Rille springen. Der für den Mix verantwortliche Tontechniker kümmert sich um sowas normalerweise nicht, der sorgt für die rechte klangliche Balance zwischen den Spuren bzw. Instrumenten. Deswegen hatte man den Mastering-Engineer, der aus dem Zielmedium das Beste herausholen sollte.

Das ist erst einmal keine künstlerische oder kreative Rolle, dennoch haben sich die Mastering-Engineers eine gewisse künstlerische Rolle erobert, denn sie sind vor einer Veröffentlichung der letzte, der noch in der Lage ist, am Klang des Werks korrigierend einzugreifen. Was danach kommt ist nur noch ein Fertigungsprozeß, der hoffentlich ausreichend gut beherrscht ist daß gute Qualität bei jeder Scheibe herauskommt. Zudem hat der Mastering-Engineer nochmal eine unabhängige Sicht und Meinung beizusteuern, was das werdende Produkt angeht.

Die CD als digitales Medium hat die meisten der Eigenheiten einer Schallplatte nicht. Der Mastering-Prozeß ist daher im Grunde viel einfacher, wenn man mal von den künstlerischen Aspekten absieht. Mit dem Aufkommen der Audiobearbeitung am PC gab es bald auch Software, mit denen praktisch jeder das Mastering selber machen konnte. Das Ergebnisse, die gebrannte CD-R, konnte man dem Preßwerk geben, und die vervielfältigten das ganz einfach. Bye-bye Mastering-Engineer. Oder vielmehr: Be-your-own-mastering-engineer!

Das hätte die professionellen und teuren Mastering-Engineers, die teilweise an dem Punkt im Begriff waren zu Berühmtheiten aufzusteigen, überflüssig machen können. Aber aus verschiedenen Gründen kam's nicht so. Zum Einen kommt auch beim Mastern, wie bei so vielen Dingen, Schrott heraus wenn man keine Ahnung hat, und eine PC-Software kann Ahnung letztlich nicht ersetzen. Zum Anderen gab's zunehmend neue Aufgaben für den Mastering-Engineer: Laut machen!

Mit dem laut machen haben sich auch Mix-Engineers immer wieder versucht, und selber den Kompressor auf dem Mix-Bus angeschmissen. In vielen Fällen ist das aber nicht so erfolgreich gewesen, und die Mastering-Engineers konnten sich ihre Marktlücke behaupten. Im Grunde ist das ein Segen, denn dann besteht wenigstens eine Chance daß vom Mix ein halbwegs unvermurkstes Masterband übrig bleibt, aus dem man bei passender Gelegenheit auch gut klingende Veröffentlichungen generieren kann. Wer akzeptiert daß das Lautmachen der Job des Mastering-Engineers ist, der kann sich wieder auf das konzentrieren was einen guten Mix ausmacht.

Letztlich gibt's aber immer wieder ein gewisses Konkurrenzverhalten zwischen den beiden Rollen, und der Kostendruck tut dazu sein Übriges.

Inzwischen machen Mastering-Engineers eigentlich nur noch dadurch Schlagzeilen daß sie eine besonders laute Produktion abliefern, also eine weitere Marke auf der Skala des "Loudness Wars" erreicht haben. Das scheint inzwischen ihr Existenz-Zweck zu sein.

Und es stimmt ja auch: Wenn man das noch toppen will was da inzwischen an totkomprimierten Maximal-Laut-Produktionen abgeliefert wird, dann muß man schon was drauf haben. Von einem normalen Mix-Engineer kann man nicht erwarten daß er da mithalten kann. Eine Produktion die in die Charts will braucht daher nach wie vor einen guten Mastering-Engineer, sonst kann man sich nicht gegen die Lärm-Konkurrenz durchsetzen.

Deshalb wundert's nicht daß gerade die großen Mastering-Namen hier ihre Talente einsetzen. Eine Zeit lang schien es so als sei das Lautmachen die Domäne einer neuen Generation von Mastering-Ingenieuren. Womöglich hatten die alten Platzhirsche eine Weile Skrupel, der Musik das anzutun. Aber wenn's um's Geld geht bricht der Widerstand schnell zusammen. Bob Ludwig z.B., einer der ganz großen Platzhirsche des Mastering, gehört inzwischen auch in die vordere Riege der Lautmacher.

Das führt zu einer interessanten psychologischen Situation: Die Mastering-Ingenieure haben einigen Aufwand darin investiert, sich als die Hüter audiophiler Werte darzustellen. Mehrere dieser Leute gelten als Goldohren par excellence und betreiben ziemlich effektives Selbstmarketing in diese Richtung. Das geht nicht gut zusammen mit dem tatsächlichen Output, den sie generieren.

Es fällt vielleicht nicht jedem gleich ins Auge, aber auf mich wirkt es ziemlich grotesk, wenn der gleiche Mensch auf der einen Seite über die angeblichen klanglichen Unterschiede zwischen einem 24-bit D/A-Wandler und einem 32-bit D/A-Wandler schwadroniert, und über die Unzulänglichkeit eines Mediums wie der CD, die klagenswerterweise bloß 16 Bit und 44,1 kHz bietet, und auf der anderen Seite kommen aus seiner Werkstatt Machwerke heraus die auch mit 4 Bit auskommen würden. Die oberen 4 Bit natürlich, also ironischerweise das "High-End".

