Freitag, 11. Juli 2008

Die Schöpfung

Der audiophile Hersteller wußte gleich nach dem Aufwachen, was er heute erschaffen würde. Es würde ein Lautsprecher sein. Der beste Lautsprecher, der jemals gebaut wurde. Wer ihm zuhören würde, würde sich mitten ins Geschehen versetzt fühlen, alles rundherum vergessen, und in der Musik leben.

Heute war der Tag dafür.

Schon unter der Dusche stand der Lautsprecher vor seinem geistigen Auge, so klar als wäre er bereits gebaut. Er war groß und imposant, aber wirkte doch zugleich unaufdringlich, er war unübersehbar und doch nicht im Mittelpunkt. Er war wie eine Diva, die den Anwesenden zu sagen versucht, man solle sich nicht um sie kümmern, wohl wissend daß das völlig unmöglich ist. Die beleidigt wäre wenn man es wirklich befolgte.

Auf dem Weg zum Firmengebäude verdichtete sich das Konzept zum Bauplan. Die Hölzer und die Lacke, die Wege und die Weichen geronnen zu einem Ganzen, das darauf wartete in die Welt gesetzt zu werden.

Der audiophile Hersteller rief seine Mitarbeiter sogleich zu einer Besprechung zusammen. In gepannter Erwartung lauschten die Anwesenden den neuen Schöpfungen ihres großen Vorbildes. Es war genial. Binnen zwanzig Minuten wußte Jeder, was er zu tun hatte. Kaum daß der audiophile Hersteller geendet hatte, machten sich alle an die Arbeit.

Der audiophile Hersteller begleitete den Schreiner ins Holzlager, wo er die besten Stücke aussuchte, die Resonanzen abklopfend wie ein Geigenbauer.

Sodann begab er sich mit dem Elektroniker ins Bauteilelager, wo er die besten Spulen und Kondensatoren aussuchte, und den Elektroniker ermahnte, immer auf die richtige Flußrichtung der Elektronen zu achten.

Schließlich ging er zum Lackierer, um mit ihm den schönsten Lack herauszusuchen, und ihn zur Sicherheit noch einmal auf die Wichtigkeit der richtigen Materialschwingungen hinzuweisen.

Als das alles auf den Weg gebracht war, widmete er sich den Treibern, die er mit besonderem Bedacht auswählte, kam es doch auf deren richtiges Zusammenspiel entscheidend an. Den Rest des Vormittags verbrachte er sodann beim Schreiner, den er bei der Fertigung der vielfältigen inneren Gehäusedetails überwachte.

So geschäftig war die ganze Firma, daß man das Herannahen der Mittagszeit beinahe versäumt hätte. Doch die gute Fee der Firma war auf dem Posten und rief die Männer zur Mahlzeit, die keiner über Gebühr ausdehnte, war doch ein wichtiges Tagwerk zu tun!

Jeder spürte, daß etwas Großes im Entstehen war, und alle arbeiteten gewissenhaft an dessen Vervollkommnung. Kurz nach vier, der Lack war noch frisch, versammelten sie sich um das neue Geschöpf. Dem Meister stand es zu, den Klängen als Erster zu lauschen. Würde das Werk gelungen sein?

Man verband den neuen Lautsprecher mit dem besten Verstärker der weit und breit zu finden war. Stark wie ein Stier war er, und zugleich geschmeidig und unbekümmert wie ein Eichhörnchen spielte er auf. Es war der ideale Partner für den neuen Lautsprecher. Jeder war auf das Ergebnis gespannt.

Der audiophile Hersteller bat um Ruhe, wählte seine Musik, lauschte den ersten Klängen seiner Schöpfung, und hörte daß es gut war. Ganz versenkte er sich in die Darbietung, und er fühlte sich sogleich mitten in das Geschehen versetzt und vergaß alles rundherum.

Doch als er eben anfing in der Musik zu leben, hielt ihn etwas zurück. Warum wollte sein Fuß nicht wippen? Wo blieb die Lust, Luftgitarre zu spielen? Was hielt die Handbremse gezogen? Etwas stimmte noch nicht.

Der audiophile Hersteller war beunruhigt, lauschte in sich hinein, aus sich heraus, am Lautsprecher hoch und runter und dem Hörerlebnis zu, und schließlich, als seine Mitarbeiter schon angefangen hatten, sich zu sorgen, ballten sich die Wolken der Erkenntnis zusammen und die Lösung regnete herab wie ein erfrischender Sommerschauer.

Der audiophile Hersteller wußte jetzt was zu tun war. Er schritt zu seinem schweren Stahlschrank, öffnete ein spezielles Fach und entnahm eine Silberkugel. Diese überreichte er dem Metallbauer mit dem Auftrag, in der nächsten Vollmondnacht einen feinen Silberdraht aus ihr zu schmieden. Der Metallbauer nahm die Kugel ehrfürchtig in Empfang, und schwor dem audiophilen Hersteller daß er sie sorgsam behandeln und den Auftrag schon in der kommenden Nacht ausführen werde, denn die Vollmondnacht stand unmittelbar bevor. Der audiophile Hersteller schärfte ihm noch einmal ein, welche Verantwortung auf ihm liege, und entließ dann die ganze Mannschaft in den wohlverdienten Feierabend.

Am nächsten Morgen waren alle rechtzeitig zur Stelle, um dabeizusein wie der audiophile Hersteller den neuen Draht vom Metallbauer in Empfang nahm, und sogleich daran ging, mit ihm die Weiche und den Hochtöner zu verbinden. Der erfahrene audiophile Hersteller brauchte dafür nur wenige Handgriffe, und die Mitarbeiter staunten über die Fertigkeit ihres Meisters.

Wieder ward der Lautsprecher mit dem Verstärker verbunden, und die Prozedur vom vorigen Nachmittag ereignete sich erneut. Konnte der Lautsprecher diesmal überzeugen? Alles schien stillzustehen während die Mitarbeiter auf das Ergebnis harrten. Doch groß war der Jubel und die Freude als die Füße des Meisters zu wippen anfingen und er zur Luftgitarre griff.

Das Werk war gelungen. Diese Schöpfung würde die Welt im Sturm erobern.

Samstag, 24. Mai 2008

High-End Crashkurs

So manch einer würde gerne zur erlesenen Riege der High-Ender in Sachen HiFi angehören, schreckt aber vor den scheinbar großen Hürden zurück, die sich da vor ihm auftun. Diesen Aspiranten ist mein kleiner Beitrag hier gewidmet. Er soll zeigen daß High-Ender werden ganz einfach ist, wenn man es richtig anfängt, und wenn man die richtige Einstellung dafür hat. Meine jahrelangen Studien in High-Endologie will ich hiermit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Wenn Sie sich meine einfachen Regeln verinnerlichen, und mit Hingabe praktizieren, werden Sie in kürzester Zeit "dazugehören".

Sie werden vielleicht glauben, man müsse sehr viel wissen und sehr viel gehört haben, um High-Ender werden zu können. Es wäre kein Wunder wenn Sie das glauben würden, denn in High-Ender-Kreisen erweckt man diesen Eindruck gerne. Nehmen Sie das nicht zu ernst. Damit wird gerne kokettiert, aber es ist meist nur Show, so wie man in Literatenkreisen gern den Eindruck erweckt als hätte man James Joyce's "Ulysses" schon mit 14 im Original gelesen. Und wie viele Leute haben die Bibel oder den Koran nicht gelesen, wissen aber genau was das bedeutet, was da drinsteht? Na also.

Das Wissen der High-Ender besteht im Wesentlichen aus ein paar Ansichten, auf die man sich geeinigt hat, und mit denen man sich untereinander als High-Ender zu erkennen gibt. Wenn man den wesentlichen Teil dieser Ansichten kennt und sie passend zu äußern versteht, nimmt man fast automatisch den richtigen "Stallgeruch" an, der einem den Eintritt in den erlesenen Kreis erlaubt. Ob die Ansichten richtig oder falsch sind spielt erst einmal keine Rolle, sie zu hinterfragen wäre hinderlich. Es geht darum sie anzunehmen und zu eigen zu machen. Je mehr man auf diesem Weg fortschreitet, je leichter geht es, und je selbstverständlicher werden einem die Ansichten vorkommen. Der Clou beim Hinterfragen ist schließlich auch, daß man nicht die eigenen Ansichten hinterfragt, sondern die des Gegenüber.

Die Tatsache, daß sich so viele Leute, sogar über Sprachgrenzen und Nationen hinweg, auf diese Ansichten geeinigt haben, sollte man als Beweis für ihre Richtigkeit begreifen. Eine Konspiration hat es dazu ja nicht gegeben, alle haben aus freien Stücken gehandelt. Streng genommen beweist das zwar gar nichts, z.B. haben ja auch viele Leute unabhängig voneinander die Ansicht vertreten, die Erde stehe im Zentrum des Universums, aber es ist ein zu schönes Argument als daß man es ungenutzt lassen könnte. Außerdem siehe meine Warnung bzgl. dem Hinterfragen. Der Vorteil des Arguments beschränkt sich auch nicht darin, denn man kann daraus gleich noch weiteren Saft ziehen indem man bemerkt, daß die noch zahlreicheren Nicht-High-Ender die Ansichten nicht teilen. Das ist quasi noch ein zusätzlicher Beweis, denn die haben ja auch das Wissen nicht, und oft genug auch nicht das Gehör oder die Mittel.

Wer mir bis hierher gefolgt ist, hat den wesentlichsten Schritt zum High-Ender schon getan, und das interessanterweise ohne daß ich über die konkreten Ansichten etwas gesagt hätte. Nur über die "Meta-Ansichten". Der springende Punkt dabei ist daß man so weit kommen muß sich als privilegiert zu betrachten, als ein Mitglied einer erlesenen Gemeinde von Gleichgesinnten, die nicht nur gemeinsame Ziele und Leidenschaften eint, sondern auch eine Gabe, die nicht jedem zuteil wird. Die Tatsache daß die High-End-Ansichten nur von wenigen geteilt werden ist Zeichen dafür daß man zur Erlangung des Wissens eben privilegiert sein muß, und weil es nur Privilegierten zugänglich ist, muß das Wissen auch stimmen.

Damit wären wir bei den konkreten Ansichten, die unter High-Endern Konsens sind, und die man verinnerlichen muß. Die Ansichten sind so aufeinander abgestimmt, daß man sich die Richtigkeit nach Belieben immer wieder selbst bestätigen kann.

