Donnerstag, 21. August 2014

Distortion of Truth

Daß unqualifiziert auf MP3 rumgeprügelt wird, vor allem im audiophilen Sektor, ist ja nichts Neues. Ein im vorigen Monat erschienener "Dokumentations-Kurzfilm" von Harman hat die Heuchelei und die Verdummung jetzt aber auf die Spitze getrieben. Da wurde offensichtlich ein erheblicher Aufwand getrieben, einschließlich eigener Webseite. Dort könnt Ihr Euch das Machwerk selbst ansehen. Eine ganze Reihe von Audio-Promis wurden dafür interviewt, und aus deren Aussagen dann eines der übelsten Desinformations-Propaganda-Videos zusammengeschnitten, das ich im Audiosektor kenne. Und das von Harman, einem ansonsten einigermaßen seriösen Unternehmen. Ich versuche gerade, meine Schnappatmung zu kontrollieren.

Der Ausgangspunkt dafür ist ja durchaus nobel: Die Audioqualität vieler Musikproduktionen ist seit vielen Jahren viel zu schlecht, und dagegen muß man was tun. Das liegt, wie wohl inzwischen die meisten Leute wissen dürften, wenigstens diejenigen, die sich dafür interessieren, am Lautheitskrieg. Am Bestreben der Musikindustrie, die empfundene Lautheit der Musik so weit als möglich zu steigern, in der Erkenntnis daß man so die Verkaufszahlen steigern kann, und das durch Anwendung von immer ausgefeilteren Techniken der Dynamikkompression. Daß dabei die Audioqualität auf der Strecke bleibt, hat man in Kauf genommen.

Nun wird leider das Wort "Kompression" auch in einer anderen Bedeutung benutzt, nämlich bei MP3 (und vielen anderen ähnlichen Verfahren, die seither entstanden sind) im Sinne von "Datenkompression". Man würde wahrscheinlich besser "Datenreduktion" sagen, um die Verwechslungsgefahr zu verringern, aber leider ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Datenkompression hat mit Dynamikkompression nichts zu tun, was jeder Audio-Profi wissen muß. Trotzdem bringt es Harman im Video fertig, die beiden miteinander zu verwechseln.

Und so kommt es zu einer Assoziationskette, die der Film bewußt nahelegt, die letztlich MP3 zum Sündenbock für ein Problem macht, das dem Lautheitskrieg geschuldet ist. Das einzige was die beiden verbindet ist der Begriff "Kompression", und daß der in zwei völlig unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird, geht im Film komplett unter.

Dieses Mißverständnis hat Harman nicht erfunden, es kursiert schon länger unter den Ahnungslosen im Audiosektor. Ich finde, es wäre einer professionellen Firma, die als seriös wahrgenommen werden will, gut angestanden, zur Aufklärung des Fehlers beizutragen. Stattdessen befördert man ihn noch, im Dienst eines verlogenen Propaganda-Machwerks. Und dabei macht schockierenderweise sogar Sean Olive mit, ein ansonsten seriöser Mann, auf dessen Blog ich schon seit langem hier verlinke. Im Moment ist er dazu noch der Präsident der Audio Engineering Society.

Nur um das mal auf der technischen Seite klar zu stellen: Datenkompression versucht, den reinen Datenumfang von Audiodateien zu verringern, möglichst ohne dabei hörbare Veränderungen am Audio-Inhalt zu verursachen. Es gibt dafür lossless-Verfahren (z.B. FLAC), die so arbeiten daß die Originaldaten Bit für Bit wieder gewonnen werden können. Das ist so ähnlich wie bei den vom Computern allseits bekannten ZIP-Dateien. Damit kann man die Größe der Audiodateien auf ungefähr die Hälfte reduzieren. Mehr Reduktion geht über das Ausnutzen der Eigenschaften des Gehörs, also durch "psychoakustische Datenreduktion". Die Originaldaten sind dann nicht mehr Bit für Bit rekonstruierbar, aber das Ergebnis sollte sich noch immer genauso anhören wie das Original, weil das Verfahren nur Veränderungen vornimmt, deren Auswirkungem man (normalerweise) nicht hört. Wie gut das funktioniert, hängt davon ab welches Verfahren man nimmt (es gibt inzwischen ziemlich viele; MP3 ist so etwas wie ein Urahn, in dessen Folge weitere Verfahren mit teils verbesserten Leistungen aufgekommen sind), und welches Maß an Datenreduktion man wählt (also die resultierende Bitrate). Es liegt auf der Hand: Je stärkere Datenreduktion man wählt, desto größer wird die Gefahr, daß man hörbare Effekte bekommt. Von nichts kommt eben auch in diesem Fall nichts. Ebenso liegt auf der Hand, daß der Verlust an Qualität, wenn er denn hörbar werden sollte, endgültig ist. Wenn es möglich wäre, das Original irgendwie zu rekonstruieren, dann könnte das auch schon der Dekoder, und das Problem würde nicht existieren.