Schon komisch, nicht? Wenn man den Gestehungsprozeß einer solchen Musikproduktion als Kette darstellt und sich die Stufen anhört, dann findet man daß ausgerechnet in der Stufe, wo der ausgewiesenste Audiophile sitzt, nämlich im Mastering, die Klangverschlechterung am deutlichsten ist.

Mastering ist daher heutzutage ein Job für Schizophrene. Die Realität der Arbeit und der Anspruch klaffen weit auseinander, und den Bruch muß man im Interesse der erträglichen Selbstwahrnehmung irgendwie überkleistern.

Was aber auch nicht unbedingt schwer ist:
  1. Schuld ist nämlich immer jemand Anderes. Die Mastering-Ingenieure würden ja gerne anders, dürfen aber leider nicht. Und wenn der Eine nicht täte, dann würde es halt jemand Anderes tun. Und bevor der das Geld einsackt mach's lieber ich. Allgemeines kollektives Achselzucken.
  2. Mit der demonstrativen Audiophilie kann man ebenfalls die bösen Geister abwimmeln. Wer so ein feines Gehör hat, und auf solche Winzigkeiten wert legt, der kann kein schlechter Mensch sein, oder? Der würde doch auf alle Fälle, in den Grenzen seiner Möglichkeiten natürlich, den Sound so gut machen wie's irgend geht! Das würde er doch bestimmt, oder?
  3. Mittlerweile gibt's auch keinen Mangel an Marketing gegen den Lautheitswahn, für die Popularisierung von mehr "Dynamic Range", und da kann man an vorderster Front seine rechtschaffene Gesinnung demonstrieren. Man ist selbstverständlich sehr für mehr Dynamik, und sehr gegen den Lautstärkewahn, das versteht sich als Audiophiler ja von selbst! Außer man redet mit den potentiellen Auftraggebern, da ist man der fähigste Lautmacher, denn man will ja den Auftrag haben.
  4. Zwischendurch macht man immer mal wieder auch eine wirklich gute Produktion, wenn sowieso klar ist daß das Material nicht chart-fähig ist. Bei guten Mixes braucht man dazu evtl. nur weitgehend die Finger weg zu lassen. So etwas ist ungemein gut für die audiophile Selbstdarstellung, denn man kann solche Beispiele jedem Kritiker unter die Nase reiben.
  5. Besonders witzig: Man kann wegen der erwähnten Eigenheiten der Schallplatte nicht gar so grob vorgehen wie bei der CD, außerdem ist die Schallplatte ein Nischenprodukt, das dieses aggressive Marketing nicht braucht. Also mastert man die CD beschissen und die LP deutlich besser. Und kann so gleich noch eine andere audiophile "Wahrheit" unter's Volk bringen, nämlich daß analog besser sei als digital. Es gibt Mastering-Ingenieure die deswegen ganz bewußt empfehlen die LP zu kaufen wenn man guten Klang will. Technisch gesehen ist das absurd, vom Marketing her macht's Sinn.
Ich habe leider Probleme mit dieser Art der Selbstdarstellung. Ich kann die Widersprüche und die Heuchelei nicht ausblenden. Vielleicht ist das Mastering noch nicht tot, aber es riecht ausgesprochen komisch.

Sonntag, 27. Juni 2010

Blindtest-Begriffsdiebstahl

In der Politik ist es ein altbekanntes Prinzip: Wenn man einen Gegner nicht erfolgreich diskreditieren kann, dann muß man seine Begriffe besetzen. Die Idee der Demokratie als solche zu diskreditieren ist zum Beispiel recht schwierig. Die Idee, daß das Volk selbst die Macht hat, ist einfach so verlockend daß man schon zu Gehirnwäsche greifen müßte um zu erreichen daß die Betroffenen sich de facto selbst entmündigen. Es gibt allerdings immer noch erstaunlich Viele die man dahin bringen kann, aber reichen tut's zum Glück recht selten.

Der weitaus stärker verbreitete Umgang mit diesem Problem bedient sich daher der Begriffsbesetzung. Man versucht, den Begriff so umzuerklären daß sein guter Klang nicht verloren geht, sein Inhalt aber verbogen und verwässert wird bis zu dem Punkt wo man zu den gewünschten Machtverhältnissen kommt.

So z.B. die vor 20 Jahren verblichene DDR. Das war ein angeblich demokratischer Staat in dem das Volk de facto nichts zu sagen hatte, außer es entsprach zufällig dem was die Staatsführung ohnehin gut fand. Demokratie stand auf der Schachtel drauf, innen drin war Diktatur. Eine Mogelpackung.

Ich gebe zu daß ich diese Taktik noch abstoßender finde als eine offene Diktatur. Es ist nicht nur unterdrückerisch, es ist dazu auch noch verlogen. Die positive Kehrseite der Medaille ist aber, daß es auf eine selbstbewußtere und besser informierte Masse hindeutet wenn man zu dieser Lüge zu greifen sich bemüßigt fühlt. Ein Staatswesen das sich mit solchen Lügen etikettiert ist daher schon von vorn herein schwächer als eines, das geradeheraus als Diktatur auftritt. Die Lüge zeigt im Grunde daß sich die Diktatoren über ihre relative Schwäche im Klaren sind.

Wenn man so auf der Welt herumguckt findet man problemlos weitere Beispiele dafür. Wenn z.B. die iranischen Machthaber sich ihrer Sache so sicher wären würden sie keine Wahlen veranstalten und die dann fälschen. So etwas macht man bloß weil das Volk zu gut Bescheid weiß und zu selbstbewußt ist als daß es sich direkt einer Diktatur unterwerfen würde. Man versucht also, ihm etwas zu verkaufen wo Demokratie draufsteht, aber keine drin ist. Offen entmündigen läßt sich das Volk nicht mehr, also versucht man's zu verarschen. Bloß ist's von da aus auch nicht mehr weit bis sich das Volk auch nicht mehr so einfach verarschen läßt.