1. Der Kettengedanke

Hier vergegenwärtigt man sich, daß das kostbare Audiosignal durch eine Aneinanderreihung von Komponenten hindurch muß, die alle eine Bedrohung für die Integrität des Signal darstellen. Es drängt sich der Satz vom "schwächsten Glied" auf, und man wird dazu neigen allen Stationen in der "Kette" die gleiche Bedeutung zuzumessen. So werden Dinge, die dem Laien harmlos erscheinen, sehr bedeutsam, wie z.B. Blechbrücken an Lautsprecherterminals, oder das Lötzinn für die Weichenbauteile. Die daraus folgende Bedeutung, die den Details zugemessen wird, macht einen sehr "high-endigen" Eindruck und sollte auf keinen Fall vernachlässigt werden.

Eine nützliche Vorstellung ist, sich die Bauteile und Komponenten wie die Schläger bei einem Spießrutenlauf vorzustellen, durch den das arme Audiosignal durch muß. Logisch daß es da am besten ist wenn man möglichst wenige Stationen hat, entsprechend "gesünder" kommt man am Schluß heraus.

Man sollte sich nicht scheuen, diese Philosophie auf die einzelnen Bauteile in einem Gerät anzuwenden. Besonders konsequent ist es, auch die Bauteile mit einzubeziehen die gar nicht im Signalweg liegen, wie z.B. das Netzteil. Auch solche Dinge wie Gegenkopplung sollten Sie nicht beeindrucken, wie später noch beschrieben. Als High-Ender haben Sie sowieso ein Problem mit Gegenkopplung.

Reden Sie also nicht von Ihrer Anlage, sondern von Ihrer Kette. Das ist ein High-End-Codewort. Und reden sie davon daß man die Komponenten darin aufeinander abstimmen muß. Sie brauchen nicht zu erklären wie das geht, Sie werden auch so verstanden. Tun Sie einfach so als hätten Sie in mehrwöchiger harter Arbeit herausgefunden, welche Lautsprecherklemmen am besten zum Klangcharakter des Netzkabels ihres Plattenspielers passen.

2. Es kommt nur auf den Klang an.

Lassen Sie sich nicht dabei erwischen daß sie vom optischen Erscheinungsbild oder von der bequemen Bedienung eines Gerätes schwärmen. So etwas ist für Warmduscher. Ihnen kommt es nur auf den Klang an. Ausschließlich.

Deswegen gibt es auch speziell für den ambitionierten High-Ender wie Sie Firmen, die die dazu passenden Produkte liefern, wo ebenfalls auf Optik und Bedienung nichts gegeben wird, und einzig dem Klang gehuldigt wird. Firmen wie Transrotor, Burmester oder Graaf, deren Geräte man diese puristische Vielosophie auf den ersten Blick ansieht.

Noch besser sprechen Sie davon daß es nur auf die Musik ankommt. Denn der Klang dient ja letztlich der Musik. Wenn Sie es schaffen, so zu wirken daß Sie als High-Ender Dienst an der Musik leisten, ja für die Musik leben, für sie leiden, und für sie Verzicht üben, dann ist es perfekt. Sehen Sie sich Burmester an: Er möchte Sie vergessen lassen daß Sie Musik über technische Geräte hören. So selbstlos im Dienste der Musik ist er daß er seine unscheinbaren Geräte am besten ganz verschwinden lassen würde. Ein echter Highender.

3. High-End ist keine Geldfrage

Selbstverständlich nicht. Da es nur auf die Musik ankommt, kann es natürlich nicht auf's Geld ankommen. Der wahre High-Ender vergißt beim Musikhören nicht nur, daß er über technische Geräte hört, er vergißt gleich mit daß er für den Preis den sie gekostet haben auch fünf Jahre früher in Rente hätte gehen können.

Beim Klang kommt es ebenfalls nicht auf's Geld an. Jeder High-Ender wird das jederzeit bestätigen und Anekdoten beisteuern, wie er selbst schon ein billigeres Gerät klanglich besser fand als ein teureres. Außerdem kommt's ja wie schon geschildert auf die Abstimmung der Kette an.

Sie sollten sich auch gleich das entsprechende Vokabular zulegen, wenn Sie über Klang reden. Die entsprechenden Code-Wörter werden Sie als High-Ender ausweisen. Die unverzichtbare Grundausrüstung folgt hier, lassen Sie sich jedoch nicht dadurch beschränken, Sie dürfen gern ähnliche Wortschöpfungen selbst erfinden, das macht Sie um so authentischer als High-Ender. Außerdem findet man neue, interessant klingende Begriffe in der High-End-Presse, in den Herstellerprospekten, und in der Konversation mit anderen High-Endern.

Feinzeichnung, Dynamik, Durchhörbarkeit, Tiefenstaffelung, Bühne, Luftigkeit, Schwärze des Basses. Benutzen Sie diese Begriffe so als sei Ihnen selbstverständlich klar was sie aussagen.

Was übrigens prinzipiell nicht vorkommen kann ist daß ein Gerät aus der Massenproduktion klanglich mit einem High-End-Gerät mithalten kann. Daß man es klanglich nicht vom High-End-Gerät unterscheiden kann. Das geht nicht an und ist purste Holzohr-Demagogie. Das liegt natürlich nicht am Geld, vielmehr führt das direkt zum nächsten Punkt:

4. Es gibt immer einen Unterschied

Daß man zwei verschiedene Komponenten miteinander vergleicht und keinen Klangunterschied findet gibt's nicht. Man findet immer einen Unterschied. Man muß nur intensiv genug hören. Würde man offen sagen man höre keinen Unterschied würde man sich ja auch der Lächerlichkeit preisgeben. Man müßte befürchten, zum Ohrenarzt geschickt zu werden.

Es ist ja auch ziemlich einfach, Unterschiede zu hören. Man muß nur die richtige Methode anwenden. Die Methoden, die keine Unterschiede erkennen lassen, sind einfach zu unempfindlich. Blindtests zum Beispiel. Schon die Angst davor, man könnte sich dabei blamieren, macht einen praktisch taub. Besser ist es auch, wenn man die zu vergleichenden Geräte nicht zu direkt aufeinander hört. Ein Klang muß sich setzen. Wenn ich heute ein Gerät und morgen das andere höre sind die Voraussetzungen schon viel besser, um Unterschiede zu hören. Spötter wenden ein, diese Methode sei so empfindlich, daß man auch Unterschiede höre, die gar nicht da sind. Aber die verstehen nicht daß ein gehörter, nicht vorhandener Unterschied immer noch besser ist als ein nicht gehörter, vorhandener Unterschied.

Lesen Sie doch mal eine High-End Zeitschrift. Image-Hifi oder sowas. Finden Sie da jemals einen Test in dem zwei Geräte als klanglich identisch beschrieben werden?

Na also.

5. Meßwerte sagen nichts über den Klang aus.

Ist es Ihnen nicht völlig unverständlich wie die "Techniker" immer auf ihren Meßwerten rumreiten? Der Klang entsteht schließlich beim Hören, und das Entscheidende dafür sind die Ohren, nicht wahr? Wozu dann messen?

Schlimmer noch, wozu sich die ganze Theorie reinblasen, die man dazu anscheinend braucht? Der High-Ender braucht das alles nicht. Anlagenoptimierung, Komponentenauswahl, Hörräume, alles passiert nach Gehör. Wenn mal ein Lautsprecher verpolt ist, was soll's, Hauptsache es klingt gut! Und bei einem Hörvergleich die Anlage auf Pegelgleichheit ausmessen ist auch Humbug, Sie werden ja wohl noch Klang von Lautstärke unterscheiden können!

Außerdem, wenn Sie zwischen zwei Kabeln Unterschiede hören (Methode siehe oben), die meßtechnisch nicht nachvollziehbar sind, wessen Problem ist das dann wohl? Ist ja wohl klar: Gehört ist gehört, da hat dann wohl die Meßtechnik Nachholbedarf. Was auch nebenbei beweist, daß die Wissenschaft eben noch nicht so weit ist. Das menschliche Gehör, besonders das des High-Enders, ist eben ein sehr empfindliches und komplexes Organ, das der Wissenschaft weiterhin Rätsel aufgibt, und die Fähigkeiten der Meßtechnik übersteigt.

Und wenn sie schon noch nicht so weit ist, die Meßtechnik, warum sich dann mit ihr beschäftigen? Ist doch Zeitverschwendung! Weder der High-End-Zeitschriftenredakteur, noch der High-End-Gerätehersteller hält sich damit auf. Ersterer konzentriert sich darauf, herauszuhören, welche Schleier das Produkt in welche Richtung wegzieht, und letzterer erschafft seine Geräte durch die Kraft seines Gehörs, seiner Intuition und seines Willens: Es werde Klang!

High-End ist etwas für Genies, nicht für Buchhalter.

6. Der Live-Klang ist das Maß der Dinge

Wenn Sie eine Scheibe abspielen wollen Sie damit ein Konzert ersetzen, nicht wahr? Man geht ja nur deswegen nicht ins Konzert, weil gerade nicht das Gewünschte läuft (am Geld liegt's nicht, wie wir oben schon festgestellt haben). Wenn man also schon mit der technischen Krücke leben muß, dann soll sie möglichst das Live-Erlebnis originalgetreu reproduzieren, so daß man sich mitten im Geschehen wähnt.

Eine High-End-Anlage vollbringt da wahre Wunder. Sie schließen die Augen und sitzen in der Mailänder Scala, bloß ohne die übertriebene Parfümierung (Hugo Boss Femme) der Dame vor Ihnen. Oder im Shepherd's Bush Empire, bloß ohne die Bierpfütze (Newcastle Brown Ale) unter Ihren Schuhen. Macht nichts, daß die Scheibe im Studio aufgenommen und am Computer bearbeitet wurde, die Anlage, pardon, Kette bringt das authentische Live-Feeling rüber. Sie können das beurteilen, auch wenn Sie nie da waren. Es klingt einfach authentisch, also muß es so stimmen.

Lassen Sie die Spötter ruhig reden, die ihnen weis machen wollen so etwas könne es gar nicht geben, denn die Produktion sei schon künstlich gewesen, und die Wiedergabe über zwei Lautsprecher schaffe nur eine Illusion. Buchhalter, wieder mal. Entscheidend für originalgetreue Wiedergabe ist nicht, ob es im Original so war oder ob es das Original überhaupt gab. Wichtig ist daß es sich so anfühlt als daß es so gewesen sein muß, und man selbst dabei war. Mit sauberen Schuhen.