Die Datenreduktion (oder Datenkompression) versucht also ausdrücklich, das Audio unverändert zu lassen. Demgegenüber ist die Dynamikkompression ausdrücklich dazu da, das Audio zu verändern. Es geht darum, den Unterschied zwischen leise und laut geringer zu machen. Das ist zum Teil ein nützliches Mittel, um ein Musikstück besser hörbar zu machen, und in dieser Form ein legitimes und seit langem angewandtes Stilmittel in der Produktion. Man kann es aber auch dazu benutzen, das Musikstück lauter zu machen, weil man weniger "Headroom" für Signalspitzen reservieren muß. Genau das ist der Kern des "Lautheitskrieges", der im Wesentlichen seit etwa 20 Jahren ausgetragen wird, und zwar völlig unabhängig von MP3 und Konsorten, nämlich vor allem im Radio und bei der CD. Man braucht dazu noch nicht einmal Digitaltechnik, obwohl die natürlich eine ganze Reihe von verbesserten Werkzeugen dafür liefert. Im Kern könnte man den Lautheitskrieg bereits mit analogen Mitteln bestreiten.

Zusammengenommen werden diese beiden eigentlich voneinander unabhängigen Techniken jedoch besonders übel, was vielleicht zur Konfusion beiträgt. Ein durch Dynamikkompression maximal laut gemachtes Musikstück kann man praktisch nicht mehr digital bearbeiten, ohne weiteren Schaden anzurichten. Die Pegel sind derart "an die Wand" gefahren, daß jede Bearbeitung die Gefahr birgt, daß man die Grenze überschreitet und weitere Verzerrungen verursacht. Sogar das in den meisten D/A-Wandlern benutzte Oversampling ist nicht mehr gefahrlos möglich, was bedeutet daß man dieses Material noch nicht einmal verzerrungsfrei abspielen kann. Stichwort: "Intersample Over". Umso weniger kann man dieses Material gefahrlos durch einen MP3-Encoder schicken.

Man müßte zuerst einige dB an Pegel herausnehmen, bevor man den Encoder darauf losläßt. Das macht aber fast niemand, vielleicht aus Unwissen. Jedenfalls scheint es den meisten Online-Diensten, die MP3-Material verteilen, egal zu sein. Insofern ist an der Kritik an MP3 etwas dran, denn Übersteuerungen, die auf diese Weise entstehen, sind tatsächlich hörbar.

Bloß ist es höchst unfair, MP3 dafür verantwortlich dafür zu machen, denn der Verursacher des Problems ist der Mastering-Ingenieur, der das Material zuvor lautheitsmaximiert hat. So gut wie jede Bearbeitung eines Audiosignals braucht Headroom, ansonsten drohen Verzerrungen. MP3 ist da keine Ausnahme. Nimmt man jeden Headroom weg, dann erzwingt man geradezu Verzerrungen in jeder nachträglichen Bearbeitung. Wie gesagt im Extremfall schon bei der D/A-Wandlung, MP3 braucht da gar nicht ins Spiel zu kommen. Wer von MP3 erwartet, unter diesen Umständen immer noch verzerrungsfrei zu arbeiten, verlangt das Unmögliche.

Wenn man sich im Klaren darüber ist, wo das Problem in Wirklichkeit entsteht, dann stößt einem der Film umso saurer auf. Etliche der im Film so salbungsvoll daher redenden Protagonisten müßten sich dann eher an die eigene Nase fassen, bevor sie mit MP3 etwas zum Sündenbock machen, was nichts dafür kann. Es ist auch bezeichnend, daß im Film sogar die verlustlosen Datenreduktionsverfahren in einem Zug mit den verlustbehafteten Verfahren genannt werden. Da sieht man die Verlogenheit (kann es bei einer Firma wie Harman Ahnungslosigkeit sein?) besonders gut.

Unter den Protagonisten des Films findet man z.B. Andrew Scheps, der als Toningenieur an der Produktion von "Death Magnetic" von Metallica beteiligt war, ein veritabler "Negativ-Meilenstein" in der Geschichte des Lautheitskriegs. So übel, daß die Platte dafür berühmt wurde. Hatte der Mann eine Erleuchtung, oder nutzt er bloß die Gelegenheit, die Schuld, die er eigentlich selber trägt, auf MP3 zu schieben?