Aber natürlich geht's in meinem Beitrag hier nicht eigentlich um Demokratie sondern um Blindtests, und es wird Zeit daß ich in meiner bekannt demagogischen Art nach dieser gewichtigen Einleitung den Bogen zurück zum Thema spanne. Ich finde da nämlich interessante Analogien.

Bei den Blindtests hat es eine Weile lang so ausgesehen als suchten die Gegner ihr Heil darin, Blindtests als prinzipiell untauglich für das Feststellen kleiner Details darzustellen. Oder alternativ als völlig irrelevant für das Hobby Hifi. Aber diese pauschale Verteufelung scheint nicht recht fruchten zu wollen, die Anhängerschaft solcher Fundamentalopposition scheint sich auf eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Hardcore-Audiophilen zu beschränken, und sie läßt sich nicht so einfach vergrößern.

Wie die Demokratie ist eben auch der Blindtest eine im Grunde bestechende Idee. Wer wirklich am Hören und nur am Hören interessiert ist, und dafür belastbare Erkenntnisse sucht, der muß eben störende Fremdeinflüsse ausschalten, egal ob sie durch andere Sinne, durch Psychologie oder durch ungleiche Randbedingungen verursacht sind. Da kann man nicht wirklich dagegen sein ohne sich verdächtig zu machen.

Unter diesen Umständen scheint sich ein Strategiewechsel zu vollziehen. Man setzt anscheinend vermehrt darauf, den Begriff für sich zu besetzen. Es mehren sich Leute die quasi im Vorbeigehen erwähnen, sie würden Blindtests regelmäßig, als Teil ihrer Arbeit, durchführen. Die Message dabei ist: Leute, der wirkliche Blindtest-Experte bin hier ich, ich mach das praktisch dauernd. Wenn man es nur richtig macht, dann funktionieren Blindtests auch, und die ganzen Unterschiede kommen zum Vorschein von denen die Abstreiter nichts wissen wollen.

Und wenn man dann näher untersucht was das ist was einem da als Blindtest angeboten wird, dann findet man eine groteske Karikatur eines Blindtests, die seriösen Kriterien nicht einmal ansatzweise standhält. Man baut einfach drauf daß das Publikum mit der Behauptung zufrieden ist und nicht in die Schachtel hineinguckt, auf der in großen Buchstaben steht: Der wahre Blindtest.

Letzes Jahr habe ich z.B. über die großen Drei geschrieben, wo es um drei Kommentare von Hifi-Zeitschriften ging, und die Stereoplay behauptete ja damals ausdrücklich, daß sie Blindtests Monat für Monat durchführten und auch "bestehen". Sie lassen sich über ihre Testmethoden nicht im Detail aus, aber es ist wohl auch so klar daß sie nicht annähernd den Kriterien entsprechen die an seriöse Blindtests zu stellen sind. Das wäre in dieser Form gar nicht leistbar. Ohne eine entsprechende Dokumentation kann man ja auch viel erzählen wenn der Tag lang ist.

Für Nachvollziehbarkeit zu sorgen kann dabei nicht in ihrem Interesse sein. Was nicht bekannt ist läßt sich schlecht im Detail bewerten und kritisieren. Wenn man das Feindbild passend aufgestellt hat, dann hat man damit auch den Vorwand dafür, sich dem gar nicht erst zu stellen. Das wissen auch die Politiker. Externe Wahlbeobachter z.B. werden in der Regel mit ähnlichen Argumenten abgelehnt. Die sind eben von vorn herein feindlich gesinnt, man ist denen nicht Rechenschaft schuldig, weiß selber besser wie Demokratie (oder eben ein Blindtest) funktioniert.

Ähnlich ist's auch mit einem vor kurzem veranstalteten Test, über den's im Österreichischen Hifi-Forum mehrere Threads gibt. Wieder die gleiche Masche: Jemand behauptet daß seine "Art" der Blindtests die bessere bzw. richtige Art sei, liefert gleich die passende Abgrenzungs-Rhetorik mit, mit der man sich um genauere Nachprüfungen herumdrücken kann, und kümmert sich ansonsten so gut wie gar nicht darum, was das "Blind" in einem seriösen Blindtest eigentlich bedeutet.

Es ist ein interessanter Sport: Wie weit kann ich den Begriff Blindtest demontieren bevor es zu sehr auffällt und ich zurückgepfiffen werde? Anders gefragt, welche Kriterien oder Methoden eines seriösen Blindtests stehen dem von mir gewünschten Ergebnis entgegen, und komme ich damit durch sie einfach wegzulassen oder rebelliert dann das Volk?