7. Klangkiller, die man als High-Ender vermeidet

Jeder High-Ender kennt ein paar Dinge die den Klang killen und daher äbäh sind. Die Kunde darüber wird von Mund zu Mund und Zeitschrift zu Zeitschrift weitergereicht. Die wichtigsten, bei deren Erwähnung man als High-Ender am besten ein Schweppes-Gesicht macht, sind diese
  • Die Gegenkopplung.
    Was das genau ist kann kaum ein High-Ender sagen, aber er weiß daß es schlecht ist. Es ist irgendwas im Verstärker, das nachträglich versucht zu korrigieren was zuvor krumm gelaufen ist. Kann ja nicht funktionieren, das kommt ja immer zu spät. Die Techniker meinen dadurch seien gute Verstärker überhaupt erst möglich, aber warum, das kapiert keiner, und folglich kann's auch nicht stimmen.
  • Der Jitter
    Weiß auch keiner genau was das ist, eine Art Zittern, und das kann ja nicht gut sein. Das Entstehen ist mysteriös, die Auswirkungen sind mysteriös, man kann's in Nanosekunden angeben, und weniger ist besser. Das zeigt doch wie präzise das Gehör ist, nicht wahr? Wenn's die Nanosekunden heraushören kann! Und da soll noch so ein Buchhalter-Schlaumeier behaupten es sei nicht wichtig daß man die Lautsprecherleitungen gleich lang macht!
  • Sauerstoff im Kupfer
    Ganz übel, macht Dioden zwischen den Metallkörnchen und der Klang wird davon ganz kratzig. Überhaupt, die Körnchen. Wenn man den Draht richtig zieht und behandelt dann geht der Klang in eine Richtung besser durch's Kabel als in die andere Richtung. Dann ist ein Pfeil aufs Kabel aufgedruckt. Spötter meinen daß der Pfeil dafür da ist daß die Elektronen sehen können wo der Klang hin soll. Typisch Buchhalter.
    Noch besser ist aber man nimmt Silber. Wie man schon vom Anblick her leicht vorhersagen kann, klingt ein Silberkabel heller. Die Elektronen gehen da einfach lieber durch.
  • Transistoren
    Kann man schwer drauf verzichten heutzutage, aber die guten alten Röhren sind einfach besser. Was gut aussieht klingt auch gut. Und die Bude wird auch warm davon. Lassen Sie in diesem Zusammenhang bei Gesprächen die Begriffe "ungeradzahlige Harmonische" fallen und Sie sind "in".
Es gibt natürlich mehr davon, aber es geht ja auch nur um einen Einstieg hier. Mit der Erwähnung der obigen Begriffe können Sie schon eine High-End-Fachsimpelei bei einer Grillparty überstehen.

Ein Begriff, bei dem Sie das Schweppes-Gesicht in verschärfter Form aufsetzen sollten, der aber nicht direkt den Klang sondern eher den Spaß killt, muß hier aber noch kurz Erwähnung finden: Blindtest. Oben ist er schon kurz angeklungen. Das ist ein fieser Trick der Buchhalter, mit dem sie versuchen die High-Ender mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Die eigenen Waffen, das ist natürlich das Gehör. Man tut so als würde man dem High-Ender die reine Entscheidung über das Gehör überlassen, und ihm lediglich die Augen verbinden, damit er die Kette nicht sehen kann. So manch ein High-Ender ist darauf herein gefallen und meinte, ob er was sieht oder nicht spielt keine Rolle. So ist das aber nicht. Man verbindet ihm die Augen, schnallt ihn auf einen Sitzplatz, spielt Musik ab die er nie zuvor gehört hat und schaltet wie wild hin und her, bis er ganz durcheinander ist. Danach behauptet man dann, das sei der Beweis daß es keine Unterschiede geben könne. Da darf man sich als High-Ender nie drauf einlassen! Blindtest und High-End schließen sich gegenseitig aus!

Zum Schluß noch ein guter Rat:

Als High-Ender werden Sie Anfechtungen ausgesetzt sein. Das passiert jeder Avantgarde, denn die Masse ist noch nicht so weit, die Sache zu begreifen. Und was sie nicht begreift, davor fürchtet sie sich. Sie sind dagegen als Teil der Avantgarde schon darüber hinaus, und sollten sich nicht wieder herunterziehen lassen. Begreifen Sie den Widerspruch als Ermutigung und als Chance zur Bewährung! Was so viel Widerspruch hervorruft kann nicht falsch sein!

Suchen Sie ruhig die Auseinandersetzung mit den Gegnern, aber tun Sie es nicht leichtfertig. Ihre Gegner werden versuchen die Wirklichkeit gegen Sie in Stellung zu bringen, dagegen müssen Sie sich wappnen. Gegen die Wirklichkeit kann man sich immunisieren. Hier sind ein paar Anregungen dafür:
  • Geben Sie auf alle Fälle Ihren Wahrnehmungen Vorrang. Was Sie hören und sehen ist Ihre Wirklichkeit, selbst wenn das die Stimme des Allmächtigen sein sollte, der Sie zur Vernichtung der Ungläubigen aufruft. Mein Beispiel mag Ihnen geschmacklos erscheinen, es zeigt aber die Kraft dieses Prinzips aufs Deutlichste.
  • Hören Sie nicht auf diejenigen, die Ihnen mit technischen Erklärungen kommen. Sie wollen Sie nur auf's Glatteis führen. Gut bewährt hat sich, in solchen Fällen darauf zu pochen, es käme auf die Musik an, und vergessen Sie auch nicht Ihre Gegner darauf hinzuweisen daß man Musik nicht mit Meßgeräten hören kann. Es ist wichtig, immer wieder zu betonen daß Sie der Vertrëter der Praxis, ihr Gegner der Theorie ist. Auch wenn er vorgibt, schon seit 30 Jahren praktisch tätig zu sein, ist er doch ein Theoretiker.
  • Vergewissern Sie sich immer wieder ihres Wissens. Wenn Sie in Diskussionen über z.B. Verstärkerklang verwickelt sind, ist es gut sich immer wieder hinzusetzen und Verstärker probezuhören. Wenn Sie es richtig anstellen (siehe oben) werden Sie keine Mühe haben, Unterschiede zu hören. Das wird Sie gegen die Wirklichkeit immunisieren.
  • Machen Sie sich die seelischen Defekte Ihres Gegners klar. Seine ablehnende Haltung muß ja einen Grund haben, sonst würde er zweifellos mit fliegenden Fahnen zum High-End-Tum konvertieren. Dieser Grund kann Neid sein, Geiz, Geldmangel, eine missionarische Haltung. Sie werden bestimmt schnell etwas finden. Seien Sie hartnäckig und unnachgiebig und frech, und Ihr Gegner läßt bestimmt bald die Maske fallen.
  • Beklagen Sie sich bei jeder Gelegenheit über unfaire Behandlung. Sie werden sehen, bald glauben Sie selbst daran daß Ihnen Unrecht geschieht. Man will Sie zensieren, zum Schweigen bringen, man respektiert Ihre Meinung nicht, man behandelt Sie grob und unhöflich. Sind das nicht alles Zeichen dafür daß Sie recht haben und Ihre Gegner es nur nicht zugeben können?
  • Übergehen Sie Punkte, auf die Sie keine gute Antwort wissen. Streichen Sie sie aus Ihrem Gedächtnis, und wenn Sie darauf angesprochen werden tun Sie so als würden Sie nicht verstehen worum es geht. Wird man hartnäckig, dann geben Sie sich mißverstanden. Absichtlich mißverstanden. Sie sind das Opfer, besinnen Sie sich immer darauf.
Es kann etwas anstrengend sein, aber Sie werden merken, daß Ihnen bald niemand mehr das Wasser reichen kann, und auch das bestätigt Sie wieder in der Zugehörigkeit zur Avantgarde. Das ist das Ziel: Selbstaufopferung im Dienste der Musik, ohne Bezug zur Wirklichkeit, zum Nutzen der High-End-Gemeinde, besonders der Hersteller unter ihnen.

Und wie Sie ja jetzt wissen, ist das alles gar nicht so schwierig. Sie können schon heute dazugehören.

Montag, 12. Mai 2008

Respekt? Welcher Respekt?

Jaja, man muß andere Meinungen respektieren. Rücke einem Subjektivisten diskussionsmäßig zu Leibe und früher oder später wird er mit diesem Respektargument daherkommen. Sozusagen als Ausweichstrategie wenn ihm beim Diskussionsthema die Argumente ausgegangen sind. Er könnte genausogut sagen: Laß mich in Ruhe! Bloß klingt das zu sehr wie eine Niederlage. Folglich versucht er einen Vorwurf daraus zu stricken, nämlich den der Verletzung einer ethischen Regel: Daß man die Meinung seines Gegenüber respektieren müsse.

Muß man das wirklich?

Es gibt eine ganze Reihe von Meinungen die ich nicht respektiere. Die ich weder respektieren will noch kann. Und ich habe dabei nicht das geringste schlechte Gewissen, und weiß auch nicht weswegen ich eins haben sollte.

Ich respektiere zum Beispiel keine Ignoranz, und damit auch keine Meinung die sich aus Ignoranz speist. Zum Beispiel wüßte ich keinen Grund warum ich die Meinung respektieren sollte, 2 + 2 ergebe 5. Ich weiß daß das falsch ist. Nachweislich falsch. Wenn es jemand anders sieht, dann sollte er schon verdammt gute Argumente dafür haben, andernfalls Pech für ihn.

Bei der Mathematik ist das natürlich wegen der klaren Beweislage am einfachsten zu beurteilen, aber auch bei weniger gut bewiesenen Themen verweigere ich meinen Respekt, wenn die Meinung zu bescheuert ist. Leute, die mir weismachen wollen, andere Rassen seien minderwertig, die Erde sei vor 6000 Jahren erschaffen worden, Homosexualität sei unmoralisch, oder ähnlichen Unfug, haben keinen Anspruch auf meinen Respekt.

Respekt muß verdient sein. Ich teile ihn nicht mit der Gießkanne aus.

Schon gar nicht bekommt meinen Respekt, wer ihn bei mir einfordert, während er sich als unfair behandeltes Opfer darstellt. Besonders wenn das offensichtlich eine Ausweichstrategie ist. Und erst recht wenn er dabei die Sachlage kraß verzerrt.

Im Hifi-Forum ist das wieder mal (zum x-ten Mal) Diskussionsthema hier und auch hier. Jämmerlich. Immer wieder die gleiche schablonenhafte Ignoranz der Subjektivisten, die sich auf ihren Außenseiterstatus noch was zugute halten. Die sich standhaft weigern, Argumente auf die sie nichts zu entgegnen wissen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, auch nach mehrfacher Aufforderung, dazu etwas zu sagen. Die auch nach ausdrücklicher Erwiderung ohne irgendwelche konkrete Untermauerung ihren Diskussionsgegnern Aussagen und Positionen unterschieben, die so nie gefallen sind, und erkennbar unsinnig sind. Das ganze eristische Diskussionsrepertoire eben.

Da kann man von mir noch so oft Respekt einfordern, vor solch windelweichem Gebaren habe ich keinen.

