Sonntag, 14. September 2014

Der Westen

Ich bin noch in der guten alten Zeit geboren, als "der Westen" eine Himmelsrichtung war. Ich weiß nicht ob es noch viele gibt, die sich daran erinnern. Heutzutage liest und hört man jedenfalls ziemlich viel vom Westen, aber eine Himmelsrichtung scheint nicht damit gemeint zu sein. In den Medien, besonders in den Nachrichten, tut man allenthalben so, als wäre völlig klar, wovon da geredet wird. Als bräuchte es keine Erklärung. Aber mir ist es offen gestanden gar nicht so klar. Besonders wenn es heißt, "der Westen" müßte irgendwas tun, oder er hätte etwas falsch gemacht.

Der Westen hat auch eine Webseite, aber wie man sieht ist das der Internetauftritt einer Zeitung. Aber auch wenn es sicher nicht schaden kann wenn die was tun, so ist doch unwahrscheinlich daß sie gemeint sind. Gemeint ist offenbar etwas größeres, so wie Staaten oder Staatenbünde. Ist mir aber keiner bekannt der so heißt.

Geografisch gesehen fängt der Westen am Nullmeridian an und geht bis an die Datumsgrenze im Pazifik. Vom Nullmeridian aus in die andere Richtung liegt der Osten, und der geht auch wieder bis an die Datumsgrenze, von der anderen Seite her. So hat man es vor Jahrhunderten festgelegt. Der Nullmeridian geht durch Greenwitch in London, das heißt z.B. Deutschland liegt im Osten. Zu 100%. Das kann gelegen kommen, wenn es wieder mal heißt, der Westen müsse was tun. Können wir uns raushalten, wir gehören ja nicht dazu.

Andererseits tut man so, als wäre Europa ein Teil des Westens. Dabei liegt der größte Teil von Europa östlich von Greenwitch, bloß Irland und Portugal liegen ganz im Westen (und natürlich Island, wenn man das dazurechnen will), von Spanien und Großbritannien immerhin der größte Teil. Europa müßte man also eigentlich eher zum Osten als zum Westen zählen. Wobei streng genommen nicht ganz klar ist, wie weit nach Osten Europa eigentlich reicht. Klar ist noch, daß die Grenze durch den Bosporus verläuft, aber am nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres wird die Sache etwas willkürlich. Meist legt man die Grenze an das Ural-Gebirge, man müßte also vom Schwarzen Meer ungefähr am Kaukasus entlang bis zum Kaspischen Meer, und dann den Uralfluß hinauf die Grenze ziehen. Das ist vom Nullmeridian gut 5000 km weit nach Osten und umfaßt zwar den kleineren Teil der russischen Landfläche, aber den größten Teil der russischen Bevölkerung. Wenn man Europa so abgrenzt, dann liegen knapp 40% von Europa in Russland. In Deutschland liegen nicht mal 4% von Europa. Zypern liegt dagegen nicht in Europa, sondern in Kleinasien, auch wenn der griechische Teil davon inzwischen EU-Mitglied ist.

Auch von der Bevölkerung her ist der europäische Teil von Russland größer als Deutschland, wir sind also vielleicht das bevölkerungsreichste Land in der EU, aber nicht in Europa. Der Titel geht auch an Russland. Zum Trotz von alldem wird meist nicht so getan, als würde Russland dazu gehören. Nicht zu Europa, und schon gar nicht zum "Westen". Wir sind also kein bißchen weiter. Europa hilft nicht bei der Abgrenzung dessen, was man anscheinend unter "dem Westen" versteht.

Wie steht es mit "Westeuropa"? Hilft das? Welche Länder oder Landstriche gehören denn dazu?

Das ist heutzutage auch nicht mehr so einfach wie zu Zeiten des eisernen Vorhangs. Damals gab es eine gut bewachte Grenze zwischen Westeuropa und Osteuropa, und die schaffte weitgehende Klarheit wer wohin gehörte. Ein paar Unklarheiten gab's auf dem Balkan, aber ansonsten herrschte selbst bei den offiziell neutralen Ländern (z.B. Schweiz) eigentlich kein Zweifel ob sie zum westlichen oder östlichen Teil von Europa gehörten. Hätte man damals von "dem Westen" gesprochen, dann hätte man das sogar einigermaßen klar verstehen können.

Der eiserne Vorhang ist seit bald 25 Jahren verschwunden, also im Grunde eine ganze Generation lang, und mit seinem Verlust sind die Einteilungen in West und Ost in fürchterliche Unklarheit gestürzt worden. Vielleicht benutzt man den diffusen Begriff "der Westen" ja aus Verzweiflung über diesen Verlust von klaren Einteilungen, von ideologisch-geographischer Stabilität. Das hat auch den StAGN beschäftigt. Sein Vorschlag für die sprachliche Abgrenzung schlägt uns Deutsche Mitteleuropa zu, die Westeuropäer wohnen demnach in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in Großbritannien/Irland. Auch hier sind wir also nicht dabei, wenn's um "den Westen" geht.