Bei demokratischen Wahlen steht zum Beispiel dem gewünschten Ergebnis oft entgegen daß das Volk den Falschen wählt. Dem kann man auf verschiedene Weise begegnen, ohne daß man die Wahlen als solche gleich abschafft:
  • Man läßt nur solche Parteien zur Wahl zu die einem genehm sind. Im Idealfall bloß die Eine, aber es sieht oft besser aus wenn es mehrere sind die letztlich gleichgeschaltet sind.
  • Man macht die Wahl öffentlich und sorgt für psychologischen Druck indem man seine Sympathisanten öffentlich ihre Stimme abgeben läßt.
  • Man macht die Auszählung und/oder die Auswertung geheim oder undurchsichtig, und manipuliert das Ergebnis zu seinen Gunsten.
  • Man erklärt eine Wahl für ungültig wenn sie das falsche Ergebnis gebracht hat. Dafür kann man vorsorgen indem man eine gewisse Anzahl an problematischen Vorkommnissen insgeheim während der Wahl selber provoziert.
  • Man hindert "problematische" Wähler daran, ihr Wahlrecht auszuüben. Von plumper Bedrohung bis hin zu subtilen Benachteiligungen gibt es dafür eine breite Palette an Möglichkeiten.
Bei Wahlen wie auch bei Blindtests ist es interessant, sich zu vergegenwärtigen wofür bestimmte "Regeln" da sind. Das heißt in welcher Weise der Zweck der Veranstaltung beeinträchtigt werden kann wenn man sich an eine bestimmte Regel nicht hält. Wer das im Geiste durch geht merkt sehr bald daß die Regeln alle einen praktischen Sinn haben, und daß man riskiert daß der Zweck des Ganzen in Frage gestellt wird wenn man von manchen Regeln Abstand nimmt.

Das kann man auch prägnanter sagen: Wenn man sich nicht an die Regeln hält kann man's auch gleich sein lassen. An alle Regeln!

Wie bei der Demokratie und ihren Wahlen sind die Regeln aus der Erfahrung mit Mißbrauch geboren. Sie sind eben keine Schikane um ein unerwünschtes Ergebnis zu erzwingen, sondern sie sind dazu da um den Mißbrauch so weit es geht einzudämmen. Wer diese Regeln aushebeln will, bei dem kann man davon ausgehen daß er genau diesen Mißbrauch auch im Schilde führt.

Bei Blindtests gibt es eine Anzahl geradezu "klassischer" Mißbrauchsversuche:
  • Man sorgt nicht für Transparenz bei der Auswertung, so daß niemand nachvollziehen kann wie das Endergebnis zustande kam. Man ist darauf angewiesen den Angaben zu vertrauen.
  • Man sorgt nicht für ausreichende statistische Relevanz, so daß man zufällige Ergebnisse als Erfolg verkaufen kann. Meist wird das kombiniert damit daß man unter vielen Versuchen die wenigen herauspickt die für einen Erfolg zu sprechen scheinen, und läßt die anderen unter den Tisch fallen. Besonders für den statistisch unbedarften Laien sieht so Zufall schnell aus wie ein Beweis.
  • Man sorgt nicht für ausgeglichene Versuchsbedingungen. Sei es daß man Pegel nicht ordentlich abgleicht, oder daß man verräterische Details im Material beläßt (Umschaltklicks, Zeitdifferenzen, etc.), oder daß man eine für bestimmte Kandidaten unvorteilhafte Umgebung schafft.
  • Damit zusammenhängend: Man sorgt nicht für zuverlässige Verblindung. Man muß alle Möglichkeiten ausschließen wie jemand durch "Fremdeinflüsse" eine Entscheidung treffen kann. Egal ob das durch Sehen passiert oder durch welche Informationskanäle das Vorwissen zustande kommt.
Aus diesen Gründen kann man von einem Blindtest keine endgültige Beweisführung erwarten, denn der Generalverdacht, daß ein unplausibles und überraschendes Ergebnis dadurch zustande kam daß es einen unentdeckten Fremdeinfluß gegeben hat, daß es also im Grunde gar kein Blindtest war, bleibt immer im Hintergrund bestehen. Das Einzige was hier hilft, indem es Vertrauen schafft, ist die Transparenz der Versuchsgestaltung und Auswertung. Wie bei Wahlen auch.

Wenn der Fremdeinfluß unbeabsichtigt war und im Ausmaß begrenzt, dann kann das Ergebnis trotzdem gelten. Eine Wahl wird auch nicht bei jedem kleinen Fehler für ungültig erklärt. Es muß jemand bewerten ob eine Chance gegeben ist daß der Fehler den Wählerwillen signifikant verfälscht hat. Beim Blindtest muß man bewerten ob ein Verblindungsmangel das Ergebnis signifikant verfälschen hätte können oder nicht. Wenn Regeln ganz bewußt außer Kraft gesetzt werden um so etwas zu ermöglichen, dann ist auf jeden Fall Vorsicht am Platz. Besonders wenn die begleitende Rhetorik wie in den erwähnten Fällen so eindeutig ist.

Wie bei der Demokratie auch ist es letztlich das Volk, das die Kontrolle ausübt. Mangels stringenter Beweismethoden kommt es darauf an, daß das Ergebnis plausibel ist, und daß es unter glaubwürdigen Umständen zustande gekommen ist. Man braucht nicht bei allen Auszählungen einer Wahl dabei gewesen zu sein, um ein Gefühl dafür zu kriegen ob es dabei im Großen und Ganzen mit rechten Dingen zu ging. Bei Blindtests empfehle ich die gleiche auf gesundem Menschenverstand basierende Herangehensweise. Wenn auf der Schachtel Unglaubwürdiges angepriesen wird, guckt man eben hinein.