Ich kann auch die Musiker nicht mehr hören, die so tun als müßte man ihnen nur mehr Kontrolle geben, dann würde die Tonqualität besser. Viele der Musiker waren in der Vergangenheit an der Lautstärkemaximierung zwecks Verkaufsförderung selbst interessiert und beteiligt. Auch im Falle von Metallica ist ein Interview des Drummers Lars Ulrich aktenkundig, in dem er, auf die Verzerrungen angesprochen, die Produktion ausdrücklich verteidigt hat, was deutlich macht daß nicht nur der Produzent, sondern auch die Band das so wollte. Auch wenn das nicht auf alle Musiker zutreffen mag: Wenn sie vor der Alternative stehen ob das Ergebnis besonders gut klingen soll oder besonders laut sein soll, dann wählen eben viele das Zweite. Die Technik, einschließlich MP3, ist nur insofern "schuld", als sie ihnen diese Entscheidung aufzwingt, wo sie doch am liebsten beides hätten: Optimale Qualität, aber lauter als alle Anderen. Die Orgie, aber keinen Kater.

Wer auf die Orgie nicht verzichten will, der sollte eben auch den Kater aushalten, und nicht alle und alles Andere dafür verantwortlich machen.

Und wenn ein Musiker der Qualität den Vorzug gibt, dann muß er eben Einfluß auf den Produzenten nehmen, der dafür verantwortlich ist. Wenn der Produzent ein anderes Produkt herstellen läßt als es der Musiker haben will, dann arbeiten da wohl die falschen Leute zusammen. Das ist kein Problem, das man mit Propagandavideos löst.

Das zentrale Problem bei der Audioqualität, besonders wenn Digitaltechnik im Spiel ist, also heutzutage praktisch immer, ist ein maßvoller, verantwortungsvoller Umgang mit den Pegeln, also die Bewahrung von ausreichend Headroom. Das ist eine uralte Weisheit, die schon bei der Analogtechnik gegolten hat, und mit der Digitaltechnik nur noch wahrer und wichtiger wurde. Hält man sich daran, dann ist auch MP3 kein Problem, dann funktioniert es wie es soll, und produziert auch nur in Ausnahmefällen hörbare Verzerrungen, so lange man genug Bitrate spendiert. Der Ball liegt da im Feld der Produzenten und der Tontechniker, und nicht bei den Entwicklern und Anwendern von MP3.

Das müßte man eigentlich auch bei Harman wissen. Aber anscheinend will man da mit Lügen Geld verdienen. Das versucht mindestens mal deren "Clarifi"-Brand, eine Harman-Firma, die verspricht, den Schaden rückgängig zu machen, den ein MP3-Encoding anrichtet. Etwas, was gar nicht gehen kann. Man kann die Verzerrungen allenfalls etwas "aufhübschen".

Was für eine Heuchelei! Ihr solltet Euch schämen, Harman!

Kommentare :

xnor hat gesagt…

Bin sehr auf Olives Kommentare gespannt, falls er das überhaupt "darf".
Wahrscheinlich ärgert er sich selbst auch über das Video...

kptools hat gesagt…

Hallo,

ich frage mich, wie man als Musikliebhaber überhaupt an derart verhunzte Dateien geraten kann. Da würde ich jedenfalls als Erstes versuchen mir das "Original" zu beschaffen, bevor ich versuche etwas zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Schön auch wieder die "digitale" Darstellung, diesmal in Klötzchenform.

Eine "Reparatur" wäre theoretisch übrigens kein Problem. Man benutze eine Musikerkennungssoftware und ersetze das komprimierte File einfach aus einer Datenbank durch das Original, oder zumindest durch ein sauber komprimiertes ;-).

Aber das ist sicherlich nur Wunschdenken und es wird nur etwas aufgehübscht, wie Du schon vermutest.

Grüsse aus OWL

kptools

Max Jalón hat gesagt…

Ich hatte mich über das Video auch maßlos geärgert. Nicht zuletzt auch, weil es ausgerechnet von Harman kommt.

Aber in einer Welt, in der ein Stereo-Magazin ernsthaft eine ganze Seite lang* behaupten kann, dass Ethernet Kabel (zum Übertragen digitaler Musik) verschieden "klingen", was erwartet man da noch?

Jedenfalls bin ich froh, dass ich auf diesem Blog Leute gefunden habe, Autor wie Kommentatoren, die noch ihren normalen Menschenverstande beisammen haben, auch und gerade bei Audiofragen.

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Disclaimer: Kommentator ist Musiker, Tonmann und Produzent und leidet seit Jahren unter der abgedrehten Eso-Mentalität in der Audio Branche.


* Ich hoffe ja immer noch, dass sich das mal als Aprilscherz herausstellt.