Mit Meinungsfreiheit hat das übrigens nichts zu tun. Meinungsfreiheit heißt nur daß man seine Meinung frei äußern darf. Daß dafür irgend jemand Respekt aufzubringen hat bedeutet es nicht. Und wenn meine Meinung anders aussieht genieße ich die gleiche Meinungsfreiheit. Wenn meine Meinung ist, daß Du Schwachsinn redest, warum sollte ich das nicht frei sagen dürfen?

Und wie sollte ich in einem Forum, in dem ich ein gleichberechtigter Benutzer ohne Sonderrechte bin, die Meinungsäußerung Anderer unterdrücken? Ich kann mit meinen Artikeln die Behauptungen anderer in Grund und Boden argumentieren, aber verhindern daß diese Behauptungen geschrieben werden kann ich nicht. Und ich beeile mich hinzuzufügen: Das will ich auch nicht!

Meinungsfreiheit ist, daß jemand seinen Unsinn frei verbreiten darf. Meinungsfreiheit ist aber auch daß ich diesen Unsinn nach allen Regeln der Kunst auseinander nehmen darf, egal ob demjenigen das nun paßt oder nicht.

Von daher wär's mir lieber wenn die Subjektivisten ihr armseliges Gejammer einstellen würden und zum Thema zurück kämen. So könnten sie meinen Respekt für ihre Meinungen steigern, mit dem Einfordern von Respekt nicht.

Womit man meinen Respekt auch steigern könnte wäre wenn man demonstriert daß man bereit ist sich mit meinen Argumenten zu beschäftigen. Ja, es würde oft schon reichen wenn man erkennen ließe daß man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt. Aber oft genug ist das Gegenteil der Fall.

Ich finde es respektlos, wenn man einem Diskussionsgegner noch nicht einmal zeigt das man sein Argument gelesen und aufgenommen hat. Ihm damit wortlos signalisiert: Was Du schreibst kann mir gestohlen bleiben. Oder wenn man keine Gelegenheit ausläßt, dem Diskussionsgegner das Argument nach seinem Gusto zu verbiegen, umzudrehen, ins Absurde zu übersteigern, oder mißzuverstehen. Alles das sind Anzeichen von Ignoranz, und die respektiere ich eben nicht.

Ist das missionarisch?

Das ist mir ehrlich gesagt egal. Es wird sowieso als Kampfbegriff benutzt. Für mich bedeutet der Begriff den Versuch, jemand Anderen von etwas zu überzeugen für das es keine vernünftige Grundlage gibt, und das ohne die Bereitschaft, sich seinerseits zu überzeugen zu lassen. Für das was ich vertrete meine ich eine durchaus tragfähige vernünftige Grundlage zu haben und ich lege sie auch in aller Regel offen. Zudem kann man mich von etwas anderem durchaus überzeugen, bloß sicher nicht mit grundlosen Behauptungen. In meinen Augen bin ich damit kein Missionar. Aber das wird diejenigen, die auf der Suche nach irgendetwas sind, das sie mir um die Ohren hauen können, sicher nicht hindern.

Habe ich verdeckte Motive?

Möglich. Wenn ich wüßte was mein Unterbewußtsein will dann wäre es nicht unterbewußt. Meine bewußten Motive sind aber nicht verdeckt, und ich meine die reichen auch um zu erklären warum ich mich im Hifi-Forum ins Getümmel stürze.

Die haben was mit meinem Job und meiner Hifi-Vergangenheit zu tun. Ich war auch mal Leser der einschlägigen Hifi-"Fach"zeitschriften, und habe eine Zeitlang geglaubt was ich las. Das ist 20 Jahre her, und es hat immerhin nicht lange gedauert bis ich begriffen habe daß das Humbug ist. Dieser ganze subjektivistische Esoterik-Mist hat schon damals angefangen, und ist seitdem nur noch schlimmer geworden. Jede zweite Ausgabe von Stereoplay war mal wieder die Sensation perfekt und neue Klangwelten haben sich aufgetan. Je mehr ich über die Technik dazugelernt habe desto bescheuerter kam mir dieses Geschwurbel vor. Schließlich habe ich's nicht länger ertragen und das Abo gekündigt, obwohl ich immerhin die Plattenkritiken vermißt habe. Für 15 Jahre ist mir dadurch nicht nur die Fachblatt-Szene, sondern darüber hinaus auch die Hifi-Szene zum Hals raus gehangen, mir schien die ganze Branche infiziert.

Tontechnik habe ich trotzdem zu meinem Beruf gemacht, aber im professionellen Bereich, in dem es nach meiner Beobachtung damals wie heute wesentlich nüchterner zugeht. Einesteils weil man da seine finanziellen Entscheidungen etwas besser rechtfertigen muß, andernteils weil man da im Durchschnitt einen höheren Anteil an Leuten antrifft die eine Ahnung von dem haben womit sie umgehen.

Ich habe auch heute noch keine Ambitionen, mich beruflich mit der Hifi-Szene zu beschäftigen, aber mir wurde vor einigen Jahren immerhin klar daß ich aufgrund meiner Erfahrung und meines Wissens einerseits, und meiner Unabhängigkeit von dieser Branche andererseits, gut "positioniert" bin um gegen den geballten Blödsinn anzugehen, der in Tateinheit von den Fachmedien und den Herstellern, und im Gefolge auch zahlreichen "Enthusiasten" auf die Leute losgelassen wird. Und mir wurde klar daß ich nach 15 Jahren aufhören muß in der Schmollecke zu sitzen, daß sich nur was ändert wenn man auch was tut, und daß es außer mir noch einen Haufen Andere geben muß die ähnlich denken. Zumal die Verhältnisse in der Hifi-Branche das Thema allgemeinen Gespötts der Profi-Szene waren. Es war schlicht undenkbar daß sich alle vernünftigen Leute in der Profiszene befinden und die Ahnungslosen in der Hifi-Branche.

Es ist außerdem schizophren, mit seiner Arbeit einer Profiszene dienlich zu sein, die letzlich ihrerseits Produkte für den Hifi-Benutzer macht, wo dann alles nach ganz anderen Kriterien abläuft. Wozu macht man Studiotechnik möglichst perfekt wenn der Endkunde das damit erstellte Produkt dann über einen sinnfreien Verstärker und furchtbar unausgewogenen Lautsprechern in einem dem Zufall überlassenen Raum abspielt, und dabei noch meint er wüßte es besser als die ganzen Profis, die im Gegensatz zu ihm tatsächlich was Vernünftiges gelernt haben, statt 10 Hörsitzungen bei Hifi-Händlern für Wissen, und sein Gehör für unbestechlich zu halten?

Ich habe auch gemerkt daß der Subjektivismus eben doch in die Profiszene einsickert. Langsam zwar aber merklich. Das mag auch was damit zu tun zu haben daß es einen stark wachsenden Semipro-Anteil gibt, also Leute die meinen sie seien Profis wenn sie ein 8-Kanal Behringer-Mischpult und ein T-Bone Mikrofon haben. Mehr und mehr hat sich bei mir der Eindruck verbreitet daß dieser Esoterik-Kram auch in Profi-Kreisen "salonfähig" wird. An der Stelle betrifft es eben auch mich. Ich will nicht in die gleiche Lage kommen in der sich seit 20 Jahren ernstzunehmende Hersteller von Hifi-Komponenten befinden: Mit den Wölfen zu heulen oder sich gegen einen schwer aufzuhaltenden Trend zu stemmen.

Was hat man in den letzten 20 Jahren als Hifi-Hersteller getan wenn man eigentlich den ganzen Esoterik-Kram für Unfug gehalten hat? Wie kommt man überhaupt an seine Kunden wenn die gesammelte Flachpresse ins gleiche Horn bläst? Wohlgemerkt, das war weit vor der Internet-Revolution. Der Kunde von Hifi-Geräten hat damals fast unvermeidlicherweise zu den Fachzeitschriften gegriffen. Und wenn er da unisono den gleichen - pardon - Scheißdreck liest fängt er an das zu glauben. Ging mir ja selber so, und ich bin erstens relativ kritisch und zweitens technisch vorgebildet. Und wenn da anscheinend Alle irgendwelche Unterschiede hören, man selber aber ehrlicherweise nicht, dann hat man folgende Möglichkeiten:
  • Man hält sich für gehörmäßig minderbemittelt. Umso ehrfürchtiger sieht man die die so etwas tatsächlich hören.
  • Man akzeptiert daß man nicht genug in seine Anlag investiert hat um so weit zu kommen. Nachdem aber die "Autoritäten" auch in der Klasse in der man selber "spielt" mühelos unterscheiden können, ist das nicht so recht glaubwürdig.
  • Man fängt an, sich emotional in diese Unterschiedhörerei hineinziehen zu lassen, und alles als bedeutend aufzufassen was man vorher als Vorübergehend aufgefaßt hat. Das muß man aber an seinem Verstand vorbei tun, wenigstens wenn man meine Sorte Verstand hat.
Kann ich irgendwie nicht. Paßt alles nicht. Ich beneide diejenigen ernsthaften Hersteller, die es schaffen, sich eine ehrenwerte Haltung in dieser Welle von Bullshit zu bewahren. Die es verstehen in einer Umgebung zu überleben, die von ihnen geradezu zu verlangen scheint, sich vor dem Altar der Subjektivität zu verbeugen, und die gleichen Worthülsen von sich zu geben die zum Standardrepertoire der Branche gehören. Das stelle ich mir so schlimm vor wie bei einem atheistischen Präsidentschaftskandidaten in den USA, der religiöse Standardfloskeln von sich gibt weil er weiß daß er sonst keine Chance hätte, gewählt zu werden. Zwang zum Heucheln, igitt!

Die Ironie ist, daß man in dieser Branche offenbar die größten Subjektivisten auch für die "mutigsten" Außenseiter hält. Wenn man einen Tuning-Lack für sündteures Geld anbietet, der unterschiedslos auf fast alles gepinselt enorme Verbesserungen bewirken soll, mit haarsträubenden Erklärungen beworben, findet man größeres Echo in der Szene als wenn man versucht, das Fähnchen der Rationalität hochzuhalten. Dabei wäre die einzig angebrachte Reaktion auf solche hemmungslose Verarschung ein Tritt in den Allerwertesten.

Dafür Respekt? Nicht von mir!