Sonntag, 6. Juni 2010

Jitter-Verwirrungen

Der Jitter in digitalen Audiosystemen ist schon seit Langem ein Thema, aber in letzter Zeit scheint er wieder besonders Konjunktur zu haben.Das hat sicher auch damit zu tun daß man hier den Leuten besonders gut ein X für ein U vormachen kann, denn die Sache ist schwer zu verstehen, schwer zu messen (wenn die Messung seriös sein soll) und schwer in einen sinnvollen Bezug zum Gehörten zu bringen. Also mehr als genug Raum für audiophile Hirngespinste. Allein die Tatsache daß das Thema so sehr in der Diskussion ist scheint viele davon zu überzeugen daß da etwas dran sein müsse.

Es gibt eine Menge Webseiten die einem versuchen die Sachverhalte auf einfache Weise zu erklären, und es sind darunter auch etliche die zumindest das grobe Verständnis was Jitter ist und warum es ein Problem sein kann richtig wiedergeben. Wie so oft geht dann aber der Unfug los wenn der Bezug zu hörbaren Effekten hergestellt werden soll. Was da unterstellt wird ist nicht selten um den Faktor 10000 daneben, das heißt es wird ohne seriösen Nachweis unterstellt daß Jitter hörbar sei, der 10000 mal schwächer ist als er sein dürfte, bevor er nach seriösen Studien tatsächlich hörbar wird. Kaum irgendwo sonst in der sowieso schon von grandiosen Selbstüberschätzungen gepflasterten Audiophilenszene findet man eine Diskrepanz von derartigen Ausmaßen.

Gepaart ist das mit Angaben von Jitterwerten, die noch nicht einmal ansatzweise nachvollziehbar sind, weil jegliche Angaben zu Meßbedingungen und Meßverfahren fehlen. Wie Jitter im Detail gemessen wird hat aber einen dramatischen Effekt auf die erzielten Meßwerte. Es ist auch sehr leicht den Jitter auf eine Art und Weise zu messen die für das zu betrachtende Problem (also z.B. die Hörbarkeit) völlig irrelevant ist. Im Ergebnis ist die Aussagekraft vieler Jitterangaben, die man bei entsprechenden Produkten und Diskussionen findet, gleich Null. Und aus dem gleichen Grund sind die Angaben auch nicht untereinander vergleichbar, denn niemand kann sagen ob auch die Meßbedingungen vergleichbar waren.

Oberflächlich betrachtet ist die Sache einfach. Jitter ist die zeitliche Variation von Taktflanken um den idealen Zeitpunkt herum. Der zeitliche Fehler führt bei der Abtastung oder bei der Rekonstruktion von Analogsignalen (also in A/D- und D/A-Wandlern) dann zu einem Amplitudenfehler, wenn sich das Signal gerade ändert. Wer eine möglichst unverfälschte Wandlung zwischen Analog und Digital hinkriegen will, der braucht auch einen sauberen Takt für den Wandler, der möglichst wenig Jitter hat.

In erster Näherung ist also derjenige Wandler besser, dessen zeitliche Fehler durch Jitter im Taktsignal geringer sind. Ein Wandler mit 1 ns Jitter ist demnach besser als einer mit 10 ns Jitter. So weit kommt man auch als Laie noch mit. Es ist der Bereich wo man noch durch einfachen Zahlenvergleich besser und schlechter unterscheiden kann.

Der Teufel steckt aber hier im Detail. Und die Details sind teuflisch genug um diese Zahlenvergleiche nicht bloß etwas ungenau zu machen, sondern die Betrachtung wird dadurch oftmals vollkommen sinnlos. Ich rede hier also nicht von Haarspaltereien, die sich im Promillebereich abspielen, sondern von grundlegenden Dingen.

Folgende Fragen müssen bei solchen numerischen Jittervergleichen gestellt werden:
  • Sind die Jitterwerte überhaupt auf vergleichbare Weise und unter vergleichbaren Umständen gemessen worden?
  • Sind die Werte an einer vergleichbaren Stelle im Signalpfad gemessen worden?
  • Welche Relevanz haben die so gemessenen Jitterwerte für die Hörbarkeit?
Schon die erste Frage stellt sich als erstaunlich komplex heraus, denn es gibt eine für den Laien vielleicht überraschende Vielfalt an Meßmethoden und Randbedingungen, ohne deren Kenntnis man eine Jitterangabe nicht vernünftig interpretieren kann.

Woher kommt das?

Im vielleicht einfachsten Fall ist der zeitliche Fehler, also der Jitter, zufällig. Man kann dann den Jitter als ein Rauschsignal modellieren. Signaltheoretisch betrachtet ist es dann so als ob das Taktsignal durch weißes Rauschen phasenmoduliert wird. Wem solche Begriffe nichts sagen, nicht verzweifeln, ich will damit bloß ausdrücken daß die Effekte sich mathematisch und physikalisch relativ einfach erfassen und beschreiben lassen, man hat den Effekt so auf bekannte nachrichtentechnische Begriffe zurückgeführt.

Ein solches Rauschsignal hat eine mittlere Stärke, man nimmt hier den Effektivwert (auf Englisch RMS = Root Mean Square). Aber es hat auch Spitzenwerte (engl. peak-to-peak). Bei einem echten weißen Rauschsignal kann der Spitzenwert theoretisch beliebig hoch werden wenn man bloß lange genug mißt, in der Praxis kann man leicht ein Verhältnis zwischen Effektivwert zu Spitzenwert von 1:10 bekommen. Die erste wesentliche Angabe ist also beim Jitter, ob es sich um den Effektiv- oder Spitzenwert handelt. Schon diese einfache Sache wird aber meist nicht erwähnt. Schon allein dadurch kann man also ohne es zu wissen einen Fehler beim Vergleich zweier Angaben von einer Zehnerpotenz haben.