Interessant übrigens die "kulturräumlichen" Abgrenzungen in besagtem Vorschlag, die nicht überall auf die Staatsgrenzen fallen. Und selbst da wo sie zusammenfallen kann's interessant sein. Ich sage da mal nichts dazu. Bloß, daß Zypern es irgendwie nach Südosteuropa geschafft hat. Nicht nur kulturräumlich.

Aber da wir nun bei der "Kultur" angekommen sind: Öfter mal wird ja "der Westen" mit den sogenannten "westlichen Werten" identifiziert. Man erklärt damit einen diffusen Begriff mit einem noch diffuseren. Ich überlege, wie man die westlichen Werte wohl formulieren muß, damit sich daraus das abgrenzen läßt, was man "den Westen" nennt.

Man könnte es mit der demokratischen Staatsform in Verbindung bringen. Das würde halbwegs helfen, Russland draußen zu halten, wo die Staatsform immer autokratischere Züge annimmt, und die Demokratie so allmählich bloß noch eine zeremonielle Rolle hat. Aber dann gehört z.B. auch Indien zum Westen. Ob das so gewollt wäre?

Oder man bringt es mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem in Verbindung. Das hat den Nachteil, daß gerade Russland, oder auch China, in mancherlei Hinsicht ungehemmteren Kapitalismus betreiben als wir hier in Deutschland. Oder sollten wir gerade den Grad der Ungehemmtheit als Kriterium heranziehen?

Vielleicht ist's aber auch die Religion. Wir haben hier immer noch mehrheitlich das Christentum, wenn auch schrumpfend. Aber das haben auch die Russen. Es ist dort zwar das orthodoxe Christentum, aber so groß ist der Unterschied nicht. Die katholische Obrigkeit sieht den Katholizismus näher an der Orthodoxie als am Protestantentum. So gesehen wird es schwer fallen, den Unterschied für bedeutend genug für eine solche Abgrenzung zu erklären.

Überhaupt: Diese christliche Religion kommt von bedenklich weit aus dem Osten (auch wenn er der "nahe Osten" heißt), und ist schon von daher verdächtig, wenn man damit eine Abgrenzung "des Westens" gewinnen will. Sollte man also sagen, der Westen sei diejenige Weltgegend, wo eine Religion aus dem nahen Osten dominiert, während der Osten sich zunehmend ungebremstem Kapitalismus hingibt, einer Wirtschaftsideologie, die aus dem Westen kommt?

In all dem Chaos wünschen sich offenbar sehr viele Leute die Klarheit des kalten Krieges zurück. Man vermißt die eindeutige Demarkationslinie zwischen West und Ost, die das Denken, die Sprache und die Politik vereinfacht. Kein Wunder, daß Putin den Zusammenbruch des Sowjetimperiums als eine Jahrhundert-Katastrophe wahrnimmt. Auf ein Imperium könnte man vielleicht zur Not verzichten, das haben auch schon Andere geschafft. Aber was tut man ohne klare Grenzen?

Das hat auch der ukrainische Präsident Poroschenko erkannt. Die Mauer zwischen den beiden Deutschlands hat er bestimmt als große Vereinfachung des politischen Geschäfts noch gut in Erinnerung, und es ist ihm aufgegangen, wie nützlich so ein klar sichtbares Trennungssymbol zwischen "Uns" und "Denen" in der Praxis ist. Der Mensch braucht das.

Auch in den Äußerungen vieler Politiker und auch Bürger sowohl hierzulande wie auch in anderen Ländern scheint auf, wie sehr sie sich noch immer am Denkschema des kalten Krieges orientieren. Manchmal scheint es mir, als hätte es die letzten 25 Jahre gar nicht gegeben. Die Frage, welche Regierung sich die Ukraine gibt, und welchen Bündnissen sie beitritt, wird nicht als das Problem und die Verantwortung der dortigen Bürger betrachtet. Vielmehr sieht man sie je nach ideologischer Position als zum russischen Einflußgebiet zugehörig oder zum "westlichen", so daß die "westlichen" und die russischen "Sicherheitsbedürfnisse" als letztlich wichtiger als der Wille der Ukrainer gelten.

Dadurch kann man die politische Landschaft dergestalt vereinfachen, daß man den politischen Willen der einzelnen Völker vernachlässigt, wie das auch seinerzeit im kalten Krieg war. Was zählt ist die Zugehörigkeit zu einem Block. Daß jeder Block seinen Einflußraum und Vorgarten zu befestigen sucht wird als selbstverständlich betrachtet.

In so einem Szenario ist das Errichten einer Mauer folgerichtig. Man legt dadurch quasi den politischen Nullmeridian fest, und in der Folge weiß man genau was im Westen liegt und was im Osten. Die Sprache war zuerst da, die Realität folgt dann nach. Die jüngeren Leute, die den kalten Krieg nicht mehr bewußt erlebt haben, werden dann mitkriegen, wie das damals war.

1 Kommentar :

Karl Hahn hat gesagt…

http://www.rotarymagazin.de/aktuell/panorama/was-sich-vom-habsburgischen-reich-lernen-laesst-a-5430.html

Föderation wäre sicher besser, als eine Mauer zu bauen.

Was eine Mauer erzeugt, sieht man doch in Israel.