Was im Moment passiert, nicht zuletzt durch das Internet, ist keineswegs die Unterdrückung der Subjektivisten. Deren Meinungsfreiheit ist nicht in Gefahr. Es geht darum der Stimme der Rationalität überhaupt erst wieder Gehör zu verschaffen. Ein Klima zu schaffen in dem man sich als Hersteller auch trauen kann ehrlich zu sein, ohne dadurch einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil zu haben. Ein Klima in dem sich der Kaufwillige auch neutral informieren kann und nicht den Eindruck gewinnt, die esoterische Erklärung der Welt sei die Einzige in dieser Branche. Ein Klima in dem keiner sich schämen muß oder Schmähungen anhören muß wenn er "weggezogene Vorhänge", "enorme Klangsteigerungen", "aufgehende Sonnen" und dergleichen nicht hört. Ein Klima in dem nicht als selbstverständlich hingenommen wird was bei näherer Betrachtung nicht nur der technischen Erkenntnis sondern auch dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Die Subjektivisten haben die letzten 20 Jahre das Spielfeld beherrscht. Es war höchste Zeit das zu ändern, und es ändert sich auch inzwischen merklich. Wer damit ein Problem hat kann's meinetwegen behalten. Am besten er behält dann sein Respekt-Gejammer auch gleich für sich.

Dienstag, 15. April 2008

Und es gibt ihn doch!

Zugegeben, ich habe auch immer geglaubt, die Story vom Osterhasen sei frei erfunden. Die Praxis zeigt aber, daß dies zu kurz springt und an Ostern Eier im Garten zu finden sind, obwohl sie nach der konventionellen Logik eigentlich gar nicht dort sein dürften. Ich habe auch mal geglaubt, Hasen könnten gar keine Eier legen. Weit gefehlt.

Wer an Ostern im Garten nachschaut, der wird es sehen.

Der Osterhase ist nicht einfach nur ein Nagetier, er ist ein hoch komplexes Wesen, das mit den herkömmlichen biologischen Begriffen nicht vollständig erfaßt werden kann. Die Wissenschaft leugnet das bis heute, doch wird sie noch lange brauchen bis sie erklären kann wie ein Osterhase nicht nur Eier legen, sondern diese auch hartkochen und bunt bemalen kann. Doch die unmittelbare Wahrnehmung spricht eine klare Sprache, und eine kleine Gruppe fortschrittlicher Wissenschaftler zeigt sich inzwischen mit aller gebotenen Vorsicht als Unterstützer der Osterhasen-Theorie.

So sprach ein mir bekannter Botanik-Professor kürzlich an Ostern gegenüber seiner 5-jährigen Tochter ganz offen darüber, und tatsächlich fand diese auch mehrere Nester mit Eiern im Garten. Es ist klar daß man als Professor heute noch auf der Hut sein muß, und nicht allzu öffentlich darüber reden kann, wenn man nicht seinen Ruf in Gefahr bringen will, aber so ging es ja auch denen, die gegen die flache Erde angetreten sind. Die Wahrheit hat sich am Schluß dann doch durchgesetzt. Wenn die Zeit reif ist, dann wird sich die neue Sichtweise des Osterhasenproblems durchsetzen, und die engstirnigen Ignoranten, die heute noch auf ihrer beschränkten Theorie festhalten und die Realität außer acht lassen, werden nur noch eine Fußnote der Geschichte sein.

Der Osterhase hat dafür ein gutes Gespür. Er ist nicht so dumm sich denjenigen zu zeigen, die ihren Augen sowieso nicht trauen würden. Die sich von ihrem durch Zahlen und Formeln verklebten Verstand vorschreiben lassen was ihre Augen sehen dürfen. Den Osterhasen bekommen nur diejenigen zu Gesicht, die dieses Erlebnis auch wert sind. Das mußten schon viele feststellen, die sich mit unfairen und hinterhältigen Methoden auf die Lauer gelegt haben und den Osterhasen in Flagranti ertappen wollten. Das sind untaugliche Versuche, nicht valide, und nicht beweiskräftig. Der wahre Osterhasen-Seher ist da weiter und läßt sich nicht von den immergleichen kleinlichen und neidvollen Einwänden beirren.

Die Anderen können sich immerhin glücklich schätzen, daß sie keine gekochten Eier essen müssen. Sollen sie damit doch zufrieden sein! Für den wahren Osterhasen-Freund ist das ein kleines Opfer für das Privileg, die ganze Wahrheit zu sehen.

Vielen Dank für die Inspiration zu diesem Beitrag an den Teilnehmer "selbstbauen" des Hifi-Forum.

Die ewigen Wahrheiten des Tuning

Aus dem verblichenen Blog des Hifi-Forum.

Leute, die damit Geld verdienen, wollen einem gern weis machen, man brauche für das Tuning von Hifi-Anlagen eine besondere Begabung, oder besondere Fähigkeiten. Das stimmt aber gar nicht, es reichen ein paar einfache Regeln, an die sich die Tuner praktisch unisono halten, und wer die beherrscht kann's auch selber. Vielleicht dümpelt das Tuninggeschäft deswegen so vor sich hin...

Auf die ewigen Wahrheiten kommt man ganz von selber, wenn einem mal aufgefallen ist, wie wenig so ein Tuner eigentlich von der elektronischen oder akustischen Theorie zu verstehen scheint. Hat man sich mal vom Irrglauben befreit, Hifi-Tuning habe etwas mit Elektronik oder Akustik zu tun, dann wird der Blick frei auf die wirklich relevanten Dinge. Wirklich elementare Wahrheiten sind einfach, so einfach daß sofort klar würde daß sie frei erfunden sind, wenn man nur einen Moment lang darüber nachdenken würde.

Hier die Wahrheiten, auf die ich gekommen bin, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

1. Jedes Bauteil verschlechtert den Klang
Diese Wahrheit wird manchmal auf die Bauteile im Signalweg eingeschränkt, aber andererseits gibt's auch wieder Leute die meinen alles liege irgendwie im Signalweg. Wie dem auch sei, diese ewige Wahrheit ist so unmittelbar einleuchtend daß sie eigentlich nur falsch sein kann. Es ist ja analog dazu ebenso bekannt, daß z.B. beim Auto jedes Bauteil den Fahrspaß beeinträchtigt. Kupplung, Getriebe, Differential, Reifen, etc. liegen ja alle quasi im "Signalweg", welches Potential an Fahrspaß kann man da erschließen indem man sie wegläßt! Daß das bei Massen-Autos nicht gemacht wird zeigt zudem welche Dumpfbacken bei den Autoentwicklern so rumlaufen, und wie nötig hier unkonventionelle und fähige Tuner sind!

2. Bessere Bauteile machen besseren Klang
Wieder eine unmittelbar einleuchtende Wahrheit, wenngleich im Einzelfall zu klären wäre was hier eigentlich "besser" bedeutet. Wer bei den Kriterien auf Nummer sicher gehen will schaut auf den Preis. Obwohl alle jederzeit beschwören würden daß ein teureres Bauteil nicht automatisch auch besser ist, wird trotzdem universell nach dieser Regel gehandelt. Wat nix kost dat taucht auch nix. Alle anderen Kriterien für "besser" sind auch notorisch schwierig zu handhaben, weil es so viele verschiedene gibt. Noch verhältnismäßig beherrschbar sind Zahlen, bei denen man bloß entweder die Nuller oder die Neuner zählen muß. Mehr ist dann besser. Also 0,0001% ist z.B. besser als 0,001%, egal was die Zahl auch immer bedeuten mag. In unserer Auto-Analogie heißt das, daß ein Auto besser fährt, wenn man den Motorblock mit Edelstahlschrauben statt der normalen Schrauben verschraubt. Titanschrauben wären noch besser.

3. Tuning braucht ein gutes Gerät als Grundlage
Klar, daß man ein minderwertiges Gerät nicht sinnvoll tunen kann, oder? Ich meine, wer würde einen Polo tunen wollen wenn er einen 911er tunen kann? Der Polo ist ja praktisch schon ausgereizt, während im 911er noch jede Menge herauszuholen ist! Was in so einem 911er alles für Ramschteile lieblos verbaut wurden, die man schleunigst auswechseln sollte um wirklichen Fahrspaß herzustellen! (Details siehe oben, also Edelstahlschrauben rein, Reifen raus, Getriebe raus, etc.)

4. Gutes Tuning kommt nur an einer hochauflösenden Anlage zur Geltung
Nach dem Tuning spielt das Gerät wie ausgewechselt, es geht die Sonne auf, Vorhänge werden weggezogen, Räume staffeln sich, und Füße fangen an zu wippen. Es versteht sich von selbst daß solche subtilen Revolutionen eine besondere Anlage brauchen, um überhaupt bemerkbar zu sein. Analog dazu kommt bei einem konsequent getunten Auto der wahre Fahrspaß nur auf speziellen Strecken zur Geltung. Leuchtet ja auch ein, ohne Reifen, Getriebe etc.

5. Guten Klang kann man nicht messen
Das ist eine so elementare und wichtige Erkenntnis, daß man, wenn jemand herausfindet wie guter Klang zu messen ist, ihn sofort der Ketzerei bezichtigen und ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennen müßte, weil er den Tuninggott lästert. Tuning ist eine vollkommen rationale und wohlbegründete Tätigkeit, und wenn die Wissenschaft noch nicht alles dabei voll erklären kann, dann ist das ihr Fehler. Einzelne Bauteilwerte kann man messen, und so über besser und schlechter entscheiden (ein Kriterium vorausgesetzt), und den Preis kann man auch in Heller und Pfennig ausrechnen, aber den Klang, den kann man nur hören. Jawoll!

6. Entwickler von Seriengeräten haben keine Ahnung und werden von Marketing und Kostenkontrolle geknechtet
Man stelle sich vor: Man ist als Entwickler von Serienprodukten (schlimmer: Massenprodukten) tatsächlich gezwungen, mit möglichst geringen Kosten möglicht hohe Rendite zu produzieren. Was da alles für Kompromisse dabei heraus kommen, es ist ein Elend! Die Schaltungen müssen z.B. funktionieren, denn man will sich keine abnorm hohe Rückläuferquote leisten. Die Produktion muß automatisiert werden, wodurch man der Kreativität des Produktionspersonals keine Chance läßt - man stelle sich vor: Ein Gerät ist wie das andere. Dagegen die Arbeit des Tuners: Jedes Gerät ist anders, alles Handarbeit, jedesmal neue Fehler. Hier entstehen Geräte mit Charakter! Der Tuner kann außerdem ganz anders kalkulieren als die Massenfabrik. Beim Tuner spielt der Materialwert der Bauteile gar keine Rolle, denn die Arbeit verschlingt ohnehin den Großteil der Kosten.

Das scheinen mir die wichtigsten Tuninggesetze zu sein. falls ich noch welche übersehen haben sollte bitte ich um einen Hinweis, dann kann ich den Katalog vervollständigen. Falls jemand basierend auf diesen Wahrheiten ein florierendes Tuninggewerbe etabliert würde ich um eine kurze Notiz bitten.

Anleitung zum Lächerlichsein.

Aus dem verblichenen Blog des Hifi-Forum.