Der nächste springende Punkt kommt daher, daß die unterschiedlichen Meßmethoden auch unterschiedliche Empfindlichkeiten für bestimmte Frequenzen des Jitters haben. Wenn der Jitter rein zufällig ist, und somit weißes Rauschen darstellt, dann enthält er auch alle Frequenzen in gleichem Maß. Solcher Jitter wird dann durch die Meßmethode entsprechend gewichtet. Manche Meßmethoden bieten eine einstellbare Meßbandbreite, das heißt es wird ein Bandpaß verwendet und nur Jitterfrequenzen gemessen, die innerhalb des Frequenzbandes liegen. Je schmaler das Band, desto weniger Jitter wird man messen (immer noch vorausgesetzt daß der Jitter weißes Rauschen ist). Bei solchen Methoden muß man also zur korrekten Interpretation der Ergebnisse auch die Filtercharakteristik des verwendeten Bandpasses wissen. Es gibt im Audiobereich keine normierte Filtercharakteristik dafür, jeder entscheidet bei der Messung selbst was er hier für sinnvoll hält, abhängig davon was sein Meßgerät anbietet.

Eine andere Art der Gewichtung ergibt sich, wenn man Jitter mit dem Oszilloskop mißt. Diese vielleicht einfachste Methode funktioniert so daß man das Oszilloskop auf eine Taktflanke triggern läßt und sich die nächste (oder eine spätere) Taktflanke auf dem Schirm ansieht, und zu bestimmen versucht wie weit diese Flanke im Lauf der Zeit hin- und herzittert. Der springende Punkt hier ist daß man so den Jitter von einer Taktflanke relativ zu einer anderen mißt, und nicht den absoluten Fehler gegenüber der idealen Absolutzeit. Diese Relativmessung führt dazu, daß Jitterfrequenzen unterhalb einer bestimmten Eckfrequenz immer stärker abgeschwächt werden. Für niederfrequenten Jitter ist diese Methode daher praktisch blind. Entscheidender Faktor ist hier der zeitliche Abstand zwischen dem Triggerzeitpunkt und dem Zeitpunkt der Flanke an dem die Messung stattfindet. Dieser zeitliche Abstand bestimmt wo die genannte Eckfrequenz liegt. Für eine korrekte Interpretation des Meßergebnisses muß man diesen zeitlichen Abstand kennen.

Wie man sieht gibt's schon bei der Jittermessung als einzelne Zahl eine ganze Reihe von Dingen zu beachten. Um beurteilen können ob zwei Messungen miteinander vergleichbar sind oder nicht braucht es mehr Angaben als man in den allermeisten Fällen geliefert bekommt. Das allein schon macht die Jitterangaben von Herstellern und anderen Quellen in den meisten Fällen unbrauchbar und nichtssagend.

Mehr Information kann man aus Diagrammen bekommen, die das Jitterverhalten nicht nur als einzelne Zahl ausdrücken, sondern in Abhängigkeit einer Variablen als Graph. Im Zusammenhang mit Audio A/D- und D/A-Wandlung ist ein Diagramm besonders sinnvoll, das die Stärke des Jitters über die Jitterfrequenz aufträgt. Anders gesagt, das Jitter-Spektrum. Interessant sind dabei die hörbaren Frequenzen, und eventuell noch die Oktave darüber, um die Möglichkeit von Spiegelfrequenzen mit abzudecken. Wenn der Jitter wie oben angenommen weißes Rauschen ist, dann ist das Spektrum eine horizontale Linie. Interssant ist das Spektrum also eigentlich bloß dann, wenn der Jitter eben nicht einem weißen Rauschen entspricht, wenn also sein Spektrum nicht wie eine gerade Linie aussieht. Das ist in aller Regel der Fall, und das ist auch der Grund warum eine einfache Analyse auf der Basis von weißem Rauschen meist zu kurz greift.

Wenn wie eigentlich in allen realistischen Fällen der Jitter nicht weißes Rauschen ist, dann ist es umso wichtiger sein Spektrum zu kennen, und nochmal wichtiger die Meßbandbreite für einen angegebenen Jitterwert zu kennen. Andersherum gesagt wird dann ein einzelner Meßwert noch wertloser. Daß man aber mal eine glaubwürdige Messung eines Jitterspektrums präsentiert bekommt ist schon recht selten. Sich einen willkürlichen (unrealistisch niedrigen) Jitterwert in Pikosekunden aus den Fingern zu saugen ist da schon wesentlich einfacher.

Ein Jitterspektrum gewinnt man normalerweise dadurch daß man einen jitterarmen Referenzoszillator auf dieselbe Frequenz abstimmt wie den zu untersuchenden Takt, und beide in einem Ringmischer phasendemoduliert. Ein FFT-Spektrumanalysator kann dann das resultierende Signal als Spektrum darstellen. Ist in der Praxis nicht ganz so einfach wie es hier klingt.

So weit zur Frage der Meßmethoden und der Vergleichbarkeit. Wer weiter einsteigen will in dieses Thema kann mit einem sehr nützlichen AES-Papier dazu anfangen, leider gegen Gebühr.

Die zweite Frage betraf den Punkt an dem gemessen wird. Wenn der nicht bekannt ist, dann ist der Meßwert ebenfalls unbrauchbar. Selbst wenn er bekannt ist kann er immer noch unbrauchbar sein. Man kann zum Beispiel den Jitter am SPDIF-Eingang eines D/A-Wandlers messen und angeben, aber daraus erfährt man immer noch nichts darüber welchen Effekt das auf das Audiosignal hat. Ein SPDIF-Empfänger und damit auch jeder entsprechend ausgerüstete D/A-Wandler hat eine eigene Jitterunterdrückung bzw. Jitterimmunität, es kann also gut sein daß der Jitter den man am Eingang mißt rein gar keine negativen Effekte hat, schon meßtechnisch nicht und gehörmäßig schon gar nicht.

Wer sich für den Effekt auf das Audiosignal selbst interessiert der darf nicht am SPDIF-Eingang messen, sondern muß sich den Takt ansehen der den D/A-Wandler-Chip im engeren Sinn antreibt. Das ist ein Signal innerhalb des Gerätes, das normalerweise außen nicht zugänglich ist. Maßgeblich ist dabei derjenige Takt, der für das Abtasten des Analogsignals verantwortlich ist. Es hängt vom Funktionsprinzip des Wandlers ab welcher aus mehreren Takten hier der maßgebliche ist. Zudem reagiert nicht jeder Wandler gleich auf Jitter.

De facto macht es also am meisten Sinn wenn man bei einem DAC nicht versucht, den tatsächlichen Jitter zu messen, sondern seine Jitterempfindlichkeit. Das heißt man gibt an seinen Eingang ein Signal mit einer bekannten Menge Jitter, und untersucht das analoge Ausgangssignal auf darauf zurückzuführende Artefakte. Am besten sieht man die Artefakte wenn der Jitter ein Sinussignal im oberen Frequenzbereich des hörbaren Spektrums ist. Besonders aufschlußreich ist hier wieder ein Diagramm, in dem man den Effekt abhängig von der Jitterfrequenz aufträgt. Wen überrascht es daß solche Diagramme wiederum sehr selten zu finden sind?

Die dritte Frage ist die nach der Hörbarkeit, und hier findet man die wildesten Spekulationen und die absurdesten Überzeugungen. Dieser Frage kann man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern. Es gibt aber auch einige Arten mit denen man sich der Frage nicht nähern kann, denen man aber (vielleicht gerade deswegen) immer wieder begegnet. So wird beispielsweise ausgerechnet welche Menge von Jitter bei einem Sinussignal mit maximaler Frequenz und Amplitude (also z.B. 22 kHz und 0 dBFS) zu einem Fehler von einem Bit bei gegebener Wortlänge (z.B. 16 bit) führt. An diesem Punkt würde der Fehler durch Jitter größer als der Fehler durch den normalen Quantisierungsvorgang. Anders gesagt wird ab diesem Punkt der Wandler durch Jitter meßbar schlechter als ohne Jitter.

Was man durch diese Abschätzung gewinnen kann ist eine theoretische Grenze, aber kein praktischer Richtwert. Mit der Hörbarkeit hat es rein gar nichts zu tun. Zu glauben in dem Moment an dem es meßbar wird müsse es auch hörbar sein ist kompletter Unsinn. Nichtsdestotrotz sind solche Abschätzungen anscheinend attraktiv, weil man mit ihnen auf geforderte Jitterwerte im unteren Pikosekunden-Bereich oder sogar Femtosekunden-Bereich kommen kann. Genau das woraus feuchte Audiophilen-Träume entstehen.

Sinnvoll ist es dagegen wenn man Hörtests macht bei denen man künstlich verjitterte Signale verwendet, und so feststellt welche Mengen an Jitter man braucht, bis es hörbar wird, und auch feststellt welche Signale besonders empfindlich sind, also welche Testsignale man sich anhören muß um möglichst kleine Jittermengen noch heraushören zu können. Solche Tests hat es im seriösen Bereich schon einige gegeben, und wir werden unten noch davon zu reden haben.

Ebenso sinnvoll ist es wenn man psychoakustische Kenntnisse über Hörschwellen, Maskierungseffekte und dergleichen heranzieht um abzuschätzen welche Modulationsprodukte am ehesten hörbar werden könnte. Das hilft beim Finden der besten Testsignale, und beim Abschätzen wo die Ergebnisse wahrscheinlich in etwa zu erwarten sind. Schon allein als Plausibilitätskontrolle sind solche Betrachtungen wertvoll.

Schließlich sollte man sich vergegenwärtigen daß Jitter nichts ist was erst durch die Digitaltechnik entstanden ist. Das Äquivalent von Jitter im Analogen sind Gleichlaufschwankungen von analogen Aufzeichnungsmedien. Solche Effekte gibt es bekanntlich sowohl bei Schallplatte wie auch beim Tonband, und man darf erwarten daß sich Erkenntnisse über die Hörbarkeit solcher altbekannten Effekte auch mindestens teilweise auf den digitalen Fall übertragen lassen. Mit anderen Worten: Es ist nicht recht einzusehen warum eine Phasenmodulation durch Tonband-Vibrationen weniger hörbar sein soll als eine um ein Vielfaches geringere Phasenmodulation durch Taktjitter. Wenigstens die Proportionen sollten sich hier übertragen lassen.

Untersuchungen über den Effekt von Jitter bei digitalen Audiosignalen sind daher nichts Neues. So hat z.B. eine Untersuchung darüber schon 1974 in den BBC-Labors stattgefunden, also 8 Jahre vor der CD. Umfangreicher noch ist die Arbeit von Benjamin/Gannon aus dem Jahr 1998, die sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen nähert, sowohl theoretisch als auch praktisch. Erwähnenswert sind schließlich auch noch Ashihara et.al. mit einem Artikel aus 2005.