Nun ist zwar Paul Watzlawick leider schon tot, aber die Vielen, die seinen kleinen Leitfaden "Anleitung zum Unglücklichsein" gelesen haben, werden sich noch immer gerne daran erinnern. Im selben Geiste praktischer Lebenshilfe, wenngleich mit geringeren Fähigkeiten ausgestattet, will ich es versuchen dem geneigten Leser die hohe Kunst des sich Lächerlichmachens näher zu bringen. Um im Sinne Watzlawicks zu sprechen: Wie in allen anderen Sparten des modernen Lebens ist auch hier staatliche Lenkung vonnöten. Lächerlich sein kann jeder; sich lächerlich machen aber will gelernt sein, dazu reicht etwas Erfahrung mit persönlichen Fehltritten nicht aus.

Ich hätte diesen kleinen Leitfaden nicht schreiben können ohne die großen Vorbilder, deren Meisterschaft im sich Lächerlichmachen ich in den letzten paar Jahren im Hifi-Forum bewundern durfte. Ihnen gehört mein besonderer Dank. Ich hoffe auch der geneigte Leser dieser Zeilen findet in ihren Texten eine Inspiration. Es ist ehrenvoll, von den Besten einer Disziplin lernen zu dürfen.

Wie auch Watzlawick will ich aber gleich zu Beginn darauf hinweisen, daß "meine Ausführungen nicht als erschöpfende und vollständige Aufzählung betrachtet werden" dürfen, "sondern nur als Leitfaden oder Wegweiser, der es den begabteren unter meinen Lesern ermöglichen wird, ihren eigenen Stil zu entwickeln."

Der Schlüssel zur Lächerlichkeit liegt gemeinhin darin, etwas partout nicht zu sehen was für alle Anderen offensichtlich ist. Je ernsthafter und ehrlicher man diese partielle Blindheit zur Schau stellen kann, desto überzeugender macht man sich lächerlich.

Wer kennt nicht Loriot's Nudel-Sketch, in dem der Hauptdarsteller derart von seiner Absicht, eine Frau anzubaggern, eingenommen ist, daß er keinerlei Notiz von einer Nudel in seinem Gesicht nimmt, die seinen Plan ad absurdum führt?

Man erkennt da auch gleich, wie fließend der Übergang von der Lächerlichkeit zur Tragik ist. Die Beiden sind gewissermaßen Zwillinge, sie sind eigentlich dasselbe, nur aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Wie kann man so etwas planmäßig herbeiführen?

Zunächst braucht man eine stillschweigende Annahme, oder eine Kombination solcher Annahmen, die einem so in Fleisch und Blut übergehen muß daß sie selbstverständlich erscheint. So selbstverständlich daß man vergißt daß es eigentlich nur Annahmen sind, dazu noch recht willkürliche. Dabei hilft es beträchtlich wenn es wünschenswerte Annahmen sind.

Beispielsweise könnte man annehmen, einen Adonis-Körper zu haben, eine hohe Intelligenz, oder ein unbestechliches Gehör. Da solche Annahmen schmeichelhaft sind, wird man es besonders leicht fertig bringen, sie als selbstverständlich vorauszusetzen.

Damit wird sich automatisch jedermann, der Zweifel daran erkennen läßt, in die Nähe von böswilligen oder sonstwie defizitären Charaktern bringen. Die Weichen zum Konflikt sind gestellt, in dem man nur schlecht aussehen kann – gute Voraussetzungen für Lächerlichkeit wie für Tragik.

Um die stillschweigende und willkürliche Annahme zu stützen und zu schützen gegen die Anfechtungen der Logik und des gesunden Menschenverstandes, wird es nötig sein, zu Zirkelschlüssen zu greifen. Auch hier ist es am besten wenn der volle Umfang des Zirkels dem Bewußtsein verborgen gehalten wird. Wenn der Zirkel nur groß genug ist wird einem jedes gleichzeitig sichtbare Einzelstück perfekt gerade vorkommen, und vor so viel Distanz daß die Krümmung auffällig wird hüte man sich.

Ein Beispiel aus dem Hifi-Bereich soll das illustrieren:

Als willkürliche und stillschweigende Annahmen nehmen wir:
1. Ich habe ein besonders feines und unbestechliches Gehör
2. Meine Anlage ist von herausragender Qualität
3. Die Wissenschaft und Technik ist vom vollen Verständnis noch weit entfernt
4. Wirklicher Fortschritt wird von Außenseitern erreicht

Selbst (oder gerade weil) in jedem dieser Sätze ein Körnchen Wahrheit stecken mag, so läßt sich daraus doch ein perfekt absurdes und wirklichkeitsfernes, jedoch durch Zirkelschlüsse innerlich abgesichertes Gedankengespinst herstellen.

Zunächst ist festzustellen daß jeder Satz unserem Helden potentiell schmeichelt. Die ersten beiden offener, die anderen subtiler. Der dritte Satz z.B. wird besonders demjenigen schmeicheln, der von der Wissenschaft nicht so viel versteht, und das dürften die Meisten sein: „Seht her, die Wissenschaftler kapieren’s ja selber nicht!“ Und im vierten Satz kann man mit dem Underdog sympathisieren.

Der Zirkelschluß geht nun zusammengefaßt so:

Ich höre Effekte die nach gängiger Lehrmeinung nicht sein können. Angesichts der Qualität meines Gehörs und meiner Anlage und weil ich die Effekte reproduzierbar höre kann an deren Realität kein Zweifel bestehen. Das unterstreicht und bestätigt was ich über die Unfähigkeit der Wissenschaft und die Mangelhaftigkeit der „gängigen Lehrmeinung“ sowieso schon wußte, und die Tatsache daß ich es gerade mit meiner Außenseiteranlage feststelle zeigt, daß spezielle Köpfe in speziellen Firmen nötig sind, um darüber hinaus zu wachsen.

So stützen sich die willkürlichen Annahmen gegenseitig, und daß die ganze Konstruktion in der Luft hängt fällt um so weniger auf. Von außen sieht das aber ganz anders aus:

Die gehörten Effekte können natürlich eingebildet sein, was gerade auch durch die aus den stillschweigenden Annahmen gespeiste Erwartungshaltung noch gefördert wird. Oder die gehörten Effekte entspringen nicht einer besonders hochwertigen, sondern einer besonders problematisch konstruierten Anlage, was mit deren Preis oder der Frontplattendicke nichts zu tun zu haben braucht. Mithin wären die Effekte ohne weiteres durch die gängige Lehrmeinung erklärbar, wenn man sich der Mühe unterzöge der Ursache auf den Grund zu gehen. Das Verständnis der Wissenschaft wäre dafür völlig ausreichend, und für die Ansicht von Außenseitern gäbe es keinen Bedarf. Daneben kann man wohl sagen daß die meisten Außenseiter keineswegs zum Fortschritt beitragen, sondern schlicht scheitern.

Besonders schön und für die Herbeiführung von Lächerlichkeit ideal ist, daß es aus der Perspektive von beiden Seiten jeweils so aussieht, als habe die gegenüberliegende Seite ein stark verengtes Blickfeld. Um die altbekannte biblische Metapher zu bemühen: Es werden jede Menge Splitter im Auge des Gegenüber diagnostiziert, ohne daß man sich um die Balken im eigenen Auge kümmern würde.

Wenn die freischwebende Konstruktion aus Annahmen und Zirkelschlüssen so kompliziert wäre daß sie auch von Außenstehenden nicht durchschaut wird, dann ist der Lächerlichkeitseffekt dahin. In der Tat halten einige besonders geistreiche Zeitgenossen den ganzen Wissenschaftsbetrieb für eine solche gigantische Luftnummer, bloß haben sie selbst nichts besseres anzubieten und sehen mühelos über dessen Erkenntniserfolge hinweg, was dann schon wieder einen Hang zum Monströsen und damit Lächerlichen hat. Für den weniger ambitionierten Lächerlichkeitsaspiranten empfiehlt es sich aber, das Gedankengebäude nicht allzu kompliziert werden zu lassen. Es muß für genügend Außenstehende noch erkennbar sein daß das Ganze komplett gaga ist.

Beim Hifi-Voodooismus ist diese Bedingung in exemplarischer Weise erfüllt. Selbst Leute die den darin liegenden Zirkelschluß nicht unmittelbar überblicken merken doch oft, zu welch absurden Auswüchsen diese Denkweise führt. Welche spezifischen Blindheiten und Denkhemmungen dafür gepflegt werden. Wie grotesk es ist daß die davon Befallenen nicht dahinter kommen. Auf welche hirnrissigen Argumente sie kommen um diese Erkenntnis zu vermeiden. Mit einem Wort: Wie lächerlich das alles ist.

In der Tat muß man zu abstrusen, der Logik Hohn sprechenden Argumenten greifen, um solche Gedankenkonstruktionen zu verteidigen, und auch da wiederholen sich immer wieder die gleichen von der eristischen Dialektik inspirierten Muster, deren Beherrschung einem zu großer Meisterschaft bei der Erzeugung von Lächerlichkeit verhelfen kann. Ich kann hier nur exemplarisch ein paar wichtige herausgreifen:

1. Die Steigerung ins Absurde.
Wenn jemand behauptet, der Wissenschaft seien die fraglichen Phänomene längst vertraut, dann erklärt man einfach, das sei gleichbedeutend mit dem Ende aller Wissenschaft. Wenn jemand behauptet, er könne ein Phänomen durchaus erklären, dann stelle man ihn als jemand hin der sich für allwissend hält. Sich selber kann man damit vormachen, der Gegenüber sei ein wenig naïv und würde die wahre Dimension des Problems unterschätzen, dem Außenstehenden gegenüber wirkt man aber wie jemand der jedes vernünftige Maß aus den Augen verloren hat und seine Zuflucht in theatralischen Übertreibungen sucht.

2. Das Persönlichnehmen
Wenn jemand Zweifel erkennen läßt, daß die geschilderten Hörerlebnisse real sind, dann muß man das natürlich persönlich nehmen, denn eine bessere Gelegenheit gibt es kaum, sich besonders authentisch der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese Zweifel beinhalten schließlich einen direkten Angriff auf die grundlegenden willkürlichen Annahmen, was man keinesfalls durchgehen lassen kann. Außerdem kann man als Gekränkter immer Sympathie beanspruchen. Die Begabtesten schaffen das in einem Ton, der an die Beteuerung Erich Mielkes erinnert, er liebe doch alle.