Diese Untersuchungen sprechen eine völlig andere Sprache als es die "Erfahrungen" aus der Audiophilen-Szene vermuten lassen würden. Die dort festgestellten tatsächlichen Hörschwellen liegen derart weit von den Zahlen entfernt, die in Audiophilen-Kreisen wie selbstverständlich kursieren, daß man das nicht mit Meßunsicherheiten oder ähnlichen Fehlern erklären kann. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Die Welt seriöser Untersuchungen und die Welt audiophiler Einbildung und Eitelkeit.

Die verschiedenen oben genannten Untersuchungen kommen zwar nicht zu übereinstimmenden Ergebnissen, die Unterschiede lassen sich aber leicht als Konsequenz unterschiedlicher Versuchsgestaltung erklären und schmälern die Aussagekraft nicht. Das soll nicht heißen daß es nicht noch offene Fragen gäbe, die weitere Forschung nötig machen. Das was bisher schon untersucht ist, läßt aber Schlüsse zu die die audiophilen Vorstellungen und Größenordnungen ziemlich klar ins Reich der Phantasie verweisen.

Wenn etwas überrascht an den Studien, dann ist es wie wenig empfindlich das Gehör auf Jitter zu sein scheint. Die Autoren sind eher überrascht daß die Hörschwellen so hoch ausgefallen sind, und hätten offenbar mit einer größeren Empfindlichkeit gerechnet. Ansonsten sind die Ergebnisse im großen und ganzen im Rahmen dessen was man aus der psychoakustischen Erkenntnislage und aus entsprechenden Überlegungen hätte vermuten können. Zum Einen wird schon aus physikalischen Gründen mit sinkender Signalfrequenz der Jittereinfluß geringer (wegen der geringeren Flankensteilheit der Signale), zum Anderen kommt bei sinkender Jitterfrequenz das störende Mischsignal immer mehr in den Einfluß von Maskierungseffekten und wird dadurch unhörbar.

Ebenfalls wenig überraschend ist, daß man speziell ausgesuchte Testsignale braucht um die maximale Empfindlichkeit zu bekommen, und daß Jittereffekte bei normaler Musik fast immer völlig untergehen und selbst dann unhörbar sind wenn sie sehr stark sind. Die Tester haben demzufolge einige Zeit dafür verwenden müssen um Musikbeispiele zu finden bei denen sich etwas feststellen läßt. Zudem hat sich wieder einmal gezeigt daß die Tester ein gewisses Training brauchen um maximal empfindliche Ergebnisse zu erzielen, auch wenn es sich bereits um erfahrene Hörer handelt.

Es wird auch nicht überraschen daß aus einzelnen Tönen (Sinus) bestehende Jittersignale viel kritischer sind als Rauschen. Rauschförmige Jittersignale sind von Ashihara et.al. untersucht worden, und mit ihnen darf der Jitter zehn mal größer sein als bei Benjamin/Gannon im Fall von sinusförmigen Signalen. Das ist einleuchtend, denn durch rauschförmigen Jitter verringert sich bloß der Rauschabstand, während bei sinusförmigem Jitter unharmonische Mischprodukte auftreten, die bei genügender Stärke eine klangliche Verfärbung bewirken können.

Diese Stärke beträgt aber selbst bei den kritischsten Fällen immer noch 10 ns RMS und mehr, außer in gewissen Ausnahmefällen wo Jitter und Nutzsignal sinusförmig sind und so beschaffen daß die Artefakte aus der Maskierung herausfallen, wo manche Tester auch noch um die 4 ns Jitter detektieren konnten. Für normales Musikmaterial kommt man im besten Fall bis zu etwa 30 ns herunter, falls man überhaupt etwas hören kann. Für die Details der Versuchsmethoden und der Ergebnisse verweise ich auf die Originaltexte.

Ich will mit dieser Diskussion nicht miserable Jitterwerte bei Geräten rechtfertigen. Ein Entwickler sollte unabhängig von solchen Untersuchungen bestrebt sein, einen Takt zu verwenden der im Rahmen der Möglichkeiten und dem Stand der Technik entsprechend sauber ist. Selbst Jitter in unhörbaren Größenordnungen kann ein Hinweis auf ein Designproblem sein das mit geringem Aufwand behoben werden kann wenn man es einmal entdeckt hat. Für den Endanwender von Geräten bedeutet es aber daß es einen Bereich von Jitterwerten gibt der weit genug von aller Hörbarkeit entfernt ist daß man sich darüber keine Gedanken zu machen braucht. Hörbar tut sich bei weiterer Verbesserung dort nichts mehr, egal was Andere auch behaupten mögen.

Für mich selbst setze ich als Faustregel die Schwelle mit etwas Sicherheitsabstand bei 1 ns RMS an, gemessen mit einem Bandpaß der mindestens bis etwa 700 Hz herunter geht, besser 100Hz. Zum Glück fallen die meisten Geräte schon von sich aus gut genug aus, auch die von denen man es vielleicht nicht erwarten würde, z.B. viele interne Notebook-Soundkarten oder billige CD-Spieler. Jitterprobleme dürften damit die absolute Ausnahme sein und nicht die Regel. Und damit entfällt auch der Nutzen eines Clock-Tuning, zumal man bei den entsprechenden Tuning-Angeboten so gut wie sicher sein kann daß die dort genannten Zahlen frei erfunden und nicht seriös nachgemessen sind.