3. Die Selbstüberhöhung
Das ist das Verhalten eines Halbstarken, der größer zu wirken trachtet als er ist. Dieses Verhalten ist immer deutlich demonstrativ, sei es daß man demonstriert daß einem die anderen zu profan/vulgär/unkultiviert sind, oder daß man selbst auf mysteriöse und wenig faßbare Weise „schon weiter“ sei, also daß die anderen (noch) nicht mitreden können. Daß man es nicht wirklich nötig habe sich auf deren Niveau herabzulassen. Daß man „es draufhat“ und andere eben nicht. Das wäre für sich gesehen schon provokativ und destruktiv genug, doch wenn man das kombinieren kann mit dem Durchscheinen von eigener Ahnungslosigkeit oder Unfähigkeit, dann ist die Lächerlichkeit die automatische Folge. Dazu braucht man nur konsequent vermeiden, seine eigene Kompetenz jemals unter Beweis zu stellen, denn irgendwann dämmert es den Meisten, daß es hinter der Fassade hohl ist.

4. Das Avantgarde-Denken
Das ist sozusagen die kollektive Spielart des vorigen Punktes, also Selbstüberhöhung im Plural. Sich selbst als Mitglied einer Elite darzustellen, die vorweg nimmt, was die Masse erst noch erreichen muß (falls das jemals so weit kommt). Die besseren Hörer, die das „Hobby Hifi“ richtig verstehen bzw. leben. Denen es kompromißlos und rastlos um die Musik und den optimalen Klang geht. Die sich in den Dienst der Perfektion stellen, und sich ausschließlich ihrem eigenen Gehör unterwerfen. Die glauben mit ihrem Gehör schon erreicht zu haben was die Wissenschaft erst noch mühsam erreichen muß (siehe Annahme 3). Die Lächerlichkeit steht einem da unmittelbar vor Augen: Hier die tumben, gefühllosen Wissenschaftler, die sich mit dem Rechenschieber abmühen, zu begreifen was ein großartiger Klang ist. Dort die Genies der Intuition, die den großartigen Klang ganzheitlich in einem Zug aufnehmen und erfassen! Subjektiv und doch ungleich stimmiger als es jede Formelsammlung erfassen könnte! So grandios! So lächerlich!

5. Die Ignoranz
Für jedes Denksystem, ob es nun auf gute Gründe aufbaut oder auf Luftnummern, gibt es einige Fragen oder Argumente, die an den Kern rühren und das Potential haben, das Ganze zu Fall zu bringen. Im besten Fall führen sie zu vertieftem Verständnis, und zu einer Verbesserung des Denksystems, und dann geht das Denksystem daraus gestärkt hervor. Bei einem freischwebenden System wie es uns hier interessiert ist das eher unwahrscheinlich, die „kritischen“ Fragen müssen daher gekonnt umschifft werden. Hier verbirgt sich ebenfalls Lächerlichkeitspotential, denn falls jemand solche Fragen aufwirft kommt man unweigerlich in eine schwierige Situation. Man kann die Fragen hartnäckig ignorieren, sie hartnäckig mißverstehen, auf Nebenkriegsschauplätze ausweichen, oder manchmal sogar den Spieß rumdrehen, Hauptsache man vermeidet die Beantwortung der Frage, die das Denksystem unterminieren könnte. Das merkt der Außenstehende und findet es zunehmend befremdlich. Um das zu verstärken kann man eine gewisse Begriffsstutzigkeit offen zur Schau stellen, so als wollte man sagen: Wenn ich die Frage nicht kapiere kann sie ja wohl keiner kapieren, das Problem muß also wohl bei Dir liegen. Wenn die Frage aber in Wirklichkeit ganz gut zu kapieren ist, dann ist das Ziel der Lächerlichkeit erreicht.

Allgemein laufen viele Kniffe darauf hinaus, ein schwaches bis dämliches Argument so vorzubringen, als wäre man völlig davon überzeugt, einen Trumpf ausgespielt zu haben. Angesichts des Rohrkrepierers sollte man sich dann in die Pose des verkannten und mißhandelten Opfers begeben, dem völlig unverdient übel mitgespielt wurde. Je theatralischer je besser. Eine eingestreute Verschwörungstheorie kann auch nicht schaden.

Schließlich, zwar zuletzt aber ganz wichtig: Man schließe sich einer Gruppe an. Kaum jemand hält es durch, sich als Einzelgänger gegen alle Anfechtungen der Vernunft zur Wehr zu setzen. Nur in der Gruppe findet man den Rückhalt, der jeden Unsinn zu Sinn werden läßt. Watzlawick weist zurecht auf Nietzsche hin, der behauptete, Wahnsinn bei Individuen sei selten, bei Gruppen, Nationen und Epochen aber die Regel. Kaum ein Individuum bringt es fertig, solch groteske, absurde und lächerliche Ansichten zu vertreten und Handlungen zu begehen, wie es in einer Gruppe von Gleichgesinnten öfter vorkommt. Nur in der Gruppe finden die besonders Berufenen den Raum, um den Blödsinn auf die Spitze zu treiben.

Ein letztes leicht angepaßtes Watzlawick-Zitat sei dem Leser, der es bis hierhin geschafft hat, auf den Weg gegeben, mit dem Wunsch daß ihm die angestrebte Lächerlichkeit gelingen möge: „Man nehme, allen Gegenbeweisen zum Trotz, schlicht an, die eigene Ansicht sei unter allen Umständen selbstverständlich und normal. Damit wird jede andere Ansicht zum selben Thema verrückt oder zumindest dumm.“

Truthiness in Audio

Aus dem verblichenen Blog des Hifi-Forum

Truthiness wurde von der American Dialect Society zum Wort des Jahres 2005 in den USA gekürt. Es stammt von Stephen Colbert, einem bekannten US-Satiriker, der es in der ersten Folge seiner Comedy-Serie The Colbert Report einführte.

Auf Deutsch würde man wahrscheinlich "Wahrlichkeit" sagen. Wahrheit, die aus dem Innersten kommt, aus dem Herzen, oder dem Urin. Wahrheit, die nichts mit Fakten zu tun hat. Die einfach deshalb schon wahr sein muß weil sich sonst etwas falsch anfühlen würde.

Wahrlichkeit ist wichtiger als Wahrheit. Wenigstens sieht es so aus. Wenn Bush den Irak angreifen läßt, dann ist es nicht so wichtig ob der Irak irgendwelche Massenvernichtungswaffen besitzt bzw. sich besorgt, sondern ob man das glaubhaft machen kann, also ob es sich wahr anfühlt. Wenn man gegen Terrorismus durch Computerspionage bei der breiten Masse angehen will ist es nicht so wichtig ob das nachweislich etwas bringt, sondern ob es sich so anfühlt als ob es was bringen würde.

Was das mit Audio zu tun hat?

Nun, daß es in diesem Bereich eben auch so ist. Es bringt hier zwar nicht so viel Schaden wie im politisch-militärischen Bereich, ist aber nicht weniger auffällig. Man könnte sagen daß das wegen des vergleichsweise geringen Schadens bei Audio gar nicht so schlimm sei und man die Leute doch einfach machen lassen sollte. Daß man also gewissermaßen jedem die Freiheit lassen sollte, sich verarschen zu lassen, bzw. sich selbst zu verarschen. So einfach ist es aber nicht.

Wenn sich nämlich in einem Bereich die Wahrlichkeit zu Lasten der Wahrheit durchzusetzen anfängt, dann werden auch Unbeteiligte hineingerissen. Dann kommen sogar diejenigen, die sonst immun wären, nicht mehr darum herum. Bei solchen Fällen wie dem amerikanischen Präsidenten und seinem Irak-Projekt brauche ich nicht dazusagen wer hier als Unbeteiligter zu seinem eigenen Schaden hineingerissen wird, aber bei Audio gibt's das eben in kleinerem Stil auch.

So gibt es ansonsten nüchterne und gegen Irrationalitäten relativ immune Zeitgenossen, die einfach mangels ausgewogener Informationen unsinnige Kaufentscheidungen treffen. Es gibt ansonsten ehrbare Hersteller die anfangen, in den Chor der Wahrlichkeitsverkünder einzustimmen weil sie keine Chance sehen, mit der Vernunft dagegen Gehör zu finden. Und es gibt Profiteure die die Welle nach Kräften antreiben, in der Absicht ihre Brieftasche damit zu füllen, oder andere Eigeninteressen zu befördern.

Ab wann ist also Einschreiten geboten? Soll man den amerikanischen Präsidenten nun machen lassen? Man ist als Mitteleuropäer ja eigentlich kaum betroffen, und man kann zur Irak- bzw. Terrorismusfrage solcher und solcher Meinung sein. Vielleicht ist da ja einfach Toleranz gegenüber Andersdenkenden geboten, und Saddam war nunmal eindeutig ein Unsympath, und ob er nun Massenvernichtungswaffen hatte oder nicht ist eigentlich unwichtig, ihn zu beseitigen fühlt sich einfach irgendwie richtig an. Oder etwa nicht?

Oder analog bei Audio: Die Wahrlichkeitsverkünder dort haben vielleicht einfach nur eine andere Hörerfahrung, man hat ja selbst keinen Schaden davon, folglich könnte man ja tolerant sein und sie einfach machen lassen. Sollen sie doch den Raum animieren und ihre Kabel entkoppeln, oder nicht?

Ich würde hier nicht schreiben wenn ich dieser Meinung wäre. In meinen Augen wäre das falsche (und faule) Toleranz. Das Problem ist nicht der Schaden, den der Eine oder Andere womöglich nur bei sich selbst anrichtet, das Problem ist der Schaden durch eine verkehrte Denkweise, oder Geisteshaltung. Es geht um mehr als als um unsinnige Kaufentscheidungen und etwas verschwendetes Geld. Es geht um den Umgang mit der Realität, und mit den eigenen Wunschvorstellungen (von denen man vielleicht gar nicht realisiert daß es Wunschvorstellungen sind).

So glaubte z.B. auch noch deutlich nach der Veröffentlichung des Duelfer-Reports, in dem eindeutig festgestellt wurde daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen besaß, die deutliche Mehrheit der US-Amerikaner daran, daß der Krieg gerechtfertigt war, der mit eben diesen Massenvernichtungswaffen begründet wurde. Mehr noch, sie glaubten weiterhin an die Existenz dieser Massenvernichtungswaffen. Mit anderen Worten, sie glaubten das Gegenteil dessen was bewiesene Tatsache war. Sie haben vor diesem Hintergrund einen Regierungschef wiedergewählt, der ihnen die Unwahrheit vorgespiegelt hatte, und darauf basierend zum Schaden sowohl der Iraker als auch der USA selbst gehandelt hatte.

Wer aus diesem Blickwinkel die Welt betrachtet kann wohl kaum den Geschichtsfälschern und Wahrheitsverdrehern dieser Welt mit Toleranz entgegentreten. Auch wenn es dabei "nur" um Audio gehen sollte. Zwischen Wahrlichkeit und Wahrheit gibt es einen bedeutenden Unterschied. Das Eine hat etwas mit dem Ego der sie verkündenden Person zu tun, das Andere mit der oft unwillkommenen Realität. Es ist wichtig das unterscheiden zu können.

Verstärkte Verwunderung

Aus dem verblichenen Blog des Hifi-Forum

Wie man weiß finde ich Blindtests interessant. Schon allein weil dabei regelmäßig Leute desillusioniert werden. Ich habe daher mit Interesse verfolgt wie sich ein Verstärker-Blindtest, den der Betreiber des österreichischen Hifi-Forums, David Messinger, kürzlich veranstaltet hat, so entwickelt. Der Mann hat ja inzwischen mit dem Durchführen von solchen Blindtests einige Erfahrung, und auch mit der Diskussion derselben in den einschlägigen Diskussionsforen. Das ist für einen Zyniker und Satiriker eigentlich immer ein gefundenes Fressen. Das heißt, eigentlich auch wieder nicht, denn es ist der Satire oft schon genug wenn man einfach die Diskussionen mitliest, man hat da als Lästermaul eigentlich gar nicht viel zu tun.

Doch fangen wir am Anfang an.

Verstärker sollen, der Hifi-Idee folgend, eigentlich klangneutral sein. Das heißt sie sollten zum abgespielten Klang nichts hinzutun und nichts wegnehmen. Das Ideal ist der sprichwörtliche Draht mit Verstärkung (das gilt nicht für alle Verstärker, das will ich gleich dazusagen - manche wollen gar kein Hifi, sondern möglichst schöne Verzerrungen). Wenn man also Verstärker beurteilt, dann sollte man eigentlich untersuchen wie nahe sie diesem Ideal in der Praxis kommen. Derjenige, der ihm näher kommt, ist der bessere.

Das kann man auf prinzipiell zwei verschiedene Arten tun. Man kann versuchen, die Abweichungen vom Original zu messen, oder man kann versuchen, den Geräten bei der Arbeit zuzuhören und so die Abweichungen herauszuhören. Erstere Methode ist relativ einfach, vorausgesetzt man weiß was man alles nachmessen muß und ebenfalls vorausgesetzt man hat die dafür nötige Ausrüstung. Das Problem ist, woher weiß man ob man alles Wichtige gemessen hat? Zweitere Methode ist auch ziemlich einfach, vorausgesetzt man hat die geeigneten Hörfähigkeiten und Umgebungsbedingungen. Das Problem ist, wie stelle ich sicher daß ich mich nicht irre, denn der Mensch ist bekannt dafür was er so imstande ist sich alles einzubilden, und man will ja nicht die Einbildungskraft eines Hörers testen, sondern die Fähigkeiten des Verstärkers. In der Praxis macht man daher beides, der "Laie" ist mangels Ausrüstung aber auf die zweite Möglichkeit beschränkt.

Jetzt werden elektronische Verstärker für Audio bekanntlich seit ziemlich genau 100 Jahren gebaut. Vielleicht ist es nur wenigen aufgefallen, aber dieses Jahr ist der 100. Geburtstag der Triode, also des ersten vernünftigen elektronischen Verstärkerbauteils, das noch immer nicht ganz in Rente gegangen ist und in Hifi-Kreisen sogar eine gewisse Renaissance durchlebt. Zugegeben, die ersten Bemühungen haben nicht unbedingt das Hifi-Prädikat verdient, aber man kann doch sagen daß ab etwa dem Ende des zweiten Weltkrieges Verstärker gebaut wurden, deren Qualität diesem Ziel schon recht nahe kam. Seither sind noch einmal 60 Jahre vergangen, in deren Verlauf der Transistor aufkam, und die integrierten Schaltkreise, und stark verbesserte Meßgeräte obendrein. Angesichts dieser Lage würde sogar ein Gehörloser erwarten, daß mittlerweile die Entwicklung von Verstärkern einen solchen Perfektionsgrad erreicht hat, daß es ausgesprochen schwer fallen sollte, sie per Gehör voneinander zu unterscheiden, solange bei ihrer Entwicklung die Hifi-Kriterien gebührend berücksichtigt wurden. Gerade auch wegen der rasanten Entwicklung in der ganzen Elektronik.

Mit einem Wort, man sollte erwarten daß es die Regel sein müßte, daß zwei Verstärker gleich klingen, und die Ausnahme daß man sie unterscheiden kann. Noch am ehesten, so würde man denken, wären Unterschiede zu erwarten, wenn man die Geräte an die Grenzen ihrer Möglichkeiten treibt, denn dort würden die Unterschiede noch am deutlichsten zutage treten. Daß diese Grenzen sehr unterschiedlich gesteckt sein können sollte sich von selbst verstehen, angesichts der Unterschiede zwischen den verschiedenen zu versorgenden Lautsprechern und Räumen. Mithin würden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Verstärkern nicht im Klang liegen, sondern in den Grenzen bis zu denen sie diesen (neutralen) Klang aufrechterhalten können.

Das wäre die aus nüchternen Überlegungen gespeiste Erwartungshaltung, nicht wahr?

Warum wundern sich dann sehr viele Leute wenn genau dieses zu erwartende Ergebnis bei einem Test wie dem oben erwähnten rauskommt? Man müßte doch sagen: Prima, der Test bestätigt die Überlegungen des gesunden Menschenverstandes perfekt!

Das Gegenteil ist der Fall, siehe hier und hier, man überlegt sich allenthalben, was denn am Test faul sein könnte, daß ein solches Ergebnis herauskommen konnte. Viele Leute "wissen" irgendwie daß zwei Verstärker sich überhaupt nicht gleich anhören können, besonders wenn sie zu stark unterschiedlichen Preisen verkauft werden. Die Logik geht dann andersrum: Ich weiß daß sich die Verstärker unterschiedlich anhören müssen, wenn das in einem Test nicht so festgestellt wird dann kann folglich mit dem Test etwas nicht stimmen. QED

Das Eine, was man anscheinend nicht fertigbringt, ist das kritische Hinterfragen der Prämisse: "Alle Verstärker klingen unterschiedlich". Diese Prämisse wird derart mit Zähnen und Klauen verteidigt, daß die Sammlung von vorgebrachten Argumenten dafür ein gefundenes Fressen für Zyniker und Kulturpessimisten ist. Da ist wirklich nichts zu blöd. Kostproben gefällig?

  • Ihr behauptet also alle Verstärker klingen gleich!
  • Wieso werden dann überhaupt noch unterschiedliche Verstärker gebaut?
  • Ihr hört wohl zu schlecht! Ich höre so was locker!
  • Ihr macht ja bloß unser Hobby kaputt!

Obwohl meiner ehrlichen Meinung nach solche Argumente wie die obigen schon von mäßig intelligenten Leuten als völlig abwegig erkannt werden müßten, werden sie immer wieder vorgebracht, und zwar von Leuten die oft sehr empfindlich reagieren wenn sie das Gefühl haben man würde sie nicht ganz ernst nehmen. Leider reicht meine Fähigkeit zur Heuchelei nicht, um solchen Leuten erfolgreich vormachen zu können, ich würde sie ernst nehmen, drum gibt's immer wieder Streit.

Nicht alle Argumente sind allerdings derart trüb, das sei der Gerechtigkeit halber gleich dazugesagt. Es sollte aber doch klar sein, daß in dem Moment in dem man die eigentlich völlig selbstverständliche Aussage akzeptiert, daß sich Verstärker durchaus gleich anhören können, mit einem Schlag das Testergebnis völlig akzeptabel wird und es keinerlei Grund gibt, den Test selbst, die Motivation der Veranstalter, oder Schlimmeres in Zweifel zu ziehen. Das Akzeptieren dieser Selbstverständlickeit bedeutet schließlich nicht, daß alle Verstärker gleich klingen, oder daß irgendeinem Verstärker die Existenzberechtigung genommen wird, oder Ähnliches. Es bedeutet ebensowenig daß man die durchgeführten Tests für perfekt und nicht mehr verbesserungswürdig zu finden hätte.

Woher also die Verbissenheit? Es darf trefflich spekuliert werden. Hier ein paar von meinen Ansätzen:

  • Die Leute sind von den Hifi-Blättchen indoktriniert. Für eine Zeitschrift ist es natürlich ein Unding wenn zwei Prüflinge gleich sind. Das kann man unmöglich schreiben, irgendeinen Unterschied muß man sich aus den Fingern saugen, und wenn man ihn frei erfindet. Überleg mal, wie wäre das wenn man bei einem Verstärkertest lesen würde: "Fünf der sechs Geräte sind bei gehobener Zimmerlautstärke nicht zu unterscheiden, nur das sechste klingt an der schwierigen Testbox XYZ etwas sumpfig im Baß". Na, klingelts?
  • Die Leute haben zum Teil über Jahrzehnte Geräte vergleichsgehört, ohne sich um solche Dinge wie präzisen Pegelausgleich oder glaubwürdige Verblindung zu scheren, im Glauben ihr feines Gehör könnte das schon von selber auflösen. Und haben natürlich Unterschiede gehört. Man hört immer Unterschiede, wenn man sich nur lange genug dafür Zeit läßt. Sogar wenn's definitiv keine Unterschiede gibt hört man sie. So wächst eine Überzeugung die man nicht so einfach wieder fallen lassen kann, besonders wenn sie dem Ego schmeichelt.
  • Die Leute verallgemeinern ihre Erfahrungen unzulässig. Sie haben fünf unterschiedliche Verstärker gehört und schließen daraus es müßten alle Verstärker unterschiedlich sein. Oder sie stellen einen Klangunterschied zwischen zwei Kabeln fest und meinen dann die Klangeffekte seien den Kabeln zuzuschreiben.
  • Die Leute wollen ungestört aufschneiden können. Welcher Hobbykapitän möchte schon sein Seemansgarn von irgendeinem Schlaumeier in Zweifel gezogen haben? "Ich habe den Klabautermann mit eigenen Augen gesehen und da interessiert mich einen Scheiß ob Du behauptest den gibt's nicht, Du elende Landratte, fahr Du erst mal richtig zur See!"
  • Halbwissen überschätzt sich fast immer.

So können wir also mit verstärkter Verwunderung beobachten wie ein eigentlich unaufregendes Testergebnis manche Leute zu Höchstleistungen dabei aufstachelt, Gründe zu suchen warum sie das Testergebnis nicht ernstzunehmen brauchen. Und wir wissen daß es dann beim nächsten Test wieder ebenso gehen wird. Auch wenn er "verfeinert" werden sollte, als Ergebnis der laufenden Diskussionen, wird - so prognostiziere ich - kein prinzipiell anderes Ergebnis herauskommen. Warum auch? Schließlich kennen wir das Spielchen seit mittlerweile 3 Jahrzehnten, und nicht alle Blindtests wurden in dieser Zeit von amateurhaften Dilettanten durchgeführt.

Wenn man mich fragen würde wo ich die größeren Dilettanten am Werk sehe...

Aber lassen wir das.